Tag 7: Pilgerziel Rothenburg ob der Tauber

///Tag 7: Pilgerziel Rothenburg ob der Tauber

Tag 7: Pilgerziel Rothenburg ob der Tauber

Tag 7: Pilgerziel Rothenburg ob der Tauber

Heute sind wir nun genau eine Woche unterwegs. In dieser Woche haben wir bereits eine Vielzahl schöner Begegnungen und Momente erlebt, haben tolle Menschen kennengelernt, sind Rehen und einem Eisvogel begegnet, haben jeden Tag genug zu Essen und zu Trinken bekommen und jede Nacht einen warmen, bequemen und trockenen Schlafplatz. Dafür bedanken wir uns bei allen, die dazu beigetragen haben!

Auch beim Wetter wollen wir uns nochmals ganz herzlich bedanken! Die Vögel, denen wir auf dem Weg begegnet sind, waren sich alle einig darin, dass dies nichts mehr mit Winter zu tun hat, sondern eindeutig ein Frühlingsanfang ist. Und wir waren heute so sehr mit ihnen einer Meinung, dass wir fast in ihr Zwitschern mit eingestimmt hätten. Unser Weg von Colmberg nach Rothenburg ob der Tauber war fast ununterbrochen sonnenbeschienen. Einige Male überlegten wir ernsthaft, ob wir nicht wirklich im T-Shirt laufen sollten, weil uns unsere Pullover einfach zu warm waren. Auch unsere Stimmung war heute zum ersten Mal fast durchgängig sonnig. Es stellt sich also wirklich die Frage, ob sich das Wetter an unsere Stimmung oder unsere Stimmung an das Wetter angleicht.

Das Highlight des Vormittages erwartete uns in einer kleinen Ortschaft etwa 3 km hinter Colmberg. Dort gab es eine Bushaltestelle mit einem Sofa als Sitzbank. Sie stand genau so, dass sie von der Sonne beschienen wurde, der Wind aber durch das Haltestellenhäuschen nicht an sie herankam. Einen besseren Frühstücksplatz hätten wir uns kaum vorstellen können. Als Willkommensgeschenk lag dann auch noch eine Flasche Wasser mit Zitronen-Apfel-Aroma auf dem Sofa, die originalverschlossen auf uns wartete.

Kurz vor Rothenburg trafen wir dann auf zwei lustige Walkerinnen, die uns baten, in Santiago eine Kerze für sie mit anzuzünden. Für einen Moment hatten wir den Impuls, sie nach einem Schlafplatz zu fragen, aber dann kamen wir wieder darüber hinweg. Für heute hatten wir nämlich beschlossen, uns einen Schlafplatz über Couchsurfing zu suchen. Leider war das nicht so einfach wie gedacht, denn wir hatten erst gestern Abend eine Anfrage gestellt, auf die sich noch niemand gemeldet hatte. (In Zukunft sollten wir uns solche Pläne vielleicht ein bisschen langfristiger Überlegen.)

Also machten wir uns doch wieder auf die Suche nach dem Pfarramt. Obwohl Rothenburg ein Knotenpunkt von verschiedenen Jakobswegen ist und wegen seiner schönen Altstadt ein beliebter Pilgerort, gibt es hier jedoch nicht die Möglichkeit im Gemeinde- oder Pfarrhaus zu schlafen. Stattdessen setzten die Damen vom Büro der evangelischen Gemeinde alle Hebel in Bewegung, um uns einen alternativen Schlafplatz aufzutreiben. Schließlich bekamen wir einen Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt. Als wir kurze Zeit später an der Adresse ankamen, wurden wir herzlich von einer Frau namens Lore und ihren beiden Kindern empfangen.

Da es keine Garage gab, wuchteten wir unsere Schwerlastpilgeranhänger durch den kleinen Flur ins Wohnzimmer, wo wir versuchten, sie so Platzsparend wie möglich hinzustellen. Als uns Lore das Bad und vor allem die Dusche zeigte, wurde uns klar, dass die Idee mit dem Im-T-Shirt-Laufen doch nicht so verkehrt gewesen wäre. Es war kein „falls ihr duschen möchtet, dann könnt ihr das hier tun“, sondern ein „jetzt duscht erstmal und dann können wir uns unterhalten.“ Wir nahmen den Hinweis mit dem Zaunpfahl ernst und beschlossen nicht nur uns, sondern auch gleich einmal unsere Kleidung zu waschen. Anschließend drehten wir noch eine kleine Runde durch Rothenburg, um uns die wirklich wunderschöne Altstadt anzuschauen. Am Ende des Weges am Nachmittag hätten wir es uns nicht träumen lassen, dass wir heute irgendwann noch einen zusätzlichen Spaziergang machen wollen würden. Gelohnt hat es sich aber! Gerade im Dunkeln hat die Stadt eine ganz besondere Atmosphäre. Als Heiko gerade eine Nebengasse fotografierte, kam ein türkischer Mann auf ihn zu und fragte ihn, ob er sein Auto fotografiere. Heiko schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich mache ein Foto von der Gasse. Schau, wie schön sie ist!“ Als der Mann das Foto sah, erwiderte er: „Krass! Hier leb ich? Das ist ja echt schön! Ist mir noch nie so aufgefallen!“

Nach unserem Spaziergang saßen wir noch bis um 11:00 mit Lore zusammen und tauschten uns über Jakobswege, Reisen und Gott und die Welt aus. Lore war selbst schon viele Etappen auf dem Jakobsweg gegangen. Immer für eine Woche oder zehn Tage und immer gemeinsam mit einer Freundin. Und sie hatte bereits viele Pilger bei sich aufgenommen, die alle ein bisschen von ihren Erlebnissen und Abenteuern in diesem Wohnzimmer zurückgelassen hatten.

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Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 153,87km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

3 Comments

  1. Gerhard 9. Januar 2014 at 20:06 - Reply

    Servusla,sehr schöne Bilder von Rothenburg habt ihr da gemacht.
    Ihr gebt mir jetzt jeden Abend meine Abendlektüre nach dem Job,Dankeschön.

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 22. November 2019 at 16:35 - Reply

      Das freut uns sehr, das wir eine gute und ausgewogene Lektüre bieten. Gerade sind wir ja mal wieder am Umbauen unserer Seite. Es wird also spannend, was wir hier noch alles aufbauen können. Wir haben auch mal wieder ein Buch an einen Verlag übersandt. Es bleibt also spannend.

  2. Dominik 25. Februar 2014 at 2:26 - Reply

    Und wieder einmal begeistert ihr mich nicht nur wie sonst auch jedes mal mit eurer Art und euren Aktionen, sondern auch mit eurer Gabe den Moment und die Atmosphäre so herrlich in Bilder einzufangen. 🙂
    Ich muss mir unbedint wieder einmal ein paar Kamera-Tipps von euch holen (wie auch immer ich das am besten anstellen werde)

    Liebe Grüße,
    Goidi

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