Tag 218: Im Auge des Orkans

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Tag 218: Im Auge des Orkans

Tag 218: Im Auge des Orkans

Bevor wir heute starten konnten, mussten wir als erstes unsere Füße versorgen. Heiko hatte seine Blasen am Abend mit einer Nadel durchstochen. Damit die Wundflüssigkeit langsam herauslaufen konnte, hatte er einen Faden durchgezogen und an beiden Enden einen Knoten gemacht, damit er nicht herausrutschen konnte. Diese Taktik hatte sich bereits bewährt und hatte uns viel Leid erspart. Denn durch das langsame austreten der Flüssigkeit konnte sich die Haut langsam zurückziehen und wieder anlegen. Heute Morgen jedoch zeigte sich, dass die Methode auch ihre Nachteile haben konnte. Als Heiko in der Früh halbschlafend zur Toilette wanderte, blieb er mit dem Faden hängen und riss ihn dabei mitsamt dem Knoten aus seiner Zehe. Der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Blitz und er musste unwillkürlich die Zähne zusammenbeißen um nicht laut aufzuschreien.

Meiner Blase an der Ferse war mit einer Nadel und einem Faden nicht mehr beizukommen. Sie hatte sich eh schon geöffnet und hatte bereits die Größe einer Handfläche. Ok, einer kleinen Handfläche, wir wollen ja nicht übertreiben. Damit sie sich nicht entzündet haben wir am Abend etwas Teebaumöl darauf geträufelt heute Morgen hat Heiko sie dann mit gleich zwei Compeed-Pflastern und einem dicken Streifen Panzertape verbunden, damit sie nicht weiter scheuern kann. Es fühlte sich beim Wandern wirklich besser an als am Vortag, obwohl sie deutlich schlimmer war. Bislang habe ich mich noch nicht getraut, sie mir genau anzuschauen, weil wir später noch einmal mit Schuhen umherlaufen müssen. Ich hoffe, dass sie langsam wieder verheilt, denn auf fleischige Füße, bei denen einem das Blut entgegensprudelt, wenn man die Schuhe auszieht, habe ich überhaupt keine Lust. Außerdem tut so etwas immer weh!

Die Strecke war leider alles andere als Fußschonend. Das Gebirge flachte zwar immer mehr ab, aber das Land blieb hügelig. Die Steppe verschwand und wurde durch gigantische Weizenfelder ersetzt. Ich habe schon oft gesagt, dass wir unvorstellbar große Felder durchquert haben, aber dies übertraf alles. Plötzlich verstand ich, was Heiko meinte, als er mir von den Agrarwüsten erzählt hatte, die er auf seinem ersten Jakobsweg durchquert hatte. Hiergegen, war jedes deutsche Feld ein Mückenschiss! Der Bedarf an Getreide für Europa kam eindeutig aus Regionen wie diesen hier. Alles andere war allenfalls eine Alibiveranstaltung. Jetzt begriff ich auch, warum uns Weizenprodukte kaum noch Energie geben und warum sie für so viele Krankheiten verantwortlich sind. Etwas, das so aufwächst, kann einen nicht gesund machen! Es ist unmöglich. Der komplette Landstrich hier ist verwüstet und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt hier nichts außer den trockenen Stoppelfeldern und ausgedörrtem Sand. Und doch weiten Kühe auf diesen Feldern. Sie stehen wie unwirkliche schwarze Punkte auf den goldgelben Wüstenfeldern und finden hier wirklich etwas zum Fressen. Unglaublich, was die Natur alles kann!

„Fuchs! Fuchs!“ rief Heiko plötzlich. Ich schaute nach vorne an ihm vorbei auf die Straße, doch es war bereits zu spät. Der kleine Jäger war verschwunden. Doch kurz darauf sah Heiko ihn erneut und diesmal war auch ich schnelle genug. Er schlenderte gemütlich zwischen den trockenen Gräsern umher und ließ sich durch uns nicht im Geringsten stören.

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In einem kleinen Ort machten wir unter einem Baum eine Picknickpause. Laut der Streckenangaben hätten wir bereits längst an unserem Zielort angekommen sein müssen, doch das letzte Schild zeigte, dass es noch immer gut 10km sind. Streckentechnisch macht hier einfach jeder was er will.

Nach dem Essen schauten wir uns unsere Deichseln von den Pilgerwagen noch einmal genau an. Seit ein paar Tagen quietschten sie ständig und wir konnten das Problem einfach nicht beheben. Früher oder später würden wir sie austauschen müssen und dieses Problem führte uns wieder einmal auf das Thema Geld zurück. Ohne Geld zu leben und zu reisen hatte sich als verhältnismäßig unproblematisch erwiesen, doch um dabei produktiv bleiben zu können, ergaben sich doch immer wieder Fixkosten, die irgendwie gedeckt werden mussten. Klar konnte man mit einem kleinen Rucksack mit nichts umherstreifen und wenn man nichts hatte, dann konnte auch nichts kaputt gehen. Doch wie konnte man dann noch etwas beitragen? Um am Blog und an den Büchern arbeiten zu können brauchten wir eine Ausrüstung und gleichzeitig wollten wir außerdem wie Nomaden und nicht wie Obdachlose leben. Um regelmäßig die Ausrüstung erneuern zu können, die kaputt geht und um die nötigsten Versicherungen zu bezahlen, brauchten wir pro Person im Jahr ungefähr 2000€. Heiko konnte seinen Anteil recht gut über die Miete der Wohnung abdecken aber meine finanziellen Einkünfte lagen bislang noch immer bei etwa 0€. Das Stimmt nicht ganz, zum Geburtstag habe ich einige wirklich liebe Spenden bekommen und dafür möchte ich mich hier auch noch einmal ganz herzlich bedanken!

Ursprünglich war es der Plan gewesen, dass wir über den Blog Geld einnehmen und tatsächlich werden wir immer wieder gefragt, wie viel Geld wir damit eigentlich verdienen. Die traurige Antwort liegt leider in diesem Falle wirklich bei Null. Denn Blogs werden nur dann bezahlt, wenn man Artikel schreibt, die Menschen zum Kauf von Dingen anregen oder die sonst einen Vorteil für eine Firma bringen. Die meisten Artikel von uns bewirkten jedoch eher das Gegenteil und nach reichlichen Recherchen kommen wir immer wieder zu dem Punkt, dass wir von vielen Dingen abraten müssen. Es ist ein bisschen wie in der Wissenschaft. Wer für seine Studie bezahlt werden will, der muss sie so gestalten, dass sein Geldgeber auch etwas davon hat. Wer eine unabhängige Studie betreibt, bekommt dafür meist nur einen Arschtritt. Wenn es gut läuft, bekommt er ein „Danke!“ von den Menschen, die er dadurch vor den Lügen der Großkonzerne bewahrt, aber reich wird er dadurch in der Regel nicht.

Auf dem weiteren Weg durch die Felderwüste kam mir eine Idee. Wenn ich 2000€ im Jahr brauchte, dann waren das im Monat nicht einmal ganz 200€. Verteilt auf 30 Tage machte das etwa 7€ am Tag. Wenn ich es schaffen würde, 30 Menschen zu finden, die unser Projekt mit nur 7€ im Monat unterstützten, dann waren alle Sorgen wegen Versicherung, Blogkosten und Materialtausch vom Tisch. Oder wenn es 60 Menschen waren, die nur 3,5€ im Monat spendeten oder 200 Menschen mit einem Beitrag von 1€, dann würde es ebenfalls funktionieren. Oder um es etwas kreativer zu gestalten, könnte man auch 1Cent pro Kilometer spenden. Das waren am Tag im Schnitt 20Cent, an dreißig Tagen also ungefähr 6€.

Lange überlegte ich, ob ich diese Idee wirklich in den Blog schreiben sollte, um zu fragen, ob jemand von euch zu einer solchen Unterstützung bereit wäre. Irgendwie fällt es mir etwas schwer, danach zu fragen. Aber dann dachte ich mir, ich frage jeden Tag wildfremde Menschen nach allem Möglichen und jeder von ihnen hat die Wahl einfach ja oder nein zu sagen. Wenn es da kein Problem ist, warum sollte das hier im Blog dann anders sein? Wer das blöd findet, kann es ja einfach überlesen, aber wenn jemand von euch Freude daran hat, uns ein bisschen zu unterstützen, dann würde ich mich riesig darüber freuen!

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Plötzlich wurde ich durch ein außergewöhnliches Ereignis aus meinen Gedanken gerissen. Es war nur ein Gefühl und ein leichter Windhauch, der Zeigte, dass hier irgendetwas komisch war. Auch Heiko war stehengeblieben und schaute sich aufmerksam um. Vor uns in der Luft schwebte die Feder eines Milans. Sie tanzte auf und ab, so als wollte sie mit uns spielen. Dann flog sie in einem Kreis um uns herum, bis sie wieder fast an der gleichen Stelle war. Mit ihr erhoben sich nun auch andere Federn, sowie etwas staub und ein paar kleine Blätter. Jetzt erst wurde uns klar, was gerade passierte. Wir standen mitten in einer Windhose! Schon des Öfteren hatten wir dieses Schauspiel in den letzten Tagen gesehen. Es waren kleine Wirbelstürme oder besser Wirbelwinde, denn sie waren ganz sanft und fein. Diesmal jedoch standen wir mitten im Auge dieses Wirbelwindes. Es war ein unglaubliches Gefühl. Nichts großes, nichts das einen von den Socken haute. Es war ganz sanft und fast nicht spürbar aber doch magisch und kraftvoll. Wir blieben stehen, bis die Windhose weitergezogen war. Die Feder schwebte nun weit auf das Feld hinaus und verschwand aus unserem Sichtfeld. Wir schauten uns an und waren beide perplex. Es war ohne jeden Zweifel ein besonderer Moment.

Als wir nach einer schier unendlichen Wanderung schließlich Macotera erreichten, freuten wir uns als erstes über die Strandpromenade, die man hier entlang der Schnellstraße aufgebaut hatte. Es war ein breiter Gehsteig mit Bäumen und Bänken, die alle so ausgerichtet waren, dass man direkt auf die Straße blicken konnte. Offensichtlich musste das beobachten von Autos und LKWs hier wirklich eine Freizeitbeschäftigung sein. Macotera war der größte Ort seit drei Tagen, erwies sich Schlafplatztechnisch jedoch auch als größte Herausforderung. Es gab nur ein einziges Landhaus, das Zimmer vermietete und das befand sich auf der anderen Seite des Ortes etwas außerhalb. Als ich am großen Gartentor klingelte hörte ich zunächst nur ein Lachen und dann ein lautes „Warten Sie bitte!“ Kurz darauf rief die gleiche Frauenstimme, dass ich eintreten solle. Als ich den Garten betrat, kamen mir zwei Frauen entgegen, eine ältere und eine jüngere, die eindeutig die Tochter der anderen war. Die Tochter zupfte sich gerade noch ihren Bikini zurecht, während sich die Mutter nur schnell ein Handtuch umgeworfen hatte. Beide hatten gerade nackt im Pool gebadet, als ich sie mit meinem Besuch überraschte. Es war eine etwas sonderbare Situation, den beiden Badenymphen zu erklären, dass wir ein kostenloses Zimmer brauchten. Die Tochter wirkte recht begeistert und auch die Mutter schien nicht abgeneigt zu sein, doch sie musste die Sache mit ihrem Mann besprechen. Hier endete dann leider der spaßige Teil des Besuchs, denn der Mann stellte sich als griesgrämiger Alkoholiker heraus, der niemandem irgendetwas umsonst geben wollte. Auch nicht gegen Werbung und Verlinkungen. Ich versuchte mit ihm zu sprechen, doch seine Alkoholfahne und sein puterrotes Gesicht hielten, was sie versprachen. Er war nicht umzustimmen und nach dem kurzen Gespräch hatte ich sogar etwas Angst, er würde mich mit einer Mistgabel von seinem Hof jagen, wenn ich nicht sofort verschwand.

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Beim Pfarrer hatte ich genauso wenig Glück. Er war von der gleichen Liga, wie viele der Pfarrer, die wir am Camino de Norte kennengelernt hatten: „Ich habe diesen Job, weil ich meine Ruhe haben will und Menschen gehen mir am Arsch vorbei!“

Als ich kurz darauf mit zwei Frauen sprach um mich nach Alternativmöglichkeiten zu erkundigen, fand ich meinen Eindruck vom Pfarrer sofort bestätigt. Ich schlug vor, dass wir vielleicht noch einmal gemeinsam zu ihm gehen konnten, da er vielleicht mehr Vertrauen in die Menschen hatte die er kannte. Doch die junge Dame winkte entsetzt und energisch ab: „Ich kenne den Mann seit ich ein Baby bin, aber fragen werde ich den nach nichts! Das kannst du vergessen! Auf gar keinen Fall! Eher würde ich sterben!“

Als ich mich ohne Ergebnis auf den Rückweg zu Heiko machte, hielt ich noch kurz in einem Tageszentrum für Rentner um nach Wasser zu fragen. Die Frau an der Bar meinte, ich solle mich doch setzen und mich ein Bisschen erholen. Ich erklärte ihr, dass ich noch immer auf der Suche nach einem Schlafplatz war und dass ich meinen Kumpel nicht so lange warten lassen wollte. Sie schaute mich geheimnisvoll an und meinte im Flüsterton: „Schlaft doch einfach hier im Aufenthaltsraum! Aber Pssst! Kein Wort zu niemandem!“

Das Angebot war unsere Rettung, wenngleich es gewisse Haken hatte. Denn da wir alles geheim halten mussten, konnten wir unser Schlaflager erst nach Geschäftsschluss aufbauen und in Spanien bedeutete dies 23:00Uhr. Da wir morgen recht früh aufstehen müssen, um rechtzeitig bei unserem Paket zu sein, trifft sich das nicht allzu gut. Aber es ist immer noch deutlich besser, als kein Schlafplatz!

Spruch des Tages: Spüre die Stille im Auge des Wirbelsturms

 

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe: 34 km

Gesamtstrecke: 4350,97 km

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Beate und Carlos 8. August 2014 at 13:28 - Reply

    ……schade, dass Ihr die VIA DE LA PLATA schon wieder verlassen habt.
    Haben Euren Wegverlauf, sogar mit einer Karte, genau verfolgt.
    So manche Etappenstrecke, die wir ja auch damals gelaufen sind, stand uns so nun wieder genau „vor Augen“ …..und auch die Hitze.

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