Tag 699: Im Nationalpark

Tag 699: Im Nationalpark

Tag 699: Im Nationalpark

Die Nacht laugte mich vollkommen aus und um halb sieben war ich so fertig, dass ich nicht mehr liegen konnte. Wir standen auf und packten zusammen. Ich spürte, dass ich dabei nicht der Schnellste war, doch dass wir genau eineinhalb Stunden brauchten, damit hätte ich dann doch nicht gerechnet.

Am liebsten wäre mir heute eine kurze Strecke gewesen, bei der ich mich anschließend ausruhen und entspannen konnte. Doch offensichtlich brauchte ich für meinen Heilungsprozess etwas anderes, denn ein kurzer Tag war uns nicht vergönnt. Im Gegenteil, die Wanderung wurde eine der längsten, die wir in den letzten Tagen überhaupt zurückgelegt hatten. Es begann gleich mit der Erkenntnis, dass unser Weg eine Sackgasse war und wir noch einmal umkehren und in den Ort zurückgehen mussten. Dort fragten wir dann nach dem Weg. Die ersten beiden Männer, die behaupteten es gäbe keinen hielten wir noch für verrückt und dämlich, doch als uns auch die vierten und fünften Einheimischen erklärten, dass es keine Straße in den Nachbarort gab, begannen wir ihnen zu glauben. Der Ort war gerade einmal vier Kilometer entfernt, doch es gab wirklich keine Verbindung. Nicht einmal einen Feldweg. Nur die Straße, die durch die Baumschule führte und die war komplett gesperrt.

Die einzige Möglichkeit, die uns blieb war es, der Hauptstraße nach Nordwesten zu folgen. Dies war so in etwa genau die entgegengesetzte Richtung von der, in die wir eigentlich wollten. Nach etwa fünf Kilometern trafen wir dann auf eine noch größere Hauptstraße, die uns dann direkt nach Tetovo führte, eine der größten Städte im Umkreis. Bei meiner Wegführung hatte ich nicht ohne Grund einen großen Bogen um sie herum gemacht, doch nun blieb uns keine Wahl. Ohne richtige Karte, nur mit ein paar vagen Linien auf einer Landesübersicht manövrierten wir uns durch die grässliche Großstadt. Es stank nach verwesendem Abfall, verbranntem Plastik, Auspuffgasen und Verderben. Der Smog hing wie ein dichter Nebel in den Straßen und wenn mir nicht eh schon schlecht gewesen wäre, dann hätte dieser Gestank sicher für Übelkeit gesorgt. Alles wirkte trostlos und heruntergekommen, die Häuser waren verfallen, die Straßen waren voller Schlaglöcher und man versank buchstäblich im Dreck. Dazu herrschte ein Lärm wie neben einer Raketenabschussrampe. So sehr hatte ich mich an diesem Tag nach einer ruhigen Wanderung mit etwas Sonne und frischer Luft gesehnt, doch davon war weit und breit nichts zu sehen. Sogar das Fußballstadion wirkte deprimierend. Es sah aus, als würden hier keine Fußballspiele sondern Gladiatorenkämpfe und öffentliche Hinrichtungen abgehalten. Erst als wir die Stadt schon fast wieder verlassen hatten, wurde es etwas besser. Hier war es zwar noch immer ungemütlich und es stank zum Himmel, aber dafür gab es ein einziges prunkvolles Gebäude. Es handelte sich um die Uni und wir fragten uns sicher für die nächsten drei Kilometer, wieso wohl ausgerechnet die Uni als einzige ein schönes Gebäude bekommen hatte.

Bei all den Unannehmlichkeiten, die uns die Stadt bescherte, war ich am Ende aber doch stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, uns mit dieser groben Übersichtskarte genau in die Straße zu lotsen, auf der wir die Stadt wieder verlassen wollten. Auf diese Weise schaffte es Tetovo dann doch noch, dass ich sie mit einem guten Gefühl verließ.

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Leider war auch die relativ kleine Nebenstraße noch immer grausam und wurde von Müllbergen und lautem Schwerlastverkehr geprägt. Direkt hinter dem Ortsausgang, zwischen Autobahn und Zugstrecke befand sich ein Hotel, das aufgrund seiner Lage so aussah, als könnte es ein bisschen Werbung gebrauchen. Es war sicher nicht der schönste Ort der Welt, aber für eine Nacht würde es schon gehen. Meine Beine und mein Kreislauf hatten jedenfalls fürs erste genug.

Der Mann an der Rezeption begrüßte mich freundlich, erklärte aber, dass auch er nur mazedonisch sprach. Also versuchte ich zunächst einmal, ihm unseren Text vorzulegen, den wir für solche Fälle vorbereitet hatten. Er brauchte eine Gefühlte halbe Stunde um ihn zu entziffern und am Ende musste er zugeben, dass er überhaupt nicht lesen konnte. Dafür sprach er nun plötzlich Deutsch, was die ganze Angelegenheit wieder um einiges vereinfachte. Durch das ewige Warten am Tresen der Rezeption spürte ich, wie mein Kreislauf wieder nachgab und allmählich wurde mir schwarz vor Augen. Um ein Haar hätte ich dem armen Mann direkt vor deinen Tresen gekotzt, doch ich konnte mich gerade noch zurückhalten.

„Tut mir leid!“ sagte ich schnell, „aber ich muss mich erst einmal hinsetzen.“

Neben der Rezeption stand ein weißes Sofa, auf dem ich mich nun niederließ. Einen Moment lang saß ich nur schweigend da, dann fühlte ich mich wieder kräftig genug, um dem Mann den Grund meines Hierseins zu erklären.

„Ok,“ sagte er, „da muss ich erst einmal meinen Chef anrufen!“

„Kein Thema!“ antwortete ich, „wenn du mir vorher sagst, wo ich hier ein Klo finde!“

Er wies mich an, einfach in eines der Zimmer zu gehen, was ich dann auch sehr erleichtert tat. Als ich bemerkte, dass es hier kein Klopapier gab und dass ich auch meinen Waschlappen nicht bei mir hatte, war es bereits zu spät. Ich musste also auf die traditionell islamische Methode zurückgreifen und Wasser sowie meine eigene Hand benutzen. Glaubt mir, ich hätte mir wirklich etwas Schöneres vorstellen können, aber wo man durch muss, muss man durch. Immerhin gab es noch Seife auf dem Zimmer.

Bereits von Weitem konnte ich dem Mann ansehen, dass er bei seinem Chef keinen Erfolg gehabt hatte. Wir mussten also weiter ziehen.

Vom Hotel aus kamen wir in ein langgezogenes Dorf, dann in ein weiteres und anschließend auf eine lange Fläche voller Felder. Erst dann fanden wir einen Platz, der abgeschieden genug war um unser Lager aufzubauen. Ein paar Zeilen versuchte ich noch zu tippen, doch die meiste Zeit schrieb ich schon mit geschlossenen Augen.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich bereits wieder etwas besser. Wir wanderten weiter in Richtung Süden und kamen dabei immer näher an die Bergkette, die diese Flachebene begrenzte. Heute war also der letzte Tag, an dem wir noch eben laufen konnten. Morgen ging es wieder bergauf und bis dahin sollte ich spätestens wieder fit sein. Spannenderweise schien es, als sei sich mein Körper dessen vollkommen bewusst. Er hatte sich genau die Zeit zum Schlappmachen ausgesucht, in der es kein Problem gewesen war. Auch bei Heiko war es zuvor ähnlich gewesen. Einen Tag, nachdem es ihm wieder gut ging, waren wir in die Berge gekommen.

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Am Nachmittag schlugen wir unser Zelt etwas außerhalb eines Dorfes auf. Vor uns lag eine weitere große Stadt, durch die wir am nächsten Tag hindurchschreiten mussten. Näher an die Berge heranzukommen, war also nicht möglich. Ungünstiger Weise lag unser Lager dieses Mal genau im Zentrum zwischen fünf verschiedenen Moscheen, von denen alle zeitgleich aber leicht versetzt der Muhizin zu schreien begann. Von einem einzigen Turm waren die arabischen Gebete für unsere Ohren schon nicht gerade angenehm, aber aus fünf Richtungen gleichzeitig wurde es der reinste Katzenjammer. Irgendwie konnten wir in diesem Moment verstehen, dass der Islam nicht gerade die beliebteste aller Religionen der Welt war und dass sich so viele Menschen gegen den Bau einer Moschee in ihrer Nähe aussprachen. Doch etwas anderes fiel uns an diesem Tag noch auf. Im Kosovo hatten wir nahezu keine Moschee gesehen, obwohl das Land rein muslimisch war. Hier jedoch standen sie wieder dicht gedrängt und das meist demonstrativ als Kontrapunkt zu den Kirchen. Denn auch Kirchen gab es hier nun wieder deutlich mehr, wohingegen man in Serbien wirklich aufmerksam danach suchen musste. Es war fast wie ein religiöses Wettrüsten zwischen der christlichen und der islamischen Kirche. So als ob beide Parteien zeigen wollten, dass sie die größere Macht und die besseren und gläubigeren Anhänger hatten.

Am nächsten morgen machte ich eine unangenehme Entdeckung. Die Algen-Tabletten, die wir nach ihrem unfreiwilligen Wasserbad immer wieder getrocknet hatten, waren schimmelig geworden. Für mich hatte es so ausgesehen, als hätte ich sie beim letzten Mal vollständig getrocknet, doch anscheinend war das nicht der Fall gewesen. Durch die Ereignisse der letzten Tage mit Heikos und meiner Magenverstimmung hatte ich dann nicht mehr daran gedacht, sie regelmäßig zu kontrollieren und so hatte sich der Schimmel bereits auf fast die Hälfte der Tabletten verbreitet. Einen Teil konnten wir noch retten, doch für viele war es bereits zu spät. Wieder kam das Thema des Loslassens in mir auf. Die Tabletten waren ein Hilfsmittel zur Ausleitung von Giftstoffen und ich empfand sie als äußerst wichtig, um mich regenerieren zu können. Gleichzeitig waren sie auch recht teuer gewesen und gerade in letzter Zeit hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir Materialien und Geld nur so durch die Finger rannen. Irgendwie blockierte ich den Fluss des Wohlstandes. Ich hatte Angst davor, Dinge zu verlieren, die ich nicht ersetzen konnte und so produzierte ich genau die Situationen, die mir diese Angst bewahrheiteten. Wie aber konnte ich das ändern? Wie konnte ich die Blockade lösen, die verhinderte, das Dinge auf uns zukamen und wie konnte ich die Angst loslassen, dass ich alles wichtige verlieren würde? Annehmen und loslassen, das war eigentlich schon alles. Aber es ist immer leichter gesagt als getan.

Und andererseits…

In vielen Bereichen klappte es ja schon hervorragend. Der eine Tag im Hotel beispielsweise hatte dazu geführt, dass wir mit unseren Sponsoren Kontakt aufnehmen konnten und allein durch vier E-Mails nun neue Reifen für unsere Wagen, neue Regenjacken, eine neue Handyhülle und ein neues Multitool bekamen. Blockierte ich den Fluss überhaupt so sehr oder glaubte ich es nur, weil ich mich auf den Mangel, anstatt auf die Fülle konzentrierte?

Der Weg durch die Stadt war in etwas so grausam, wie wir ihn erwartet hatten, doch zu unserem Erstaunen wurde die anschließende Hauptstraße verhältnismäßig ruhig. Auf ihr ging es nun auf direktem Weg in die Berge. Fast 800 Höhenmeter legten wir zurück, bevor wir auf eine Seitenstraße abbiegen konnten, die uns dann noch ein gutes Stück weiter nach oben führte. Kaum hatten wir die Berge erreicht, verwandelte sich das Bild von Mazedonien noch einmal völlig. Die Flachebene war laut und größtenteils stark vermüllt gewesen. Auch wenn es viele Felder gegeben hatte, waren die großen Städte doch immer irgendwie Präsent gewesen. Die Berge jedoch hatten sofort etwas beruhigendes, ursprüngliches und sie fühlten sich fast ein bisschen wie ein nach Hause kommen an. Hinter dem Pass lag ein gewaltiger Bergsee, der einen sofort jede Anstrengung vergessen ließ.

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Der erste Ort, in dem wir Rast machen konnten, war gute dreißig Kilometer entfernt. Als wir ankamen war es schon wieder kurz davor dunkel zu werden. Man merkte wirklich, dass es Herbst wurde und dass die Tage immer weniger Stunden hatten. Der Ort selbst war klein und bestand fast nur aus Restaurants und Cafés, die sich am Ufer des Sees aneinander reihten. Unser Zelt schlugen wir direkt unterhalb des Ortes am Wasser auf. Aus einem Grund, den wir bis heute nicht nachvollziehen können, war der Strand anders als die Hauptstraße nicht für die Touristen aufbereitet worden. Hier gab es nur einen Schrottplatz, eine Müllhalde und ein paar halbverfallener Häuser. Schön war es hier nicht, aber es bot genügend Schutz um ungesehen zu bleiben. Vor allem, bei einem so ungemütlichen Wetter wie diesem.

Noch einmal ging ich in den Ort zurück und fragte in den Restaurants nach einem Abendessen. Große Beute machte ich dabei nicht, aber ich bekam einen seltsamen Burger, der vor allem mit kalten Pommes gefüllt war. Beim Wasserholen an der Kirche traf ich eine junge Frau, die gerade mit ihrem Fahrrad unterwegs war. Trotz ihrer vielen Piercings wirkte sie recht konservativ, fast ernsthaft. Sie kam ursprünglich aus Australien, lebte aber mit ihren Eltern in Israel und war nun schon eine ganze Weile unterwegs. Auf ihrer Tour war sie unter anderem durch Rumänien und Bulgarien gekommen und hatte in diesen Ländern sehr gute Erfahrungen gemacht. Über den Syrienkonflikt konnte sie jedoch nur wenig erzählen.

Da es wieder zu regnen begann und sie noch ein gutes Stück vor sich hatte, verabschiedeten wir uns recht schnell wieder. So gerne wir uns auch unterhalten hätten, es war einfach zu ungemütlich um länger stehen zu bleiben.

Bald schon begann der Regen wieder genauso heftig wie in den Nächten zuvor. Man lebt jedoch nicht nur vom Pommesburger allein und so blieb uns nichts anderes übrig, als der Nässe zu trotzen und unser Abendessen im Regen zu kochen.

 

 

Spruch des Tages: So vermüllt und schon ein Nationalpark

 

Höhenmeter: 430 m

Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 12.485,27 km

Wetter: herliches Herbstwetter, nachts saukalt bei 4°C

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 88825 Savelli, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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