Tag 595: Das Feuer im Herzen – Teil 1

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Tag 595: Das Feuer im Herzen – Teil 1

Tag 595: Das Feuer im Herzen – Teil 1

Ihr wundert euch vielleicht, warum unser drittes Herdenmitglied plötzlich einen anderen Namen und warum sich in unserem Reisetagebuch einiges verändert hat. Seit dem wir das letzte Mal Berichte einstellen konnten ist nun bereits mehr als ein halber Monat vergangen und das, was wir euch da berichtet haben liegt sogar noch weiter zurück. Seit dem letzten Bericht, den ihr von uns lesen konntet ist sehr viel passiert, doch bevor wir davon erzählen können möchten wir euch noch einige Dinge erklären, die wir für wichtig halten um die Geschehnisse wirklich nachvollziehen zu können.

Seit einigen Tagen wandern Heiko und ich nun wieder zu zweit. Paulina hat sich von unserer Gruppe getrennt und versucht nun, ihren Weg alleine zu finden. Seit dem wir uns getrennt haben, haben wir viel über die gemeinsame Zeit nachgedacht und uns gefragt, ob es hätte anders verlaufen können bzw. sollen oder ob es genauso sein musste und muss, wie es war und ist. Doch letztlich kamen wir zu dem Schluss, dass alles so verlaufen ist, wie es verlaufen sollte. Nicht, weil alles ideal war, sondern weil jeder von uns genau das bekommen hat, was er zum lernen brauchte.

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Doch beginnen wir erst einmal ganz am Anfang.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir auf unserem Weg durch Portugal eine junge Frau kennengelernt. Es war ein kurzes Gespräch, nicht mehr als 5 Minuten und doch reichte es aus um sowohl unser Leben als auch das der jungen Frau grundlegend zu verändern. Wie konnte so etwas sein? Wie kann eine zufällig wirkende Begegnung von so kurzer Dauer eine so große Wirkung haben?

Das geht nur dann, wenn sie etwas anstößt, dass bereits immer schon vorhanden war. Wir waren wir ein kleiner Schneehase, der oben auf einem Berg herumtollt und dabei aus versehen eine Lawine auslöst. Er selbst macht dabei nur einen winzig kleinen Hüpfer, so wie er ihn schon hunderttausend Mal gemacht hat, ohne das je etwas passiert ist. Doch dieses eine Mal drückt er mit seinen Hinterläufen beim Abspringen auf genau den einen Punkt, der die ganze Schneedecke zusammengehalten hat. Dieser kleine Stupser reicht aus, um das ganze Potential, das in diesem Berghang verborgen liegt wachzurufen und eine unvorstellbar große Kraft freizusetzen.

Ganz ähnlich war auch das, was wir an jenem Nachmittag getan haben. Paulina sah uns mit unseren beiden Wagen und unserem Weltreisegepäck und die wenigen Worte, die wir wechselten, lösten eine Lawine in ihr aus, auch wenn es die gleichen Worte, die gleichen Wagen und das gleiche Weltreisegepäck waren, die zuvor und danach bei so vielen anderen Menschen gar nichts oder etwas ganz anderes ausgelöst haben.

Wir haben damals eine Frau getroffen, in der ein Feuer brannte. Es war das kleine Feuer der Freiheit und der Lebendigkeit, dass seit ihrer Geburt in ihr brannte und sich seither stets danach gesehnt hatte, richtig aufzulodern und seinen hellen Schein nach außen zu strahlen. Doch wie in vielen anderen Menschen auch, waren im Leben dieser Frau immer wieder Ereignisse aufgetreten, die wie ein großer Eimer Wasser gewirkt hatten und die das Feuer in ihr zum erlöschen gebracht hatten. Manche verkleinerten es nur, andere töteten die Flammen ganz, doch tief in ihrem inneren gab es stets einen kleinen Funken, ein letztes bisschen Glut, dass nicht vollkommen gelöscht werden konnte. Er schwelte weiter vor sich hin auch wenn alles Feuerholz um ihn herum von Wasser durchtränkt war und wenn es keine Hoffnung zu geben schien, dass je wieder eine Flamme aufleuchten könnte. Irgendwann jedoch schaffte es das kleine Fünkchen, seine Umgebung soweit zu trocknen und aufzuwärmen, dass es sich ausbreiten konnte. Nur ein bisschen, so dass man es kaum merkte, doch es wuchs unaufhaltsam. Und dann kam der Moment, in dem die erste kleine Flamme wieder zu lodern begann.

Solch ein Moment war einige Zeit vor unserer Begegnung eingetreten. Die Flamme im Herzen der jungen Frau hatte sich wieder bemerkbar gemacht und hatte von ihr Besitz ergriffen. Kurzerhand hatte sie daraufhin ihre sieben Sachen gepackt und war nach Portugal geflogen, wo sie sich auf die Pilgerreise gemacht hatte. Denn genau dort hatte sie die Flamme das letzte Mal klar und deutlich fühlen können. Nicht in Portugal, aber auf der Pilgerreise.

Als wir sie nun trafen brannte bereits ein kleines Feuerchen in ihrem Herzen. Nichts großes, nichts, mit dem man ein Haus in Brand stecken konnte, aber groß genug, um sich die Hände und die Zehen daran zu wärmen. Groß genug um mit einem Büschel Reisig umgehen zu können, wenn man ihn in die Flammen warf. Und genau das war die Begegnung mit uns. Wir waren wir ein Haufen Zunder, der in ihre Flammen geriet und der sie für einen kurzen Moment lang aufflackern ließ. Ein kurzer Moment, nicht länger als fünf Minuten. Doch es war wie eine Stichflamme. Hell genug um zu erkennen, was ihr Herz wirklich wollte und heiß genug um jeden Zweifel zu verbrennen.

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Nachdem wir verschwunden waren brannte das Feuer wieder auf seine normale Größe herunter, doch die Erinnerung an die Stichflamme blieb. Als Heiko wenige Wochen später den ersten Kontakt herstellte, flackerte sie erneut wieder auf leuchtete wie ein Signalfeuer zum Himmel.

Für die junge Frau stand fest, dass sie dieses Feuer noch einmal erleben, wollte und so machte sie sich auf, uns auf unserer Reise durch Spanien zu besuchen. Seit ihrem Jakobsweg war der Alltag wieder in ihr Leben zurückgekehrt und gab ihr nur wenig Gelegenheit das Feuer zu füttern. Neben Arbeit und Alltagsroutinen bleibt einfach nicht viel Zeit, sich um ein Feuer im Herzen zu kümmern und nach kurzer Zeit fallen lauter Dinge an, die die Flammen nicht mehr nähren sondern ersticken.

Doch der Schwelbrand war noch da und die Vorfreude auf unser Wiedersehen ließ ihn bald wieder zu einem richtigen Feuer werden. Kaum hatte sie uns betroffen, fütterte sich das Feuer wie automatisch täglich mit neuen Brennstoff. Die zehn Tage, die sie bei uns war, waren eine Mischung aus Urlaub, Selbstfindung, Kur, Extremseminar, Therapie, Coaching und Mentoring, in dem sie sich selbst intensiver kennen und lieben lernte als je zuvor. Das Feuer loderte in ihr auf, wie es zuletzt wahrscheinlich als kleines Kind in ihr gebrannt hatte und sofort stand für sie fest, dass sie dieses Feuer im Herzen erhalten wollte. Es sollte nie wieder ausgehen und zu dem kleinen, unsichtbaren Funken zusammenfallen. Es sollte brennen und brennen und immer weiter auflodern.

Dann aber neigte sich die Zeit dem Ende zu und je näher der Heimreisetermin rückte, desto größer wurde die Angst davor, dass die Flammen doch wieder erlöschen könnten. Allein diese Angst legte bereits einen großen Schatten über ihr Herz. Die letzten Tage, die wir gemeinsam verbrachten wurden die Flammen bereits wieder zaghafter. Konnte sie es überhaupt so groß am Leben halten, wenn sie in ihren Alltag zurückkehrte? Die Angst war so groß, dass sie am liebsten gleich dageblieben wäre und vielleicht wäre diese Idee auch gar nicht mal so dumm gewesen. Denn die Angst war durchaus begründet. Wie bei jedem Abenteurer, der von einer wichtigen Reise wieder nach Hause kommt, dauerte es auch bei ihr nur wenige Tage, bis das Feuer fast vollständig erloschen war. Von allen Seiten stürmten Menschen mit Wassereimern, ja teilweise sogar mit Feuerwehrschläuchen auf sie ein und begannen die Flammen unter den Fluten zu ersticken. Die erste Flutwelle schien die schlimmste zu sein und mit den Flammen erloschen auch all ihre Pläne, all die guten Vorsätze für Änderungen, Vorbereitungen und Neuerungen in ihrem Leben. Es dauerte mehrere Gespräche über Skype und viele Nachrichten über Facebook, um ihr dabei zu helfen, dass nasse Holz wieder trogen zu föhnen und den Grundstock für ein neues Feuer zu legen. Natürlich gab es auch zuhause bei ihr nicht nur Ereignisse und Begegnungen, die das Feuer erstickten, sondern auch einige, die ihr beim Aufpäppeln halfen, doch kaum hatte sie die Flammen wieder auf eine sichere Größe gebracht, passierte irgendetwas, das sie erneut löschte. Einmal wurde es unter einer dicken Decke aus Sorgen und Zweifeln erstickt, dann wurde es mit dem Feuerlöscherschaum der angeblichen Unvernunft besprüht und dann wiederum schoss der Wasserstrahl der Unsicherheit auf die Flammen nieder. Vielleicht erinnert ihr euch noch, dass wir etwa einen Monat nachdem Paulina wieder zurück nach Deutschland gefahren ist, das erste Mal schrieben, dass sie nicht kommen würde, weil sie sich gegen den Weg ihres Herzens entschieden hatte. Dies war eines der vielen Male, in denen ihr Herzensfeuer komplett gelöscht wurde, soweit, dass sie am Boden lag und sich kaum mehr rühren konnte. Die Zweifel, die die Flammen töteten waren so stark, dass sie schließlich selbst glaubte, nicht für ein Leben als Nomadin geschaffen zu sein. Doch noch immer gab es nichts, dass den kleinen Funken in ihr zerstören konnte. Jedes Mal, wenn das Feuer gelöscht wurde, dauerte es eine Weile und dann züngelten die ersten kleinen Flammen wieder auf. Der Kontakt mit uns half ihr dabei, weil sie sich auf diese Weise immer wieder an das Feuer erinnerte, das sie schon so oft in ihrem Herzen gespürt hatte. Denn das Feuer hatte eine Eigenschaft, die man nicht unterschätzen darf. Es verändert das Herz, wenn es einmal wirklich aufgeflackert ist und lässt es nicht wieder in den alten Zustand zurück. Das Herz weiß, dass es einmal frei war und lichterloh in Flammen stand und kann es deshalb nicht mehr akzeptieren, wenn man es wieder einsperrt und erkalten lässt. Es wird sich wehren, mit aller Macht, egal, wie oft man sein Feuer auch wieder löschen wird.

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Anders als unser Herz, dass ständig wieder neu entflammt werden will, ist unser Verstand jedoch sehr anfällig für die löschenden und erstickenden Zweifel. Er besteht hauptsächlich aus dem, was er über unsere Lebensjahre hinweg von anderen Menschen gelernt hat und das sind in unserer Gesellschaft leider hauptsächlich Dinge, die zum Löschen eines Herzensfeuers führen. Sobald also ein zweifelnder Feuerwehrmann kommt, der unsere lodernden Flammen ersticken will, schlägt sich unser Verstand auf dessen Seite und packt den Feuerwehrschlauch kräftig mit an. Auf diese Weise entsteht ein innerer Krieg zwischen unserem Herzen und unserem Verstand, die sich immer wieder gegenseitig in Brand stecken und löschen. Genau so ein Kampf entbrannte nun auch in Paulina. Es herrschte ein permanenter Krieg in ihr, den die nicht beenden konnte, weil sie nicht wusste, welcher der beiden Parteien sie vertrauen sollte. Auf der einen Seite liebte sie das Gefühl des brennenden Herzens, doch sobald sie von irgendwo her auch nur einen Nieselregen des Zweifels spürte, packte ihr Verstand den Feuerlöscher aus und überzeugte sie davon, dass dies das beste sei.

Seit ihrem ersten Besuch bei uns ist nun ein Jahr vergangen, in dem dieser permanente Krieg zwischen Feuer und Wasser in ihr tobte. Viele Male hatte sie in der Zeit lichterloh gebrannt und viele Male war sie vollkommen erloschen gewesen. Doch dieses ständige Hin und Her hatte an ihren Kräften gezerrt. Sie war erschöpft, kaputt und innerlich zerfressen, als sie schließlich bei uns ankam. Doch auch wenn die meisten Wasserspeier in Form von anderen Menschen, von Alltagsstrukturen und von gesellschaftlicher Umgebung zuhause geblieben waren, brachte sie sie auf eine indirekte Weise auch mit auf die Reise. Sie befanden sich bereits in ihrem Kopf und somit ging der Kampf in ihrem inneren Weiter. So wie damals die fünf Minuten Gespräch zwischen ihr und uns ausgereicht hatten, um das ganze trockene Reisig in ihrem inneren zu entfachen, reichten nun einige kleine Worte der Kritik oder des Zweifels von Freunden, Verwandten oder Fremden um ihre innere Sprinkleranlage in Gang zu setzen und ihr zart aufflackerndes Feuer sofort wieder zu ersticken.

So kam es, dass in Sarajevo plötzlich ein ganz anderer Mensch aus dem Mini-Bus ausstieg, als der, der uns damals in Spanien begegnet ist. Damals war es eine Frau, die voller Begeisterung war und die nichts mehr wollte, als ihre inneren Schattenseiten kennenzulernen und abzulegen, um ihrem Herzensfeuer genügend Sauerstoff verschaffen zu können. Dieses Mal kam eine Frau, die vollkommen ausgebrannt und zerstört war, von dem Krieg der in ihr und um sie herum tobte. Das Herz, dass vor einem Jahr voller Euphorie über die neuentdeckten Flammen war, war nun müde und erschöpft vom ständigen Neu-Entfachen und gelöscht werden. Es hatte sich schon fast geschlagen gegeben, weil es kaum noch eine Möglichkeit sah, das Feuer wirklich am Brennen zu halten.

Gleichzeitig hatte der Verstand auch genug vom ewigen Krieg mit dem Herzen und er wusste, dass es niemals ruhe geben würde, solange noch die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit bestand. Wenn er den Krieg beenden wollte, dann brauchte er dazu mehr, als nur einen Eimer Wasser. Er brauchte eine List, einen Plan, der so versteckt und so raffiniert sein musste, dass das Herz nicht mitbekam, was überhaupt gespielt wurde. Er konnte das Herz nicht besiegen und auch nicht zum schweigen bringen, er musste es mit seinen eigenen Waffen schlagen. Und genau das war es, was seit Beginn unserer gemeinsamen Zeit passierte.

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Da der Verstand wusste, dass er das Herz nicht aufhalten konnte, seinen Weg zu gehen, musste er es davon überzeugen, dass der Weg gar nicht gegangen werden konnte. Er musste dem Herzen beweisen dass es falsch lag und dass es mit dem Aufbruch den größten Fehler seines Lebens gemacht hatte. Nur dann, konnte er die Oberhand gewinnen.

Aus diesem Grund setzte ihr Verstand alle Hebel in Bewegung, um das Projekt Nomadenleben so gut wie möglich zu sabotieren. Das begann bereits vor der Reise bei der Vorbereitung und setzte sich auch auf der Reise fort. Erst jetzt im Nachhinein wurde uns Bewusst, wie stark die Verstandsebene bereits von Anfang an gegen Paulinas Leben in Freiheit gewettert hat. So kam beispielsweise immer wieder die Frage auf: „Was ist, wenn es mit uns als Herde nicht klappt?“ Natürlich ist das keine unberechtigte Frage und es ist sicher nicht verkehrt, für den Notfall einen Plan B in der Hinterhand zu haben, doch nahm die Frage in diesem Fall so viel Raum ein, dass für die weit wichtigere Frage überhaupt kein Platz mehr blieb: „Was ist, wenn es klappt?“ Energie folgt der Aufmerksamkeit und das wiederum bedeutet, dass man sich ganz automatisch in die Richtung bewegt, die einem am präsentesten ist. Wenn ich mich nur darauf konzentriere, dass eine Sache scheitern könnte, nie aber darauf, dass sie funktioniert, dann gibt es kaum eine Chance, dass es funktionieren kann. Dieser Gedanke führte auch dazu, dass es nahezu keine Vorbereitung auf die Reise gab.

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Bevor wir uns vor einem guten Jahr das erste Mal von Paulina verabschiedeten, stellten wir zu dritt einen genauen Plan auf, was in den eineinhalb Jahren bis zu ihrer Rückkehr alles passieren sollte. Uns allen dreien war klar, dass wir nicht auf einer Urlaubsreise, sondern auf einem Medicine-Walk unterwegs sind. Dies war es auch, was Paulina in den zehn Tagen mit uns so fasziniert hatte. Es war nicht einfach eine Pilgerreise, sondern ein Weg zu sich selbst, der teilweise hart und schmerzhaft sein konnte, der einen dafür aber auch weiter brachte, als es jede Form der Therapie oder der Selbsterfahrung jemals tun könnte. Diesen Anfang eines geistigen Weges, den Paulina damals erlebt hatte, wollte sie zuhause fortsetzen. Sie verließ uns als Gast und wollte als vollwertiges Mitglied unserer Herde wiederkehren. Darum beschloss sie, die eineinhalb Jahre zu nutzen um sich auf allen Ebenen vorzubereiten. Sie wollte sich Wissen und Fähigkeiten über Heilung, Natur, Wildnis, Pflanzen, Tiere, das Reisen und viele weitere Themen aneignen. Sie wollte körperlich Fit werden, ihre Muskeln und ihre Ausdauer trainieren um als Nomadin Schritt halten und selbstständig für sich sorgen zu können. Sie wollte an Buchprojekten arbeiten, Straßenkunsttechnicken erlernen und genug Geld erwirtschaften um sicher auf eigenen Beinen zu stehen. Sie wollte Grundkenntnisse in Selbstverteidigung, in Notfallmedizin in Orientierung und in Wildnisfertigkeiten erlernen und sich mental und geistig soweit vorbereiten, dass sie bereit ist, sich auf die Entdeckungsreise zu ihrem eigenen Selbst zu begeben. Dies alles war als fester Plan in ihr verankert, als sie die Heimreise nach Deutschland antrat. Doch schon bald wurde sie vom Alltag überrollt und mit dem ersten großen Wasserschwall, der das Feuer in ihrem Herzen löschte, gingen auch die Vorsätze verloren. Ein paar Wochen lang schaffte sie es noch regelmäßig Joggen zu gehen, zu meditieren und an einigen Texten und Themen zu arbeiten, die sie brennend interessierten. Doch dann wurde das Feuer gelöscht und nichts ging mehr. Jedes Mal, wenn das Feuer wieder zu brennen begann, stellte sie auch einen neuen Plan auf, wie sie sich auf die Reise vorbereiten wollte, doch kaum war er fertig verlor sie ihn auch schon wieder aus den Augen. Am Ende war sie durch den inneren Kampf zwischen ihrem Herzen und ihrem Verstand so zerstört worden dass sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Nicht einmal den Wochenendkurs in unserer Wildnisschule, bei dem sie sich auf das Leben in der Natur vorbereiten wollte, konnte sie mehr wahrnehmen.

Dies war der erste Punkt, an dem wir nicht mehr aus Freundschaft und Liebe sondern aus Mitleid handelten. Wir sahen, dass Paulina nicht bereit war, um aufzubrechen, doch wir konnten nicht mit ansehen, wie sehr sie das Leben zu hause kaputt machte. Als sie uns deshalb bat, bereits 6 Monate früher kommen zu können, sagten wir zu und hofften alle drei, dass die Reise selbst wieder alles einrichten würde. Wenn es nicht möglich war, das Schwimmen im Nichtschwimmerbereich zu lernen, dann lernte sie es vielleicht, wenn sie einfach ins tiefe, kalte Wasser geworfen wurde. Doch so gut wie diese Idee zunächst klang, war sie am Ende leider doch nicht.

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Denn anstelle eines vorbereiteten Teammitglieds kam eine Frau zu uns, die kaum in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Sie hatte so viel Angst, vor den Balkanländern, die sie selbst nicht kannte, die ihr aber als aktives Kriegsgebiet voller Gewalttäter beschrieben worden waren, dass sie unsicher war, ob sie den Bus überhaupt verlassen oder nicht doch lieber gleich zurück nach hause fahren sollte. Sie war so mit Gepäck überladen, dass sie zuhause nicht hatte loslassen können, dass die bereits aus der graden Strecke kaum laufen konnte. Nach den ersten 500m waren die Blasen an ihren Füßen bereits so groß, dass sie zu zerplatzen drohten. Anständiges Schuhwerk zum Wandern besaß sie nicht. Nur Bergschuhe, die ihr die Hacken abrissen, Stadtschuhe, die nur zum Ausgehen geeignet waren und Sandalen, die aus Mangel an Alternativen schließlich ihre Haupt-Fußbekleidung wurden. Der Pilgerwagen war nie zuvor getestet worden und war so austariert, dass er ihr fast die Hüfte brach. Muskulär und konditionell war sie weit schlechter aufgestellt als noch ein Jahr zuvor in Spanien. Vom Training in Selbstverteidigung, Notfallmedizin und Wildniswissen einmal ganz zu schweigen.

Fortsetzung folgt …

 

Spruch des Tages: Der Funke im Herzen erlischt niemals.

 

Höhenmeter: 160 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 10.454,27 km

Wetter: sonnig und warm

Etappenziel: Zeltplatz hinter dem Kohlekraftwerk, Pljevlja, Montenegro

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