Tag 140: Der Super-GAU

///Tag 140: Der Super-GAU

Tag 140: Der Super-GAU

Tag 140: Der Super-GAU

Heute war wieder einer dieser Tage, die auf ihre ganz spezielle Art und Weise verflucht sind. Der Tag selbst war anstrengend und brachte uns fast an unsere körperlichen Grenzen, doch die eigentliche Katastrophe, die jedes andere Ereignis überschattete, folgte erst am Abend.

Die Nacht im Zelt war gut und lang gewesen, wenngleich ich aus irgendeinem Grund recht unruhig geschlafen habe. Heiko hingegen schlief wie ein Stein, wenn man von einer Pinkelpause unter dem Sternenhimmel absah. Das gefürchtete Gewitter blieb aus und auch der Wind ließ uns die ganze Nacht hindurch in Ruhe. Zu regnen begann es erst am Morgen, genau in dem Moment, in dem wir unser Zelt abbauen und einpacken wollten. Das führte dazu, dass wir nicht nur das Zelt, sondern auch ein paar Liter Wasser auf unseren Wagen verstauten, die sich noch immer in den Packsäcken befinden. Denn genügend Zeit und Sonne zum Trocknen fanden wir heute nicht.

[av_gallery ids=’6475,6476,6471,6468′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’shop_thumbnail‘ columns=’4′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Unser Wanderführer hatte eine Tagesetappe von 43,9km von Avilés bis nach Soto de Luiña vorgesehen. Den ersten Teil der Strecke hatten wir bereits vor zwei Tagen zurückgelegt, um von Avilés nach Sulinas in die Wohnung von Freia und Jan zu kommen. Den zweiten Teil haben wir dann gestern zurückgelegt. Heute hätte dementsprechend ein eher entspannter Tag werden sollen, doch der Weg wollte und wollte nicht enden. Selbst die als Fahrradweg markierte Route führte über steile Pässe, enge Pfade und holprige Geröllpisten rauf und runter, bis wir nicht mehr wussten, wo oben und unten war. Unsere Kondition war schon lange auf der Strecke geblieben und unsere Lungen arbeiteten auf Hochtouren. Dafür belohnte uns der Weg mit einer Passage durch einen Eukalyptuswald, der mehr an einen australischen Dschungel als an ein Wäldchen in Spanien erinnerte. Wäre uns ein Panda über die Füße gelaufen, hätten wir uns darüber nicht einmal gewundert.

Danach jedoch liefen wir in Schlangenlinien immer wieder unter der Autobahn hindurch, wobei unsere Wege größtenteils aus Geröll und Bauschutt bestanden. Dörfer gab es hier kaum noch und damit gab es auch keine Möglichkeit, um nach Essen oder einem Schlafplatz zu fragen. Die wenigen Gelegenheiten, die sich boten, waren entweder ausgestorben und standen leer, oder sie wurden von Menschen bewohnt, die auf mittellose Weltreisende nicht allzu gut zu sprechen waren. Sorgen machen brauchten wir uns deswegen jedoch nicht, denn in dem Dorf, das als Tagesziel vorgeschlagen wurde, sollte es auch eine kostenlose Herberge geben.

Mehr für dich:
Tag 371: Der Bischof

[av_gallery ids=’6467,6466,6461,6454′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’shop_thumbnail‘ columns=’4′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Als wir Soto de Luiña nach schier endloser Weite schließlich doch erreichten, stellte sich die Herberge jedoch als nicht ganz so kostenlos heraus, wie uns prophezeit worden war. Man musste in einer Bar seine Credencial vorlegen und eine Spende von fünf Euro bezahlen. Dann durfte man in der Herberge wohnen. Wir konnten es kaum glauben. Nicht nur unser Wanderführer hatte diese Herberge als kostenlos aufgeführt, sondern auch sämtliche Menschen, mit denen wir seit gestern Mittag Kontakt hatten. Und auch in der Bar, war der Betrag als „Spende“ und nicht als „Preis“ deklariert. Dennoch war diese Spende keineswegs freiwillig.

Die Bedienung in der Bar konnte mich zunächst nur an den Herbergsleiter verweisen, den ich naheliegender Weise in der Herberge antreffen würde. Als ich dort eintraf, war er gerade dabei, den anderen Pilgern lebenswichtige Fakten über die morgige Etappe zu erklären. Da er nur Spanisch sprach, was die meisten seiner Zuhörer nicht verstand, bat er mich um meine Unterstützung als Dolmetscher. Er brauchte in guter spanischer Manier etwa 20 Minuten um die folgenden Informationen an seine Gäste zu verteilen: Folgt einfach der Hauptstraße, die ist nicht befahren und deutlich leichter zu begehen als alle anderen Wege. Das Wasser hier ist trinkbar und wenn ihr Wäsche aufhängen wollt, dann hängt sie am besten auf die einzigen Leinen die es gibt, genau so wie ihr es eh bereits getan habt. Das hat zum ersten den Vorteil, dass die Wäsche auch im Regen nicht nass wird, weil sich die Leinen unter einem Dach befinden und zweitens gibt es eh keine andere Möglichkeit. Falls ihr euch fragt, wie er es schaffte, damit 20 Minuten zu füllen, kann ich euch beruhigen. Ich frage mich das auch noch immer und das obwohl ich dabei war. Nach seiner Rede jedoch war er mir dankbar genug, um uns auch kostenlos aufzunehmen.

Mehr für dich:
Tag 323: Lernaufgabe

[av_gallery ids=’6453,6452,6451,6446′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’shop_thumbnail‘ columns=’4′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

Jetzt jedoch folgte die Stunde der Wahrheit.

Wir fuhren unsere Wagen in die Herberge und stellten dabei fest, dass Heikos Räder deutlich weiter nach außen standen, als sie es normalerweise machten. Seitdem wir die Achse hatten schweißen lassen, machten sie einen leichten Spagat, der jedoch nicht weiter störte. Jetzt hingegen war der Spagat so groß, dass man deutlich erkennen konnte, das irgendetwas nicht stimmte. Ein blick auf die Unterseite offenbarte uns das ganze Ausmaß der Tragödie, das noch deutlich schlimmer war, als all unsere Befürchtungen. Die Achse war gebrochen! Sie hatte nicht nur einen kleinen Riss oder eine Schwachstelle, sie war komplett in der Mitte durchgebrochen. Und zwar neben der Schweißnaht.

Zunächst hatten wir vermutet, dass die vielen holprigen Wege vielleicht zu viel für die Achse gewesen waren, doch bei genauerer Beobachtung stellten wir fest, dass es die Bremse war, die die Achse zerrissen hatte. Es war noch immer das gleiche Problem wie am Anfang. Jeder Bremsvorgang versetzte die Achse in eine kurze aber kräftige Rotationsbewegung, die es eigentlich nicht geben dürfte. Früher hatte sich die Achse dadurch weiter und weiter verdreht. Jetzt da wir sie fixiert hatten, wurden innerliche Spannungen aufgebaut und diese hatten die Achse nun vollkommen zerrissen.

Von allen Unglücken die passieren konnten, war dies in Bezug auf unsere Ausrüstung das schlimmste. Mit einer gebrochen Achse konnten wir unmöglich weitergehen, ohne dass wir den Wagen dadurch ganz zerstörten. Wir brauchten also eine Lösung, und zwar jetzt auf der Stelle. In einem Dorf mit 80 Einwohnern. Wie sollte das jemals klappen? Unser Herbergsleiter teilte uns mit, dass es eine Werkstatt in drei oder vier Kilometern Entfernung gab, die uns vielleicht helfen konnte. Sie lag direkt an der Hauptstraße und war daher gut zu erreichen. Dennoch brauchten wir eine Zwischenlösung, die den Wagen zusammenhielt, bis wir die Werkstatt erreichten. Deprimiert streiften wir durch den kleinen Ort, auf der Suche nach irgendetwas, mit dem wir die Achse stabilisieren konnten. Eine alte Frau gab und einen noch älteren Besenstiel, doch der war so weich, dass man ihn bereits mit de Hand verbiegen konnte. Schließlich fanden wir in einem Blechschuppen ein Stück Stahl, das normalerweise zur Herstellung von Stahlbeton verwendet wird. Daneben hing sogar gleich noch eine passende Eisensäge, mit der wir die Stange auf die richtige Länge stutzen konnten. Es war niemand da, den wir um Erlaubnis fragen konnten, doch wir waren sicher, dass niemand ein kleines Stück der Stahlstange vermissen würde. Außerdem trommelte der Regen gerade so stark auf das Wellblech des Unterstandes, dass niemand das Sägegeräusch hören konnte.

Mehr für dich:
Tag 983: Kloster Kalwaria

[av_gallery ids=’6445,6444,6443,6453′ style=’thumbnails‘ preview_size=’portfolio‘ crop_big_preview_thumbnail=’avia-gallery-big-crop-thumb‘ thumb_size=’shop_thumbnail‘ columns=’4′ imagelink=’lightbox‘ lazyload=’avia_lazyload‘]

In der Herberge erschufen wir dann mit Hilfe von Panzertape und der Eisenstange ein halbwegs befriedigendes Provisorium, mit dem wir es morgen zur Werkstatt schaffen würden. Bleibt nur zu hoffen, dass man uns da weiterhelfen kann. Wenn nicht, dann steht das ganze Konzept unserer Reise in Frage. Mit einer gebrochenen Achse ist der Wagen nutzlos. Doch wie wollen wir ohne ihn unser Gepäck transportieren? Und mein Wagen ist ja genauso konstruiert wie Heikos. Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis dieser vielleicht auch einen Achsbruch erleidet? Wenn wir auf Rucksäcke umsatteln müssen, können wir nur noch einen Bruchteil unseres Gepäcks mitnehmen und selbst beim Minimum wird es bedeutend mehr auf die Schultern und den Rücken gehen, als wir uns jetzt überhaupt vorstellen können. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Schöpfung auch in dieser Hinsicht ihre schützende Hand über uns legt und uns genauso zur Seite steht, wie bei allen Problemen bisher.

 

Spruch des Tages: Immer wenn man glaubt, dass gerade wieder alles glatt läuft, taucht ein neues Problem auf.

 

Höhenmeter: 730 m

Tagesetappe 23,5 km

Gesamtstrecke: 2854,07 km

Bewertungen:

 
2016-03-02T00:56:42+00:00 Spanien, Tagesberichte|

About the Author:

Leave A Comment

Translate »