Tag 293: Mit Vollgas durch die Berge

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Tag 293: Mit Vollgas durch die Berge

Tag 293: Mit Vollgas durch die Berge

Wie gebannt starrte ich auf die Kilometerschilder, die an uns vorbeirasten. Es war für mich unvorstellbar, wie man in so kurzer Zeit, so weite Strecken zurücklegen konnte. Klar, für die meisten von euch gibt es wahrscheinlich nichts alltäglicheres und banaleres als Autofahren, doch für uns war die letzte Fahrt in einem Automobil schon wieder sehr lange her. Und damals hatte sie auch nur wenige Minuten gedauert. Jetzt aber rasten wir wie drei gesengte Säue über die serpentinenreiche Gebirgspiste und zumindest zweien von uns drehte sich dabei der Magen um. Der dritte im Bunde war ein uriger, dickbäuchiger Pfarrer, der mit seinem langen weißen Bart wie der kleine Bruder des Weihnachtsmannes wirkte. Er hatte sich auf diese Fahr deutlich besser vorbereitet als wir und hatte sich vorsorglich schon mal ein paar Bier hinter die Binde gekippt. Diese Haarnadelkurven in einer solchen Geschwindigkeit in einem so klapprigen, durchgerostete Auto zu durchfahren, ohne dabei betrunken zu sein, währe auch der reinste Wahnsinn gewesen. Der alte Pfarrer war guter Laune und zeigte uns freudig die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatregion. Hier ein kleines Dorf, da ein beeindruckender Berg. Und er hatte Recht, wenn er stolz auf diese Gegend war! Sie gehörte definitiv zu den Imposantesten Regionen, die wir je gesehen hatten. Wenn doch nur unsere Mägen nicht ständig versuchen würden, bei voller Fahrt aus dem Fenster zu springen. Plötzlich tauchte vor uns ein winziges Dorf auf, dass oben auf einen kleinen Berg inmitten des schmalen Tals gebaut wurde. Am höchsten Punkt, stand eine kleine, trotzige Kapelle, die halb im Felsen zu stecken schien. Es war ein Anblick wie aus 1000 und einer Nacht und Heiko und ich waren so fasziniert, dass wir unsere Nasen an die Fensterscheiben pressten. So stark wie die Scheiben durch den schnaufenden Motor vibrierten, war das kein leichtes Unterfangen.

„Können wir ein Foto machen?“ fragte ich.

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Raul antwortete nicht mit Worten sondern mit einer spontanen Vollbremsung, die unsere Nasen von den Seitenscheiben löste und gegen die Windschutzscheibe, bzw. die Kopfstütze des Beifahrersitzes klatschen ließ.

Wir fassten das ganze mal als ein Ja auf und machten ein Foto. Ehe ich noch die Chance hatte, das Fenster wieder hochzukurbeln, ging die rasante Fahrt auch schon weiter. Wir fühlten uns auf eigensinnige Weise an unseren Ausflug mit Bruder Arturo in die Picos de Europa zurückversetzt. Schon damals hatten wir festgestellt, dass diese Autofahrten in Gegenden mit Serpentinenketten nichts mehr für uns waren.

„Es gibt offensichtlich unterschiedliche Wege, wie man seinen Hunger wieder los wird,“ sagte Heiko hinter mir, „aber mit diesem hier hätte ich heute definitiv nicht gerechnet!“

Wie aber waren wir in diese Situation gekommen? Noch wenige Minuten zuvor hatten wir nicht einmal im Traum daran gedacht, dass wir nach unserer 23km-Wanderung nun auch noch eine Autofahrt hinter uns bringen würden, die sogar noch länger war. Auch jetzt kommt es mir noch immer etwas surreal vor.

Am Morgen waren wir ganz normal in La Coma gestartet. Dass der Ort ausgerechnet Coma hieß, war relativ passend, denn er war nicht nur ein äußerst verschlafenes Nest, sondern diente uns auch als Ort der Erholung von unserem Mountain-Marathon am Vortag. In dem kleinen Hostal waren wir hier am Abend in einen Koma-Artigen Schlaf gefallen und wachten erst wieder auf, als der Wecker bereits kurz davor stand ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom zu bekommen.

Die Reise von hier aus wurde eine Reise zu beeindruckenden Kraftplätzen und unvergesslichen Aussichten. Höher und höher schraubten, oder besser gesagt schnauften, wir uns über die schlängelige Straße ins Gebirge empor.

Vor einer engen Kurve blieb Heiko stehen und beugte seinen Oberkörper nach vorne, um seinen Lungen das Atmen zu erleichtern. Dann schaute er wieder ins Gebirge vor ihm und meinte: „Langsam habe ich echt keine Ahnung mehr, wo uns diese Straße hinführen will. Wenn wir noch höher kommen, dann stehen wir wahrscheinlich gleich bei Petrus vor der Tür. Wobei, wenn der was gescheites zum Futtern hat, dann habe ich nichts dagegen!“

Immer wieder schauten wir nach oben und konnten nicht glauben, dass die Straße noch höher den Berg hinausführen konnte. Und dann schauten wir nach unten und konnten nicht glauben, dass wir diese Höhen schon überwunden hatten.

„34km“, lautete die Aufschrift auf dem Schild am Straßenrand. Bei 30km hatten wir begonnen.

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„Boa!“ staunte Heiko, „schon vier Kilometer in nicht einmal ganz zwei Stunden? Respekt, wenn wir so weiter machen, dann kommen wir doch noch vor Weihnachten am Gipfel an!“

Jeder neue Kilometerstand markierte eine neue Epoche der Reise und jede kam uns vor wie eine Ewigkeit. Die Anstrengung brachte uns fast um und die Wagen zogen an unseren Hintern, als wären sie mit einem Bungee-Seil im Tal festgebunden. Doch hinter jeder Biegung wartete eine neue atemberaubende Sicht ins Tal und auf die gigantischen Bergmassive. Die Pappeln hatten ihre Blätter bereits gelb gefärbt und leuchteten im Sonnenlicht wie goldene Paläste aus einem zauberhaften Märchen der Natur.

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Auf einem Plateau machten wir eine Pause und ließen die Kraft der Berge auf uns wirken. Es wahr wohl kein Zufall, dass Heikos Familiensystematik gerade an einem Ort wie diesem ans Licht kam, der so viel Kraft in sich trug.

Doch nicht nur die Berge demonstrierten uns ihre Kraft, auch der Wind zeigte uns, was er drauf hatte.

Kurz bevor wir den Gipfel erreichten, kam plötzlich ein Sturm auf, der uns fast ins Tal zurückgeweht hätte. Ich hätte alle Mühe, meinen Hut festzuhalten, denn ihn hier von einer Klippe wieder einzusammeln wäre sicher kein Spaß geworden. Naja vielleicht schon, aber ich bin unsicher, ob ich es nach der Anstrengung noch geschafft hätte.

Jetzt wo ich das schreibe, fällt mir ein, dass ich noch kein Wort über den Verlust von Heikos Hut geschrieben habe. Dieser verschwand vor ein paar Tagen auf genauso sonderbare und ungeklärte Weise, wie der erste Strohhut zu und gefunden hatte. Heiko hatte ihn auf den Wagen gelegt und als er sich wenige Minuten später danach umschaute, war er verschwunden. Auch auf dem ganzen Weg zurück zum Hotel konnte er ihn nicht finden. Er war wie vom Erdboden verschluckt! (Wusste gar nicht, dass dieser Erdboden so auf Hüte steht.)

Doch zurück zu unserem stürmischen Gipfel. Wer hätte gedacht, dass uns so kurz vor dem Ziel noch so sehr die Puste ausgehen würde. Heiko träumte bereits seit Kilometern von einem reich gedeckten Mittagstisch in einer Almhütte. Das saftige Schnitzel tauche immer wieder einen Meter vor ihm auf und lockte ihn langsam aber sicher den Berg hoch.

„Wie sieht es mit deiner Energie aus?“ Fragte er. „Meine kann ich nicht mehr finden. Ich gehe nur noch mit der Kraft meines Willens, denn meine Muskeln haben schon lange keine mehr!“

„Ich will es einmal so sagen,“ antwortete ich, „gerade habe ich versucht zu pinkeln, aber meine Blase war zu schwach dafür. Es wollte einfach nichts rauskommen!“

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Wie eine Oase inmitten einer staubigen wüste tauchte plötzlich das Dach einer Almhütte vor uns auf. Wir waren gerettet! Jetzt musste das Restaurant nur noch offen haben und uns etwas geben, dann könnten wir eine gemütliche und erholsame Mittagspause einlegen, bevor wir uns wieder an den Abstieg machten.

Punkt eins wurde erfüllt. Die Tür lies sich öffnen. Drinnen saß ein junger Mann und schaute fern. Er war sichtlich unzufrieden damit, dass er bei seiner Entspannungarbeit gestört wurde. Als ich ihn um etwas zu Essen bat, reagierte er nicht unfreundlich, aber dennoch bestimmt ablehnend. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sich vorgenommen hätte, heute nichts zu tun und dass er von diesem Plan auch nicht abweichen würde, nur weil ein paar dahergelaufene Wanderer an seine Tür klopften.

„Versucht es doch in Tuixent, das ist das nächste Dorf. Da gibt es auch Restaurants.“ Meinte er unbekümmert und wandte sich wieder seinem Fernseher zu. Mit etwas Überredungskunst und einigem Drücken auf die Tränendrüse gelang es mir dann doch noch, ihm zumindest drei Mini-Äpfel abzuluchsen. Mehr war einfach nicht drin. Als ich Heiko die Botschaft überreichte, dass sein erträumtes Mittags-Buffet heute leider ausfallen müsste, verschränkte sein Magen beleidigt die Arme und schaute uns den Rest des Tages nicht mehr an. Bislang hatten wir lediglich etwas Obst gegessen und nach einem Anstieg von 670m hatten wir Hunger wie eine ganze Löwenfamilie.

Während wir noch ein paar Gipfelfotos machten, hörten wir mit einem mal hinter uns ein Bimmeln, wie von einer Kuhglocke. Als wir uns umdrehten, sahen wir einen kleinen, mageren Hund mit zotteligem Fell, in dem noch etwas Kuhdung klebte. Er schaute uns mit riesigen, treuen Augen an und es war sofort klar, dass man von diesem Berg nicht herabsteigen könnte, ohne den kleinen Flohcircus zu knuddeln. Die Glocke hing an einem breiten, blauen Halsband, auf dem in Großbuchstaben der Name Albert und eine Telefonnummer geschrieben waren.

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„So, so,“ meinte Heiko zu dem kleinen Vierbeiner, „du bist also ein zotteliger Einstein!“

Da uns der Wind immer mehr auskühlte, machten wir uns an den Abstieg, der auf der gegenüberliegenden Seite ins Tal hinab führte. Es dauerte nicht lange, da spürten wir, dass wir verfolgt wurden. Das Bimmeln der Hundeglocke war nun permanent zu hören und es blieb immer im gleichen Abstand. Albert hatte sich also unserer Herde angeschlossen und folgte uns nun auf Schritt und Tritt.

„Ich sag dir eins, Albert!“ Meinte Heiko schließlich, „wenn du wirklich bei uns bleiben willst, dann müssen wir irgendetwas gegen deine Glocke machen.“

Mit dieser Aufnahmebedingung war Albert einverstanden und im Austausch gegen ein paar Streicheleinheiten hatte er nichts dagegen, dass wir seine Glocke mit einem Stück Papier zum schweigen brachten. Er schien sogar selbst aufzuatmen und hüpfte wild in der Gegend herum, als er bemerkte, dass er nun nicht mehr ständig ein Geräusch von sich gab.

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So waren wir also nun bereits zu fünft. Heiko, Gundel, Rudi, Alfred und ich. Langsam verstanden wir auch, warum Alfred eine Telefonnummer auf seinem Halsband hatte. Es war wahrscheinlich nicht das erste mal, dass er von Zuhause ausbüxte. Wir kamen uns ein bisschen vor, wie die Rattenfänger von Hameln. Nur das wir statt um unsere Bezahlung um unser Mittagessen geprellt wurden und das wir an Stelle der Kinder einen Hund entführt hatten.

Albert folgte uns, bis wir Tuixent fast erreicht hatten. Dann war er plötzlich verschwunden.

„Schau dir das an!“ Meinte Heiko, „er ist wirklich 400 Höhenmeter abgestiegen, die er nun wieder hinaufwandern muss, nur um uns zu begleiten. Dass muss wahre Liebe sein!“

Tuixent hingegen begegnete uns nicht ganz so liebevoll. Das kleine Dorf war zwar schön, doch die Einwohner waren Fremden gegenüber in etwa so offen wie Fort Knox. Ihre ablehnende Haltung ging schon fast in Feindseligkeit über und wir fühlten uns etwa so, als wären wir als Schwarze in das Hauptquartier des Ku-Klux-Klans gestolpert, um dort nach Essen zu fragen.

Schließlich gelang es mir, den Rathausbeamten davon zu überzeugen, mir die Nummer des Pfarrers zu geben und sogar ein kleines Abendessen für uns auszuhandeln. Das Essen bekamen wir in der Bar, dessen Besitzerinnen mich zuvor bereits äußerst unsanft nach draußen verwiesen hatte. Jetzt konnte sie plötzlich doch freundlich sein. Es ist schon spannend, wie ein Bündel Geldscheine, mit dem das Rathaus wedelt, einen Menschen verändern kann.

„Ist dort der Pfarrer?“ Fragte ich, als ich die Nummer gewählt hatte, die mir der Beamte aufgeschrieben hatte.

„Nein!“ Antwortete eine Männerstimme, „der Pfarrer hat 0202 am Ende seiner Nummer.“

„Ist dort der Pfarrer?“ Fragte ich erneut nach dem wählen der neuen Nummer.

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„Nein!“ Antwortete eine Stimme, die für mich genauso klang wie die erste. „Der Pfarrer hat die Nummer soundso.“

Langsam fühlte ich mich etwas verarscht.

„Ist dort der Pfarrer?“ Versuchte ich es ein drittes mal.

Diesmal hatte ich Glück. Es war der Pfarrer und er war sogar freundlich und hilfsbereit. Der einzige Haken an der Geschichte war, dass er im Nachbardorf wohnte, und dass dieses Run 15km in der falschen Richtung lag.

„Kein Problem!“ Meinte der geistliche freundlich, „dann hole ich euch eben ab und bringe euch morgen früh wieder zurück!“

Das war doch mal ein Deal! Wir hatten einen Schlafplatz und die Hoffnung auf eine neue Stadt mit neuen Möglichkeiten, um Essen aufzutreiben, in der uns die Menschen vielleicht wohler gesonnen waren.

Bevor wir jedoch in Richtung Gemeindehaus aufbrachen, lud uns der Pfarrer zunächst noch auf einen Saft in der einzigen Bär ein, die wir noch nicht gefragt hatten. Sie hatte gerade erst geöffnet und gehörte einer Frau, die uns nun interessiert nach unserer Geschichte fragte. Für sie waren wir nun keine Fremden mehr, sondern Freunde des Pfarrers. Also könnte sie uns auch offen und freundlich begegnen.

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„Was für Erfahrungen habt ihr mit den Menschen gemacht, die ihr auf eurer Reise getroffen habt?“ Wollte sie wissen.

„Sehr unterschiedliche“, sagte ich, „an manchen Orten und Tagen, bekamen wir so viel Hilfe, dass wir es kaum glauben konnten. Die Menschen waren freundlich und zuvorkommend und es machte Spaß sich mit ihnen zu unterhalten. Und dann, nur zehn Kilometer weiter kann es sein, dass man in ein Dorf kommt, an dem man mehr Ablehnung erfährt, als in eine Badewanne passt. Oftmals muss das gar nicht heißen, dass die Menschen dort unfreundlich oder schlecht sin. Oft haben sie nur Angst oder es fehlt ihnen an Urvertrauen.“

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Sie nickte und meinte, dass sie das gut nachvollziehen könne. Dann fragte sie uns, warum wir mit dem Pfarrer mitfahren würden.

„Weist du,“ sagte ich, „hier im Ort könnten wir nichts finden und der Pfarrer war so nett, uns zu sich nach Hause einzuladen.“

Ungläubig schaute sie mich an und sagte: „aber es gibt doch in jedem Fall ein Rathaus und jedes Dorf hat ungenutzte Räume, in denen man für eine Nacht bleiben kann!“

„Normalerweise hast du recht,“ stimmte ich ihr zu, „aber hier hat man uns überall abgelehnt.“

Sie wurde bleich. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass ihr Dorf zu der zweiten Kategorie gehörte. Jener Kategorie, die sie gerade noch mitleidig betrachtet hatte und von der sie glaubte, dass es sie nur in fernen Orten der Lieblosigkeit gab. Schuldbewusstsein stieg in ihr auf und unvermittelt Griff sie zum Telefon.

„Ich habe mit meinem Mann gesprochen,“ sagte sie, als sie aufgelegt hatte, „wenn ihr morgen wiederkommt, dann könnt ihr hier frühstücken! Wir sind gute Menschen!“

Wenige Minuten später rasten wir in dem rostigen Geländewagen des Pfarrers durch die Berge und hofften, dass der alte Blechhaufen zusammenhielt, bis wir ankamen. Ich zählte die Kilometerangaben am Straßenrand und freute mich über jeden Meter, den wir ohne zu speien überwanden. Gleichzeitig war ich fasziniert von der atemberaubenden Aussicht, die uns diese Autofahrt bot. Bis vor 12 Jahren hatte es in dieser Gegend noch keine Straßen gegeben. Die kleinen Dörfer waren nur über Schotterwege erreichbar gewesen und wenn im Winter zu viel Schnee lag, erreichte man sie überhaupt nicht mehr. Dementsprechend gering war die Einwohnerzahl in den kleinen Ortschaften.

„Hier ist unser Zielort“ rief der Pfarrer freudig, „dort steht mein Pfarrhaus!“

Doch anstatt anzuhalten, fuhr er mit unverminderter Geschwindigkeit daran vorbei. Was war den jetzt los?

„Ich will euch noch kurz etwas zeigen!“ Meinte er nur knapp und ehe wir uns versahen, war das Dorf bereits wieder hinter einem Berghang verschwunden.

„Hier muss man aber auch wissen, wann der Pfarrer kommt!“ Sagte Heiko, dem sein Sarkasmus trotz der Übelkeit nicht verloren gegangen war. „Sonst hat man in diesem Nest hier schlechte Karten, wenn man zur falschen Zeit auf der Straße steht.“

„Naja,“ gab ich zurück, „er weis auf jeden Fall, wie er seine Schäfchen zum Beten bekommt“

Die Fahrt aus dem Ort heraus dauerte noch einmal genauso lange wie der Weg hierher. Wollte uns der Mann vielleicht entführen und an eine Schafherde verfüttern?

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Unvermittelt hielt er an und fuhr auf einen Kiesparkplatz.

„Hier!“ Sagte er begeistert, „das müsst ihr euch ansehen!“

Er hatte nicht zu viel versprochen! Vor uns ragte ein gigantisches Felsmassiv in den Himmel, dessen Spitze wie bei einer Mistgabel in zwei Teile gespalten war. Die untergehende Sonne tauchte das Naturmonument in ein mystisches Licht. Es war gigantisch! Wenn uns doch nur nicht so verdammt schlecht gewesen wäre! Doch der Anblick tröstete uns darüber hinweg.

Gabelfelsen wurde dieser Berg von den Einheimischen genannt und das auch vollkommen zurecht.

Nach einer weiteren Höllensfahrt blieben wir dann endlich vor dem Pfarrhaus stehen.

„Dies ist euer Haus!“ Sagte der bärtige alte Mann und meinte es auch genau so wie er es sagte. Wir durften uns in der Küche bedienen und wir bekamen einen großen Raum zum übernachten.

Spruch des Tages: Zu schnell ist auch nichts!

 

Höhenmeter: 670 m

Tagesetappe: 24 km

Gesamtstrecke: 5677,37 km

25717 Tuixent

Bewertungen:

 
2016-02-20T23:26:20+00:00 Spanien, Tagesberichte|

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