Tag 755: Aufgeholt

/, Sizilien, Tagesberichte/Tag 755: Aufgeholt

Tag 755: Aufgeholt

Tag 755: Aufgeholt

Gerne hätten wir uns noch von den Nonnen verabschiedet und uns bei ihnen bedankt. Doch wir konnten sie leider nirgends finden. Stattdessen lag ein kleines Abschiedsgeschenk in Form einer Obsttüte auf Heikos Wagen.

Um weiterzukommen mussten wir zunächst einmal wieder hinunter ins Tal und dann auf der anderen Seite langsam wieder hinauf. Der Himmel war trübe und bewölkt und es sah so aus, als würde es bald zu regnen beginnen. Wir beeilten uns vorsichtshalber etwas und versuchten noch vor dem drohenden Unwetter in den nächsten Ort zu kommen.

Schon oft hatte mir Heiko von seinen Beobachtungen erzählt, die er machte, wenn er wartete, bis ich von der Schlafplatzsuche zurückkam. Er verbrachte durch diese Wartezeiten recht viel Zeit an einem Platz und hatte oft gute Sicht auf die Ein- und Ausgänge der Ortschaften. Dabei war ihm aufgefallen, dass der viele Verkehr, der in den Orten und um sie herum entstand, im Grunde immer wieder aus den gleichen Autos bestand. Am Anfang hatte er es noch für einen Zufall gehalten, dass einige der Fahrzeuge drei oder vier Mal in jede Richtung an ihm vorbeigefahren kamen. Vielleicht hatte der Fahrer irgendetwas vergessen oder er musste Dinge von A nach B bringen, die nicht alle auf einmal in sein Auto passten. Doch dann hatte er einmal genauer darauf geachtet und festgestellt, dass es keine Einzelfälle waren. Immer wieder fuhren die selben Autos hin und zurück und das ohne einen erkennbaren Sinn. Die Abstände zwischen zwei Sichtungen waren teilweise so kurz, dass es unmöglich war, in der Zwischenzeit irgendetwas aus- oder einzuladen. Viele der Autos waren außerdem winzig und es saß immer nur der Fahrer darin. Angehalten durch diese Beobachtung hatte er später auch unterm Wandern genau darauf geachtet, welche Autos uns entgegenkamen oder überholten. Auch hierbei hatte er festgestellt, dass es sich immer wieder um die gleichen Fahrzeuge mit den gleichen Fahrern handelte. Als er mir davon erzählte war ich zunächst überrascht, hielt die Aussage aber noch für ein bisschen übertrieben. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so viele Italiener einfach nu spazieren fuhren, ohne dass sie ein Ziel oder einen Grund hatten. Mehrfach hatte ich mir schon vorgenommen, selbst einmal darauf zu achten, doch meine Aufmerksamkeit hatte stets nicht ausgereicht. Dieses Mal jedoch gelang es mir und ich war erschreckt, wie viele Autos uns immer wieder aufs Neue überholten. Ein Smart Roadstar war mit sieben Mal der Rekordhalter. Dann folgte ein kleiner, klappriger Fiat Panda mit Allradantrieb, der uns sechs Mal überholte. Beim letzten Mal parkte ein Stück vor uns am Straßenrand, um dann ganz wichtige Dinge aus seinem vollkommen leeren Kofferraum herauszuholen. Noch während er das tat fiel ihm auf, wie lächerlich er sich gerade machte und klappte den Kofferraum wieder zu. Als wir ihn überholten fasste er endlich den Mut, uns anzusprechen.

„Wo kommt ihr her?“ stellte er die übliche Frage, die wir immer zu hören bekamen.

„Aus Deutschland! Antworteten wir im Vorbeigehen, ohne dabei auch nur langsamer zu werden. Jetzt kam der Mann in Bedrängnis, denn er merkte, dass er uns schon etwas bieten musste, wenn er das Gespräch aufrecht erhalten wollte. Deshalb bot er uns an, beim nahegelegenen Becker ein Brot für uns zu kaufen. Solange wir warteten, wollte der Mann eigentlich weitere Fragen stellen, doch er war zu schüchtern, so dass sie einfach nicht aus ihm heraus wollten. Die Bäckerin war hingegen taffer und fragte geradewegs heraus, was sie interessierte.

Doch auch Kleinlaster, Traktoren und sogar LKWs fuhren doppelt und mehrfach an uns vorbei. Am schlimmsten war es, wenn wir uns irgendwo hinsetzten, um eine kleine Pause zu machen. Die Straße konnte zuvor noch so leer sein, sobald unsere Hintern den Boden berührten war es, als lösten wir dadurch eine Magie aus, die Spazierfahrer anlockte und sie immer wieder an uns vorbeirauschen ließ.

Die Wolken wurden nun immer dichter und langsam wurde klar, dass wir unseren Zielort nicht mehr trocken erreichen würden. Wir fragten daher schon zwei Orte zuvor nach einem möglichen Schlafplatz.

„Der Pfarrer, der für diesen Ort zuständig ist, lebt hier nicht!“ erklärte uns ein Mann, „Er wohnt in der größeren Stadt, rund fünfzehn Kilometer von hier.

„Und im nächsten Ort?“

„Der Pfarrer wohnt hier bei uns, aber er wird euch nicht helfen, denn er ist krank.“

„Und im übernächsten?“

„Da könntet ihr Glück haben, aber so wie es aussieht werdet ihr dann nass! Aber vielleicht wendet ihr euch einfach an den Bürgermeister. Der steht nämlich gerade da vorne und hilft bei der Dekoration des Weihnachtsbaumes!“

Der Bürgermeister war ein aufgeweckter, junger Mann, der ununterbrochen mit seinem Headset telefonierte. Das war ein wenig irritierend, weil man so nie wusste, ob er mit einem sprach oder nicht, doch abgesehen davon unterstützte er uns nach Leibeskräften. Wir bekamen ein leerstehendes Haus, das der Gemeinde gehörte. Es befand sich gegenüber dem Rathaus und hatte drei winzige Etagen. Der Umstand, dass es direkt neben eine Ruine und an den Berghang gebaut war und dass man es schon seit Monaten nicht mehr beheizt hatte, führte leider dazu, dass die Wände komplett durchnässt waren. Sie waren sogar so klamm, dass das Wasser an ihnen herunter lief, als wir den Raum heizten. Das Wasser konnten wir leider nicht benutzen, da eine beschädigte Rohrleitung das komplette Erdgeschoss flutete, sobald man den Haupthahn aufdrehte. Ansonsten fehlte ein Fenster in der Eingangstür aber abgesehen davon war es ein Top-Haus. Ein Nachbar, der aufgrund eines langen Deutschlandaufenthaltes sehr gut deutsch sprach, versorgte uns mit so ziemlich allem, was wir brauchten. Darunter war nicht nur unser Abendessen sondern vor allem auch ein Heizstrahler, der den Raum langsam auf eine erträgliche Temperatur erwärmte.

Am nächsten Morgen waren die Scheiben vollkommen beschlagen und unsere Ausrüstung war so nass, als hätten wir im Zelt übernachtet. Die ganze Nacht lang hatte es heftig geregnet und das Wasser war in Strömen durch die engen Gassen geflossen. Jetzt aber schien wieder die Sonne und wir machten uns frisch und munter auf den Weg. Zumindest für die ersten fünf Minuten. Dann ging es wieder bergauf und wir merkten, dass unsere Muskeln von den letzten Tagen noch immer reichlich erschöpft waren.

Unsere Wanderung wurde wieder eine heftige Berg- und Talfahrt auf extrem anstrengenden aber auch sehr schönen Wegen. Irgendwann landeten wir mitten in den Bergen an einem Punkt, an dem unsere Straße plötzlich endete. Stattdessen führten nun zwei Schotterwege weiter, die beide nicht zu meiner Karte passen wollten. Heiko tendierte zum linken, während ich vermutete, dass der rechte der richtige sei. Wir stellten die Wagen ab und probierten beide einmal aus, ohne dadurch Gewissheit zu erlangen. Dann nahmen wir den rechten Weg, stellten jedoch nach einem knappen Kilometer fest, dass er in einer Sackgasse endete. Es gab nur noch schmale, überschwemmte Pfade, die von hier aus weiterführten, die sich jedoch alle nach kurzer Zeit als unpassierbar erwiesen. Also gestand ich mir meinen Irrtum ein und wir kehrten wieder zu unserem Scheideweg zurück. Heiko hatte glücklicherweise an einem Baum ein Häufchen hinterlassen, so dass wir die Stelle ohne Probleme wiederfanden. Nun schlugen wir den linken Weg ein. Auch er war nicht derjenige, den ich auf meiner Karte verzeichnet hatte, doch er führte uns zumindest hinunter ins Tal auf eine Hauptstraße. Dort konnten wir uns das erste Mal wieder orientieren und mussten feststellen, dass wir an einem Ort waren, an dem wir nicht hatten sein wollen und von dem wir uns auch nicht erklären konnten, wie wir hierher geraten waren.

Ein Mann mit grauen Locken und zwei kleinen Hunden stand am Wegesrand und beschrieb uns den Weg zu einem alten Kloster, das heute eine regionale Pilgerstätte war. Dort trafen wir einen Pfarrer, der uns die Schlüssel zu einer Pilgerherberge überließ, in der bis zu 65 Personen auf einen Schlag übernachten konnten. Anders als auf dem Camino de Santiago war diese Pilgerstätte jedoch nur einmal im Jahr belegt, wenn sich zu einem bestimmten Feiertag die Gläubigen aus den umliegenden Gemeinden hier her aufmachten. Ich habe keine Ahnung wann dieser berühmte Pilgertag war, doch heute war er schon mal nicht. Die Herberge war leer und verlassen, leider aber auch eiskalt. Der Pfarrer hatte uns eigentlich versprochen, einen kleinen Heizstrahler zu holen, damit wir zumindest einen der Räume aufwärmen konnten. Doch bislang hat er es noch nicht getan.

Ganz genau, ihr habt richtig gehört. Ich weiß nicht, was als nächstes passiert. Das bedeutet, ich bin mit dem Schreiben nun beim gegenwärtigen Zeitpunkt angekommen. Dreieinhalb Monate ist es nun her, das Paulina unsere Herde verlassen hat und seit dem haben sich die Berichte bei mir angestaut. Eineinhalb Monate haben wir zusammen als Herde gelebt und diese eineinhalb Monate haben so viel Stoff geliefert, dass ich erst heute wieder auf dem Nullpunkt bin. Mit dem Schreiben wohlgemerkt, denn mit dem Einstellen sind wir ja längst noch nicht soweit. Während ich dies hier am untersten Zipfel von Italien schreibe lest ihr gerade unsere Berichte über den Grenzübertritt nach Griechenland und ich habe keine Ahnung, wo wir sein werden, wenn ihr dies hier lest. Vielleicht noch in Italien? Vielleicht wieder in Griechenland? Vielleicht auch in Albanien, Rumänien oder Bulgarien. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis die Berichte und unsere aktuellen Erlebnisse wieder synchron verlaufen. Wenn man bedenkt, dass wir eigentlich geplant hatten, dass wir durch Paulina einen dritten Berichtscheiber bekommen würden, so dass wir uns wieder mehr der Arbeit an unseren Buchprojekten zuwenden können, müssen wir uns wohl eingestehen, dass dieser Plan mächtig gescheitert ist. Dafür haben wir jetzt natürlich einen gewaltigen Puffer, durch den wir viel Zeit haben, uns auch um andere Dinge zu kümmern. Um Bücher beispielsweise. Oder um die Grundgestaltung unseres Blogs, an der euch inzwischen wahrscheinlich schon einige Veränderungen aufgefallen sein werden.

Spruch des Tages: Geschafft! Ich bin wieder auf dem aktuellen Stand!

Höhenmeter: 720 m

Tagesetappe: 47 km

Gesamtstrecke: 13.444,27 km

Wetter: kalt aber sonnig, nachts -6°C

Etappenziel: Zeltplatz auf einer vereisten Wiese kurz hinter 85034 Padula, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »