Tag 455: Vielen Dank für die Deichseln!

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Tag 455: Vielen Dank für die Deichseln!

Tag 455: Vielen Dank für die Deichseln!

Noch 4 Tage bis Ostern

Gestern haben wir zum ersten Mal einen Blick auf unsere neuen Deichseln und die neuen Achsen für unsere Pilgerwagen werfen dürfen. In Mogliano Veneto trafen wir mit Don Paolo den wahrscheinlich sympathischsten und lustigsten Pfarrer von ganz Italien. Er lud uns erst einmal zum gemeinsamen Mittagessen mit ihm und den drei anderen Pfarrern des Ortes ein. Dann wies er uns den Weg zu unserem Nachtquartier. Es lag knapp 5km entfernt außerhalb der Ortschaft und wir waren zunächst etwas ernüchtert, uns noch einmal auf den Weg machen zu sollen. Vor allem, weil es so überhaupt nicht unsere Richtung war. Doch der Weg lohnte sich, denn wir bekamen ein komplettes Pfarrhaus für uns alleine. Nicht ein altes, verlassenes, wie bereits zuvor einige Male, sondern ein vollständig eingerichtetes. Es war verhältnismäßig warm, hatte eine Küche mit Backofen und alles, was man sich sonst von einem richtigen Haus wünscht. Euch brauche ich wahrscheinlich nicht viel darüber zu erzählen, ihr kennt solche Häuser ja. Jedenfalls wahrscheinlich die meisten von euch.

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Das Beste an unserem neuen Eigenheim waren jedoch, das Essen und der Internetanschluss. Don Paolo versorgte uns mit frischen Hähnchenschenkeln, Kartoffeln und Eiern, so dass wir uns Brathähnchen, Backofenkartoffeln und Omelette machen konnten. So ein Schlemmerfest hatten wir lange nicht mehr!

Und das tolle am Internetzugang war, dass er funktionierte. Damit unterschied er sich gänzlich von dem, den wir am Vortag in der Bibliothek nutzen konnten. Bislang hatten wir gedacht, dass wir in den Bibliotheken einfach nur Pech hatten, doch langsam wird da eine richtige Regel draus. Egal wo wir in Italien versucht haben, einen Internetzugang in einer Bibliothek zu bekommen, war es immer eine Katastrophe, mit der man sich den ganzen Tag um die Ohren schlagen konnte, ohne das man damit etwas erreichte. Wie kann es sein, dass ein öffentliches Institut in das Menschen kommen um zu arbeiten, nicht einmal einen anständigen w-LAN-Zugang haben? Wenn er nicht angeboten wird, dann ist das ja noch ok, aber wenn man damit wirbt, dann sollte er schon auch funktionieren, oder meint ihr nicht? Dafür sind die meisten Bibliotheken hierzulande eher Party-Clubs. Vorgestern bestand die Arbeitsatmosphäre aus zwei kleinen spielenden und schreienden Kindern. Beim letzten Mal waren wir alleine, dafür haben sich die Bibliothekare YouTube-Videos von Deathmetallbands auf voller Lautstärke angehört. Irgendwie hat man hier immer so dieses Gefühl, die ganze Zeit laut „Schhttt“ machen zu wollen, um die Leute zur Ruhe zu bitten. Aber dafür braucht man natürlich eine Ausbildung zum Bibliothekar.

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Gestern aber funktionierte alles einwandfrei und so konnten wir nun endlich einmal mit Heikos Eltern skypen und uns unsere neuen Wagenteile anschauen. Dabei kamen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Hans hatte nicht einfach nur sechs Deichseln und drei Achsen gebaut. Er hatte Kunstwerke erschaffen, die unsere Wagen in einen völlig neuen Level emporheben würden. „Pilgerwagen 2.0: Die Extrem-Expedition-Variante“ sage ich da nur. Wenn es auf der Welt etwas gibt, das hält, dann ist es das! Hans hat mehr als 200 Stunden investiert und sich dabei ganze Nächte um die Ohren geschlagen, weil er nur Nachts die Maschinen einer Schlosserfirma aus Postbauer-Heng nutzen konnte. Es wurde gedreht, geschweißt, geschraubt, gesägt und alles bis aufs Müh genau ausgearbeitet. Genaueres schreiben wir natürlich noch einmal, wenn wir die Deichseln und Achsen bekommen haben und sie an unsere Wagen bauen können. Doch für´s erste wollen wir uns schon einmal riesig bei dir bedanken, Hans! Du hast uns wirklich gerettet! Niemand sonst auf der Welt wäre bereit gewesen, soviel Arbeit, Zeit, Leidenschaft und Liebe in die Deichseln und die Achsen zu stecken, wie du! Danke!  

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Da wir nun Internet hatten, konnten wir auch wirklich einmal nachschauen, was an diesem Palmsonntag eigentlich so genau gefeiert wurde. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich wirklich Recht gehabt hatte. Es ging wirklich darum, sich einen von der Palme zu wedeln. Nein Quatsch! Die andere Theorie meine ich natürlich. Der Tag ist ein Gedenktag, an den Einzug Jesu nach Jerusalem, ihm das Volk, dass ihn als König verehrte mit Palmenwedeln zujubelte. Das war übrigens, wenn die Legende so stimmt, wie sie erzählt wird, ein ziemlich derber Schlag ins Gesicht der römischen Machthaber. Denn Palmwedel waren ein Symbol des Sieges und der Macht. Wenn man Jesus also damit zu wedelte, dann sagte man damit automatisch, dass man ihn als Sieger über die römische Kaiser ansah. Allerdings muss man sagen, dass es sich bei dem Feiertag, wie bei vielen anderen christlichen Feiertagen auch, ursprünglich um einen heidnischen Brauch handelte. Die Palmwedel, mit denen die Häuser geweiht wurden, sollten sie vor Blitzschlag und Feuer schützen. Gemeinsam mit den Schalen der Ostereier und mit den Kohlen des Osterfeuers wurden sie dann nach der Osterzeit auf den Feldern vergraben, um diese Fruchtbar zu machen.   A Pros Pros heidnische Rituale. Wir haben in den letzten Tagen auch mit einem neuen, täglichen Ritual angefangen, das wir mit Ausnahme von gestern (Ausrede: Internetstress) täglich durchgezogen haben. Und zwar ein neues Workout-Fit-für-den-Frühling-Programm. Vor vier Tagen haben wir dabei mit einem Powerworkout begonnen, das wir am folgetag gleich noch einmal wiederholt haben. Dann haben wir einen Nachmittag mit Fußballspielen, Voleyball und Fußballtennis verbracht. Weder Heiko noch ich waren je in unserem Leben großartige Fußballspieler. Doch dafür, dass wir schon als Kinder in diesem Bereich nichts konnten, waren wir diesmal gar nicht so schlecht. Nur ein einziges Mal, habe ich den Ball über den Zaun auf die Straße geschossen, obwohl ich eigentlich das Tor treffen wollte. Das Beste war jedoch, dass es uns anders als früher richtig viel Spaß gemacht hat. Klar, haben unsere Muskeln geknarrt und gezetert, vor allem Heikos rechte Hüfte und mein rechtes Fußgelenk. Aber dafür, wie verspannt wir sind, waren wir erstaunlich gut im herumhüpfen. Man sollte das wirklich wieder öfter machen. Heute zum Beispiel!    

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Auch heute haben wir dem Mittagessen der Pfarrer beiwohnen dürfen. Diesmal waren es gleich neun, die sich gemeinsam zum Essen trafen und dann wieder über die Stadt auf ihre Gemeinden verteilten. Die Stimmung heute war gänzlich anders als die gestern, was wahrscheinlich an der größeren Gruppe und am Fehlen von einem fröhlichen Witzbold wie Don Paolo lag. Dafür hatten wir einen Pfarrer am Tisch, der tatsächlich Suaheli sprach und uns auch ein paar Kostproben seiner Muttersprache gab. So kompliziert wie die Sprache klingt ist sie gar nicht. Wahrscheinlich kann man sie sogar leichter lernen, als Italienisch. Lustig war jedoch zu sehen, wie ernst es die Geistlichen mit ihren Ritualen nahmen. Kurz nach Weihnachten hatte ich mich beim Abendessen in einem Kloster im ordentlich ins Fettnäpfchen gesetzt, weil ich am Essenstisch einfach Platz nahm, ohne das gemeinsame Gebet im Stehen abzuwarten, mit dem die Mahlzeit eingeläutet wurde. Gestern hingegen saßen bereits zwei der vier Pfarrer am Tisch und der dritte forderte auch Heiko und mich auf, Platz zu nehmen. Erst dann merkten sie, dass sie ja eigentlich Pfarrer waren und als solche vor dem Essen beten sollten. Also sprangen sie schnell wieder auf, bekreuzigten sich und murmelten ein paar Dankesworte in Richtung Jesus Christus und den heiligen Geist. Ähnliches war uns schon öfter aufgefallen. Zum Beispiel auch im Zusammenhang mit dem Verneigen vor dem Altar. Es war bereits einige Male vorgekommen, dass wir den Pfarrer in der Kirche angetroffen hatten, oder gemeinsam mit ihm einen Rundgang in der Kirche unternommen haben. Als Ehrerbietung vor den heiligen Hallen gehört es sich so, dass man sich vor dem Altar verneigt und bekreuzigt und genau das machten wir dann auch. Das spannende dabei war nur, dass jeder von uns dreien wusste, dass er es nicht aus einem Ehrgefühl gegenüber der Kirche machte, sondern nur deshalb, weil die jeweils anderen dabei waren und man glaubte, dass diese es von einem erwarten würden. Jeder für sich allein, hätte dem Altar kaum eine Beachtung geschenkt. So nett und hilfreich viele Geistliche auch waren, in uns kam doch immer mehr das Gefühl auf, dass das alles mit Religion und Glauben nicht das Geringste zu tun hatte. Es schien, als würde es niemand mehr richtig ernst nehmen. Auch wenn wir fragten, was die Männer dazu bewogen hatte, Pfarrer oder Mönch zu werden, so hatten die Gründe selten etwas mit Gott zu tun. Pfarrer zu sein war vor allem in Krisenzeiten wie diesen kein schlechter Deal, denn man bekam ein schönes Haus, ein sicheres Gehalt und hatte so gut wie keine Ausgaben. Das mag nicht der einzige Grund sein, doch oft wird es eine Rolle spielen. Was es auch ist, irgendwie fehlt es fast immer an Authentizität. Wenn man einer Gruppe, welcher Art auch immer angehört, dann ist es ja in der Regel so, dass man sich zumindest ein bisschen damit identifiziert und das man die Ideale dieser Gruppe vertritt. Egal ob sie nun sinnvoll sind oder nicht. Wenn man ein Fußballfan ist, dann steht man für seinen Verein ein. Als Hells Angel ist man authentisch, wenn man mit seiner Harley herumcruised, Metall hört und hin und wieder jemandem aufs Maul haut. Es funktioniert nicht, wenn man tief in seinem Inneren Motorräder hasst, eigentlich auf Schlager steht und keiner Fliege etwas zu leide tun kann. Nichts anderes ist es auch mit dem Vertreten eines religiösen Glaubens.

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Spruch des Tages: Fit wie ein Turnschuh

Höhenmeter: 3

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 8314,77 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus, 31021 Marcon, Italien

Bewertungen:

 
2016-02-02T23:39:02+00:00 Italien, Tagesberichte|

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