Tag 542: Die Kuhglocke

Tag 542: Die Kuhglocke

Tag 542: Die Kuhglocke

Noch 20 Tage bis zum Treffen mit Paulina!

Mitten in der Nacht kam plötzlich ein heftiger Sturm auf, der uns aus dem Schlaf riss. Wir hatten das Zelt aufgrund des steinigen Bodens nur notdürftige abgespannt. Mit einem solchen Sturm hatten wir nicht gerechnet. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis wir wach genug waren um zu erkennen, dass wir wohl oder übel aufstehen und alles noch einmal sichern mussten. Die Handy-Uhr zeigte genau 4:00 Uhr an. Der Mond war eine dicke Sichel, die noch einigermaßen Licht spendete und so standen wir nun in Unterhose draußen und schleppten Steine, die wir zum befestigen der Zeltschnüre brauchten.

Als wir in der Früh aufwachten, kam uns die mitternächtliche Rettungsaktion ein bisschen wie ein Traum vor. Waren wir wirklich aufgestanden, oder hatten wir uns das nur eingebildet? Die dicken Steine, die wir nun von den Zeltschnüren heben mussten, wiesen aber darauf hin, dass es kein Traum gewesen war.

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Nach einigen Kilometern erreichten wir ein weiteres, halbtotes Dorf, in dem wir eine ältere Frau und eine Hundefamilie trafen. Die Frau schenkte uns zwei Brote, die als Frühstück jedoch etwas ungeeignet waren, da sie sich in einem tiefgefrorenen Zustand befanden. Aber für die Mittagspause waren sie topp. Die Hundefamilie gehörte nicht zu ihr, sondern zu einem leerstehenden Haus. Dort lebten die drei Vierbeiner in einer Wand. Als ich vorbeikam kam die Mutter mit einem ihrer Jungen sofort auf mich zu und wollte gestreichelt werden. Die beiden waren ganz aufgeregt. Zuneigung bekamen sie scheinbar nicht allzu oft. Das zweite Junge war schüchterner und versteckte sich lieber in der Wand.

Als ich zu Heiko zurückkehrte begleitete mich die Mutter, um sich auch von ihm noch die passende Dosis an Streicheleinheiten abzuholen. Anschließend stand sie eine ganze Weile neben uns, so als würde sie überlegen, ob sie uns begleiten sollte. In ihrem Kopf schien es zwei Stimmen zu geben: „Soll ich mitwandern und ein Abenteuerhund werden, oder sollte ich mich lieber um meine Kinder kümmern? Abenteuer – Kinder – Abenteuer – Kinder, …. ach was soll’s! Die Kleinen kommen schon zurecht!“

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Dann verließ sie die Straße und trabte neben uns her. Der rechte Familientyp schien sie also nicht zu sein.

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Sie begleitete uns gut drei Kilometer, wobei sie immer wieder ein Stück vorauslief und dann auf uns wartete. Dann war sie plötzlich verschwunden. Sicher war sie in die Büsche abgebogen und doch zu ihren Kindern zurückgekehrt. Eine weise Entscheidung, denn nur wenige Minuten später fing es zu regnen an.

Bei allem, was wir bislang an Regen erlebt hatten, war dies jedoch die absolute Krönung. Die Regentropfen waren so dick und groß, dass sie fast augenblicklich durch unsere Regenjacken hindurchschlugen und uns nass machten. Ich konnte es erst kaum glauben, denn meiner Meinung nach sollte einen so eine Regenjacke ja eigentlich vor Nässe schützen. Sicher war der Regen einfach nur so kalt, dass es sich anfühlte, als wäre ich nass. Doch als ein Schwall Wasser aus dem Inneren meines Ärmels floss, wurde mir klar, dass ich es mir nicht nur eingerichtet hatte. Eines musste man der Jacke lassen. Wenn das Wasser einmal drin war, dann hielt sie dicht genug, dass es auch dort blieb.

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Der Regen hielt den ganzen Vormittag an aber nach gut 10 Minuten hatten wir einen Zustand erreicht, bei dem wir einfach nicht mehr nasser werden konnten. Schließlich erreichten wir Jlubinje, eine kleinere Stadt, in der wir eigentlich einen Indoorschlafplatz finden wollten. Doch damit sah es schlecht aus und nach einigem Hin und Her griffen wir doch wieder auf unser Zelt zurück. Aus irgendeinem Grund wollten uns die Menschen hier nicht helfen. Sie wollten uns nicht einmal verstehen, ja nicht einmal zuhören. Sobald man irgendwo klingelte, brach sofort ein Redeschwall los, den wir nicht verstanden, den wir aber auch nicht unterbrechen konnten, um zu sagen was wir eigentlich wollten.

Ebenso plötzlich wie der Regen begonnen hatte, hörte er auch wieder auf und am Nachmittag kam sogar die Sonne wieder durch. Damit war das Zelten schon wieder eine recht angenehme Sache zumal wir diesmal den ruhigsten Platz erwischten, den man überhaupt nur erwischen konnte. Nicht einmal lästige Grillen gab es hier.

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Als es ganz trocken war kehrte ich noch einmal in die Stadt zurück um ein Abendessen aufzutreiben. Für die Bedingungen war ich sogar recht erfolgreich, wenngleich es eine sehr eigene Kreation wurde. Es gab ein Jogurt-Reis-Gericht mit Zwiebeln, Paprika, Oliven und Kirschen, dass mit etwas Honig abgeschmeckt wurde. Ich weiß, das hört sich furchtbar an, aber es schmeckte wirklich nicht schlecht.

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Bei meiner Tour traf ich dann tatsächlich sogar auch zwei Menschen, die Englisch sprechen konnten. Gerade als ich bei einem von ihnen im Garten stand, brüllte ein Polizeibeamter vom anderen Ende der Straße zu mir herüber.

„Ich glaube, der Polizist will, dass du zu ihm kommst!“ meinte mein Gesprächspartner. „Er schreit so etwas wie ‚Jetzt sofort!’“

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Langsam konnten einem diese Freunde und Helfer schon wirklich auf den Senkel gehen. Ich hatte nicht einmal unseren Wagen dabei und stand in einem privaten Garten. Und trotzdem wurde ich wie ein Verbrecher behandelt und genötigt, alles stehen und liegen zu lassen um anzutanzen, weil er sich langweilte. Wie immer ging es nur um meinen Ausweis und als er gesehen hatte, dass ich aus Deutschland war, freute er sich sogar über meine Anwesenheit. Ich konnte das Selbe über ihn leider nicht behaupten. Kurz darauf musste ich den Reisepass dann sogar noch ein zweites Mal hervorholen. Diesmal nicht für einen Staatsbeamten, sondern einfach für einen Hausbesitzer, der so misstrauisch war, dass er meinen Pass sehen wollte, eher er mit den Joghurt mit Kirschen gab.

Als ich zu Heiko zurückkehrte war er von einer Horde Kinder umringt. Sie hatten ihn erst aus Langeweile blöd angemacht, aber weil er freundlich darauf reagiert hatte, waren sie irgendwann umgeschwenkt und hatten zugegeben, dass sie wirkliches Interesse hatten. Das Freibad machte erst in einer Woche auf und seit Ferienbeginn hatten sie nichts mehr zu tun. Sie langweilten sich in den Tod und waren mehr als nur Glücklich endlich einmal etwas Abwechslung zu haben. Nach wenigen Minuten fügten sie Heiko bei Facebook hinzu und noch etwas später klauten sie Zwiebeln und Paprika vom Feld ihrer Eltern um uns damit zu helfen.

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Am nächsten Morgen folgten wir der schwachbefahrenen Hauptstraße weiter über den Berg. Die nächste Ortschaft war gut 20km entfernt, doch wir erreichten sie nicht ganz. Kurz zuvor bogen wir rechts auf eine Wiese ab und schlugen dort unser Zelt auf. Von einem Nachbarn bekamen wir ausreichend Wasser und mit unserem Reis und den restlichen Zwiebeln reichten auch unsere Nahrungsvorräte für ein Abendessen aus. Auf der Nachbarswiese weidete eine alleinstehende Kuh mit einer Glocke um den Hals. Bei jeder Bewegung bimmelte die Glocke und nervte damit sowohl uns als auch die Kuh, die sie tragen musste. Eine Weile machten wir das Spiel mit, dann schmiedeten wir einen Plan. Ich kletterte über den Zaun und nahm ein Papierknäuel mit, um es in die Glocke zu stecken. Leider mochte mich die Kuh nicht besonders und machte immer einen Schritt zurück, wenn ich ihr Glöckchen fast erreicht hatte. Da half kein gutes Zureden und auch kein Streicheln und Füttern. Schließlich musste ich einsehen, dass ich gescheitert war.

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Keine zehn Minuten später kam das Frauchen der Kuh, nahm ihr die Glocke ab und führte sie irgendwo in einen Stall. Damit war es auch ruhig.

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Am späten Nachmittag tauchten dann noch zwei weitere Kühe auf, die einmal quer über unsere Wiese liefen und kurz darauf kamen einige Schafe, die das selbe machten, nur in die andere Richtung. Plötzlich hörte ich hinter mir im Gebüsch wieder etwas rascheln und für einen Moment glaubte ich, es sei eine Schlange. Dann aber entdeckte ich den grünschwarzen Panzer und erkannte, dass es sich wieder um eine Schildkröte handelte. Heiko schaffte es sogar sie zu fangen und am Panzer hochzuheben. Sie war erstaunlich schwer und unglaublich kräftig.

„Vorsichtig,“ mahnte Heiko bevor er sie mir in die Hand gab, „komm nicht zu nah an ihren Kopf! Wenn sie will kann sie einem den Finger abbeißen, auch wenn sie so niedlich aussieht.“

Das wollte ich lieber nicht riskieren, denn allein die Kraft die sie in ihren kleinen Beinchen hatte war schon beeindruckend genug.

Spruch des Tages: Danke für die vielen Tierbegegnungen!

 

Höhenmeter: 30m

Tagesetappe: 4 km

Gesamtstrecke: 9773,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Vereinshaus ‚Orchidee’, Stolac, Bosnien und Herzegowina

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