Tag 401: Endspurt nach Rom

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Tag 401: Endspurt nach Rom

Tag 401: Endspurt nach Rom

Keine Angst, die Fortsetzung der Darma-Erzählung kommt noch, aber erst nachdem wir Rom wieder verlassen haben.

Die letzten Tage verschwimmen ebenso ineinander, wie eine Kreidezeichnung auf der regenüberfluteten Straße. Seit wir erfahren haben, dass das Paket angekommen ist, bestehen unsere Tage aus einem sich widerholenden Zyklus aus Marathonstrecken, spätem, erschöpften ankommen, sich in den Schlafsack kuscheln und wieder entspannen. Das Wetter leistet seinen eigenen Beitrag dazu. Der Winter ist über Italien hereingebrochen und hat uns hier stärker erwischt, als letztes Jahr zur gleichen Zeit in Deutschland und Nordfrankreich. Nicht einmal mehr 100km vor Rom wanderten wir plötzlich über schneebedeckte Straßen. Einige wenige Stunden blieb die weiße Pracht liegen, dann wurde sie zu einem nassen, grauen Schneematsch und schließlich zu schlammigem Wasser. Dieses Wasser ist seither unser ständiger Begleiter, ebenso wie die Kälte. Das größte Dilemma ist, dass es kaum noch geheizte Räume gibt. Nach unserer Nacht im Zelt erreichten wir vollkommen durchnässt und eingefroren einen Ort Namens Aguapendente. In der Früh war sogar das Wasser, das sich auf unseren Pilgerwagen gesammelt hatte zu Eis erstarrt. Unser Hände waren kaum mehr in der Lage, ordentliche Handgriffe auszuüben und die Knie schlotterten wie Espenlaub, noch ehe wir auch nur unser Zelt zu Ende abgebaut hatten. Der Mann, der uns am Abend statt mit dem gewünschten Wasser mit Schwarztee versorgt hatte brachte uns nun einen heißen Milchkaffee vorbei, der so sehr gesüßt war, dass man einen Löffel hätte hineinstellen können. Einen Moment überlegten wir, dann nahmen wir in Anbetracht der Umstände die heiße Leckerei an. Mehr schaden als die Kälte konnte der Zuckerkaffee wohl auch kaum anrichten.

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So dankbar wir dem Mann auf der einen Seite für seinen Guten Willen und seinen Wärmespender waren, so schwierig machte er es uns auf der anderen Seite auch, ihn gern zu haben. Denn aus reinem Pflichtbewusstsein wollte er nun ein Gespräch mit uns anfangen. Er hatte selbst keine Lust zu diesem Gespräch, denn es war Kalt und ungemütlich, aber er fühlte sich aus einem inneren Höflichkeitszwang dazu verpflichtet. Uns hingegen war nicht im Geringsten nach einem Gespräch zumute, vor allem nicht nach einem, in dem es um nicht mehr als die tägliche Kilometerzahl ging, die wir zurücklegten. Wir wollten nur so schnell wie möglich unsere Sachen zusammengepackt haben, um uns warmlaufen zu können. Zum Glück merkte der Mann recht bald, dass wir das Wetter genauso unangenehm fanden wie er und er entschied sich dafür, dass der Höflichkeit nun zu genüge Folge geleistet worden war. Was es für uns besonders schwierig machte, ihn zu verstehen, war die Ambivalenz in seinen Taten. Auf der einen Seite hatte er kein Problem damit gehabt, uns im strömenden Regen und bei angekündigten Minusgraden unter einer Bushaltestelle schlafen zu lassen, weil er sein Auto nicht aus der Garage fahren wollte, auf der anderen Seite brachte er es dann aber nicht übers Herz, uns am Morgen mit einem Kaffee alleine vor seiner Tür stehen zu lassen.

In Aquapendente hatten wir in Bezug auf die Pilgerherberge mehr Glück. Sie war offen und wir durften Sie nutzen. Der einzige Haken war nur, dass es im ganzen Haus keine Heizung gab. All unsere Sachen waren nass, wir waren von der letzten Nacht noch immer ausgekühlt und es gab keine Möglichkeit zu heizen. Doch Not macht erfinderisch wie es immer so schön heißt und so kam Heiko auf die glorreiche Idee, seine Socken in der Mikrowelle zu trocknen. Dass Mikrowellen die denkbar ungeeignetste Art sind um Lebensmittel aufzuwärmen, da sie jegliche Energie darin abtöten, ist kein besonders großes Geheimnis. Aber da wir Heikos Socken eh nicht mehr essen wollten, dürfte das in diesem Fall ja kein Problem sein. Vorsichtig fing er auf mittlerer Stufe an, die Socken für wenige Sekunden der Strahlung auszusetzen. Es passierte nichts. Also wurde die Hertzzahl erhöht. Wieder nichts. Mehr Zeit vielleicht? Nun begannen die Socken zu dampfen und nach wenigen Minuten waren sie nicht nur trocken sondern auch noch angenehm warm. Wir waren hellauf begeistert von der neuen Idee und Heiko begann nun sofort damit, seine Schuhe in die Mikrowelle zu legen. Auch hier zeigte sich nach einiger Zeit der erste Erfolg. Es stiegen Dampffähnchen auf und die Schuhe wurden angenehm warm. Doch die Sache hatte leider auch einen kleinen Haken. Denn der Kunststoff in den Schuhen war auf die Mikrowellenstrahlung und die daraus resultierende Hitze nicht ganz so gut zu sprechen. So kam es, dass sich die Schuhe leicht verformten und etwas kleiner wurden, als sie es zuvor gewesen waren. Zum Glück passten sie noch immer und in wenigen Tagen warteten ja bereits die neuen Schuhe auf uns. Dennoch verzichtete ich darauf, das Experiment auch mit meinen Schuhen durchzuführen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meine Halstücher. Vorsichtshalber begann ich mit meinem alten, schwarzweißen, aus dass es nicht mehr wirklich ankam. Der Erfolg war großartig! Das Tuch war trocken und warm und fühlte sich am Hals einfach toll an. Sofort kam das zweite Halstuch in den Mikrowellenherd. Davon überzeugt, dass nun nichts mehr passieren konnte, stellte ich die Zeit wieder auf zwei Minuten ein. Als ich es anschließend wieder herausholte dampfte es wie auch die Socken, Schuhe und das andere Halstuch es zuvor getan hatten. Doch Moment! Warum brannte dieser Wasserdampf dieses Mal so fies in den Augen. Ich faltete das Tuch auseinander und stellte mit entsetzen fest, dass es in der Mitte glühte. Das, was mit da entgegenquoll war kein Wasserdampf, es war Rauch! Hecktisch versuchte ich die Glut zu ersticken, merkte aber, dass es unmöglich war. Die Glut war einfach zu groß und zu stark. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das Tuch im Waschbecken zu ertränken. Das hatte natürlich genau den Effekt, den ich nicht erreichen wollte, denn nun war das Tuch wirklich nass. Als ich es ausbreitete, hatte es drei riesige Brandlöcher und sah insgesamt recht traurig aus. Es tut mir wirklich Leid, Paulina, denn es war das Tuch, dass du uns geschenkt hast! Ich habe es extra deshalb erst mit dem anderen ausprobiert. Doch dass es beim ersten Mal klappt und beim zweiten Mal in Flammen aufgehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Zum Glück ist der Schaden nicht so groß, dass ich es nicht trotzdem noch weiterhin tragen kann. Schade ist es aber dennoch.

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In den folgenden Tagen wurde es von der Nässe und der Kälte nicht viel besser. Wir legten weiterhin so viel Strecke wie möglich zurück und erreichten bereits am kommenden Nachmittag die 100km-vor-Rom-Markierung. Genau auf dieser Marke stand eine Kirche, von deren Portal man einen gewaltigen Ausblick über das ganze Tal hatte, das von einem riesigen Vulkansee dominiert wurde. Unter der Kirche befand sich die ehemalige Garage des Pfarrers, die zu einer Pilgerherberge und dem Warenlager der Caritas umgebaut worden war. Hier durften wir die Nacht verbringen. Der einzige Haken dabei war nur, dass eine Wand komplett aus einer einfachverglasten Fensterfront bestand und dass in dieser Glasfront auch noch eine Scheibe fehlte. Heiko stopfte das Wärmeleck notdürftig mit einer Pappe, doch viel half es nicht. Vor allem deswegen, weil es keine Heizung gab und der Raum eh nur wenige Grade über Null hatte.

Am nächsten Morgen trauten wir unseren Augen nicht. Es schneite! 100km vor Rom fiel plötzlich Schnee, das erste Mal auf unserer gesamten Reise. Doch so schön die weiße Pracht zu beginn auch war, so sehr wurde sie uns dann zum Verhängnis. Denn nur wenige Meter nach Verlassen der Herberge brach die zweite Deichsel meines Wagens. Nun mussten wir sie im Schneegestöber reparieren. Das Rescue-Kid für gebrochene Deichseln hatten wir ja zum Glück noch dabei. Doch nach wenigen Minuten fielen uns bereits die Hände ab, so starr waren sie vor Kälte. Ich weiß nicht mehr genau ob es an diesem Tag begann, aber ungefähr seit dieser Zeit habe ich geschwollene Finger und schmerzende Bläschen auf der Haut. Vielleicht hat es ja irgendeinen Zusammenhang mit der Reparatur-Aktion.

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Je weiter wir den Berg hinabstiegen, desto mehr verwandelte sich der Schnee wieder in Regen und es dauerte nicht lange, da waren wir vollkommen durchnässt. In Kombination mit der Kälte und dem Wind machte dies das Laufen erst so richtig angenehm. Um eine weitere Zeltnacht im Eis zu vermeiden riefen wir am Nachmittag in Vetralla an und fragten den Pfarrer, ob seine Herberge auch wirklich geöffnet hatte. Diesmal war es kein Problem und so hatten wir nun ein Ziel, zu dem wir wandern konnten. Damit der Spaß an der Sache nicht verloren ging und damit es nicht zu einfach wurde, verliefen wir uns jedoch kurz vor dem Ort und drehten eine Bonusrunde. Umso mehr freuten wir uns darüber, dass unser Zimmer an diesem Abend zum ersten Mal seit langem wieder richtig schön warm war. So warm, dass wir den Schlafsack in der Nacht nur leicht über uns legten und dabei schon zu schwitzen begannen. Es war fast ein bisschen zu warm, um richtig einschlafen zu können. Ein großartiges Gefühl!

Auf den letzten 60km vor Rom verwandelte sich die Straße, an die wir uns bislang gehalten hatten in eine Autobahn. Bereits zuvor war sie eigentlich schon zu stark befahren gewesen um angenehm zu sein, doch nun war das Wandern an ihr nicht mehr möglich. Da die Via Francigena hauptsächlich Feldwege und Trampelpfade vorschlug, die aufgrund des Dauerregens absolut unpassierbar waren, suchten wir uns unsere eigene Route nach Rom. Wir entschieden uns für einige Nebenstraßen, die an einem weiteren Vulkansee vorbeiführten. Hier wurden wir von einem schrulligen alten Pfarrer aufgenommen, der in einer Art Seminarhaus lebte. Er hatte kaum mehr Zähne und auch sein Gehör war leicht eingerostet. Dafür hatte er aber einen Sturkopf, der sich gewaschen hatte. Wenn er etwas sagte, dann wurde es gemacht, vollkommen egal, ob es einen Sinn hatte oder nicht. So zeigte er uns zunächst unser Zimmer, wollte dann noch einmal in seinem Büro mit uns sprechen und schickte uns schließlich zurück auf unser Quartier.

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„Aber, wir äh,“ begann ich und wollte ihm sagen, dass wir noch unsere Materialien aus den Wagen brauchten.

„Kein Aber!“ schnitt er mir das Wort ab, „aufs Zimmer hab ich gesagt!“

Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen und uns anschließend noch einmal in den Hof zu schleichen, als er wieder in seinem Büro verschwunden war. Beim Abendessen wurde dann noch einmal deutlich, wie hier die Machtgefälle verteilt haben. Der Alte wurde von einem indischen Assistenten von seinem Schreibtisch abgeholt, zur Tür gebracht und dort in das Auto gesetzt, dass so geparkt war, dass man einsteigen konnte, ohne auch nur einen Millimeter unter freiem Himmel sein zu müssen. Dann lief der junge Mann durch den Regen zur Fahrertür und fuhr seinen Boss die 20 Meter auf die andere Seite des Platzes, wobei er so parkte, dass sich die Beifahrertür wieder direkt in die Haustür öffnete.

Unsere Plätze waren an einem kleinen Nebentisch. Am großen Tisch waren drei Gedecke, eines für den Pfarrer, eines gegenüber für die Köchin und eines am anderen Ende des Tisches für den jungen Inder, der sich bereits vollständig in seine Rolle als leibeigener Butler eingefügt hatte. Der Pfarrer stolzierte so gut er es noch konnte auf den Tisch zu und machte dabei einen kurzen Stopp an einem weiteren Tisch, wo er seinen Mantel, seinen Hut und seinen Gehstock ablegte, der mit einem fast klischeehaft prunkvollen, goldenen Knauf versehen war. Es gab in diesem Haus nur ein Gesetz und dieses Gesetz war der alte Mann. Das stand außer Frage. Wie er so im Halbdunkel auf uns zukam, war er fast ein bisschen unheimlich. Hätte er in einem Horrorfilm als verrückter Serienkiller mitgespielt, hätte man an ihm nichts großartig verändern müssen. Irgendwie waren wir daher froh, also wir am nächsten Morgen wieder lebend erwachten und verschwinden konnten. Auch wenn uns nun der anstrengendste Tag mit absolutem Dauer-Sintflut-Regen erwarten sollte, an dessen Ende wir unverhoffter Weise in Rom landen sollten.

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Spruch des Tages: Weiter, immer weiter

 

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 7375,27 km

Wetter: Immer wieder Regen.

Etappenziel: Seminarhaus San Giorinio, 00135 Roma, Italien

Bewertungen:

 
2016-02-18T23:11:37+00:00 Italien, Tagesberichte|

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