Tag 99: Vorverlegte Ostern

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Tag 99: Vorverlegte Ostern

Tag 99: Vorverlegte Ostern

Noch 1 Tag bis zum 100tägigen Jubiläum unserer Weltreise!

 

Das letzte Stück bis nach Saint Sever hatte es in sich. Nachdem uns der Weg den ganzen Tag lang durch die Ebene geführt hatte, mussten wir nun so steil den Berg hinauf, dass ich Angst hatte, der Wagen würde mich einfach wieder zurück nach hinten ziehen. Es war ein gewundener, steiler Kiespfad, der zwischen zwei Steilhängen nach oben führte. Links stand ein zerbrochenes Kreuz mit einem erschöpft dreinblickenden Jesus daran. „Na toll!“ fluchte Heiko ironisch, „Da kämpft man sich diesen Steilhang hier hinauf und dann bekommt man nicht einmal ein ganzes Kreuz!“

Doch die Anstrengung lohnte sich. Saint Sever war ein kleines verschlafenes Mittelalterstädtchen mit einer mittelmäßig beeindruckenden Kirche und einem schönen, alten Rathaus. Noch wichtiger war allerdings, das Postamt. Es war zwar keine Sehenswürdigkeit, doch es war jenes Postamt, das wir als Zieladresse für unsere neuen Schuhe ausgewählt hatten. Da es sich Heiko nachdem er seinen Job als Architekturfotograf beendet hatte, auf einer Parkbank bequem gemacht hatte und kurz davor war einzuschlafen, schlappte ich ohne ihn zur Post hinüber. In Frankreich gab es die äußerst praktische Möglichkeit, ein Paket mit seinem eigenen Namen darauf direkt an ein Postamt zu schicken und „Bleibt auf der Post“ darauf zu schreiben. Wenn es eintraf hatte man 14 Tage Zeit um es abzuholen, danach Wurde es wieder zum Sender zurückgeschickt. Als ich die Post betrat, sah ich unser Paket bereits an der Wand stehen. Oft wurde dieser Service offenbar nicht in Anspruch genommen, denn es war das einzige Paket das es hier gab. In großen Buchstaben stand dick und fett „GÄRTNER“ darauf. Ich erklärte der Dame mein Anliegen so gut ich es auf französisch konnte und fügte dann hinzu: „Das Paket ist an meinen Freund adressiert, aber der liegt draußen faul in der Sonne, ist das ein Problem?“

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Sie schüttelte den Kopf, ließ sich Heikos und meinen Pass sowie eine Unterschrift geben und überreichte mir das Paket. „Viel Spaß und gute Reise!“ sagte sie dann und wir verabschiedeten uns.

Zurück auf dem Marktplatz gab es nun erst mal ein ordentliche Osterbescherung! Passend dazu hatten wir am Vormittag ein ganzes Rudel an Kaninchen über eine Wiese hoppeln sehen und jetzt durften wir unsere verfrühten Ostergeschenke auspacken. Diesmal wurden wir nicht enttäuscht. Jeder von uns bekam ein Paar passende und strahlendblaue, neue Schuhe von Keen und dazu passende Einlegesohlen. Mit strahlendblau meine ich übrigens wirklich strahlendblau. Unsere Schuhe leuchten regelrecht in der Sonne und man sieht sie sogar bei jedem Schritt aus den Augenwinkeln, auch wenn man gerade nach vorne schaut. Außer den Schuhen enthielt das Paket noch eine ordentliche Portion Schokolade, vier original bayrische Weißwürstel, einige andere Wurstspezialitäten aus der Heimat und die letzten, noch fehlenden Bauteile um unseren Flaschenhalter am Wagen zu installieren. Danke an dieser Stelle an Heikos Eltern, die uns dieses tolle Osterpaket zurecht gemacht haben! Und Danke an Keen natürlich auch!

So ausgestattet suchten wir uns unseren Schlafplatz im Gemeindehaus und rüsteten unsere Wagen mit den praktischen Wasserspendern aus.

Keinen Tag zu früh, denn heute begann es hier wirklich sommerlich zu werden. Im Schatten haben wir noch immer gute 23°C und in der Sonne war es zeitweilig so heiß, dass wir fast zerflossen wären. Viel zu trinken war also eine absolute Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Wanderung. Mit Saint Sever verließen wir heute auch den Jakobsweg für’s erste. Unser Wanderführer und auch der Voie de Vézeley, der hier ausgeschrieben ist, führen weiter nach Saint Jean Piet de Port, wo sie die Pyrenäen überqueren. Von dort verläuft der Weg weiter quer durch Nordspanien bis nach Santiago de Compostela. Dies ist die Hauptrute, die auch Hape Kerkeling gewandert ist und die Heiko bei seinem Steinzeitprojekt gewählt hat. Dieses Mal haben wir uns jedoch für den Kamino del Norte, den Küstenweg entschieden und um zu diesem zu gelangen, müssen wir uns ab hier querfeldein bis nach Saint Jean Luz durchschlagen.

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Dass der Zeitpunkt zum verlassen des Jakobsweges gut gewählt war, merkten wir bereits wenige Meter hinter der Stadt. Hier gaben die Häuser den Blick auf die Tiefebene nach Süden frei. Am Ende der Ebene ragten monomental und alles überragend die Pyrenäen in den Himmel. Bis weit in die Täler hinein waren sie durchgängig mit Schnee bedeckt und wirken dadurch absolut unüberwindbar.

Nach Westen hingegen erstreckte sich eine weitläufige Tiefebene ohne beeindruckende Berge im Weg. Die Entscheidung, in die zweite Richtung zu gehen, schien also nicht dumm zu sein.

„Siehst du da hinten, diesen kleinen Einschnitt zwischen dem ganz hohen Gipfel und den drei kleineren?“ fragte Heiko und deutete auf die Bergmassive.

„Ja!“ antwortete ich.

„Wenn mich nicht alles täuscht, ist das der Pass über den der Weg bei Saint Jean Piet de Port verläuft.“

„Der ist ja komplett weiß!“ stellte ich fest.

„Genau! Das wär ein ordentlicher Spaß geworden, wenn wir da mit unseren Wagen hätten durchschlappen sollen!“

„Ich bin grad ein totaler Fan vom Meer!“ bemerkte ich mit einem breiten Grinsen. „Auch wenn die Berge aus dieser Perspektive wirklich majestätisch aussehen!“

Dass wir auch am Meer den Pyrenäen nicht ganz ausweichen können und dass dieses Bergmassiv hinter der spanischen Grenze komplett an der Küste entlang verläuft, verdrängten wir in diesem Moment vorsichtshalber. Darüber können wir uns dann Gedanken machen, wenn es soweit ist. Fürs erste folgen wir nun einem gut ausgebauten und ebenso gut markierten Fahrradweg, der wieder einmal entlang einer alten Bahnstrecke verläuft. Er ersparte uns nahezu jede Anstrengung. Für die Bahn hatte man Brücken gebaut, Flächen eingeebnet und Vertiefungen ausgehoben, so dass die Strecke mit wenigen Ausnahmen absolut eben verlief. Vor ein paar Tagen waren die Bäume und Sträucher alle noch weitgehend kahl gewesen. Nun aber wanderten wir durch einen Dschungel aus frischem Grün, dass uns fast wie ein Tunnel umschloss.

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In Mugron verließen wir den Weg und schauten uns nach einer Herberge um. Der Pfarrer war ein lustiger kleiner Mann, der so schnell plapperte, dass ich ihn kaum verstehen konnte. Er bot uns einen Raum mit Badezimmer an und ließ uns bei sich im Haus duschen. Zum Abendessen dürfen wir wieder einmal in ein Altenheim gehen.

Spruch des Tages: Das Beste, was wir auf Erden tun können ist: Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen (Don Bosco)

Tagesetappe: 18,6 km

Gesamtstrecke: 2030,57 km

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Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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