Tag 957: Im Land der Gewächshäuser

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Tag 957: Im Land der Gewächshäuser

Tag 957: Im Land der Gewächshäuser

01.08.2016

Obwohl wir uns bewusst einen Platz ausgesucht hatten, der Abseits der Ortschaften lag, hörte man das laute Geschrei der Kinder noch bis tief in die Nacht hinein. Man merkte einfach, dass sie Ferien hatten und nichts mit ihrer Zeit anzufangen wussten. Irgendwie war es schon auch schade für sie, dass es hier so gar nichts gab, was sie tun konnten.
Als wir weiter durch den Canyon gingen wurde uns noch einmal bewusst, dass wir wirklich den einzigen Platz erwischt hatten, an dem man hatte zelten können. Hätten wir ihn nicht genommen, wären wir danach wieder in eine Großortschaft gekommen und hätten die Nacht über durchwanern müssen.

Das Positive an diesem Tag war, dass wir gleich zwei Mal ein Eis ergattern konnten. Sonst überwog das Gefühl, dass wir diese Gegend so schnell wie möglich hinter uns lassen wollten. Der Straßenverker hatte wieder einmal deutlich zugenommen und war nun kaum noch auszuhalten. Dafür bot er aber immer wieder auch recht amüsante, skurriele oder beängstigende Anblicke. Der coolste von ihnen war ein Junge, der oben auf einem Heuwagen stand und darauf balancierte wie beim Rodeo-Reiten. Um ein Haar wäre er dabei fast an einem Baum hängen geblieben, doch er konnte noch in letzter Sekunde ausweichen. Ein großer Holslaster, der bis zur vollkommenen Überladung gefüllt war, raste an uns vorbei. Er hatte seine Ladung nicht einmal mit einer einzigen Schnur gesichert. Das Holz lag einfach oben auf und hoffte wahrscheinlich selbst, dass es nicht abstürzte. Kurz darauf kam ein nagelneuer Mercedes an uns vorbei, aus dessen Fenster ein Metallrohr ragte. Klar musste dieses Rohr irgendwie transportiert werden und sicher erfüllte es später einmal einen wirklich guten Zweck. Wie aber kam man auf die Idee, es auf eine Weise in ein so teures Auto zu stecken, bei der vollkommen klar war, dass sie es kaputt machen musste? Und wie kam man darauf, bei einer Fahrt mit einem solchen Rohr auch noch laute Herz-Schmerz-Volksmusik zu hören? Heiko kam aus dem frotzeln gar nicht mehr heraus: „Du musst dir das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen!“ meinte er scherzhaft, „Da bist du jetzt mit fünf Männern in einer so dicken Karre unterwegs und hast ein riesiges Rohr. Ich meine, das allein ist ja schon bemerkenswert, also fünf Männer, die mit einem solchen Rohr unterwegs sind. Und dann hört man so eine Musik dazu? Haben die Leute denn gar keinen Anstand mehr?
Passen zu den fünf Männern mit dem Rohr kamen wir dann an einer Discothek mit dem großartigen Namen „Status“ vorbei. Gab es eine Möglichkeit, um noch klarer zu offerieren, worum es den Menschen bei einem Besuch in diesem Etablissement ging? Man hätte die Disco ja auch gleich „Discothek Phallussymbol“ oder „Disco zum Prollkopf“ nennen können.

Schließlich kamen wir auf eine Nebenstraße, von der wir hofften, dass sie ruhig genug war, um in der Nähe zelten zu können. Leider wurden wir enttäuscht. Sie war zwar weniger befahren, bestand dafür jedoch aus Kopfsteinpflaster und war somit gleich dreimal so laut. Links und rechts von ihr gab es zudem nur Felder, auf denen es keinen geeigneten Schattenplatz gab. Drei oder vier Mal versuchten wir, hier irgendwo einen Platz zu finden, doch außer dass wir damit noch einmal gut vier Kilometer Umweg machten, erreichten wir damit nichts. Wenn wir jedoch geglaubt hatten, dass diese Gegend ungünstig war, dann hatten wir uns auch damit schon wieder geschnitten. Denn im nächsten Bereich, in dem wir eigentlich auf eine Besserung gehofft hatten, tauchte plötzlich ein Meer von Gewächshäusern auf. Soweit das Auge reichte leuchteten hier die Häuser aus weißlichem Plastik, in dem Tomaten und Paprika für die ganze Ukraine angebaut wurden. Erschreckenderweise kamen die abgeernteten Paprika in große Plastiksäcke und wurden dann auf LKWs geworfen. Es stand also von Vornherein fest, dass sie kaputt gehen mussten. Schlechter konnte man die Bedingungen für sie kaum schaffen. Es war heiß, sie waren in Plastik einepfercht und bekamen Druckstellen und Prellungen. Plötzlich wunderte es uns nicht mehr, warum das Gemüse in den kleinen Läden immer so schäbig aussah. Auf der anderen Seite wurden dann aber auch gleich hier wieder Unmengen an Lebensmitteln weggeworfen. Allein der Müllplatz von einem der Gewächshäuser enthiel einen Berg von Tomaten, mit dem man eine Kleinstadt hätte ernähren können. Die meisten von ihnen waren vollkommen in Ordnung und wiesen nicht einmal eine Druckstelle auf. Wenn man es hochrechnete mussten es locker wieder zwei Drittel des Gemüses sein, das hier produziert wurde, die im Müll landeten, noch bevor der Verbraucher eine Chance hatte, sie zu kaufen.

Während die Paprika in Plastiktüten transportiert wurden, stapelte man die Tomaten in Bananenkartons von Chiquita. Das kam nicht nur bei einigen der Gemüsebauern vor, sondern bei allen. Wo kamen nur all diese Kartons her und warum waren alle von der gleichen Firma? Ob der Großkonzern hier wohl doch mehr war, als nur ein Kartonliferant?
Am heftigsten an der ganzen Geschichte aber empfanden wir jedoch die Giftsprüher. Immer wieder gingen Männer durch die Gewächshäuser, die große Geräte auf dem Rücken hatten, mit denen sie ihre Pflanzen mit Gift besprühten. Die Geräte liefen dabei mit einem Motor, der lauter war als er einer Kettensäge. Warum man für ein Gewächshaus ein solches Gerät brauchte, während die Giftsprüher auf den Feldern meistens mit Tanks auskamen, die einen einfachen Pumpmechanismus besaßen, war uns ein Rätsel. Warum die Männer ihre Arbeit vollkommen ohne Atemmaske oder anderweitigen Schutz ausführten ebenfalls. Sie mussten sich mit dieser Arbeit einfach selbst krank machen. anders ging es nicht. Und für ihre Mitmenschen, die Anwohner, die Tomaten und die Kunden war es sicher auch nicht besonders gesund. Als wir vor einigen Jahren in der Türkei waren, hatten wir den Umgang mit den Pflanzen schon als erschreckend empfunden, doch das hier war noch tausend mal härter. Spannend war, dass es den Herstellern der Sprühgeräte offenbar wirklich wichtig war, dass die Bauern ihre Produkte lange und regelmäßig einsetzten. Die Farmer warfen sie in die Ecke oder auf die Ladeflächen ihrer Pickups und heizten damit durch die Gegend. Einmal sprang ein Sprühgerät einen knappen Meter hoch als der Fahrer durch ein Schlagloch prügelte. Dem Gerät machte das aber nichts aus. Sie mussten also extrem stabil und robust sein.

Nach einigen Kilometern und einem Blick von einem erhöhten Punkt über das Tal, sahen wir es ein: Es gab kein Entkommen! Das Land bestand nun aus Gewächshäusern und das würde sich nun auch nicht mehr ändern. Die einzige Möglichkeit, überhaupt noch einen Schlafplatz aufzutreiben war es, in einen Seitenarm einzubiegen und drei Kilometer in die Berge zu laufen, bis wir das letzte Haus hinter uns gelassen hatten. Hier mussten wir unsere Wagen nur noch auf eine zwei Meter hohe Anhöhe wuchten und schon hatten wir den besten Schlafplatz, den wir heute finden konnten. Er bestand zum gößten Teil aus Kuhscheiße und war sowohl abschüssig als auch buckelig, aber dafür lag er mitten in der Sonne. Alles, was man sich von einem Zeltplatz wünscht. Kaum hatten wir zu ende aufgebaut, kamen auch schon die ersten Hirten mit ihren Kühen vorbei. Es war also egal, wie weit man raus ging. Ungestört war man hier nie.

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Spruch des Tages: Gewächshäuser soweit das Auge reicht.

Höhenmeter: 20 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 17.239,27 km
Wetter: sonnig und heiß, später Regen
Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, Oborín, Slowakei

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Joachim Schardt 19. Mai 2019 at 18:06 - Reply

    Beim wwoofing habe ich auch mal in einem Gewäschhaus in Italien gearbeitet. Es war vollkommen aus Plastik und die Sonne hat den Raum aufgeheizt, das man es kaum glauben konnte. Es stank nach ausgelösten Weichmachern, das einem Schwummrig wurde. Die Luft war so toxisch, das ich schon nach wenigen Tagen einen Husten bekam, der eher einem Erstickungsanfall ähnelte. Was ich besonders hart fand, das in den Gewäschshäuser überwiegend rumänische Kinder arbeiteten, da die Erwachsenen die gleichen Lungenprobleme bekamen wie ich. Ich habe hier mit gerabeitet, weil mir nichts anderes übrig blieb. Man hatte mich in Italien ausgeraubt und ich brauchte Geld für die Heimfahrt. Ich dachte mir damals: „Arschbacken zusammen kneifen: Das packst du schon!“ Aber in Wahrheit habe ich es nicht gepackt und ich musste meine Eltern um Hilfe bitten. Gott sei Dank hatte ich damals noch meine Eltern als Rettungsfallschirm. Irgendwie habe ich seitdem Angst, das so was wieder passieren könnte. Ihr gebt mir in diesem Zusammenhang sehr viel Mut, da ihr jeden Tag aufs neue beweist, dass man auch ohne Geld leben kann.

    Mit verbundenen Grüßen

    Joachim

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