Tag 599: Baden unterm Wasserfall

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Tag 599: Baden unterm Wasserfall

Tag 599: Baden unterm Wasserfall

Es ist nun genau eine Woche her, seit Paulina ihren ersten Fastentag verstreichen ließ, ohne zu fasten. Daher beschloss sie heute, einen zweiten Versuch zu starten. Sie wollte zwar nicht ganz auf´s Essen verzichten, dafür aber einen Obstfastentag einlegen, also einen Tag, an dem sie nichts isst außer Obst. An den letzten Tagen wäre das kein Problem gewesen, denn fast jede Straße war von Zwetschgenbäumen und Brombeersträuchern gesäumt gewesen. Doch heute war es anders. Als würde ein Fluch auf Paulina lasten wollte einfach kein Obstbaum kommen, der genießbare Früchte trug. Wenn wir hingegen nach etwas zu essen fragten, bekamen wir fast ausschließlich Brot und Käse. So wurde es letztlich ein recht mauer Tag, was das Essen anbelangte und wieder einmal merkte sie, wie groß der Suchtfaktor war.

Dafür bekamen wir jedoch etwas anderes geboten, das Paulina von ihrem Leid ablenkte und das nach den ruhigen und gleichklingenden Tagen ein wahres Highlight wurde. Etwa zwei Kilometer vor unserem Ziel gab es ein schmales Tal, in dem sich ein kleines Hotel und ein Wasserfall befanden. Das Hotel war leider nicht das Highlight, auch wenn wir uns sehr gefreut hätten, wieder einmal in einem Bett schlafen zu können. Doch im dazugehörigen Restaurant trafen wir nur einen jungen, leicht schielenden Mann an, der Englisch sprach und der seinen Chef fragen wollte, ob er bereit war, unser Projekt zu unterstützen. Dann saßen Paulina und ich eine knappe Viertelstunde im Restaurant und warteten, ohne das der Mann wieder auftauchte. Schließlich machten wir uns auf eigene Faust auf die Suche und fanden ihn auf der Terrasse, wo er mit zwei Kollegen quatschte.

„Es tut mir sehr leid!“ sagte er, „Aber mein Chef möchte nicht und auch wenn ich euch gerne unterstützen würde, kann ich ohne sein Einverständnis leider nichts tun.“

Als wir wieder im Freien waren berichtete uns Heiko jedoch, dass der Mann nur einmal ganz kurz telefoniert hatte, so kurz, dass es nicht ausreichte um irgendetwas zu erklären. Anschließend hatte er sich mit einigen Kollegen über uns lustig gemacht und hatte es dann ganz bewusst vermieden, wieder ins Restaurant zu gehen, in der Hoffnung wir würden vielleicht von alleine verschwinden. Was das Theater sollte weiß ich nicht, aber wir hatten das Gefühl, dass er sich selbst so unsicher war, dass er sich weder getraut hatte, seinen Chef wirklich zu fragen, noch uns die Absage zu überbringen.

Neben dem Hotel befand sich ein Swimmingpool und wenn man daran vorbei ging, kam man in eine enge Schlucht. Normalerweise musste man für die Besichtigung des Wasserfalls 1,50€ bezahlen, doch die junge Dame am Kassenhäuschen ließ uns so durch.

Zunächst waren wir etwas enttäuscht, denn der Wasserfall bestand nur aus einem kleinen Rinnsal, das von einem etwa 5 Meter hohen Felsen herunter fiel. Unten standen einige Touristen und posten mit ihren Kindern vor dem Felsen. Ein Vater kletterte mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm direkt oben auf den glitschigen Steinblock, so dass er direkt im Wasserstrahl stand. Etwas riskant war die Aktion schon, denn wenn er ausrutschte, konnte das seiner Tochter das Leben kosten, aber es ging alles gut.

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Wirklich interessant wurde es jedoch erst weiter unten. Hier fiel das Wasser in mehreren kleineren Becken herab und suchte sich seinen Weg zwischen den Baumwurzeln hindurch. Teilweise gab es sogar Versteinerungen, ähnlich denen in einer Tropfsteinhöhle, nur eben unter freiem Himmel.

Eines der Becken war gut erreichbar und hatte sowohl die Form als auch die Tiefe von einem Whirlpool. Es dauerte keine zwei Minuten, dann war Paulina mit einem lauten Platscher im Wasser verschwunden.

„Kommt rein!“ rief sie uns zu, „Das ist großartig!“

Unsere Badesachen hatten wir natürlich oben gelassen und so blieb uns nichts anderes übrig, als in Unterwäsche planschen zu gehen. Idealerweise hatte ich gerade heute, jene rosafarbene Unterhose an, die ich geschenkt bekommen hatte. Einige Kinder waren von unserer spontanen Badeaktion ebenfalls angedickt und wollten mitmachen, doch ihre Eltern zogen sie schnell wieder zurück und bedeuteten ihnen, dass sie weitergehen sollten. Ein Junge durfte nicht einmal hinschauen, weil sich eine Frau in dem Wasser befand. Dabei war Paulina die einzige von uns, die in voller Montur ins Becken gesprungen war.

So spaßig die Aktion auch war, lange hielten wir es dann doch nicht aus, denn die Temperatur des Wassers erinnerte leider ganz und gar nicht an einen Whirlpool. Dafür erkundeten wir die Wasserfälle noch bis ganz nach unten und stellten überrascht fest, dass sich niemand außer uns, die Mühe machte, so weit hinabzusteigen. Dabei hatten die anderen dafür doch sogar bezahlt. Und wie so oft, waren hier unten die Formationen, die das Wasser gebildet hatte am beeindruckendsten.

Um nach Gostilje zu gelangen mussten wir dann allerdings noch einmal ein ordentliches Stück bergauf. Paulina brauchte dafür fast eine halbe Stunde länger als wir und war nun vollkommen in ein Energietief geraten. Der Nahrungsentzug machte ihr deutlich mehr zu schaffen, als sie geglaubt hatte. Gar nicht einmal so sehr körperlich, aber viel mehr von ihrer Seele und ihrer Gefühlswelt aus.

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In der Zeit, die wir auf sie warteten, wurden Heiko und ich von einer Familie zum Essen eingeladen. Auch hier gab es heute einige große Familienfeste, für die ordentlich aufgetischt wurde. Es war eine Art Feiertag in Serbien oder zumindest in dieser Region, an dem sich die Familien versammelten und gemeinsam aßen. Später kam ich auf meiner Essensrunde noch zu einer weiteren Familienversammlung. Auffällig war, dass alle Männer, inklusive des 93 jährigen Großvaters, am Tisch versammelt hatten um gemeinsam Raki zu trinken und zu quatschen. Die Frauen hingegen waren im Haus, bereiteten das Essen vor und kamen nur, um den Männern Kaffee zu bringen.

Als Paulina schließlich kam, war sie geladen wie eine Silvesterrakete. Sie konnte es kaum mitansehen, dass wir hier saßen und aßen und wäre dabei beinahe geplatzt. Wir luden sie daher ein, zumindest den Teller mit Gurken und Tomaten zu essen, denn diese zählten zwar offiziell zum Gemüse, waren biologisch betrachtet aber eigentlich Obst. Gurken gehören immerhin in die gleiche Familie wie Melonen.

Für den restlichen Abend bekam Heiko ein Dumme-Sprüche-Verbot auferlegt, das ihm jedoch noch schwerer zu schaffen machte, als Paulina der Nahrungsentzug. Ein Power-Workout war dementsprechend heute nicht mehr drin, aber stattdessen schafften wir es immerhin unsere Reaktivierungsübungen zu machen.

Durch das präsente Thema mit Paulinas Esssucht kam Heiko am Abend noch eine neue Erkenntnis zum Thema Süchte im Allgemeinen.

Wie wir ja bereits festgestellt haben, besteht das ganze Universum eigentlich aus Liebe. Somit ist Liebe auch alles, was wir zum Leben brauchen, da es ja eh nichts anderes gibt. Nun vergessen wir jedoch bereits als kleine Kinder, dass auch wir ein Teil der Schöpfung und somit auch ein Teil der Urquelle allen Lebens sind. Auch wir bestehen also aus Liebe und sind stets mit allem verbunden, so dass wir immer alles haben, was wir zum Leben brauchen. Ohne dieses Wissen fühlen wir uns jedoch von der Liebe und damit von der Lebensenergie abgeschnitten und haben Angst, dass wir an einem Liebeshunger sterben. Deshalb suchen wir uns Liebessymbole wie beispielsweise Nahrung, Alkohol, Nervenkitzel, Zigaretten oder Sex, von denen wir glauben, dass sie unseren Liebeshunger stillen können. Da alles Liebe ist, sind natürlich auch diese Liebesstellvertreter aus Liebe, so dass es die Strategie wirklich funktioniert. Wir suchen uns die jeweiligen Stellvertreter aufgrund von Verknüpfungen in unserer Kindheit aus, beispielsweise, weil wir mit Essen belohnt wurden oder weil unser Vater glücklich gewirkt hat, wenn er gesoffen oder gespielt hat. Durch diese Verknüpfungen glauben wir dann, dass diese Form der Liebe die einzig funktionierende oder zumindest die wichtigste ist. Wir glauben, dass wir nicht mehr darauf verzichten können, dass wir nur überleben, wenn wir diese Form der Liebe immer zur Verfügung haben. Ohne diese Form der Liebe sterben wir. Es sei denn, wir haben mehrere Süchte, dann glauben wir, diesen Liebescocktail zu benötigen, um leben zu können. Das ist uns vielleicht nicht bewusst und wir glauben nicht unbedingt mit dem Verstand daran. Doch wenn wir einen Entzug durchmachen, erleiden wir dabei Symptome, die auch bei einer Todesangst auftreten. Wenn wir die Sucht wirklich auflösen und nicht nur trockenlegen wollen, dann müssen wir uns wieder daran erinnern, dass wir selbst ein Tropfen des göttlichen Ozeans sind, dass wir also genau wie alles andere auch aus Liebe bestehen und dass sie in jeder Form immer allgegenwärtig ist.

Wir sind also nicht auf unseren Suchtstoff angewiesen sondern können die Lebensenergie aus allem beziehen, egal ob wir eine Blume betrachten, Sonne tanken oder einfach nur ruhig dasitzen und atmen. Wichtig ist natürlich, dass wir uns wirklich bewusst sind, dass wir dadurch Energie gewinnen. Wenn wir nicht daran glauben, kann es nicht klappen, weil wir den Zugang verweigern. An eine Energieaufnahme durch die Sonne zu denken hilft nicht. Es ist das gleiche, also wollte man munter werden, weil man an Schlaf denkt oder als wollte man sich dadurch sättigen, wenn man an Essen denkt. Man muss der Energie den Zugang zum eigenen Organismus erlauben und darin liegt die Schwierigkeit. Doch man kann ja auch mit einfachen Dingen beginnen und seine Liebesenergie zumindest einmal von Quellen beziehen, die wirklich nährend sind und durch die wir unserem Körper etwas gutes tun. Es muss nichts schädigendes sein.

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Spruch des Tages: Eine Praline, die man nicht essen wollte, zählt nicht als Praline. Diese Entdeckung stammt aus dem gleichen Bereich kulinarischer Physik, in dem es heißt, dass im Gehen verspeiste Nahrungsmittel keine Kalorien enthalten. (Terry Pretchet)

Höhenmeter: 600m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 10.520,27 km

Wetter: bewölkt

Etappenziel: Zeltplatz in einem Kiefernwald, Njegovuda, Montenegro

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Patrick 16. September 2015 at 8:06 - Reply

    Oh je, die Arme wird ja nach der Strecke gaenzlich unterzuckert gewesen. Past gut auf Euch auf.

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