Tag 223: Spanische Nächte

///Tag 223: Spanische Nächte

Tag 223: Spanische Nächte

Tag 223: Spanische Nächte

 

Bei allen Möglichkeiten, die es in Chamartin für eine Übernachtung gab, war der verlauf der Dinge, wie er sich letztlich entwickelte auf seine Art der kurioseste. Der Pfarrer, dessen beruf es war, sich um die Menschen zu kümmern, lehnte uns ab, obwohl er selbst nicht einmal einen Handschlag hätte tun müssen. Er hätte den Nonnen lediglich eine Anweisung geben müssen und schon wäre die Sache geritzt gewesen. Ähnlich war es mit dem Bürgermeister, der alle öffentlichen Gebäude des Ortes zur Verfügung hatte und der nichts anderes hätte tun müssen, als irgendjemandem den Auftrag zu geben uns eine Tür zu öffnen. Die Nonnen selbst hatten sich der Nächstenliebe verschrieben und lebten zu dritt in einem großen Haus, in dem es sogar ein Gästezimmer gab. Doch sie sahen nicht ein, warum sie einen Handschlag tun sollten, wo es doch kein anderer machte. Derjenige, der uns am Ende zu sich einlud, der uns seine Tür öffnete und sagte, wir sollen uns wie zu hause fühlen, derjenige, der uns anbot auf der Couch zu schlafen, weil sein Bett länger und breiter war, so dass man zu zweit darauf liegen konnte, derjenige, der minutenlang im Haus herumlief, um zu sehen ob er uns nicht noch mehr an Zutaten für unser Mittagessen zur Verfügung stellen konnte, als er es eh schon gemacht hatte, dieser Mann, war der mit dem kleinsten Haus im ganzen Ort. Er war der, der selbst am wenigsten besaß, der sich ein paar Quadratmeter mit einem kleinen Hund teilte und der sich bewusst hierher zurückgezogen hatte, um sein Glück in der Einfachheit und der Abgeschiedenheit zu suchen. Jeder hat gute Gründe, so zu reagieren, wie er reagiert und ich will das hier nicht bewerten. Aber es ist doch auffällig oder?

Der kleine Hund hieß William Wallace, so wie der Held aus Mel Gibsons „Brave Heart“ und der kleine Racker hatte tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem sagenumwobenen Hünen. Nicht unbedingt von der Statur oder von der Ausstrahlung, denn der kleine Vierbeiner war ein richtiger Schoßhund, aber wenn er wollte, dann konnte er auch ganz schön wild werden. Vor allem dann, wenn er irgendwo Kokosöl schnupperte. William stand auf unser Sonnenöl wie ein Alkoholiker auf einen guten Scotch und schleckte an unseren Armen und Beinen was das Zeug hielt. Er war gar nicht mehr abzuschütteln und bekam richtige Rauschzustände.

Am Abend kam Lidia vorbei und lud uns erneut auf ein Getränk in der Bar ein. Wir folgten ihrer Einladung und wenig später saßen wir gemeinsam mit ihr, Antonio, zwei weiteren Männern, einer weiteren Frau und einem Kind im Garten der Bar. Vor der Tür auf der anderen Seite saßen rund 12 Jugendliche und Kinder, die alles bejubelten, was auf der Straße passierte. Jedes vorbeifahrende Auto, jeder Spaziergänger, der den Zebrastreifen passierte, jeder Fahrradfahrer und natürlich auch wir wurden mit tosendem Applaus und Jubelrufen kommentiert. Viele Highlights schien es in diesem Ort für Kinder also nicht zu geben.

Bis um etwa 23:00 Uhr saßen wir gemeinsam hinter der Bar an einem Tisch und quatschten. Tiefe Gespräche kamen nicht auf und die meiste Zeit über redeten mindestens drei Leute gleichzeitig, so dass ich wirklich Mühe hatte, etwas zu verstehen. Es war schade, denn jeder einzelne unserer neuen Bekannten war wirklich ein toller Mensch. Lidia arbeitete in Madrid in einem Laden für Schuhe, Koffer, Gürtel und andere Gebrauchsgegenstände. Ihren Urlaub verbrachte sie gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Kindern hier im Haus ihrer Eltern. Sie sagte es nicht direkt, aber es wurde mehrfach im Gespräch deutlich, dass auch sie den Ablösungsprozess in ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben noch nicht geschafft hatte. Ich glaube langsam, dass es ein international extrem häufiges Lebensthema ist, dass wir deutlich stärker durch unsere Eltern beeinflusst und vom Lebensweg abgebracht werden, als es uns bewusst ist. Und zwar von beiden Seiten, denn ich glaube, dass es weder den Eltern noch den Kindern bewusst ist. Das Problem liegt denke ich darin, dass wir uns Sorgen machen. Wir empfinden es als ganz natürlich, dass Eltern Sorgen um ihre Kinder haben und wir glauben sogar, dass es kaltherzig wäre, sich diese Sorgen nicht zu machen. Aber bedeutet ‚Sich sorgen machen’ nicht immer auch, dem anderen und vor allem dem Leben und der Schöpfung nicht zu vertrauen? Wenn es stimmt, dass wir unsere eigene Welt durch unsere Gedanken und Gefühle, die wir nach außen senden, erschaffen, dann bedeutet es auch, dass wir mit Hilfe von Sorgen Leid anziehen. Dies ist der Magnetismus des Universums. Positive Gedanken ziehen positive Situationen in unser Leben. Sorgen und Zweifel, ziehen mehr Gründe in unser Leben, uns sorgen zu machen und an uns zu Zweifeln. Ich kenn das nur zu gut, denn in der letzten Zeit passiert es mir immer wieder, dass ich das Vertrauen verliere und sorgenvoll in die Städte ziehe, in der Angst, dass ich heute nichts auftreiben werde. An diesen Tagen ist es tausendmal schwerer als an anderen. Klar ist es nicht einfach die Sorgen und Ängste über Bord zu werfen und zu sagen: „Ab heute vertraue ich bedingungslos in das Leben“. So einfach ist es nicht. Aber ich denke, dass wir uns der Wirkung, die diese Sorgen uns Ängste auf unser eigenes Leben und das unserer Liebsten haben bewusstwerden müssen, wenn wir ihnen und uns ein freies, glückliches, zufriedenes und erfolgreiches Leben ermöglichen wollen.

Die zweite Frau am Tisch war die Mutter des kleinen Jungen und das ist auch so ziemlich alles, was ich über sie weiß.

Der zweite Mann hieß Pedro uns war der jüngste von 8 Kindern. Seine Eltern und seine beiden ältesten Geschwister waren bereits verstorben und er lebte seither im Haus seiner Eltern. Das Haus gehörte seiner Schwester, die es ihm jedoch zur Verfügung stellte, da er selbst mit der Wirtschaftskriese in eine Missliche Lage geraten war. Die anderen zogen ihn ziemlich damit auf, dass er sein Leben nur mit Kaffee, Zigaretten uns Fernsehschauen ausfüllte. Er hatte vor Jahren ein Jurastudium begonnen aber nie beendet und er gehörte nun zu eben jener verloren Generation, von der uns der Großvater berichtet hatte.

Der dritte Mann war eher schweigsam und bis zum Schluss konnten wir ihn nicht wirklich zuordnen. Kurz bevor sich die Runde auflöste, erzählte er uns dass er Taxifahrer ist und einst eine skurrile Situation bei seiner Arbeit erlebt hat. Damals sind in Europa viele Flüge ausgefallen, weil die Staubbelastung im Himmel durch den Vulkanausbruch auf Island zu hoch war. Zwei Männer wollten von Madrid nach Berlin fliegen und hätten 5 Tage auf den Ersatzflug warten müssen. Stattdessen kamen sie an seinen Taxistand und gaben ihm den Auftrag sie nach Berlin zu fahren. Die Fahrt dauerte mehr als 18 Stunden, war über 2000 Kilometer lang und kostete die beiden Fahrgäste weit über 4000€. Für den Taxifahrer war es sowohl der Gewinn als auch die Geschichte seines Lebens. Mehrmals erzählte er uns von irgendwelchen Orten bei Berlin, die er kannte, doch erst nach dieser Geschichte, verstanden wir warum er so stolz darauf war.

Schließlich wechselten wir den Ort und gingen zu Pedro um dort ein nächtliches Abendessen einzunehmen. Im geschlossenen Raum ging es gleich noch einmal mehr chaotisch zu, vor allem, weil der Taxifahrer zusätzlich noch den Fernseher einschaltete.

Lidia verschwand zwischenzeitig, da sie ihren Eltern Bescheid geben musste, dass sie noch länger mit uns bei Pedro sein würde. Als sie zurückkam zogen wir sie damit auf, dass sie mit 36 noch immer fragen musste, ob sie noch länger aufbleiben durfte. Sie wies die Vorwürfe mit gespielter Empörung zurück, verriet dabei aber, dass es nicht so weit aus der Luft gegriffen war.

Um 1:30 Uhr löste sich die Gruppe langsam auf und wir kehrten zum Haus von Antonio und zu unserer Garage zurück. Vor der Tür standen wir noch einmal eine gute halbe Stunde, bis wir uns wirklich von einander verabschiedeten.

Am nächsten Morgen wurden wir von Antonio noch auf einen Tee eingeladen. Dabei erzählte er uns ein bisschen mehr über sich. Mit zwanzig war er ins Schmuckgeschäft eingestiegen und hatte mit Diamanten anderen Edelsteinen gehandelt. Damals hatte er mehr Geld verdient, als er brauchte, doch er war auch immer im Stress gewesen und konnte es nicht genießen. Außerdem machte es ihn fertig, mitanzusehen, wie die Menschen in Indien und anderen Ländern unter der Sklavenarbeit in den Mienen litten. Dies waren die Menschen, auf deren Rücken er seinen Wohlstand aufbaute. Vor sechs Jahren hatte er dann alles hingeschmissen und war von Madrid hier her gezogen. Seine Wohnung hatte er vermietet und nun lebte er für eine Miete von 70€ im Monat hier in diesem kleinen Haus. Mit Schmuck beschäftigte er sich noch immer, aber jetzt war es mehr ein Hobby. Er stellte in seiner kleinen Werkstatt Kettenanhänger und Armbänder aus Silber, Gold und anderen Metallen her und setzte kleine Edelsteinchen ein, die er selbst schliff. Sein zweites Hobby und gleichzeitig seine zweite Einnahmequelle waren Bienen. Er hatte sich eigene Bienenstöcke gebaut und zusammen mit einem Imkerlehrer hatte er eigene Bienenköniginnen von draußen gefangen, die nun seinen Honig produzierten. Dieses Jahr war das erste, in dem er eine ganze Ausbeute bekommen hatte. Neben dem eigenen Honig baute er auch andere Lebensmittel selbst an und sein Ziel war es, nach und nach immer mehr autark zu leben. Er genoss die Ruhe und die Gelassenheit in diesem Ort, wenngleich man ihm anmerkte, dass er sich auch etwas einsam fühlte.

Als wir schließlich aufbrachen, stand die Sonne bereits wieder hoch am Himmel. Eigentlich hätten wir etwas früher losgewollt, um Heikos Sonnenbrand ein wenig zu schonen. Doch darauf wurde leider nichts. Uns fiel auf, dass wir die Sonne komplett unterschätzt hatten. In Portugal hatte sie fast immer im Zenit gestanden und wir hatten geglaubt, dass dies die stärkste Phase war. Doch jetzt schien sie uns den ganzen Tag lang frontal ins Gesicht und auf die Arme. Die Hüte konnten kaum mehr Schatten bieten und so kommt es, dass unsere Haut viel mehr Sonnenstrahlen abbekommt, als im Hochsommer. Heiko sieht aus wie ein Hummer, zumindest bis zu seinem T-Shirt-Ansatz und damit es nicht noch schlimmer wird, musste er heute mit Jacke wandern. Es dauerte nicht lange, da lief ihm der Schweiß aus den Ärmeln und so waren wir froh, als wir schließlich in Martiherrero ankamen. Von hier aus sind es nun nur noch 7km bis nach Ávila, unserem nächsten großen Etappenziel.

Die Suche nach einem Schlafplatz war dabei wieder fast genauso komplex wie gestern. Am Ende durften wir in einem Saal des Rathauses schlafen und wir bekamen vom Bürgermeister sogar noch ein Mittagessen dazu. Dennoch fehlte irgendwie die Leichtigkeit bei der Sache.

„Was meinst du, was hier mit den Menschen anders ist?“ fragte Heiko, als ich ohne Ergebnis zurückkehrte.

„Keine Ahnung!“ antwortete ich, „eigentlich nichts!“

„Kann es sein, dass du dann wieder mit einer anderen Ausstrahlung auf die Suche gehst, als noch vor ein paar Tagen? Ich habe das Gefühl dass du wieder verkrampfter bist und es nicht mehr fließen lassen kannst. Du kommst mir verbissen vor, wenn du losziehst, so als wolltest du dem Universum aufzwingen, dass du jetzt hier an dieser Stelle genau den einen Schlafplatz brauchst. Du achtest nicht mehr auf dein Bauchgefühl und lässt es nicht mehr fließen. Du versuchst es dir schon wieder hart uns schwer zu machen. Kann das sein?“

„Mhh, überlegte ich!“ das kann sein. „Wenn ich nochmal darüber nachdenke, dann war ich die letzten Tage wirklich verkrampft dabei! Verdammt, das schleicht sich immer wieder ein!“

Ein Mann kam vorbei und bot uns an, dass wir in seiner Garage schlafen könnten, wenn wir sonst nichts auftrieben. Kurz darauf kehrte ich nun ohne Verbissenheit zum Rathaus zurück und versuchte es erneut. Der Bürgermeister kam mir bereits entgegen, begrüßte mich gut gelaunt und hatte den Schlüssel für unseren Raum bereits in der Hand.

Spruch des Tages: Sei locker, der Rest kommt dann von alleine!

 

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 4422,97 km

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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