Tag 157: Auf dem Pilger-Highway nach Santiago

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Tag 157: Auf dem Pilger-Highway nach Santiago

Tag 157: Auf dem Pilger-Highway nach Santiago

Der Wind zerrte und rüttelte an unserem Zelt, als wäre es ihm persönlich ein Dorn im Auge, den es auszureißen galt. Doch im Inneren hatten wir es warm und trocken. Wieder einmal waren wir fasziniert von unserem kleinen mobilen Haus. Seine Wände waren keinen Viertelmillimeter dick und doch wärmte es so gut, dass uns nach kurzer Zeit fast zu warm wurde. Um den Bericht ins Internet einzustellen wanderte ich ein kleines Stück zurück in den Ort und bat dort in der ersten Herberge auf dem weg um den w-LAN-Schlüssel. Die Dame am Empfang kannte mich bereits, weil ich kurz zuvor um einen Schlaflatz gebeten hatte. Sie hatte so ein schlechtes Gewissen, dass sie uns abgelehnt hatte, dass sie mich fast nicht arbeiten lassen konnte. „Ich bin hier nur angestellt und wenn mein Chef nein sagt, dann kann ich leider nichts machen. Er wird mich kündigen und ich habe eine kleine Tochter, die ich ernähren muss!“ sagte sie zur Entschuldigung. Ich versicherte ihr, dass es kein Problem sei und das wir einen tollen Zeltplatz gefunden hatten, doch ihr war es noch immer unangenehm. Sie zeigte mir ein Bild ihrer Tochter und wollte alles über unser Projekt und unsere Reise wissen. Ich zeigte ihr schließlich sogar ein Video von einem Kontaktjonglage-Künstler um zu erklären, was wir gerade trainierten. Sie war so fasziniert, dass sie ihren Chef erneut anrief, um ihm davon zu erzählen. Dieser blieb eher nüchtern und konnte nicht verstehen, warum seine Angestellte ihn wegen irgendeines You-Tube-Videos belästigte, dass irgendein dahergelaufener Pilger gezeigt hatte. Ihrer Begeisterung tat dies jedoch keinen Abbruch. Sie erzählte mir auch, dass sie gerne viele Sprachen lernen wollte, um sich besser mit Menschen aus anderen Ländern verstehen zu können. „Die Spanier sind keine netten Menschen!“ sagte sie, „Sie sind so verschlossen im Geist und so Engstirnig. Das ist in anderen Ländern anders!“ So ungern ich es auch schreibe, so muss ich doch sagen, dass ihre Aussage mit vielen unserer Erfahrungen übereinstimmte. Es war schon hart, das noch einmal von einer Spanierin zu hören, die in einer Herberge arbeitete und dort täglich Kontakt zu Menschen aus aller Herren Länder hatte.

In der Nacht begann es dann heftig zu gewittern und der Regen prasselte laut auf unser Zelt. Die letzten Tage vor Santiago ließ das Wetter noch einmal alles aufspielen, was es im Petto hatte. Als wir am Morgen aufbrachen, war fast unsere ganze Ausrüstung nass oder zumindest klamm. Getrocknet war in der Nacht nichts, auch nicht unsere Socken. Meine Füße waren am Abend so aufgequollen gewesen, als gehörten sie zu einer Wasserleiche. Jetzt ging es ihnen wieder besser, doch wenn ich einen weiteren Tag in nassen Schuhen umherlief, dann würde ihnen das bestimmt nicht gut tun.

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Nachdem wir von unserer Wiese auf eine kleine Seitenstraße und von dort auf den Hauptpilgerweg eingebogen waren, begann die Pilgerautobahn. Wir hatten keine Wahl, wir mussten uns in den Fasching einreihen und ein Teil davon werden. Die Pilgermasse hatte uns geschluckt und der Strom trieb uns mit sich, wie zwei Schaumkronen auf einer stürmischen See.

Doch die Pilgerflut hatte auch etwas Positives. Es dauerte nicht lange und wir hatten die ersten zwei Pilgerinnen kennengelernt, die wir mochten und mit denen wir gemeinsam weiterwanderten. Beide waren Anfang 20 und sie hatten sich auf dem Jakobsweg kennengelernt. Eine von ihnen kam ebenfalls aus Deutschland, die andere stammte aus Australien. Wir gingen zunächst zu viert und dann in zwei Zweiergruppen weiter, bis wir an eine überfüllte Pilgerbar kamen. Hier beschlossen wir gemeinsam, dass es nun Zeit für ein Frühstück war. Außerdem reizte es mich herauszufinden, ob man auch inmitten dieses Faschings noch etwas umsonst bekommen konnte. Ich wurde positiv überrascht. Wir bekamen zwei frische Bocadillos, die sogar besser schmeckten als viele, die wir zuvor gegessen hatten. Gerade als wir uns ins Freie vor die Bar setzen wollten, fing es an zu regnen. Es war der erste von drei heftigen Regenschauern an diesem Tag, denen wir um Haaresbreite entkommen konnten. Wir stellten einen Tisch unter das ohnehin schon überfüllte Vordach und machten es uns dort gemütlich. Außer den beiden jungen Damen gesellte sich jetzt noch Pia zu uns, eine Österreicherin, die unsere beiden Mädels ebenfalls kannte. Sie hatte die letzten 8 Monat einen europäischen Freiwilligendienst in Rumänien gemacht und war nun gemeinsam mit ihren Eltern auf dem Jakobsweg unterwegs. Zumindest teilweise, denn die Familie splittete sich immer wieder auf, so dass jeder seinen eigenen Weg gehen konnte. Später trafen sie sich dann wieder, um gemeinsam weiterzuziehen oder um sich auszutauschen und dann erneut zu trennen.

In der Zeit, die wir an unserem Tisch vor der Bar verbrachten, sahen wir mehr Pilger vorüberziehen, als auf dem gesamten bisherigen Weg von Neumarkt bis gestern Abend. Von der Barbesitzerin erfuhren wir, dass hier im Schnitt pro Tag mehr als 300 Pilger vorbeikamen. Und es war nicht einmal Hauptsaison! Mindestens die Hälfte der Wanderer machte ein Foto von uns und/oder unseren Wagen, die sofort als ultimative Touristenattraktion erkannt wurden. Hätten wir für jedes Foto einen Euro bekommen, hätten wir auf jeden Fall für das nächste Jahr ausgesorgt.

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Unsere kleine Pilgerherde bestand nun also aus fünf Personen, wobei auch wir uns immer wieder aufsplitteten und dann wiedertrafen. Gerade als wir eine kleine Bar erreichten, fing es erneut an zu schütten. Diesmal war es so heftig, dass man kaum mehr unter dem Dach hervorschauen konnte, unter das wir uns gerettet hatten. Zum Glück hatte uns der Barkeeper mit zwei Packungen Chips versorgt, so dass wir nun im Trockenen das Wildniskino richtig genießen konnten.

Als es wieder aufgehört hatte, zogen wir weiter. Pia und die Australierin baten uns darum, einmal unsere Wagen ziehen zu dürfen. Es war klasse, dass wir mit der Erfüllung dieses Wunsches, jemanden so glücklich machen konnten, denn es bedeutete auch, dass wir für einige Kilometer kein Gepäck an unserer Hüfte hängen hatten. Nur als der Weg zu holprig und uneben wurde, mussten wir die Wagen wieder an uns nehmen, um kein Kentern zu riskieren.

Kurze Zeit später begann es erneut zu regnen und wieder fanden wir ein kleines Dach zum Unterstellen. Bei der Aktion gingen uns leider die beiden Mädels verloren und wir waren nur noch zu dritt. Mit Pia sprachen wir lange über ihre Zukunftspläne. Auf der einen Seite war sie sich sicher, dass ihr Weg sie nicht in einen „normalen“, gesellschaftlichen Beruf führte. Auf der anderen Seite wusste sie aber auch noch nicht, welche Alternativen sie hatte.

Schließlich erreichten wir Pedrouzo, den Ort, an dem Pias Eltern eine Herberge gebucht hatten. Der Ort lag nicht direkt am Weg, sondern ein Stückchen abseits und so liefen wir zunächst daran vorbei, bis uns ein anderer Pilger auf den Irrtum aufmerksam machte. Im Ort selbst gab es mehr als 25 verschiedene Herbergen, Hotels und Pensionen, von denen die meisten bereits wieder ausgebucht waren. Ich fragte in jeder einzelnen nach einem Schlafplatz, doch keiner wollte etwas von uns wissen. Weder die Mönchsmasche zog hier, noch die Aussicht auf Werbung in deutschen Medien oder auf unserem Blog. Das war auch kein Wunder, denn als Pilger war man hier nicht im geringsten eine Besonderheit und Werbung benötigte auch niemand. Auch der Pfarrer hatte keinen Platz für uns. Dafür gab er uns jedoch etwas Geld, damit wir uns einen Herbergenplatz kaufen konnten. Eine Weile spielten wir mit dem Gedanken, doch dann entschieden wir uns wieder für unser Zelt. Die Chefin einer kleinen Herberge erlaubte uns, unser mobiles Haus auf der Wiese vor ihrer Herberge aufzubauen. Klobenutzung war dabei jedoch nicht inbegriffen. Pia half uns beim Zeltaufbau und aß anschließend mit uns zu Abend. Als Veganerin war die Auswahl für sie nicht ganz so groß, denn wir hatten Brot mit Wurst, Senf und Oliven. Doch es war schön zu teilen und wir waren eine lustige Runde. Auch der Regen konnte unsere Stimmung nicht vermiesen. Später gingen Heiko und sie noch in den Ort, um ein paar Fotos zu machen und um die Herberge ihrer Eltern zu suchen. Dabei entdeckten sie in einer Garage einen Gitarrenspieler, der wahre Wunderwerke auf seinem Instrument vollbrachte. Später erfuhren sie, dass er sich das Spielen selbst beigebracht hatte und dass er ein vollständiges Gehör besaß. Er konnte also hören, wie sich Klänge zu Melodien ordneten, ohne dabei eine Struktur zu lernen. Seine Finger rannten so schnell und so ungewöhnlich über die Seiten, dass es mit nichts vergleichbar war, dass Heiko je zuvor in Verbindung mit einer Gitarre gesehen hatte.

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Nun bricht die Nacht herein, knapp 20 Kilometer vor Santiago. Morgen werden wir das berühmteste Pilgerziel der Welt erreichen. Dann wird dieses Kapitel unserer Weltreise abgeschlossen sein und die Zeit für etwas neues wird beginnen. Noch einen Tag! Nur noch einen!

Spruch des Tages: Das Ende des Weges ist erst der Anfang! (Spruch auf einer Mülltonne am Wegesrand)

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe 18,9 km

Gesamtstrecke: 3149,97 km

Bewertungen:

 
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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Sandra 9. Juni 2014 at 13:48 - Reply

    Hey Jungs,

    Schön zu sehen dass Ihr auch ein Stück mit Pia gegangen seid, das sind wir auch!

    LG

    Sandra

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 24. November 2019 at 15:47 - Reply

      Wow ist das schon lange her, ich hoffe es geht dir gut in deinem Tiny Home. Welche Erfahrungen hast du denn in deinem neuen Haus gemacht?

      Herzliche Grüße

      Heiko

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