Tag 796: Pilgerweg nach San Giovanni Rotondo

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Tag 796: Pilgerweg nach San Giovanni Rotondo

Tag 796: Pilgerweg nach San Giovanni Rotondo

16.02.2016
Es sind nun nur noch zwei Tagesetappen bis nach San Giovanni Rotondo, der Grabstätte des heiligen Padre Pio. Rund 25km dahinter liegt in den Bergen der Ort Monte Sant Angelo, in dem sich ein Heiligtum befindet, das dem Erzengel Michael geweiht wurde. Jedenfalls, wenn wir die Pfarrer soweit richtig verstanden haben. Beide Orte zählen zu den wichtigsten Walfahrts und Pilgerstätten überhaupt und trotzdem gibt es keinen Wanderweg, auf dem man dort hingelangen könnte. Von unserer Startortschaft aus, konnten wir einige Kilometer auf einer Nebenstraße entlangwandern. Dann führte sie jedoch zurück auf die Hautstraße, die von nun an die Einzige Verbindung blieb. Sie war zum Glück nicht allzu sehr befahren, aber es war trotzdem seltsam, dass es so kurz vor zwei so wichtigen Pilgerorten keine Infrastruktur für Wanderer gab. Der Pfarrer, der uns gestern aufgenommen hatte, bestätigte uns beim Mittagessen, dass wir die ersten Pilger waren, die er in den fünf Jahren seiner Amtszeit hier erblickt hatte.

Padre Pio selbst war ein passionierter Pilger und Wanderer gewesen, der die halbe Welt bereist hatte, um dabei etwas über Gott und das Leben zu lernen. Diese Reisen haben ihn zu dem spirituellen Vorbild gemacht, das er heute ist. Ich bin sicher, er rutiert im Grab, wenn er mitbekommt, das Pilgern heute im allgemeinen nicht mehr bedeutet, als in einen Bus einzusteigen und an der Heiligenstätte eine Stadtführung mitzumachen. Nichts gegen diese Pauschalreisen, sie sind sicher nett und haben auf jeden Fall ihren Wert, aber es sind eben Urlaube und keine Pilgerreisen. Vor allem aber ist es seltsam, dass sie das traditionelle pilgern komplett zu ersetzen scheinen. In Fátima waren wir ja bereits irritiert, dass fast alle nur noch mit dem Bus anreisten, doch da hatte es wenigstens noch einen Fußweg gegeben. Hier gab es zu Fuß fast keine Möglichkeit mehr überhaupt noch ans Ziel zu kommen. Stattdessen hatte man den armen Padre Pio erst vor kurzem selbst in einen Bus verfrachtet und durch das halbe Land gekarrt, damit er von Menschen begafft werden konnte, die nicht einmal mit dem Bus mehr ihre Stadt verlassen wollten. Um ein Haar hätten wir ihn dadurch sogar ganz verpasst.

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Padre Pio hat wohl wirklich Glück, dass er schon ein paar Jahrzehnte tot ist und dass ihn diese Dinge nicht mehr wirklich interessieren. Wenn er noch Leben würde, würde er wahrscheinlich vom Glauben abfallen und seine Robe direkt auf dem Petersplatz in Rom zerreißen und verbrennen. Überall im Land stehen Statuen von ihm, die sein Werk preisen und niemand weiß mehr, was er überhaupt gemacht hat oder wofür er stand. Vor allem aber ist niemand mehr bereit, sich auch nur einen Kilometer zu Fuß zu bewegen. Erst recht nicht die Mönche, die in seinem Namen Klöster errichten. Wir fragten uns wirklich, wie er wohl damit umgehen würde, wenn er es noch mitbekäme. Wahrscheinlich würde er die meisten Brüder einfach aus dem Orden werfen und ihnen sagen, dass sie sich einen anderen Platz suchen sollen, wenn es ihnen einfach nur um ein chilliges und entspanntes Leben ginge.

Erst später fanden wir heraus, das wir mit diesen Gedanken zum Teil deutlich mehr und zum Teil deutlich weniger Recht hatten, als wir zunächst annahmen. Tatsächlich war Padre Pio nicht gerade der größte Wanderer aller Zeiten. Er war eher gebrechlich und verließ San Giovanni Rotondo nur sehr ungern. Aber er war ein Heiler und ein Seelenleser, dem Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit unendlich wichtig waren. Tatsächlich kam es hin und wieder vor, dass er einen Gläubigen aus deiner Kirche oder seinem Beichtstuhl warf, weil er es mit dem Glauben nicht ernst meinte.

Mit dem Mönch, der uns heute in sein Kloster aufnahm, hatten wir jedenfalls auch ein chilliges und entspanntes Leben. Er öffnete uns die Tür, ließ uns hinein und verschwand dann auf nimmer wiedersehen. Ein herzlicher Geselle war er nicht gerade, dafür waren wir jedoch für uns. Jedenfalls bis zum Abend, denn dann fand aus einem unerfindlichen Grund eine Stehparty vor unserer Tür statt. Was all die Leute mitten in der Woche zu so später Stunde auf dem Gang eines Klosters machten, blieb uns ein Rätsel. Schade war nur, dass sie sich in typisch italienischer Manier nur schreiender Weise unterhielten, was nicht gerade zu einer Steigerung der allgemeinen Gemütlichkeit beitrug.

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Spruch des Tages: Sicher rotieren die alten Heiligen im Grab, wenn sie mitbekommen, was man heute unter einem Mönch versteht.

Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 14.180,27 km
Wetter: bewölkt und windig
Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 70023 Gioia del Colle, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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