Tag 82: Zwei begossene Pudel im Regen

///Tag 82: Zwei begossene Pudel im Regen

Tag 82: Zwei begossene Pudel im Regen

Tag 82: Zwei begossene Pudel im Regen

Eigentlich wollte ich es strickt vermeiden in diesem Blog über so banale Dinge zu berichten wie ‚Ich bin duschen gegangen’ oder ‚ich war auf dem Klo’. Seit der Erfindung des Internets und vor allem der sozialen Netzwerke, die es Menschen ermöglichen über alles zu schreiben und zu posten, was ihnen in den Sinn kommt, gibt es definitiv viel zu viele Informationen über derartig belanglose Dinge. Aber die Erfahrung mit der Dusche von gestern Abend kann ich euch trotzdem nicht vorenthalten.

Auf dem Campingplatz gab es kein Duschzeug, dass wir verwenden konnten, so dass wir auf unser eigenes zurückgreifen mussten. Unsere Seife lag noch immer im Altenheim in Nevers, wo ich sie hatte liegen lassen, doch vor ein paar Tagen hatten wir einige Duschgelproben gefunden, die wir für diese Zwecke mitgenommen hatten. Nun nahm ich mir ein solches Tütchen und ging in den Waschraum. Als ich mir das Gel in den Haaren verteilt hatte, begann ich mich das erste mal darüber zu wundern, dass es fast überhaupt nicht schäumte. Im Gegenteil, es schien sogar eher fettend zu wirken. Außerdem roch es irgendwie ungewöhnlich. Doch wirklich misstrauisch wurde ich erst, als ich mein Gesicht einrieb und ein wirklich komisches Gefühl in den Augen spürte. Ich nahm die Packung und schaute sie mir noch einmal genau an, was ohne Brille und mit tränenden Augen eine echte Herausforderung war. Es dauerte noch eine Weile, bis ich die französische Aufschrift übersetzt und ihre Bedeutung richtig realisiert hatte. Die kleine Probepackung enthielt kein Duschgel, sondern ein scharfes Chili-Öl, das wir zusammen mit einer Pizza geschenkt bekommen hatten. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich keine Ahnung gehabt hatte, wo ich es hintun sollte und es daher einfach in die Seitentasche meines Rucksacks gestopft hatte. Genau in das gleiche Fach, in dem sich auch die Duschgelproben befanden. Ich hatte ja gehofft, dass es eine heiße Dusche wird, aber dass sie dazu auch noch so scharf wurde, damit hatte ich nicht gerechnet. Lecker war das Öl aber trotzdem. Und ich wahr heilfroh, dass ich bestimmte Stellen meines Körpers noch nicht damit eingerieben hatte…

Über den heutigen Tag gibt es nicht viel zu berichten. Jedenfalls nicht bis zu dem Moment, an dem wir begannen, uns um einen Schlafplatz zu bemühen. Bis dahin lief alles wie am Schnürchen und ohne besondere Zwischenfälle. Unsere Sorgen begannen erst mit dem Erreichen eines Ortes mit dem verheißungsvollen Namen Sorges. In der Pilgerherberge traf ich auf eine Dame, die offenbar ebenfalls den Radiobericht von Claire-Lise gehört hatte. Als ich ihr erzählte, dass wir nach Fatima und Rom weiterwandern wollten, wenn wir Santiago erreicht hatten, fiel sie mir ins Wort und meinte, sie wisse bereits wer wir sind. Aufnehmen könne sie uns aber dennoch nicht, weil sie schließlich davon leben müsse, dass die Pilger sie bezahlten. Das war schade, aber nachvollziehbar.

Die junge Frau in der Touristeninformation konnte ich auch noch recht gut verstehen, wenngleich ich mir schon auch einige Fragen stellte. Ihr Englisch sogar noch schlechter als mein Französisch und nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen wechselten wir auf ihre Landessprache zurück. In einem dicken Notizbuch, das fast keine Einträge enthielt, blätterte sie angestrengt nach der Adresse der Pilgerherberge, die mich zuvor abgelehnt hatte. Als sie sie endlich gefunden hatte, beschrieb sie mir den Weg, den sie auch ohne das Buch bereits gewusst hatte. Ich erzählte ihr von meinem Misserfolg und fragte nach einer Alternative, doch sie war mit ihrem Latein bereits am Ende. „Wir brauchen nicht viel, nur einen einfachen Saal oder einen Raum in dem wir unsere Isomatten ausbreiten können“, sagte ich. Doch noch immer hatte sie keine Idee. „Kein Problem!“ sagte ich, bedankte mich und ging.

Auf der einen Seite hatte ich es wirklich so gemeint, wie ich es gesagt hatte. Es war kein Problem, denn wir würden sicher etwas anderes finden. Es war auch vollkommen in Ordnung, wenn sie uns nicht weiterhalf, denn immerhin war es eine ziemlich ausgefallene Bitte gewesen. Doch auf der anderen Seite merkte ich, dass ich doch ein wenig enttäuscht war. Nicht weil sie uns nicht hatte helfen können, sondern weil sie es nicht wollte. In der Touristeninformation selbst hatte es einen freien Veranstaltungsraum gegeben und im Ort gab es noch drei weitere. Es hätte also genügend Möglichkeiten gegeben. Natürlich war es nicht ihre Pflicht und wenn sie nicht wollte, war es ok, aber die Enttäuschung über die fehlende Hilfsbereitschaft blieb trotzdem. Es war immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die Menschen in diesem Bereich waren. Doch an diesem Abend sollte es sogar noch deutlich frappierender werden.

Wie verließen Sorges und folgen dem Jakobsweg in Richtung Périgueux. In der nächsten Ortschaft fragten wir bei den Privatpersonen, da es sonst keine Alternative gab. Doch niemand öffnete uns. Langsam begann es zu regnen und es wurde immer kälter. Wir gingen weitere drei Kilometer bis in das nächste kleine Dorf. Ein alter Mann, der gerade seine Gartenarbeit beendet hatte, schlug uns vor, doch einfach die nächsten 20 Kilometer bis nach Périgueux zu gehen. Hier im Ort würde es sicher nicht klappen. Und damit sollte er Recht behalten. Wo ich auch fragte, die Menschen lehnten mich kurz angebunden ab. Eine Frau unterbrach mich sogar bereits nach den ersten drei Worten. „Es tut mir leid, aber hier ist es kalt! Ich gehe jetzt ins Haus und habe kein Interesse mit Ihnen zu sprechen.“

In mir fing es langsam an zu brodeln. „Nein, Tobi, du wirst diese Menschen nicht dafür verurteilen, dass sie nein sagen!“ rief mich mein Moral-Ich zur Disziplin, „sie wissen nicht, dass du bereits oft abgelehnt wurdest und es ist ihr gutes Recht, Fremde abzuweisen, wenn diese einfach so in ihr Haus wollen. Es war schließlich deine Entscheidung ohne Gelt zu leben und nicht ihre, also liegt auch die Verantwortung bei dir!“

„Ich weiß ja!“ entgegnete mein Komfort-Ich, „aber trotzdem ist es Arschkalt hier, wir sind fast völlig durchnässt und ich verstehe einfach nicht, warum heute so der Wurm drin ist.“

„Ach verdammter Bullschit ist dass!“ rief mein Ego-Ich empört, „In ganz Frankreich sind wir noch nicht so unfreundlichen und ekelhaften Menschen begegnet. Sehn die denn nicht, wie wir hier im Regen leiden? Verrecken lassen würden die uns! Das sag ich euch! Und sie würden sich nicht einmal schlecht fühlen dabei!“

„Du bist grad auch kurz vorm durchdrehen, oder?“ unterbrach Heiko meinen Gedankenstreit.

„Ja!“ gab ich zu. „Ich meine, auf der einen Seite ist es ja völlig in Ordnung, dass sie nein sagen. Aber diese absolute Unfreundlichkeit noch bevor sie überhaupt wissen, worum es geht, ärgert mich grad tierisch.“

„Mir geht es ähnlich!“ sagte Heiko, „Für uns ist es ja wirklich egal. Wenn uns keiner aufnimmt, dann bauen wir das Zelt auf und ziehen so viele Sachen an, wie wir finden können. Das wird keine schöne Nacht, aber wir werden es überleben. Aber was ich so heftig finde ist, dass die Menschen das ja nicht wissen. Sie haben ja keine Ahnung, dass wir ausgebildete Survivaltrainer sind und nicht einfach Studenten, die zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Pilgerreise sind und keine Ahnung haben, worauf sie sich eingelassen haben. Ich finde es grad wirklich interessant und auch erschreckend, was hier passiert. Das sie uns ablehnen, dagegen sag ich nichts, aber sie würden ja auf jeden anderen genauso reagieren. Geh mal nicht von uns aus, sondern wirklich von einem Menschen, der Hilfe braucht und nicht alleine zurecht kommt. Heute Nacht hat es minus 4 oder 5 Grad und wir sind vollkommen durchnässt. Wären lass das mal jemand anderem passieren, der nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Der wäre in der Nacht wirklich in Lebensgefahr und niemand hier kümmert sich darum. Klar, es ist vollkommen richtig, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und wenn er sich auf eine solche Reise begibt, dann muss er auch mit den Konsequenzen umgehen können. Aber ich muss dabei auch gerade an die Geschichte von der Natascha Kampusch denken. Weißt du noch, das Mädchen, das über Jahre hinweg von diesem Mann gefangen gehalten wurde. Als sie entkommen ist, hat sie genau das gleiche erlebt wie wir jetzt gerade. Sie ist zu den Häusern gelaufen um Hilfe zu suchen und wurde eiskalt abgelehnt. Um ein Haar hätte sie der Kidnapper wieder erwischt und niemand hätte auch nur bemerkt, was da passiert ist. Klar ist es absolut verständlich, dass die Menschen Angst haben, oder ein komisches Gefühl, oder was anderes zu tun, oder was auch immer. Aber merkst du wie gefährlich das auch ist?“

Wir setzten unsere Versuche fort und sprachen an diesem Abend noch mehr als vierzig verschiedene Hausbewohner an, diejenigen, die uns nicht geöffnet haben, nicht mitgezählt. Wir fragten in diesem Ort, im nächsten und im übernächsten. Doch immer wurden wir abgewimmelt. Nur damit ihr es nicht falsch versteht, wir fragten nicht nach einem Gästezimmer oder einem Platz vor dem Kamin, sondern nach einer Garage, einer Scheune, einer Gartenlaube oder irgendeiner Ecke in der wir vor Wind und Regen geschützt waren und unsere Isomatten ausbreiten konnten. Viele der Gefragten schoben Gründe vor, wie ‚kein Platz’ oder ‚keine Zeit’. Vor allem die Aussage ‚wir haben keine Garage’, hörten wir immer wieder und das obwohl wir die Garagen immer sehen konnten. Andere schickten uns für ihr gutes Gewissen zu ihren Nachbarn oder in andere Orte. „Périgueux ist nur noch 15km entfernt, da könnt ihr es doch versuchen!“ „Sorges ist nicht weit und ich habe gehört, da soll es sogar eine Pilgerherberge geben!“

Als ein Mann nach einem solchen Tipp auch noch mit einem langen Bambusrohr auf seinen Hund einschlug, der die ganze Zeit über neben uns gekläfft hatte, war ich mit meiner Freundlichkeit am Ende: „So ein verdammtes Arschloch!“ das gibt es doch nicht, wie kann ein Mensch nur so widerlich sein!“ schimpfte ich auf deutsch, noch eher wir außer Hörweite waren. Zuvor hatte ich den Mann einfach mitten im Gespräch stehen lassen. Heiko lachte aufmunternd und meinte: „Hey, ich glaub’s nicht, er hat es wirklich geschafft dich wütend zu machen! Ich hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe!“

Jetzt musste auch ich lachen. „Wenn er nicht der 20 Mensch gewesen wäre, den ich häute schon gefragt habe, dann hätte er es wahrscheinlich auch nicht geschafft.“

Langsam verlor ich die Hoffnung und mit jedem neuen gescheiterten Versuch wurde ich frustrierter. Wir waren nass und durchgefroren und es wurde immer dunkler. Die Nacht im Zelt und mit nassen Klamotten schien unausweichlich. Keine Aussicht, auf die wir uns besonders freuten, aber es war nun mal wie es war. Seit unserem ersten Versuch waren nun bereits vier Stunden vergangen und das einzige, was man uns angeboten hatte, war ein offener Verschlag mit Betonboden, der bedeutend weniger Schutz bot, als unser Zelt.

„Da!“ sagte Heiko plötzlich. „Ein Haus mit rauchendem Kamin, freilaufenden Hühnern und einem Wintergarten! Das ist unser Platz! Die nehmen uns auf, da bin ich mir sicher!“

Er sollte Recht behalten. Als ich auf das Haus zuging, kam mit bereits ein Mann entgegen. Zunächst bot er uns einen Platz in der Garage an, dann ein Abendessen und nachdem wir Stück für Stück ins Gespräch bekommen waren, durften wir unser Nachtlager sogar in der Küche aufschlagen.

Spruch des Tages: Alles was passiert, passiert zu meiner Unterstützung

 

Tagesetappe: 29 km

Gesamtstrecke: 1713,97 km

Bewertungen:

 
51
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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