Tag 1004: Archäologische Ausgrabungsstätten

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Tag 1004: Archäologische Ausgrabungsstätten

Tag 1004: Archäologische Ausgrabungsstätten

18.09.2016

Es waren vor allem die Kleinigkeiten, über die wir uns freuten und an denen wir erkannten, dass wir nun doch in gewisser Weise wieder zu hause waren. Das Große und Ganze unterschied sich nur wenig zu Polen, Tschechien, Italien oder Spanien, aber von den Details hätten die Unterschiede nicht größer sein können. Allein dass man hier wieder barfuß durch das Zimmer gehen konnte, weil der Boden sauber war. Oder dass es auf der Toilette eine Klobürste und eine Klobrille gab. Dass der Wasserhahn warmes, ja sogar heißes Wasser ausspuckte, wenn man ihn auf heiß einstellte und dass sich die Richtung für heiß dabei sogar noch auf der linken seite befand. Dass die Lichter, wenn man sie einschaltete nicht brummten, dass es Rollos und Jalosien gab, die in der Früh das Licht draußen hielten, dass die Türen nicht quietschten, wenn man sie öffnete und dass Menschen anklopften, wenn sie zu einem ins Zimmer wollen. All dies sind Dinge, die uns im Normalfall selbstverständlich vorkommen, doch wir hatten gelernt, dass sie dies ganz und gar nicht waren. Erst jetzt konnten wir es so richtig wertschätzen.

Am nächsten Morgen bekamen wir vor unserer Abreise noch ein Frühstück im Kolpinghaus. Dann folgten wir bei leichtem Nieselregen wieder unserem Grennway, bis dieser erneut von der neugebauten Autobahn unterbrochen wurde. Die Autobahnbauer hatten einfach wieder eine Schlucht mitten in die Landschaft gerissen. Dieses Mal führte zwar eine Straße daran entlang, doch alle Wegweiser und Hinweisschilder waren verschwunden. Da auch unsere Wanderkarte nicht auf die neue Wegstrecke eingestellt war, blieb uns nichts anderes übrig, als nach Himmelsrichtung zu laufen und der Baustellenbegleitstraße zu folgen, bis wir wieder in einen Ort kamen. Dort fragten wir einen Anwohner nach den Informationen, die wir zur Orientierung brauchten.

„Ihr seit in dem berühmten Dorf mit den Mammuts!“ meinte er nur und wartete ab, ob wir wussten, was er damit meinte. Leider wussten wir es nicht, da wir vom offiziellen Geschehen in den letzten Wochen ja nur relativ wenig mitbekommen hatten. Die Autobahnbaustelle, die auf der einen Seite dazu führte, dass der gesamte Landabschnitt früher oder später durch den Verkehrslärm komplett zerstört werden würde, hatte auch etwas gutes gehabt. Beim Ausheben der Vertiefung waren die Bauarbeiter auf einige Knochen und Zähne gestoßen. Wie sich herausstellte handelte es sich dabei um Mammutstoßzähne mit einer Lönge von über zweieinhalb Metern. Es war einer der größten Funde, die in Europa zu diesem Thema je gemacht wurden.

Obwohl diese Information natürlich spannend war, reichte sie zur Orientierung aber nicht aus. Den Namen des Ortes brauchten wir trotzdem noch. Er lautete Bullendorf. Bis nach Wilfersdorf waren es von hier aus nur noch drei Kilometer und der Mann erklärte uns nun auch noch, wie wir zurück auf unseren Fahrradweg kamen.

In Wilfersdorf wurden wir als allererstes auf ein großes weißes Schloss aufmerksam. Ok, das stimmt nicht ganz, als erstes wurden wir auf ein Restaurant aufmerksam, an dessen Tür „Leberkässemmeln“ stand. Aber direkt danach bemerkten wir das Schloss. In seinem Inneren trafen wir eine freundliche kleine Dame im Dirndl, die hier für Führungen und Informationen zuständig war.

Durch sie erfuhren wir etwas mehr über das Schloss, den Ort und seine Geschichte. Das Schloss selbst gehörte der Familie Liechtenstein, jener Familie also der auch der Staat Liechtenstein gehörte. Bis zu diesem Moment wussten wir nicht einmal, dass der komplette Kleinstaat im Besitz eienr Familie war. Man lernt eben immer dazu. Die Liechtensteiner waren ein Geschlecht, dass sich bis aufs 16. Jahrhundert zurückverfolgen ließ und das hier aus der Gegend stammte. Viele Einzelheiten erfuhren wir noch nicht, aber allem Anschein nach mussten sie es zu einigem Ruhm und Reichtum gebracht haben, wenn sie heute noch immer genügend Einfluss besitzen, um einen Kleinstaat ihr eigen nennen zu können.

Um 14:00 Uhr begann im Ort der Umzug für das Ernte-Dank-Fest, bei dem wir alle wichtigen Personen der Gemeinde for dem Pfarrgarten antreffen würden. Dies war laut unserer Informantin der beste Zeitpunkt um nach einem Schlafplatz zu fragen. Bis dahin hatten wir noch eine gute halbe Stunde und so machten wir gemeinsam zunächst eine kleine Führung durch das Heimatkundemuseum. Das spannendste an diesem Museum war eigentlich, dass es hier lauter Dinge gab, die wir noch vor wenigen Wochen im Einsatz auf der offenen Straße gesehen hatten. Es gab eine Ausstellung einer alten Sattlerwerkstatt, eines Tante-Emma-Ladens und eines Schustereibetriebs. Für hiesige Verhältnisse waren all die Werkzeuge und Produkte, die hier ausgestellt wurden antik. Für rumänische und moldawische waren sie topp in Schuss und hätten bei der alltäglichen Feldarbeit noch gute Dienste leisten können.

Interessant war auch, dass Bullendorf nicht der einzige Ort war, dem der Autobahnbau prähistorische Funde eingebracht hatte. Hier in Wilfersdorf wurde das Grab einer Frau aus der Steinzeit gefunden, das ein komplett erhaltenes Skelett enthielt.

Um kurz vor zwei gingen wir hinüber zum Pfarrhaus, wo wir einige Vertreter der Dorfgemeinde antrafen. Unter ihnen befand sich auch der Pfarrer, der uns jedoch auf das nahegelegene Mistelbach verwies. Sein eigenes Pfarhaus befände sich gerade im Umbau und da könne er uns nur schwer aufnehmen. Außerdem seien es bis Mistelbach nur noch vier Kilometer.

Aus unserer Schlossbesichtigung, die wir eigentlich für den Nachmittag angesetzt hatten wurde dann also nichts. Stattdessen wanderten wir weiter an der Laya entlang, bis wir nach Mistelbach kamen. Zum ersten Mal, seit wir Österreich betreten hatten befanden sich hier am Ufer der Laya ausreichend Brennnesseln um mir daraus eine Laubhütte zu bauen. Doch leider war die Stadt zu weit davon entfernt, so dass es letztlich doch nicht realisierbar war.
Laut Angaben des Wilfersdorfer Pfarrers sollte es hier in Mistelbach ein Kloster geben. Das stimmte auch, aber es war schon seit langem kein Kloster mehr, sondern eine psychiatrische Tagesstätte. Es dauerte eine Weile, bis ich einen Pfarrer antraf, der uns dann auch weiterhelfen konnte. Wir bekamen das Jungscharhaus, also das Vereinshaus einer katholischen Jugendgruppe, die in etwa deas Pondon zu den Pfadfindern ist. Nach unserer Ankunft machten wir noch einen kurzen Rundgang durch den Ort.

Es war schon lange her, dass wir dies das letzte Mal gemacht hatten. Mistelbach war an und für sich eine recht nette Kleinstadt. Der einzige Haken war, dass man auch hier den Verkehr wieder mitten durch die Innenstadt geleitet hatte. Wir waren fast ein bisschen schockiert, wie oft dies auch hier vorkam, denn wir hätten schwören können, dass im deutschsprachigen Raum genau darauf geachtet würde, dass die Innenstädte verkehrsberuhigt sind. Auch waren wir etwas irritiert darüber, dass fast alle Cafés und Restaurants geschlossen hatten. Dass am Sonntag die Läden nicht offen hatten, war ja irgendwo normal, aber wieso haben den auch die Restaurants geschlossen? Gut war es, dass wir zumindest eine offene Pizzeria fanden, die uns dann auch gleich mit einer Pizza versorgte. Fürs Abendessen bekamen wir einen Präsentkorb mit Wurst, Brot, Eiern und Saft vom Pfarrer.

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Spruch des Tages: Wofür so ein Autobahnbau alles gut sein kann!

Höhenmeter: 20 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 18.317,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Jugendraum der Kirchengemeinde, 3370 Ybbs an der Donau, Österreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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