Tag 237: Drehen im Kreis

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Tag 237: Drehen im Kreis

Tag 237: Drehen im Kreis

 Eigentlich hatte ich geplant, den Nachmittag dafür zu nutzen, den Artikel über die Schulmedizin fertigzustellen. Doch wie so oft, kam alles wieder einmal ganz anders.

Heiko hatte einige spannende Informationen über Babynahrung gefunden, die unsere Vermutungen vom Vormittag bei weitem in den Schatten stellten. Es war so spannend und so erschreckend, dass er es laut vorlesen musste, um nicht durchzudrehen. Auch für mich war es mehr als nur spannend und eigentlich wäre es das Richtige gewesen, mich zurückzulehnen und gemeinsam mit Heiko den Text durchzugehen. Doch in mir brannte noch immer das Gefühl, nicht genügend Zeit zu haben und den Tag um jeden Preis so effektiv nutzen zu müssen wie nur möglich. Dieses Verkrampfte hinterherrennen hinter der Zeit führte mich wieder einmal in die gleiche Schleife, die ich täglich mehrfach durchlaufe. Es war die selbe Schleife, die wir auch schon in Toledo gedreht hatten und von der ich glaubte, sie nun verstanden und damit auch gleich abgeschafft zu haben. Dazu kann ich nur sagen: Irrtum! Das war wohl nix!

Lustiger Weise hatten wir kurz zuvor erfahren, dass Paulina ganz genau das gleiche passiert war. Natürlich war es bei ihr eine andere Situation, doch die Handlungsspirale war bei uns beiden die Selbe.

In meinem Fall war der Gedanke: Ich habe gelernt, dass ich die Zeit effektiv nutzen kann, in dem ich zwei Dinge gleichzeitig mache. Also kann ich während des Zuhörens auch gleich schon einmal meinen Wagen reparieren. Dieser hatte vor ein paar Tagen zu Quietschen angefangen und wollte damit einfach nicht mehr aufhören. Heikos Wagen hatte das gleiche Geräusch vor Monaten ebenfalls verursacht und damals hatte es an einem Gummiring zwischen der Bodenplatte und dem Aluminiumaufbau gelegen. Anstatt nun also zu schauen, woher das Problem bei meinem Wagen kam, ging ich blindlinks davon aus, dass es die gleiche Ursache hatte und begann ohne ein einziges mal über meine Handlungen nachzudenken damit, den Wagen auseinanderzunehmen. ‚Achte darauf, dass du strukturiert bist und die Einzelteile nicht einfach irgendwo verteilst!’ sagte ich mir und legte alles fein säuberlich in eine Reihe. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass Ordnungswahn nichts mit Struktur zu tun hat. Für mich war es das Gleiche. Strukturiertheit bedeutete für mich, alles penibel zu sortieren, am besten nach Farbe oder Größe. Doch das führte natürlich dazu, dass ich mich darin verzettelte und das ich das System nicht einhalten konnte. Nach kurzer Zeit gab ich es auf und alles lag wieder irgendwo. Strukturiert wäre es gewesen, die Dinge so hinzulegen, dass ich sie einfach zuordnen konnte, dass ich jederzeit wusste wo sie waren und das ich sie gut erreichen konnte, ohne dass sie mir im Weg herumlagen.

Heiko hatte den Text beendet, noch bevor ich mit dem Zerlegen des Wagens fertig war. Er begann einen neuen Text und ich baute derweil alles wieder zusammen. Dabei merkte ich, dass das Quietschen noch immer da war. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich anfing, mich über die ganze Sache und vor allem über mich selbst zu ärgern. Doch anstatt einen Schritt zurück zu gehen, alles mit Abstand zu betrachten und zu überlegen, was wohl die eigentliche Ursache war, probierte ich einfach blindlinks alles durch und verursachte damit immer mehr Chaos. Die Zeit verrann, mein Wagen war bis auf die Achse zerlegt und ich hatte noch immer keinen blassen Schimmer, was ich überhaupt tat. Heiko konnte sich das Lachen nicht länger verkneifen, wie er mich so dasitzen sah in dem Elend, das ich mir selbst durch meine Unüberlegtheit erschaffen hatte. Ich hingegen war so sauer auf mich selbst, dass ich überhaupt nicht mehr weiterdenken konnte. Ich hasste meinen Wagen und die Tatsache, dass er nicht zu einhundert Prozent immer funktionierte.

„Ist das Fair?“ fragte Heiko, nachdem ich ihm meine Gefühle beschrieben hatte, „du verfluchst gerade den Wagen, der dir absolute Freiheit und wirklichen Wohlstand schenkt, weil er ein kleines Problem hat, mit dem du dich auseinandersetzen musst?“

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Das war wirklich nicht fair! Ich war schon wieder in einem Zyklus von „Müssen“ so dass mir die Arbeit keine Freude machte. Ich wollte meinen Wagen nicht reparieren, ich wollte ihn repariert haben, ohne mich damit zu beschäftigen. Genauso, wie ich einen Schlafplatz haben wollte, ohne dass ich dafür investierte, wie ich einen gesunden Körper haben wollte ohne zu trainieren, wie ich mich selbst heilen wollte ohne mich um mich zu kümmern. So konnte das nicht funktionieren.

Erst als Heiko mich aufforderte, jeden Punkt meines Wagens einzeln zu überprüfen und genau hinzuhören, merkte ich, woher das Quietschen kam. Es war die Achse in ihrer Aufhängung. Hätte ich also gleich von Vornherein einmal wirklich überlegt und genau Beobachtet, hätte ich mir die komplette Arbeit sparen können. Zwei Spritzer Öl auf die Unterseite des Wagens waren alles, was benötigt wurde. Jetzt wusste ich auch nicht mehr, ob ich über mich lachen oder weinen sollte. Es war wie verhext! Warum tappte ich immer wieder in die gleiche Falle?

Bis ich den Wagen wieder zusammengebaut hatte, war es bereits kurz nach 00:00 Uhr. Heiko war den Tag entspannt angegangen, hatte 52 Bilder bearbeitet, hatte gekocht, zwei Texte laut und noch zwei weitere leise für sich gelesen, hatte an den Nahrungsmittellisten weitergearbeitet und hatte am Ende sogar noch Zeit um sich einen Film anzuschauen, bevor er pünktlich um kurz nach zwölf ins Bett ging. Ich hatte in der gleichen Zeit meinen Tagesbericht geschrieben und meinen Wagen zerlegt und noch nichts von dem erledigt, was ich eigentlich machen wollte. Das konnte doch so nicht weitergehen!

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Paulinas Schleife, von der sie uns erzählt hatte, drehte sich um ihre Naivität. Sie hatte im Zug nach Valencia gedacht, dass es gut wäre zu sehen, dass sie auch alleine ohne Geld zurecht kommen konnte. So wie ich geglaubt hatte, dass es an der Zeit war, zu zeigen, wie strukturiert ich bin, glaubte sie, dass sie nun verstanden hatte, was es hieß zu vertrauen. Sie schrieb eine Rundmail auf einem couchsurfingähnlichem Portal und bat um einen Schlafplatz. Prompt bekam sie eine Zusage von einem Mann, der sie zu sich einlud. Sie freute sich und war gerade dabei die Antwort zu schreiben, als auch ihr ihre Schleife plötzlich bewusst wurde. Sie war schon wieder dabei, naiv und unbedacht das Angebot eines fremden Mannes wahrzunehmen, der sie als leichte Beute identifiziert hatte. Gerade noch rechtzeitig wurde ihr diese Schleife bewusst und sie nahm sich eine Herberge in der Stadt. Heute ist sie bereits wieder auf der Arbeit. Wie es ihr wohl geht?

Der heutige Tag war wenig ereignisreich. Es war noch einmal heißer als an den Vortagen und wir wanderten bis nach Mora, eine Stadt, die hauptsächlich von der Olivenölproduktion lebt. Von einer netten Dame bekamen wir ein Zimmer in ihrem Hostal Agripino. Bevor wir eincheckten, baten wir in einem Restaurant um etwas zu essen und bekamen eine Paella. Sie war nicht schlecht, aber mit Paulina haben wir besseres Essen bekommen. Außerdem haben wir festgestellt, dass an den Tischen in den Restaurants nun immer ein Stuhl frei ist, der sich irgendwie so anfühlt, als gehörte dort jemand hin.

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Spruch des Tages:

Von allen Stimmungen der Natur sind für des Menschen Auge am Wunderbarsten:

Das tiefe grün der Wälder in den Bergen,

das leichte Kräuseln windbewegter Fluten,

der Wolke Spiegelbild im stillen Weiher,

der zarte Nebelhauch am Saum der wiesen,

der Blumen Antlitz überstrahlt von Morgenlicht,

der weidenzweige sanftbeschwingter Reigen.

Was immer zwischen Da-Sein und Nicht-Da-Sein schwebt,

als Wahrheit halb und halb als schein erscheint,

dies alles weitert wundersam den Geist.

(Chinesisches Sprichwort)

 

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 4666,47 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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