Tag 1050: Wie gewonnen, so zerronnen

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Tag 1050: Wie gewonnen, so zerronnen

Tag 1050: Wie gewonnen, so zerronnen

06.11.2016
Karin ist definitiv unsere Rettung gewesen, denn kaum hatten wir ihr Büro betreten und unsere Wagen in Sicherheit gebracht, hatte es auch schon zu regnen begonnen. Nicht nur so ein leichter Nieselregen wie am Nachmittag, sondern ein Sturzbach, der bis spät in die Nacht hinein andauerte. Heute in der Früh regnete es noch immer, aber nun war es wieder nur noch ein leichter Niesel. Zum Abschied hatte Karin lediglich gemeint: „Zieht dann einfach die Tür zu, wenn ihr geht! Ich hoffe, dass sie richtig schließt, aber wenn nicht, ist es nicht so schlimm, denn ich komme eh im Laufe des Vormittages vorbei!“

Unser Weg führte uns wieder an der Donau entlang, zunächst einfach durchs Grüne, dann durch das Industriegebiet „Donautal“ Es war eine ganze Stadt, die nur aus Firmen und Fabriken bestand, darunter so kleine Unternehmen wie Iveco, Deutz, Gardena und Ratiopharm. Auf dem Hof von Ratiopharm standen allein 30 LKWs für den Transport von Tabletten und anderen Medikamenten bereits. Heute war Sonntag, also wurde nichts transportiert, aber normalerweise befanden sich diese Trucks auf den Straßen um die Medikamente, die hier produziert wurden, zu verteilen. Wenn eine Firma 30 LKWs besitzt, kann man davon ausgehen, dass sie diese auch benutzt. Sonst würde es ja keinen Sinn machen, die Anschaffungs- und Unterhaltskosten zu bezahlen. Wenn wir jetzt aber davon ausgehen, dass alle 30 LKW wirklich täglich im Einsatz sind und jeder von ihnen eine Ladekapazität von 25 Tonnen hat, dann werden allein von dieser einen Fabrik aus Tag für Tag 750 Tonnen Medikamente in Deutschland verteilt. Das sind 750.000kg Medikamente für 80 Millionen Menschen. Von einer einzigen Produktionsstätte wohlgemerkt und zwar von einer, die im Vergleich mit so unbedeutenden Pharmakonzernen wie Bayer nicht einmal ins Gewicht fällt. Da drängst sich doch so ein klein bisschen die Frage auf, was wir mit all diesen Medikamenten machen. Es wirkt ja fast, als könnten wir uns vollständig davon ernähren und dann noch unsere Nachbarländer mitversorgen.

Auch heute sprach das Wetter nicht für einen besonders langen Marsch, sondern eher für eine kurze Etappe und dann schnell ein warmes Plätzchen. Ganz so schnell wollte es aber dann doch nicht klappen. Nach gut 11km kamen wir zwar an einer Kirchengemeinde an, die auch einiges für Pilger übrig hatte, aber leider nicht das, was wir brauchten. Draußen an der Kirche hing ein Kästchen mit der Aufschrift „Zwitscherkasten“. Ich dachte erst, dass sich ein Gästebuch darin befand, mit dessen Hilfe ein Pilger dem nächsten etwas zwitschern konnte. Aber stattdessen fand ich eine Schnapsflasche und die Aufforderung, sich selbst einen zu zwitschern, danach ein kurzes Gebet in der Kirche abzuhalten und dann schleunigst weiter zu ziehen. Genau das war es auch, was der Pfarrer von den Pilgern erwartete. Aufgenommen habe er noch nie jemanden und das sei ihm auch zu viel logistischer Aufwand. Er müsse dann ja der Putzfrau Bescheid geben und außerdem wisse er ohne einen Blick auf den Terminkalender überhaupt nicht, ob der Saal heute gebraucht würde oder nicht. Wir sollten doch lieber weitergehen, immerhin gäbe es im nächsten Ort eine Herberge extra für Pilger. Die koste zwar etwas, aber vielleicht nahmen sie uns ja dennoch auf.

Nach einer längeren aber ergebnislosen Diskussion zogen wir weiter. Dass wir hier in Deutschland eine so schlechte Quote bei Pfarrern hatten hätten wir zuvor nicht vermutet. Wir waren sicher, dass man hier am Jakobsweg immer aufgenommen werden würde, rein weil man ein Pilger war. Doch auf diesem Weg war es vollkommen anders als auf unserem ersten. Es war ein Urlaubs- und Touristenweg, auf dem deutlich mehr Pilger unterwegs waren und der sogar hier in Deutschland schon vollkommen kommerzialisiert war. Dafür musste man aber auch sagen, dass er in Sachen Sehenswürdigkeiten deutlich mehr zu bieten hatte als der letzte.
Die Pilgerherberge in Oberdischingen nahm uns tatsächlich auch ohne Geld auf. Zahlende Gäste bekamen ein Zimmer, nicht zahlende durften im Gebetsraum im Obergeschoss übernachten. Keine schlechte Lösung, vor allem weil der Gebetsraum sehr schön und ruhig gelegen ist. Das Wochenende über wurde das Haus von einer Frauengruppe belegt, die hier ein Seminar hatte. Bis auf wenige von ihnen reisten sie am Abend wieder ab, doch am Nachmittag kamen wir mit der einen oder anderen Teilnehmerin ins Gespräch. Eine von ihnen, die ehrenamtlich auch einen Teil des Seminars geleitet hatte, hatte von den anderen Teilnehmern eine Spende von zwanzig Euro bekommen, was ihr unangenehm war, weil sie das Gefühl hatte, dafür kein Geld annehmen zu dürfen. Als sie von uns unserer Reise hörte, kam ihr die Idee, dass sie die Spende direkt an uns weiterleiten könnte. Dann hätten wir eine kleine Unterstützung für unsere Reise und sie brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Vollkommen begeistert erzählte sie ihre Idee der Chefin des Hauses. Auch sie fand die Idee großartig, münzte sie aber ein klein wenig um. Da wir für unseren Aufenthalt ja nicht selbst zahlen konnten, wäre es doch das Beste, wenn sie die Spende über uns direkt an das Haus weitergäbe. Denn dann wären wir gewissermaßen als offizielle Gäste hier, könnten ganz normal alles nutzen und brauchten uns keine Gedanken zu machen. Für uns selbst änderte sich dadurch allerdings nichts. Wir schliefen weiterhin im Gebetsraum auf eigenen Matten und aßen dennoch die Reste des Seminars zum Abendessen, genau so, wie wir es ohnehin getan hätten.

07.11.2016
In Deutschland verlaufen die Tage doch immer etwas anders als man es sich so vorstellt. Heute Nacht hat es das erste Mal geschneit und bei unserem Start am Morgen waren einige der Autos noch immer weiß überzuckert. Die Mitarbeiterin der Pilgerherberge in Oberdischingen gab uns einen Zettel mit, auf dem lauter Familien verzeichnet waren, die hier in der Region Jakobspilger aufnehmen. Die meisten davon gegen Bezahlung oder auf Spendenbasis, aber für unser heutiges Etappenziel hatte die Herbergsleiterin gleich eine Idee, an wen sie sich wenden könnte, um vielleicht auch einen kostenlosen Platz für uns zu organisieren. Sie erreichte eine ältere Dame, die sofort zusagte und uns, für den Fall, dass sie nicht zuhause sein sollte, sogar einen Schlüssel bereit legen wollte.
Als wir vier Stunden später ankamen, wurden wir mit einem heißen Tee und einer leichten Skepsis empfangen. Irgendwie war es ihr und vor allem ihrem Mann dann doch etwas seltsam vorgekommen, dass zwei Männer so ganz ohne Geld durch die Lande zogen. Was mochten das für Leute sein? Und vor allem: Hatten die nichts besseres zu tun?

Es dauerte aber nicht lange, bis das Eis gebrochen war und schnell stellte sich heraus, dass wir nicht ohne Grund gerade hier in diesem Haus gelandet waren. Unser Gastgeber stand kurz vor einer Herz-OP, bei der er sich unsicher war, ob er sie nun durchführen lassen sollte oder nicht. Den halben Nachmittag und die halbe Nacht saßen wir zusammen und kamen von einem Thema aufs nächste. Hier in Deutschland war die Art, wie wir auf unserer Reise wirken konnten doch noch einmal eine viel direktere. Man kam grundsätzlich zu nichts von dem, was man sich vorgenommen hatte, aber dafür konnte man einiges beitragen, weniger durch Bücher und Berichte, mehr durch den direkten Kontakt.

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Höhenmeter: 40 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 19.219,27 km
Wetter: Bewölkt, 0-2°C und windig
Etappenziel: Pfadfinderheim, 6845 Hohenems, Österreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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