Tag 833: Kalte Nächte

///Tag 833: Kalte Nächte

Tag 833: Kalte Nächte

Tag 833: Kalte Nächte

29.03.2016
Noch immer war es bewölkt und kalt. Noch ehe wir das Zelt abgebaut hatten, waren unsere Hände schon zu Eisklumpen gefroren. Wir verließen die Wiese und unsere kleine Ortschaft und machten uns wieder auf den Weg in die Berge. Noch einmal ging es gute 500 Höhenmeter nach oben, bis wir einen Ort namens Petra erreichten. Hier trafen wir auf eine ältere Dame, die zwar Englisch sprach, uns aber trotzdem nicht weiterhelfen konnte oder wollte. Auch Essen besäße sie nicht, meinte sie. Ob das stimmte oder nicht kann ich nicht sagen. Möglich wäre es hier sogar.
Drei andere Frauen, die am hinteren Ende des Dorfes in einem Garten saßen, reagierten hingegen etwas offener. Obwohl wir uns fast nur pantomimisch verständigen konnten, riefen sie den Pfarrer an und fragten, ob er uns helfen könne. Konnte er aber leider nicht. Sein Lösungsvorschlag bestand darin, dass wir noch einmal den ganzen Weg zurück nach Ioannina gingen und uns dort ein Hotel namen. Super Idee!

Wir setzten unseren Weg also fort, erreichten den Pass und wanderten auf der anderen Seite des Berges wieder in das Tal hinab. Hier waren die Orte sogar noch kleiner und die Aussicht auf einen Schlafplatz sank ins Bodenlose. Zelten konnten wir hier aber auch nicht, denn wir befanden uns auf einer Höhe von mehr als 1000 Metern und es war bereits jetzt eisig kalt. Die letzte Nacht war bereits grenzwertig gewesen und Heiko war sogar mehrfach frierend aufgewacht, obwohl er im Schlafsack all seine Kleider trug. Hier oben wurde es sicher noch einmal vier oder fünf Grad kälter. An einigen Stellen lag sogar noch der Schnee. Gemütlich würde es hier also kaum werden und ans Arbeiten im Freien war beim besten Willen nicht zu denken. Uns blieb also nur der Abstieg ins Tal. Langsam wurde uns eine Sache klar. In diesem Land hatte man keine Chance, wenn man versuchte, einen Schlafplatz zu finden. Man konnte nur die eigene Ausrichtung ändern und sich selbst von den Plätzen und den richtigen Leuten finden lassen. Italien war das Land der Initiative gewesen. Dort musste man sich um alles selbst kümmern und immer wieder bei den Leuten nachhaken, solange bis man Erfolg hatte. Hier galt das gegenteilige Prinzip. Man musste loslassen und vertrauen. Wenn es sein sollte, dann ergaben sich die Gelegenheiten. Wenn nicht, dann eben nicht. Ohne Gelassenheit, Vertrauen und Entspannung konnte man hier nur durchdrehen.
Auf halbem Weg ins Tal hinab fing es zu regnen an. Zuvor hatten wir einen alten Mann getroffen, der versuchte, ein Gespräch mit uns auf Deutsch zu beginnen, sich dabei aber leider nicht ausdrücken konnte. In der Hoffnung, wir würden es vielleicht nicht merken, sagte er deshalb immer wieder das Selbe, wodurch das Gespräch nicht gerade inspirierend wurde.

Mehr für dich:
Tag 1248: Wo ist der Wohlfühlfaktor?

s

Unten im Tal stießen wir dann wieder auf die Autobahn. Schön war es hier nicht gerade und langsam fürchteten wir, dass wir mit der Zeltplatzsuche hier schon wieder auflaufen würden. Doch unsere Ausrichtung ins Vertrauen hatte gewirkt. In einer Bar versuchte ich den Wirt um Rat zu bitten. Das brachte mich zwar nicht weiter, aber als ich gerade gehen wollte, kam ein älterer Herr zur Tür herein, der bereits draußen über Heiko gestolpert war. Er sprach gut Deutsch und wir kamen gleich ins Gespräch. Ohne das wir direkt danach fragen mussten, bot er uns am Ende einen Platz in seinem Keller an. Hier gab es eine separate Wohnung, die seit Jahren nicht genutzt wurde. Es roch ein bisschen schimmlig und der riesige Teppich, der mitten im Raum über alle Möbel gelegt worden war, war nicht besonders Hilfreich beim Einrichten, aber es war ein trockener Platz. Das Beste war jedoch, dass es hier vollisolierte Scheiben gab, die sämtlichen Autobahnlärm draußen hielten. Nur unser Abendessen fiel eher spatanisch aus. Es gab Käsebrote. Sonst nichts. Ich hätte nicht gedacht, dass mal eine Zeit kommt, in der ich keinen Schafskäse mehr sehen kann, weil ich mich damit überfressen habe.

Spruch des Tages: So richtig warm ist es hier doch noch nicht…

Höhenmeter: 70 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 14.764,27 km
Wetter: heiter bis wolkig, nachmittags immer wieder Regen
Etappenziel: Vereinsraum des Schachklubs, 50006 Komnina, Griechenland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Möchtest du mehr von uns lesen?

Mehr für dich:
Tag 346: Wintergeister

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »