Tag 1081: Auf der Via Gebennensis

///Tag 1081: Auf der Via Gebennensis

Tag 1081: Auf der Via Gebennensis

Tag 1081: Auf der Via Gebennensis

13.12.2016

Die Nacht wurde nicht ganz so erholsam, wie wir es uns erhofft hatten, denn unser Raum hatte einige kleine Tücken, die auf den ersten Blick nicht erkennbar waren. Die erste war eine Lüftungsanlage, die recht viel Energie darin investierte, eiskalte Luft in unseren Schlafsaal zu pusten und dabei noch ein permanentes, dumpfes Rauschen von sich zu geben. Die zweite Tücke war jedoch noch weitaus störender und sie kam erst beim Einschlafen zum Vorschein. Aus irgendeinem Grund hatte man in unserem Saal mehrere Bewegungsmelder installiert. Auf Gängen und in Treppenhäusern mochte dies ja sinnvoll sein, da man so verhindern konnte, dass ständig das Licht brannte, wenn die Menschen vergaßen es auszuschalten. Aber in einem Besprechungs- und Veranstaltungssaal? Das kuriose an diesem Bewegungsmelder war jedoch, dass er nicht dafür sorgte, dass das Licht nur brannte, wenn sich etwas bewegte und dann nach einiger Zeit ausging. Er schaltete es bei jeder Bewegung ein, ohne es dann wieder zu löschen. Solange wir arbeiteten und das Licht über den Schalter ohnehin brennen hatten, war dies natürlich kein Problem. Doch wenn man das Licht einmal ausgeschaltet hatte, hatte man nur etwa 30 Sekunden Zeit um in eine vollkommene Regungslosigkeit zu verfallen. Danach sorgte die kleinse Bewegung dafür, dass das Licht wieder anging. Und damit meine ich, dass ein Licht anging. Nicht eine kleine Funzel, die den Raum ein bisschen erhellte, sondern ein Flutlicht, das einen senkrecht im Bett stehen ließ. Kaum waren wir eingeschlafen drehte sich einer von uns auf die Seite oder wackelte ein bisschen zu stark mit seinem Arm und schon war es wieder Taghell. Also aufstehen, auf den Schalter drücken, ins Bett huschen, hinlegen, einschlafen und Zack! Da war das Licht auch schon wieder an. Irgendwann schaffte ich es sogar, den Schalter zu drücken, ohne dabei richtig wach zu sein. Aber glaubt mir, besonders erholsam war das nicht.

Rund 5km von unserem Schlafplatz entfernt trafen wir wieder auf den Jakobsweg, der hier nun Via Gebenensis heißt. Dieser wird uns nun bis nach Le Puy en Valley führen, wo wir in etwa zum Jahreswechsel ankommen müssten. Auch diesen Weg ist Heiko bereits bei der Steinzeitpilgertour gewandert und er konnte sich sogar noch an einige Abschnitte erinnern.

„Schau, an diesem Brunnen haben wir damals unsere Wasserflaschen aufgefüllt und uns ein wenig erfrischt!“ rief er begeistert. Heute war das Wasser jedoch abgestellt und nach einer Erfrischung war uns auch nicht gerade zumute.
Wenn wir nun geglaubt hatten, dass wir den anstrengendsten Teil des Weges mit den Alpen hinter uns gelassen hatten, hatten wir uns tüchtig geirrt. Vor uns lag nun das Jura und auch wenn es nicht ganz so hoch und beeindruckend war, hielt es doch genügend Steigungen für uns parat. Es dauerte nicht lange, und wir waren wieder einmal von oben bis unten durchgeschwitzt, und das obwohl wir noch immer kaum mehr als 0°C hatten. Trotz der Anstrengung genossen wir den Weg über die ruhigen Wege und die kleinen Straßen.

Wir waren erst wenige Kilometer von der Grenze entfernt und doch wirkte es, als seien wir in einer vollkommen neuen Welt. Frankreich hatte einfach nicht 300 oder 400 Einwohner pro Quadratkilometer, wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, sondern gerade einmal 80. Das machte sich sofort bemerkbar. Zum ersten Mal seit Monaten spürten wir wieder so etwas wie eine Harmonie in der Natur, die nicht durch eine naheliegende Autobahn oder einen Flughafen gestört wurde. Jedenfalls, solange bis wir an einer Kreuzung falsch abbogen und unten im Tal an einer Hauptstraße landeten. Aber dafür kann das Land ja nichts.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir uns gleich auch noch einmal beim Bergverlag Rother für den guten Wanderführer bedanken, der uns nicht nur bei der Orientierung, sondern auch bei der Schlafplatzsuche hilft. Für alle, die den französischen Jakobsweg von Genf nach le Puy ebenfalls einmal wandern möchten (was wir jedem Wanderer ans Herz legen möchten) ist der Wanderführer sehr zu empfehlen:

Mehr für dich:
Tag 1011: Morgens wie ein Bettelmann, abends wie ein König

Rother Wanderführer – Via Gebenensis

Unser Etappenziel hieß Seyssel und als wir es erreichten begann sogar nach Tagen zum ersten Mal wieder die Sonne zu scheinen. Am Ufer wurden wir von einem Mann angesprochen, der mich stark an einen früheren Freund erinnerte. Er war bereits als kleines Kind unfreiwillig zum Nomaden geworden, hatte insgesamt 21 verschiedene Schulen besucht und hatte sein Elternhaus bereits mit 16 verlassen, weil er es nicht mehr aushielt. Kaum jedoch war er für sich allein, spürte er, dass er das Umherreisen noch immer nicht lassen konnte. Es lag ihm im Blut und egal wohin er kam, er fühlte sich Heimatlos. „Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine!“ meinte er scherzhaft, um zu untermauern, dass man eigentlich keine Heimat benötigte.

Doch die Traurigkeit, die dabei in seinen Worten mitschwang ließ ihn eher das Gegenteil ausdrücken. Seine Ex-Frau und seine Kinder lebten eine gute Autostunde von hier entfernt und da sie der Meinung war, dass die Kinder ihren Vater zumindest hin und wieder einmal brauchten, hatte ihm seine frühere Partnerin hier ein Haus besorgt, in dem er nun wohnen konnte und sollte. Doch auch hier fühlte er sich nicht wirklich heimisch. Er selbst sah seine Kinder vor allem als ein wöchentliches Pflichtprogramm an und er war der Meinung, dass sie ohne ihn deutlich besser dran wären. „Um andere lieben zu können, muss man aufhören, sich selbst zu hassen!“ meinte er, „Ich weiß nicht, ob ihr nachvollziehen könnt, was ich damit meine. Irgendwann musst du erkennen, dass du ein Arschloch bist und dann musst du es schaffen, dich trotzdem zu lieben. Wenn du dich als Arschloch annehmen kannst, dann kannst du auch anfangen, dich zu wandeln!“

Ich nickte unwillkürlich, denn ich verstand sehr gut, was er meinte.
Für die Nacht bekamen wir dieses Mal ein kleines leeres Zimmer mit Bad und Dusche von der Stadt. Unser Vagabundenvater hätte uns ebenfalls aufgenommen, doch wir waren in diesem Fall nicht böse, dass wir einen Platz für uns alleine hatten. Tief in seinem inneren war der Mann kein schlechter Kerl und er war wieder einmal ein perfekter Spiegel. Aber einen ganzen Nachmittag lang, wäre es doch ein bisschen anstrengend geworden.

Mehr für dich:
Tag 910: Probleme mit Therm-a-Rest Mattratzen

Spruch des Tages: Endlich wieder Pilger in Frankreich.

Höhenmeter: 240 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 19.807,27 km
Wetter: morgens Nebel, dann überwiegend sonnig bei 8°C.
Etappenziel: Private Pilgerherberge, 38730 Valencogne, Frankreich

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 
2019-06-24T16:06:35+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

About the Author:

Leave A Comment

Translate »