Tag 110: Willkommen in Spanien

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Tag 110: Willkommen in Spanien

Heute gibt es viel zu erzählen. Sehr viel. So viel, dass ich eigentlich 5 Berichte schreiben müsste. Ich hoffe, dass ich es trotzdem in einem unterbringe. Zunächst einmal muss ich von der Pilgerherberge in Irun berichten.

Im Laufe des Abends füllte sich die Herberge nach und nach mit Pilgern. Am Ende waren es zwischen 15 und 20 Personen. Den genauen Überblick habe ich verloren. Die Herberge selbst befand sich in einer ganz normalen Wohnung, aus der man sämtliche Möbel entfernt und sie durch Stockbetten ersetzt hatte. Im Keller waren ebenfalls Betten, für den Fall, dass die obere Etage voll war. Mit der Einsamkeit war es hier nun also wohl endgültig vorbei. Damit die Pilger nicht zu viel Privatsphäre hatten, wurden vorsichtshalber sämtliche Zwischentüren entfernt. Wir rätselten im Laufe des Abends immer wieder, warum man das wohl getan hatte. Die plausibelste Lösung war folgende: Wahrscheinlich waren die Herbergsleiter verantwortlich für sämtliche Kinder, die in ihrer Herberge gezeugt wurden und auf diese Weise konnte man sämtliche Intimität verhindern.

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Das es trotz der vielen Schlafmöglichkeiten nur eine kleine Küche und ein einziges Badezimmer gab, machte einige Dinge recht kompliziert. Kochen zum Beispiel. Wir hatten eigentlich geplant mit den beiden Skateboardreisenden zusammen zu Abend zu essen, doch als die Küche entdlich leer war, lad Lindsey bereits im Bett. Sie hatte uns bereits zuvor erzählt, dass sie, wenn sie einmal müde war, immer und überall schlafen konnte. Für ihre Reise besaß sie nicht einmal einen Schlafsack oder eine Isomatte. „Das einzige, was mich nervt ist Kälte. Ansonsten kann ich auch einfach hier auf dem Betonboden schlafen!“ hatte sie gesagt, als wir gemeinsam zur Herberge gewandert waren. Sie kam ursprünglich aus Ohio, lebte aber seit einigen Jahren in Barcelona. Ruéz hatte sie über Couchsurfing kennengelernt, eine Internetplattform über die man als Reisender einen Gastgeber finden konnte. Zunächst waren die beiden Freunde geworden, später dann ein paar und seither reisten sie zusammen dorthin, wo es ihnen gefiel. Ruéz hatte seinen Job gänzlich aufgegeben und lebte seither so sparsam wie möglich von dem Geld, dass er angespart hatte. In einer Woche würde er nach Thailand fliegen und dann für unbestimmte Zeit durch Asien reisen. Lindsey arbeitete als Englischlehrerin in Barcelona und konnte daher nicht mitkommen. Vielleicht würde sie später nachreisen, doch das stand noch nicht fest.

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Außer den beiden lernten wir in der Herberge noch eine junge Spanierin kennen, die zusammen mit ihrer Mutter auf Pilgerschaft war. Dann waren da noch eine junge Frau aus Südtirol, zwei Frauen aus Frankreich und eine junge Dame aus Hamburg, die in Hannover lebte und dort in der medizinischen Hochschule arbeitete. Knapp 2200 Kilometer von zuhause entfernt traf ich also hier wieder auf jemanden aus der Heimat. Für alle diese Pilger war dies der Beginn ihrer Reise. Von den anderen bekamen wir nicht viel mehr mit, als ein kurzes „¡Hola!“

Das spannendste an der Herberge waren jedoch die Regeln, sowie die Art, wie damit umgegangen wurde. Um 22:00 wurde die Tür geschlossen, so dass niemand mehr hereinkam. Wer diese Zeit verpasste musste draußen bleiben. Um  22:30 war eine strickte Nachtruhe einzuhalten und spätestens um 8:00 musste der letzte die Herberge verlassen haben.

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Als brave Pilger lagen auch wir pünktlich um 22:30 in unseren Daunen und machten uns bereit einzuschlafen. Alle anderen Pilger hielten sich ebenfalls an die Abmachung. Lediglich das Herbergspersonal saß noch in ihrer Privatküche und unterhielt sich so lautstark, dass jedes ihrer Worte bis in den letzten Winkel des hintersten Zimmers drang. Dazu ließen sie auf dem Flur und in ihrer Küche das Licht auf maximaler Stufe brennen. Da die Herberge wie erwähnt vollkommen ohne Türen auskam, war damit jeder Raum taghell. An Schlaf war nicht zu denken. Heiko und ich überlegten daher ernsthaft, ob wir nicht noch einen James Bond Film schauen sollten. Denn stärker als das Personal konnten wir hier eh niemanden stören.

Um kurz nach 23:00 wurde es etwas leiser. Um 23:30 beendeten sie ihre Unterhaltung und löschten das Licht auf dem Gang. Die alte Dame, die offensichtlich eine wichtige Funktion hier hatte, die wir aber nicht kannten, verschwand im Badezimmer. Heiko konnte von seinem Bett aus sehen, dass sie die Tür sperrangelweit offen gelassen hatte. Für die nächsten sechseinhalb Minuten hörte man laute Pinkelgeräusche, die nicht enden wollten. Dann schloss sie die Tür und wusch sich die Hände. Anschließend wurde das Licht gelöscht und es kehrte endgültig Stille ein.

Am nächsten Morgen ging bereits vor sieben der erste Tumult los. Zunächst ließ er sich gut ignorieren, dann aber kam Lindsey in unser Zimmer gesprungen und weckte uns unsanft.

„Kommt schon Jungs! Es ist 7:00! Nicht dass ihr verschlaft!“ rief sie mit unverschämt wacher Stimme.

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Wir versicherten ihr zwar, dass wir nicht verschlafen hätten und dass uns eine halbe Stunde locker zum Packen und Frühstücken reichte, doch der Widerstand war zwecklos. Wir gaben auf und gingen in die Küche. Sie war voll von verschlafenen Pilgern, die einen Kaffee oder eine heiße Schokolade tranken und erfolglos versuchten, einigermaßen wach auszusehen.

Nach und nach brachen alle Anwesenden zu ihrer heutigen Wanderung auf. Wir waren wie immer die letzten. Der Weg führte auf gerader Strecke aus Irun heraus in ein idyllisches Hügelland mit unzähligen kleinen Seen und Bächen, in denen sich die Pyrenäen spiegelten. Eine Weile ging es ganz harmlos so weiter. Dann zeichnete sich ab, dass der Weg immer steiler wurde. Schließlich endete er in einem Schlamm- und Sandweg in den der Regen Wasserrinnen mit einer Tiefe von mehr als 30 Zentimetern eingefressen hatte. Hier wurde das Wandern mit den Wagen dann wirklich abenteuerlich. Die kinderkopfgroßen Felsbrocken, die den Weg zierten machten die Sache nicht unbedingt besser. Als uns die ersten beiden Fahrradfahrer mit Vollprotektor-Anzügen entgegenkamen, wussten wir endgültig woran wir waren: Dies war eine Downhill-Strecke.

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Schließlich erreichten wir wieder eine feste Straße und mit ihr einen Aussichtspunkt und eine kleine Kapelle. Wir trafen auch die Hannoveranerin wieder, die hier eine Pause einlegte und versuchte, einen Kaffee aufzutreiben. Hinter der Kapelle war ein kleiner Markt, auf dem man allerlei Leckereien und Krimskrams kaufen konnte. „Ich habe mir gerade eine Tomate für 2,50€ gekauft!“ erzählte uns unsere Pilgerfreundin, „es ist echt der Wahnsinn, wie man hier als Pilger abgezockt wird!“

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Wir nahmen die Herausforderung an und versuchten, wie üblich ohne Geld an Nahrung zu kommen. An einem Ort wie diesem schien es zwar fast unmöglich, aber wer nicht wagt kann nichts gewinnen. Und tatsächlich. Wir trafen einen Herren, der Spezialitäten aus dem Baskenland anbot und der uns bereits am Vortag mit unseren Wagen gesehen hatte. Zunächst brachte er uns einige baskische Wörter bei, dann versorgte er uns mit typisch baskischen Würstchen in typisch baskischen Fladenbroten. Spätestens jetzt waren wir überzeugt, dass es immer einen Weg gab, durchzukommen. Später am Abend sollten wir an dieser Überzeugung jedoch noch einige Male zweifeln. Doch dazu später mehr.

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Auch wenn mir ein spanischer Einheimischer erklärte, dass wir die härteste Strecke bereist hinter uns hatten, verzichteten wir dennoch darauf, den Gipfelkamm zu nehmen und folgten stattdessen einer kleinen Straße, die sich in Serpentinen am Bergrücken entlangschlängelte. Wie sich später herausstellte, war das eine sehr Weise Entscheidung, denn der Jakobsweg führte mehrere Male über Weidegatter hinweg, was wir mit unseren Wagen niemals hätten bewältigen können. Die Aussicht von unserem Weg aus war absolut unbeschreiblich. Rechts von uns lag das unendlich weite Meer, das am Horizont in einem sanften Dunstschleier verschwamm. Davor fiel der Berg in einem Wechselspiel aus grünen Berghängen und steilen, schroffen Felsklippen zum Meer hin ab. Über uns kreiste ein Gänsegeier mit einer Flügelspannweite von gut vier Metern. Die Straße schlängelte sich immer weiter bergauf, bis sie fast den Kamm erreichte. Hier konnte man auf einen Aussichtspunkt klettern, von dem aus man sowohl aufs Meer hinaus, als auch ins Landesinnere blicken konnte. Wir waren absolut überwältigt. Allein für diesen einen Ausblick hatte sich die ganze Reise mit ihren 2200 Kilometern bereits gelohnt. Hier an die Magie der Schöpfung zu glauben war leicht. Als wir weitergingen kamen wir noch um viele Biegungen, hinter denen sich  jedes Mal eine neue vollkommen überwältigende Aussicht bot. Uns überkam ein unglaubliches Gefühl der Freiheit und gleichzeitig der Demut vor den Gewalten der Natur. Sich hier vorzustellen, dass der Mensch wirklich glaubte, er sei der Herrscher über diesen Planeten, war fast unmöglich. Das Meer strahlte eine ungeheure Kraft aus, die wunderschön war und gleichzeitig keinen Zweifel ließ, dass es unberechenbar war. Auch die Berge strahlten diese Präsenz und diese Erhabenheit aus. Niemals hätten wir uns auch nur für eine Sekunde träumen lassen, dass sich dieses Paradies in nur wenigen Kilometern in eine menschengeschaffene Hölle verwandeln könnte.

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Der Weg fiel nun langsam wieder ab und die Straße verzweigte sich einige Male. Nun war auch wieder der Jakobsweg zu uns gestoßen. Der Berg endete in einer schmalen Bucht und fiel dort hin extrem steil ab. Auf den letzten Wegen konnten unsere Bremsen das Gebäck kaum noch halten. Unsere Finger mit denen wir die Bremse zogen, verkrampften so sehr, dass wir sie später fast nicht mehr bewegen konnten. Und dann standen wir plötzlich vor einer Treppe. Die erste hatte nur wenige Stufen und war noch leicht zu bewältigen. Doch dann kamen immer weitere, die immer steiler und tiefer abfielen. Eine Spanierin um die dreißig mit langen braunen Haaren kam aus ihrem Haus und zeigte uns einen Weg, wie wir die Treppen umgehen konnten. Einen Moment lang hatte ich den Impuls, sie zu fragen, ob sie nicht vielleicht eine Übernachtungsmöglichkeit für uns hätte. Dass ich es letztlich doch nicht tat, sollte ich später noch viele Male bereuen.

Wir folgten einem schmalen Fußweg, der in die Klippen hineingebaut worden war und langsam immer weiter nach unten führte. Nach knapp hundert Metern erreichten wir eine Pilgerherberge. Ein spanischer Mann um die 50 saß davor auf einer Mauer und las ein Buch. Als wir kamen stellte er sich als Hospitaliero, also als Herbergsverwalter vor. Laut der Beschreibung in unserem Wanderführer und laut allen Informationen, die wir bislang über diese Herberge gehört hatten, sollte sie auf freiwilliger Spendenbasis geführt werden. Als der Mann jedoch erfuhr, dass wir ohne Geld reisten, lehnte er uns entschieden und ohne weitere Diskussion ab. Da wir von unseren bisherigen Erfahrungen mit Pilgerherbergen nicht allzu überzeugt waren, hatten wir nichts dagegen. Wir waren sicher, dass wir später noch einen anderen Platz finden würden. Auch dies würden wir noch viele Male bereuen.

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Der Jakobsweg führte eigentlich auf direktem Weg ins Tal hinab, wo man dann mit einem Boot auf die andere Seite der Bucht übersetzen musste. Für uns fiel er damit endgültig ins Wasser, denn dann hätten wir nicht nur die Treppen hinab gemusst, sondern auch noch einen Weg finden müssen, unsere Wagen auf ein winziges, schaukelndes Boot zu wuchten. Und zu guter Letzt hätten wir den Bootsführer überzeugen müssen, uns die Überfahrt zu schenken. Um uns das alles zu sparen wählten wir den seichten Weg ins Landesinnere um die Bucht zu umrunden. Damit verpassten wir den Weg, der für die Touristen hübsch hergerichtet worden war und sahen das wahre Gesicht der Vorstadt von San Sebastian. Der hintere Teil der traumhaften Bucht war in einen gigantischen Industriehafen verwandelt worden. Überall türmten sich meterhohe Berge von Müll und Schrott und es stank nach Industrieabfällen und verwesendem Fisch. Doch das war noch nichts gegen die Stadt selbst und gegen die Menschen, die hier lebten. Die gesamte Bucht war von Hochhauswohnbunkern eingekreist, in denen die Menschen zusammengepfercht wurden, wie Hühner in einer Legebatterie. Alles wirkte heruntergekommen und trostlos. Noch schlechter aber ging es den Menschen. Wir hatten das Gefühl, als wären wir mitten in einem Zombiefilm. Niemand lächelte oder hatte auch nur überhaupt einen Gesichtsausdruck. Alle starrten apathisch auf die Straße vor sich. Wenn wir jemanden nach dem Weg fragten, bekamen wir zwar eine Antwort, aber kein einziges Mal ein gutes Gefühl. Tatsächlich dauerte es über eine Stunde, bis wir zum ersten Mal ein Pärchen sahen, dass lächelte und zufrieden aussah. Die Aggression, die hier an der Tagesordnung war, war buchstäblich spürbar. An einem Baum in einer Fußgängerpassage hingen einige Blumen mit einem Kreuz und dem Namen Miguel darauf. Es konnte noch nicht alt sein und die verkehrsberuhigte Straße schloss aus, dass der Mann an einem Autounfall gestorben war.

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Als wir durch die Häuserschluchten wanderten, kam eine Gruppe von vier Männern und zwei Frauen auf uns zu. Alle fragten uns gleichzeitig was wir suchten und ob sie uns irgendwie helfen konnten. Es war nett gemeint, aber sie schrien dabei so lautstark durcheinander, dass sie uns das Gefühl vermittelten, als befänden wir uns mitten in einem Krieg. Dazu umkreisten sie uns immer wieder und fassten uns mit voller Überzeugungskraft an den Armen, um zu betonen, wie wichtig die Informationen waren, die sie uns gerade gaben. Heiko war kurz davor durchzudrehen. Am liebsten hätte der die Menschen gepackt und KO geschlagen, damit sie endlich Ruhe gaben. Denn von sich aus wollten sie einfach nicht aufhören und sie wollten uns auch nicht gehen lassen. Dabei halfen sie uns aber tatsächlich kein bisschen weiter. Nachdem wir sie abwimmeln konnten, waren wir noch immer genauso schlau wie zuvor.

Um aus der slumähnlichen Hafengegend herauszukommen, mussten wir an einer Schnellstraße entlangwandern. Wir konnten nicht begreifen, dass uns hier ununterbrochen Jogger, Fahrradfahrer und Spaziergänger mit Kinderwagen entgegen kamen. Keinen Kilometer von hier entfernt gab es eine der schönsten Steilküsten dieser Welt, mit gutausgebauten Wanderwegen, die an ihr entlang führten und diese Menschen verbrachten ihre Freizeit freiwillig an einer Schnellstraße neben einem Industriehafen? Was musste mit ihnen geschehen sein, dass sie die Schönheit ihres Landes nicht einmal mehr wahrnahmen? Anzeichen von Leben gab es in ihren Gesichtern jedenfalls keine mehr. Der Vergleich mit den Zombies war nicht übertrieben. Klar, sie aßen einander wahrscheinlich nicht auf, aber ansonsten waren es die gleichen willenlosen Kreaturen, die nur noch funktionierten ohne eine eigene Lebensfreude zu empfinden, wie in den Horrorfilmen. Jeder einzelne, ohne eine Ausnahme hatte Kopfhörer in den Ohren, wobei die Musik zum Teil so laut war, dass wir sie auf zwei Meter Entfernung trotz des Straßenlärms hören konnten. Anders hielt es hier offensichtlich niemand aus und dass war auch sehr gut nachzuvollziehen. Warum um alles in der Welt schaffte es der Mensch nur, jeden schönen Platz an den er kam mit aller Gewalt zu zerstören. Es war wirklich nicht einfach, ein solches Paradies zu entstellen, aber der Mensch hat es ohne jeden Zweifel geschafft. Uns fiel auf, dass sich auch unsere eigene Stimmung drastisch verändert hatte. Auf den Bergen hatten wir uns frei, kraftvoll und ausgeglichen gefühlt, obwohl der Weg wirklich anstrengend war. Hier jedoch waren wir niedergeschlagen und kaputt und wurden mit jeder Minute gereizter.

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Als wir San Sebastian endlich erreichten hatte sich der Himmel vollkommen zugezogen und es begann zu regnen. Noch immer hatten wir keine Idee, wie wir einen Schlafplatz auftreiben sollten. Privatpersonen um Hilfe zu bitten schien unmöglich, denn es war uns bisher nicht einmal gelungen mit jemandem auch nur halbwegs ins Gespräch zu kommen. Die Touristeninformation hatte geschlossen und auch sonst gab es keine offizielle Stelle, die uns hätte helfen können. Wir versuchten daher zunächst eine Kirche zu finden. Die erste hatte geschlossen. An die Kirche angegliedert gab es ein Büro der Caritas, in dem man um Hilfe bitten konnte, doch auch hier öffnete niemand. In der zweiten Kirche hielt der Pfarrer gerade seinen Gottesdienst ab. Als wir diese erreichten war es bereits nach 19:00 Uhr. Viel Zeit bis zum Sonnenuntergang blieb nun nicht mehr. Dennoch warteten wir einige Minuten, bis der Geistliche seine Messe beendet hatte. Anschließend fing ich ihn ab und fragte nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er verwies mich an einen jungen Kollegen, da er selbst nicht von hier sei. Dieser jedoch setzte uns kurzerhand wieder vor die Tür. Der ansässige Pfarrer sei nicht da und so könne man uns nicht helfen. Morgen sei es einfacher, weil dann die Caritas wieder besetzt sei und vielleicht hätte man noch etwas machen können, wenn wir in der Früh aufgetaucht wären. Aber jetzt so spontan könne er uns wirklich nicht helfen. Des Weiteren wäre dort hinten nun die Tür!

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Ich konnte es nicht fassen. Wenn jeder andere uns abwies, dann war es sein gutes Recht. Aber als Pfarrer war es sein verdammter Job, sich um bedürftige Menschen zu kümmern und bei diesem Sauwetter und inmitten dieser Stadt gehörten wir als Pilger ohne Geld zweifelsfrei dazu. Als wir draußen unter dem Kirchenvordach unsere Regenkleidung überzogen und die Schuhe wechselten, machte er uns sogar noch Stress, dass wir endlich gehen sollen, weil er die Pforte zum Kirchengelände schließen müsse.

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So schön wie unser Empfang mit der Natur in Spanien auch gewesen war, so endtäuscht waren wir nun von den Menschen hier. In Frankreich hatten wir zu Beginn kein einziges Wort verstanden und doch waren wir überall freundlich aufgenommen worden. Hier, wo ich die Landessprache beherrschte hatten wir jedoch bislang nichts als Ablehnung und böse Blicke erfahren.

Deprimiert gingen wir durch die regennasse Stadt und suchten nach Alternativen. Sollten wir einfach so schnell wie möglich wieder auf´s Land wandern und dort unser Zelt aufbauen? Doch wo sollten wir hier in den Bergen einen Platz finden, der eben genug dafür war? Noch dazu wo es bereits dunkel wurde?

„Hey!“ sagte Heiko plötzlich: „Die Frau dort sieht sympathisch aus! Ich glaube sie wird uns helfen. Frag sich schnell bevor sie weg ist!“

Im Nachhinein konnten wir es beide kaum glauben, wie zielsicher Heikos Spürnase für solche Dinge wieder einmal war. Die junge Frau hieß Carola und war wirklich von der ersten Sekunde bereit uns zu helfen. Sie war deutsch und nur über Ostern in der Stadt, um ihre Schwester zu besuchen, die hier wohnte. „Ich treffe mich gleich mit einem Bekannten“, berichtete sie, „Er ist ebenfalls aus Deutschland und kennt sich hier aus. Ich bin sicher er kann euch weiterhelfen.“

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Wir stellten uns unter einen Hausüberstand und erzählten ihr von unserer Reise. Dann kamen zwei Männer hinzu, die beide ebenfalls aus Deutschland stammten, aber hier in der Stadt lebten. Wie sich herausstellte waren diese beiden Menschen jedoch überhaupt nicht hilfreich. Alles was sie uns als Tipp gaben war, dass es direkt am Strand eine Passage gab, die überdacht war. Dort schliefen immer Obdachlose und sicher könnten auch wir uns dort hinlegen. Carola war deutlich anzusehen, dass sie sich für ihre Freunde in Grund und Boden schämte. Wir hatten uns sofort gut verstanden und sie hätte gerne mehr Zeit mit uns verbracht, doch ihr waren die Hände gebunden. Sie selbst war ja nur Gast hier und konnte uns daher kaum einladen. Doch dass uns die anderen auf der Straße schlafen lassen wollten und sich dabei noch als große Wohltäter fühlten, das war ihr ganz und gar nicht recht. Traurig schaute sie uns hinterher, als wir im Regengrau verschwanden.

Nachdem sich auch diese Hoffnung in Luft aufgelöst hatte, waren wir mit unserem Latein langsam am Ende. Doch die vorgeschlagene Passage kam als Nachquartier überhaupt nicht in Frage. Die Wellen waren so hoch, dass bereits jetzt abzusehen war, dass die ganze Anlage nachts überflutet werden würde. Die beiden Männer hätten uns also mit gutem Gewissen in den Tod geschickt. Oder zumindest in eine ordentliche Misere.

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Schließlich entdeckten wir ein Polizeiauto, vor dem zwei Beamte standen. Gestern hatten wir mit den Freunden uns Helfern ja bereits gute Erfahrungen gemacht und so versuchten wir es wieder. Gegen jede Erwartung waren die beiden jungen Herren tatsächlich die freundlichsten und hilfsbereitesten Einheimischen, die wir bisher getroffen hatten. Sie gaben uns sofort eine Karte und zwei Adressen, an denen wir es versuchen konnten. Eine war eine Pilgerherberge etwas außerhalb und die andere eine Unterkunft für Obdachlose und alle, die aus irgendeinem Grund einen Schlafplatz für eine Nacht brauchten. Wir versuchten es zunächst bei der Obdachlosenunterkunft, doch diese war bereits vollkommen belegt. Uns blieb also nichts anderes Übrig, als die Innenstadt zu verlassen und nach der anderen Herberge zu suchen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sage,“ meinte Heiko auf dem Weg dorthin, „aber ich vermisse wirklich die anderen Pilger! Es waren die einzigen, zu denen wir hier in Spanien bisher einen positiven Kontakt hatten.“

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Einige hundert Meter vor der Herberge sprach uns eine Frau an und fragte, ob wir nach einer Unterkunft suchen. Wir bejahten und sie bot uns an, uns hinzubegleiten und uns den Weg zu zeigen. Nachdem wir ihr etwas von uns erzählt hatten, erzählte sie uns von einem jungen Mädchen, dass sie vor einiger Zeit hier angetroffen hatte. Auch sie war auf dem Weg nach Santiago gewesen und hatte eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht. „Könnt ihr euch das vorstellen? Die kleine ist wirklich ganz alleine und mitten im Winter bei eben so einem Regen wie heute bis auf den nächsten Berggipfel geklettert um dort im Wald ihr Zelt aufzubauen! Nicht vorstellbar, wie gefährlich das ist! Vor allem als Mädchen und ohne jeden Schutz.“

Als wir die Herberge erreichten, mussten wir feststellen, dass sie nur in den Sommermonaten geöffnet hat. Heute war hier nichts, als eine fest verschlossene Tür.

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Einen Moment lang spekulierten wir darauf, dass uns die Frau vielleicht einen Platz anbieten würde und wenn es auch nur ein Platz in ihrem Keller war. Doch sie tat nichts dergleichen. Erst jetzt wurde mir die wahre Aussage hinter ihrer Geschichte von dem kleinen Mädchen bewusst. Obwohl sich die Frau Sorgen gemacht hatte, was wohl aus der kleinen wird und obwohl sie Angst hatte, dass sie die Nacht vielleicht nicht überstehen würde, hatte sie ihr keine Hilfe angeboten. Sie hatte es in Kauf genommen, dass das Mädchen im dunkeln verunglückte, sich in der Nasskälte Erfrierungen oder Unterkühlungen zuzog oder überfallen wurde. Als Männer, die sich Verteidigen konnten, die sich mit der Natur auskannten und die zu Zweit reisten, brauchten wir also erst recht nicht mit einer Unterstützung rechnen.

„Ich weiß, es klingt komisch!“ sagte Heiko, als sich die Frau verabschiedet hatte, „aber ich habe gerade wirklich dass Gefühl, dass dieser Tag eine Art Botschaft von Jesus ist.“

Ich sah ihn etwas skeptisch an und fragte: „Wie meinst du das denn?“

„Vielleicht haben wir uns zu oft über ihn lustig gemacht und das ist jetzt seine Rache!“ antwortete er scherzhaft, „Nein, im Ernst! Es war grade wirklich so ein Gefühl, das in mir aufkam. Überleg dir mal, wie es ihm ergangen ist. Egal was hinterher aus der Kirche geworden ist, er hat wirklich etwas positives gewollt. Er hat sich den Arsch aufgerissen um als Heiler etwas zu verändern und im Endeffekt hat er wahrscheinlich genau die gleichen Erfahrungen gemacht wie wir gerade. Keiner war bereit ihm irgendwie zu helfen oder beizustehen. Und dann trotzdem noch die stärke zu haben, in bedingungsloser Liebe zu bleiben, das ist echt eine Kunst. Vielleicht ist es etwas, das auch wir lernen sollen.“

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Wenn es das war, dann stellte uns die Schöpfung heute Abend aber noch einmal vor eine ordentliche Prüfung. Wir hatten den Jakobsweg wiedergefunden und waren nun dabei die Stadt endgültig zu verlassen um unser Glück in den Bergen zu versuchen. Dabei kamen wir nun in ein viertel, in dem es Villen mit Gärten gab. In einem der Häuser brannte noch Licht und so beschlossen wir zu fragen, ob wir unser Zelt vielleicht dort im Garten aufbauen konnten. Ich klingelte und erklärte den Bewohnern in allen Einzelheiten in was für einer Situation wir uns befanden. „Hier im Garten ein Zelt aufbauen?“ fragte die Eigentümerin anschließend, „Nein, das kommt nicht in Frage!“ Damit schloss sie die Tür hinter sich und ließ mich im Regen stehen. Wenn wir alles erwartet hätten, aber dass uns jemand einen Schlafplatz im Garten verwehrt, damit hatten wir wirklich nicht gerechnet. Unsere Zuversicht und unser Glaube an die Menschheit hatten nach dieser Abfuhr einen neuen, absoluten Tiefpunkt erreicht.

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Wir folgen den Jakobspfeilen weiter in Richtung Ortsende und jetzt plötzlich wendete sich das Blatt. Ein Schild wies uns darauf hin, dass sich in 50m Entfernung eine Jugendherberge befand. Wir hatten bereits zuvor von ihr gehört, doch da die Nacht dort 16,70€ kostete, hatten wir sie bislang ausgeschlossen. Doch wo wir nun einmal hier waren, konnten wir auch fragen. Zu jedem anderen Zeitpunkt wären wir sicher abgelehnt worden, doch in dem Moment in dem ich hereinkam, war gerade ein Schichtwechsel. Als die beiden Männer an der Rezeption hörten, was wir bislang alles Erlebt hatten, schmiedeten sie folgenden Plan: Der erste erlaubte uns, kostenlos hier zu übernachten und machte dann Feierabend. Der zweite, dessen Schicht gerade begann, tat so, als wüsste er von nichts und stellte keine Fragen. Der einzige Haken an der Geschichte war, dass wir die Herber in der Früh verlassen mussten, bevor der nächste Schichtwechsel stattfindet. Und dass ist um 7:00.

Spruch des Tages: Nichts ist so ambivalent wie der Mensch.

 

Tagesetappe 35 km

Gesamtstrecke: 2230,47 km

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One Comment

  1. Yvonne 22. April 2014 at 13:07

    Frohe Ostern noch ihr beiden! Na, da war das Willkommen in Spanien ja nicht so prickelnd.
    Als ich 2011 mit einer Freundin auf dem Camino del Norte unterwegs war haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Allerdings sind wir erst in Santander gestartet und waren als „normale“ Pilger unterwegs. Begeistert war ich von der Hilfsbereitschaft der Menschen, auch wenn man selber praktisch kein Wort Spanisch konnte. Wir haben aber auch einen kennen gelernt, der gezielt OHNE Geld unterwegs war und damit keine Probleme hatte. Insgesamt hatten aber auch wir das Ziel, die Stätte weitestgehend zu meiden, da diese einfach zu laut etc waren.
    Die Höhenprofile und die recht weiten Tagesetappen sollen den Küstenweg für „Pilgerneulinge“ ungeeignet machen, wir wussten nicht auf was wir uns da einlassen und fanden es super! Selbst im Juli wenig andere Pilger und kein Überlaufen sein. Ich bin mir sicher, Spanien hat mehr wie ihr in San Sebastian erlebt habt!
    Bon Camino!

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