Tag 1007: Giftiger Wein

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Tag 1007: Giftiger Wein

Tag 1007: Giftiger Wein

21.09.2016

Das Gasthaus zum grünen Jäger spendierte uns noch ein Frühstück. Außer uns waren es vor allem die Arbeiter für den Autobahnbau, die zurzeit hier übernachteten, doch die waren bereits alle schon wieder auf Achse. Wir hatten den Frühstücksraum also für uns alleine.
Frisch gestärkt und trotzdem müde machten wir uns auf die Socken, die vom Waschen am Vortag noch immer etwas feucht waren. Warm war es heute nicht, zumindest nicht am Morgen. Man merkte immer mehr, dass es langsam Herbst wurde. Viele Blätter lagen schon am Boden und der Himmel war nun von dicken Wolken überzogen. Hin und wieder brach die Wolkendecke auf und dann wurde es für einige Minuten so warm, dass man sofort wieder ins Schwitzen kam. Kaum hatte man Jacke und Unterhemd aber ausgezogen, wurde es wieder kalt.

Doch nicht nur das Wetter wechselte sich, auch das Land und die Leute. Wir liefen nun mit großen Schritten auf Wien zu und je näher wir der österreichischen Hauptstadt kamen, desto mehr ging der ländlich idyllische Charme des Weinviertels verloren. Die Region nannte sich nun Waldviertel, wenngleich man sehr wachsam sein musste, um hin und wieder einmal irgendwo einen Wald zu sehen. Dafür häuften sich nun die großen Straßen und Autobahnen, was natürlich auch kein Wunder war. Wir befanden uns nun an einem der absoluten Knotenpunkte von Österreich. Drei Mal kreuzte der Wanderweg eine Autobahn, ich denke das sagt einiges. Dafür jedoch schlengelte sich der Radweg wahrhaft gekonnt durch das Verkerhrsnetz, so dass wir fast immer mitten in den Feldern unterwegs waren. Seit wir Österreich betreten hatten, nannte sich der Greenway nun „Euro-Velo 9“ und hier gab es sogar Fahrradstraßen, die extra für diesen Weg angelegt worden waren.

Als wir einen Platz in der Mitte eines Feldes fanden, der von allen Autobahnen im Umkreis so weit entfernt war, wie nur möglich, machten wir eine Pause. Eigentlich hätten wir einige Weintrauben essen wollen, die wir am Morgen von einer Rebe stibitzt hatten. Doch als wir sie uns nun aus der Nähe betrachteten, stellten wir fest, dass eine dicke Schickt Spritzmittel auf ihnen klebte. Es wirkte fast, als hätte man sie mit einem feinen Mehl eingerieben, wobei die Kruste jedoch teilweise leicht ins Bläuliche ging. Wir wischten sie so gut wie möglich ab und probierten ein oder zwei der Trauben, doch sofort bekamen wir davon eine taube, pelzige Zunge. Wie konnte das sein? Vor zwei Jahren hatten wir in Spanien unzählige Trauben direkt von den Plantagen gegessen und es hatte nichts ausgemacht. Dabei sagt man es ja eigentlich eher den Spaniern nach, dass ihre Finger am Abzug der Spritzmittelpistole besonders locker sitzen. Niemals hätten wir gedacht, dass die Österreicher was das anbelangt so viel krasser sind. Eigentlich sind es doch gerade die Bewohner der deutschsprachigen Länder, denen man eine so große Nähe zur Umweltverträglichkeit zuschreibt. Davon merkt man hier leider nur wenig. Besonders bestürzend finde ich dies, da das ganze Land so unglaublich Stolz auf seinen guten Wein ist. Wein ist hier nicht nur ein Getränk von dem man bau wird. Es ist ein Kulturgut, nachdem sich teilweise das ganze Leben ausrichtet. Und trotzdem wird er so arg mit chemischen Pestiziden vergiftet, dass man ihn nicht einmal mehr unvergoren Essen kann, ohne davon Kopfschmerzen zu bekommen. Selbst der Probierpfad mit unterschiedlichen Weinsorten, der in einer der kleinen Ortschaften an der Straße angelegt worden war, damit die Besucher die Unterschiede erschmecken konnten, war so sehr gespritzt worden, dass man eine dicke, milchige Schicht darauf erkennen konnte. So besonders werbewirksam erschien uns das nicht, wenn man bedachte, dass der Probierpfad eigentlich dafür gemacht worden war, bei den Gästen die Lust auf Wein zu wecken.

Unser heutiger Zielort hieß Stammersdorf und gehörte schon direkt zu Wien. Von hier aus waren es nun nur noch 15km bis in die Innenstadt. Wir würden morgen jedoch die andere Richtung einschlagen und in Richtung Klosterneuburg wandern, denn noch dichter an die Großstadt als jetzt wollten wir auf keinen Fall. Bereits hier reichte uns der Trubel schon. Es waren nur wenige Stunden, in denen es nach der Ruhephase der letzten Tage wieder laut und hektisch wurde, doch man spürte sofort, dass es etwas mit einem machte. Die innere Unruhe wurde wieder stärker und sogar beim Gehen spürten wir, dass wir schneller und unausgeglichener wurden. Zum Übernachten bekamen wir einen Platz im Pfarrhof. Der große Saal war gestern frisch geölt worden, weshalb wir einen kleinen Nebenraum bekamen. Draußen im Hof war gerade Pfadfindertreff. Ein älterer Herr spielte mit den Kindern ein Gruppendynamisches Spiel, bei dem Sie immer wieder zu Salzsäulen erstarren mussten. Es war ein Spiel, das wir aus unserer eigenen Zeit als Pädagogen nur allzu gut kannten. Schon merkwürdig, wie fremd einem all dies geworden ist.

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Spruch des Tages: So edel, dass man ihn nicht totspritzen würde, ist dieser Tropfen dann wohl auch wieder nicht.

Höhenmeter: 22 m
Tagesetappe: 46 km
Gesamtstrecke: 18.427,27 km
Wetter: bewölkt und trübe, gelegentlich leichter, am Abend starker Regen
Etappenziel: Gasthof, 2km hinter 4100 Ottensheim, Österreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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