Tag 264: Spanische Sintflut

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Tag 264: Spanische Sintflut

Tag 264: Spanische Sintflut

Heute hat sich die Schöpfung wieder einmal selbst übertroffen! Um 7:00Uhr in der Früh hallte ein Donnerschlag durch die Luft, der uns aufrecht im Bett stehen ließ. Begleitet wurde er von einem sintflutartigen Regenschauer, der sich gewaschen hatte. Und zwar wirklich gewaschen hatte. Vergesst alles was ihr bislang über Wasserfälle und Hochdruckreiniger wusstet. Sie sind ein Dreck gegen diesen Regenguss! Noch am Nachmittag standen die Straßen zum Teil knöcheltief unter Wasser. Die Toilette einer Tankstelle, die ich gerne aufgesucht hätte, um meinen Klowaschlappen zu benutzen, was so überflutet, dass sie außer Betrieb genommen wurde. Die Tankwarte hatten alle Hände voll zu tun, um ihre Tankstelle von dem angeschwemmten Schlamm, Deck und Müll wieder zu befreien. Teilweise waren ganze Schlammmassen auf die Straße gespült worden, selbst an Stellen, an denen es eigentlich gar keine Abhänge gab, die das Wasser herablaufen konnte. Sogar die Grasnarben waren von den Straßen geschwemmt worden.

Umso glücklicher waren wir über die weichen Betten im trockenen Haus, die uns zu dieser Zeit warm hielten. Hätte das Universum nicht noch von irgendwoher das englische Pärchen aus dem Nichts gezaubert, dann hätte die Nacht wirklich böse ausgehen können. Digging erzählte uns später, dass sie eigentlich nie nach Vilamarxant gingen um dort die Bars zu besuchen. Es war eine absolute Ausnahme und es gab nicht einmal wirklich einen Anlass dafür. Wie hoch also war die Chance, dass wir ausgerechnet diesen einen Tag und diese eine Bar in einer Stadt mit rund 6.000 Einwohnern erwischten?

Auf der anderen Seite war unter diesem Aspekt die Sache mit der Polizei, dem Pfarrer und den Nonnen auch noch einmal viel schockierender. Denn der Wetterbericht hatte das große Unwetter in der Nacht bereits seit Tagen angekündigt und immer wieder davor gewarnt. In der ganzen valencianischen Küstenregion dürfte es also außer Heiko und mir niemanden gegeben haben, der nicht wusste, was da auf uns zu kam. Und dennoch lehnten uns die Gottesschwestern, der heilige Vater und unsere Freunde und Helfer eiskalt ab, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne uns auch nur auf den Regen hinzuweisen. Jemanden vor der Tür stehen zu lassen, wenn alles heiter Sonnenschein ist, ist eine Sache. Doch jemandem eine Notunterkunft zu verweigern, wenn man weiß, dass eine Sintflut droht, vor der es kein Entrinnen gibt, ist etwas vollkommen anderes. Wenn wir unser Zelt bei diesem Wetter auf einem der lehmigen Felder aufgestellt hätten, dann wären wir mitsamt des Bodens einfach auf die nächste Straße gespült worden.

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Doch all dies blieb uns glücklicherweise erspart. Stattdessen wurden wir am Morgen von Lyne mit einem heißen Tee und einem englischen Frühstück aus Ei und Bohnen empfangen und konnten gestärkt ins Tal aufbrechen. Die Regenwolken hatten sich verzogen und der Himmel wurde nur noch von weißen Schleiern verdeckt, die hin und wieder ein paar Tropfen fallen ließen. Tropfen, die einen leicht erfrischten, die aber keinen Schaden anrichten konnten.

Dass der Himmel heute bewölkt war hatte auch den Vorteil, dass wir weitgehend auf Sonnencrem verzichten konnten. Heiko hatte in den letzten Tagen die neue, angeblich schadstofffreie Creme ausprobiert und daraufhin prommt einen Allergischen Hautausschlag bekommen. Unsere Befürchtung scheint sich also zu bewahrheiten. Auch die Sonnenmilch, die laut Hersteller besonders natürlich, verträglich und chemiefrei ist, ist alles andere als natürlich, verträglich und chemiefrei. Zumindest bei Heiko wirkte sie sogar deutlich heftiger, als die herkömmliche Sonnencreme. Nach drei Tagen des Juckens und Brennens war es heute also ein Segen, sie einfach weglassen zu können. Wenn es in den nächsten Tagen eher bewölkt bleibt, dann kann sich auch Heiko vielleicht daran wagen, nur noch auf das Sonnenöl zu vertrauen. Mein Glück in diesem Bereich ist, dass ich ein dunklerer Hauttyp bin und daher nicht so schnell einen Sonnenbrand bekomme. Bei mir hat das Sonnenölgemisch vollkommen ausgereicht und das sogar in jeder Mischung, die wir getestet haben: Kokosöl + Sesamöl, Kokosöl + Sesamöl + Olivenöl und die Mischung aus all den verschiedenen Ölsorten, mit Sanddornfruchtfleisch-, Sesam-, Kokos-, Avocado-, Jojoba- und Karottensamenöl, das wir von Paulina bekommen hatten.

Am Nachmittag erreichten wir dann den Ort San Antonio, der eigentlich nur aus einer Ansammlung nahezu leerstehender Neubausiedlungen besteht. Hier trafen wir gleichzeitig auf den Pfarrer, den Polizeichef und den Bürgermeister, die jedoch alle drei nahezu keine Idee hatten, was sie mit uns anfangen sollten. Schließlich kam der Polizeichef darauf, dass es in einer der Neubausiedlungen eine alte Polizeiwache gab, die seit Jahren leer stand und davor nur noch zum Schachspielen verwendet wurde. Es dauerte noch eine Weile, bis sich die Männer einigen konnten, dann aber wurde die Idee als gut empfunden. Vor allem deshalb, weil es dem Bürgermeister gelang, es irgendwie so hinzudrehen, dass er sie als seine eigene verkaufen konnte. Der Pfarrer hingegen weigerte sich mit verschränkten Armen uns auch nur eine Abstellkammer in seinem Gemeindehaus zur Verfügung zu stellen, welches wie er sagte „am Montag leider bis spät in die Nacht hinein vollkommen belegt sei.“ Als ich ihn nach etwas zu essen fragte, sah er eine Chance sich seine belastete Seele wieder freizukaufen und drückte uns 20€ in die Hand. Natürlich nicht ohne uns für das Konzept einer Reise, bei der man auf Kosten anderer Lebt zu rügen. Das Geld konnten wir in einer so harten Region wie dieser gut gebrauchen und wir waren wirklich Dankbar dafür. Dennoch reichte es nicht aus, um unsere Meinung über den Mann auch nur im Ansatz zu verbessern. War es wirklich klug, an seiner Stelle, mit Steinen auf Fremde zu werfen, wenn man mitten in einem Glashaus saß? Denn wovon lebte der Pfarrer? Von dem Geld seiner Gemeinde, dafür dass er ihnen durch schwere Zeiten half und dass er sie mit dem Unterstütze, was sie brauchten? Oder wirklich dafür, dass er die Nachmittage in der Bar abhing, seine Tür verrammelte und ein Schild mit „Sprechzeiten: Montags und Freitags 19:00Uhr bis 20:00Uhr“ an seine Tür hängte?

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Spannend war es auch noch einmal, in dem reichen Neubauviertel nach Essen zu fragen. Gut 50% der Türen wurden gar nicht geöffnet, 30% wurden zugeschlagen, noch bevor ich überhaupt ausreden konnte, 15% winkten ab, nachdem sie gehört hatten, was ich wollte und 5% freuten sich über die Möglichkeit, uns mit etwas Obst, Gemüse, Eiern oder Sprit für unseren Kocher aushelfen zu können.

Spruch des Tages: Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen,

hat beides nicht verdient…

 

Höhenmeter: 80 m

Tagesetappe: 13 km

Gesamtstrecke: 5215,87 km

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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