Tag 696: Das Stundenhotel

Tag 696: Das Stundenhotel

Tag 696: Das Stundenhotel

Durch den Terror, den Heikos Magen-Darm-Trakt veranstaltete, wurden wir etwas vorsichtiger, was das Trinkwasser anbelangte. Die Einheimischen mochten das Wasser aus den Leitungen ja trinken, doch für uns war es vielleicht nicht so hundert prozentig geeignet. Immerhin kam es aus Wasserspeichern, die ebenso mit Müll umgeben waren, wie alles andere auch. Doch der Versuch, das Leitungswasser zu umgehen, stellte mich vor eine neue Herausforderung, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so besonders klingt, die aber doch größer wurde, als ich dachte. Ich musste Läden finden, in denen man Flaschenwasser bekam. Ideal war es natürlich, es geschenkt zu bekommen, doch da es im Umkreis von fünf Kilometern in der Regel gerade einmal einen einzigen kleinen Verkaufsstand gab, der überhaupt Wasser im Angebot hatte, konnte ich das Risiko abgelehnt zu werden kaum eingehen. Noch wenige Tage zuvor hätte ich jeden ausgelacht, wenn er mir gesagt hätte, dass Wasser einmal deutlich schwieriger zu bekommen sei, als Essen und dass wir dafür mehr Geld ausgeben werden, als wird insgesamt im Balkan für unsere Nahrung gebraucht hatten.

Wie sich herausstellte war das Wasser aber nicht unser einziges Problem. Heiko war noch immer schlecht und die permanente Hitze, sowie die kurzen, unruhigen Nächte machten wenig Hoffnung darauf, dass er sich richtig regenerieren würde, wenn wir einfach so weiter machten. Irgendwie mussten wir es schaffen, einmal einen Ruhetag einzulegen, der wirklich Entspannung brachte und nicht nur ein Ausharren in Hitze und Müllgestank. Wir brauchten ein Hotel oder etwas vergleichbares um wieder einmal zu uns zu kommen, um uns duschen, waschen und ausruhen zu können und um wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen. Die Frage war nur: Wo konnten wir so einen Ort finden?

Die Erfahrung der letzten Tage hatte gezeigt, dass wenn es überhaupt eine Chance auf einen Indoorschlafplatz gab, wir diese an einer der Hauptstraßen finden würden. Etwa fünf Kilometer von unserem Standort entfernt mussten wir ohnehin eine überqueren, also beschlossen wir, dort unser Glück zu versuchen.

Wir hatten sogar noch etwas mehr Glück, als wir zuvor erwartet hätten. Denn das erste Hotel auf unserem Weg lag sogar bereits kurz vor der Hauptstraße und es war so weit davon entfernt dass man den Verkehrslärm hier noch nicht hörte.

Leider war der Chef des Hotels nicht anwesend, weshalb man uns keinen Schlafplatz gegen eine Werbepartnerschaft anbieten konnte. Doch das Gespräch mit dem Hotelier war trotzdem sehr interessant und aufschlussreich. Denn wir befanden uns nicht einfach bei einem gewöhnlichen Hotel, in das man zum Urlaubmachen fuhr. Wir befanden uns in einem Etablissement, das aus einem ganz bestimmten Grund gestaffelte Preise für unterschiedliche Aufenthaltszeiten hatte. Man konnte ein Zimmer für ein paar Euro für eine einzige Stunde mieten, für etwas mehr Geld für drei Stunden, für Fünf Stunden für eine ganze Nacht oder auch für volle vierundzwanzig Stunden. Je nachdem, wie durchhaltevermögend man gerade war und wie viel Zeit und Lust man mitbrachte.

Mehr für dich:
Tag 777: Der etwas andere Gastgeber – Teil 2

In klaren Worten: Wir waren hier in einem Stundenhotel gelandet, das verliebten Paaren die Möglichkeit bot, sich abseits ihrer Großfamilien zu treffen, um einen Moment wirklich ungestört zu sein. Dies erklärte dann auch, wie es zu der enormen Kinderflut kommen konnte, die uns bereits zuvor aufgefallen war.

Mit einer Werbepartnerschaft hätten wir hier also ohnehin schlechte Karten gehabt, denn die Hotelbetreiber waren nicht im Geringsten auf ausländische Gäste angewiesen. Dennoch konnten wir den Herren vom Empfang zu einem Deal überreden, durch den wir ein Zimmer den ganzen Tag nutzen durften, aber nur den Preis für 12 Stunden zahlen mussten.

Nachdem das geschäftliche Geregelt war, führte uns der Mann zu unserer Suite. Das Hotel bestand nicht aus einem einzelnen Gebäude sondern aus lauter kleinen Bungalows, die in einem kleinen Park nebeneinander angeordnet waren. Um sie betreten zu können gab es keine Türen, sondern Garagentore, hinter denen sich zunächst eine Garage und dann der Eingang zum Zimmer befanden. Diskretion wurde hier also wirklich groß geschrieben. Man kam an, fuhr mit seinem Auto direkt in die Garage und verschwand dann in seinem Zimmer. Auf diese Weise konnte man sich weder durch ein parkendes Auto verraten, das vielleicht von einem Passanten gesehen wurde, noch musste man zu erkennen geben, mit wem man das Hotel betrat. Für uns war es natürlich auch von Vorteil, denn wir konnten unsere Wagen ganz bequem in der Garage abstellen und hatten gleich alle sicher verstaut.

Das Zimmer selbst bestand aus einem kleinen Vorraum, einem Bad und einem Schlafzimmer mit einem riesigen Bett darin. Der ganze Raum wurde nur durch eine Art Sternenhimmel aus LEDs beleuchtet und war daher fast vollkommen dunkel. Das war auch gut so, denn so konnte man als wildes Liebespaar einfach ins Bett stürmen und musste sich keine Gedanken über die Schimmelflecken, den abgeblätterten Putz und die vielen anderen Blessuren machen, die das Zimmer zierten. Wichtig dabei war nur, dass man so sehr in Leidenschaft aufging, dass man außer der eigenen Lust und dem Körper des anderen überhaupt nichts mehr spürte. Denn sonst wurde man unweigerlich von dem Mückenschwarm abgelenkt, der bereits in der Dunkelheit auf einen lauerte.

Heiko und ich waren jedoch eher untypische Gäste für dieses Etablissement und betrachteten uns den Raum in Ruhe. Dabei fielen uns nicht nur die kleineren und größeren Macken sondern auch die ersten Mücken auf. Sofort holten wir eine Taschenlampe und eine zusammengerollte Zeitung und machten uns auf die Jagd. Allein im Badezimmer erschlugen wir mindestens vierhundert kleine Biester und fast noch einmal genauso viele im Schlafzimmer. Wenn man hier wirklich als Paar hereingestürmt kam und sich sofort übereinander hermachte, musste man am Ende vollkommen blutleer sein. Klar kamen die meisten hier her, um einen Stich zu landen oder zu ergattern, aber so war das sicher nicht gemeint.

Mehr für dich:
Tag 1381 bis 1383: Weinernte und Atomkraft

Nachdem die Mückenplage beseitigt war, konnten wir uns an die eigentliche Arbeit machen. Heiko legte sich erst einmal hin, denn er musste sich ja schließlich auskurieren. Ich kümmerte mich in der Zwischenzeit um unsere Wäsche. Als ich damit fertig war, waren meine Hände aufgequollen wie bei einer Wasserleiche. Literweise war eine dunkelbraune bis schwarze Pampe aus unserer Kleidung in den Abfluss geflossen und ich hatte fast eine ganze Seife verbraucht. Jetzt benötigte ich nur noch einen Platz, um die nassen Sachen zum Trocknen aufzuhängen. In unserem Zimmer war es zu kühl, also nahm ich alles mit nach draußen und suchte dort nach einem geeigneten Platz.

Dummerweise dachte ich in diesem Moment nur über die Wäsche nach, nicht aber darüber, wo ich mich gerade befand. So lief ich ein wenig in unserem Hotelpark herum und fand dabei zwar keine Wäscheleine, dafür aber einige offene Fenster hinter denen es ganz ordentlich zur Sache ging. Vor dem ersten hingen Gardienen, sodass ich nur einige lustvolle Laute vernahm, aber nichts sehen konnte. Schnell huschte ich davon und landete dabei direkt vor dem nächsten Fenster. Dieses Mal waren die Vorhänge zurückgezogen und ich starrte mitten in das Gesicht einer dicken Frau, die von meiner Anwesenheit ebenso überfordert war, wie ich von ihrer. Glücklicherweise trug ich einen riesigen Berg an nassen Kleidern auf den Armen, hinter denen ich mich verstecken konnte. Sie hingegen trug überhaupt keine Kleider und war eigentlich auch nicht in der Stimmung, sich großartig zu verstecken. Ehe der Mann, der unter der korpulenten Dame lag auch noch Wind von meiner Anwesenheit bekam, machte ich mich aus dem Staub und zog mich wieder in den ungefährlichen Teil der Hotelanlage zurück. Eine Frage pochte mir dabei jedoch durch den Kopf, die einfach nicht verschwinden wollte: „Wie konnte diese Paar dort bei offenem Fenster und ohne Vorhänge vögeln, wenn es hier so viele Mücken gab?

Zu meinem Glück hatte das Hotel einen relativ hohen Außenzaun, der eine ganz hervorragende Wäscheleine abgab. Da ich nicht riskieren wollte, noch einmal in irgendein Rückfenster zu geraten, hielt ich mich dabei an den Eingang und verzierte den Zaun direkt neben der Rezeption.

Mehr für dich:
Tag 875: Der letzte Tag in Griechenland

Der komplette restliche Tag ging dann für die übrigen Nachhohlarbeiten drauf. Insgesamt musste ich 18 Berichte einstellen, von denen ich fast alle zuvor noch einmal korrekturlesen wollte. Dann suchte ich die weitere Strecke für unsere Wanderung heraus und schrieb dutzende von Mails an Sponsoren, Verlage und alle, die in letzter Zeit sonst noch von uns vernachlässigt wurden. Heiko arbeitete aus dem Bett heraus und kümmerte sich derweil um die Fotos und weitere Dinge, die liegen geblieben waren. Zwischendurch gönnte ich mir einmal eine Pause, um nach Essen zu fragen und um nach der Wäsche zu sehen. So vergingen die Stunden und der Tag wurde zur Nacht, ohne dass ich es recht bemerkte. Gegen 23:00 legte sich Heiko zur Ruhe. Er war vollkommen erschöpft und sein Bauch spielte noch immer verrückt, wenngleich er sich schon ein bisschen erholt hatte. Um vor dem Einschlafen noch einmal wirklich runter zu kommen und sich entspannen zu können, ließ er sich von seinem Computer eine geführte Meditation zum Stressabbau und zur Blockadenlösung vorspielen. Nach etwa der Hälfte der Zeit hörte ich ihn zunächst leise, dann immer lauter schnarchen. Ich selbst war in meine Arbeit vertieft und bekam die Meditation nur leise im Hintergrund mit.

„HERZLICH WILLKOMMEN ZU MEINEM VORTRAG!“ schrie plötzlich eine Stimme auf mich ein, so dass ich zusammenzuckte und fast vom Stuhl gefallen wäre. Was war den jetzt los?

Ich brauchte eine Sekunde, bis ich begriff, dass die Stimme nicht von draußen, sondern von Heikos Computer kam und zur nächsten Audiodatei gehörte. Die Meditation war vorbei und Heiko hatte offenbar nicht darauf geachtet, dass der Player danach automatisch stoppte. Schnell sprang ich auf und klappte den Computer zu, damit die Stimme wieder verstummte. Heiko sollte ja schlafen und nicht gleich wieder aufgeweckt werden.

Einige Minuten herrschte Stille, abgesehen von Heikos schnarchen. Dann setzten die Schnarcher zwei mal auf, Heiko zuckte zusammen und war plötzlich wieder wach: „Hey!“ rief er empört, „wieso hast du denn einfach meine Medi ausgemacht?“

Ich grinste nur und ehe ich etwas sagen konnte, war er bereits wieder eingeschlafen.

 

 

Spruch des Tages: Das Hotel für gewisse Stunden

 

Höhenmeter: 380 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 12.426,27 km

Wetter: bewölkt und kühl

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 87060 Cropalati, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 

About the Author:

Leave A Comment

Translate »