Tag 213: Entscheidungen

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Tag 213: Entscheidungen

Tag 213: Entscheidungen

Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von unserem Gastgeber und von dem wunderschönen Haus, das für diesen einen Tag unser zuhause war. Auch wenn der Ort selbst fast nicht existierte und dies kein Ort zum Leben für uns war, so war es doch seit langem mal wieder ein Zuhause in dem wir uns wirklich wohl gefühlt hatten. Nicht, das wir uns zuvor unwohl fühlten, aber hier gefiel es uns vom Stil, von der Einrichtung und vom ganzen Ambiente her so gut, das wir uns wirklich vorstellen konnten, in einem Ort wie diesem zu wohnen. Nicht für immer, aber vielleicht für ein paar Monate oder vielleicht auch, wenn wir uns als Rentner irgendwann zur Ruhe setzten.

Auf dem Weg kamen wir nach gut 6 Kilometern in eine römische Ausgrabungsstädte, die von unserem Wanderführer aus der Touristeninformation sogar als Tagesetappenziel genannt wurde. Viel gab es hier allerdings nicht zu sehen. Nur ein paar Mauern, die eher semiprofessionell mit einem Bauzaun umgeben waren und ein großer Torbogen. Letzterer war sogar wirklich beeindruckend, vor allem, wenn man sich vorstellte, dass er bereits seit rund 5 Tausend Jahren hier stand und noch immer so stabil war wie eh und je. Unsere heutigen Bauwerke, auf die wir durch unsere moderne Technik so stolz sind, halten oftmals nicht einmal 50 Jahre, bevor sie wieder in sich zusammenfallen.

Der weitere Weg war nicht besonders spektakulär, von den vielen Gedanken die noch in meinem Kopf herumschwirrten einmal abgesehen. Gestern hatte ich einen sehr intensiven e-Mail-Kontakt mit meinen Eltern oder genauer gesagt mit meiner Mutter, der mich sehr aufgebracht hat. Ich glaube, ich bin jetzt noch nicht bereit, mehr darüber zu schreiben, aber mir wurde klar, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Wie will ich jemals vor irgendjemandem zu mir stehen, wenn ich es nicht einmal vor meinen Eltern kann. Bislang habe ich immer geglaubt, dass es nicht nötig ist, weil sie verstünden, worum es mir geht, doch jetzt wurde mir bewusst, dass wir auf zwei verschiedenen Planeten leben und dass es im Moment keine Basis der Verständigung gibt. Wenn ich wirklich ehrlich zu mir bin, dann wusste ich es schon länger, wollte es jedoch nicht wahr haben. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern und ich bin ihnen unendlich dankbar für das Leben das sie mir geschenkt haben. Und ich weiß auch, dass sie alles, was sie tun aus Liebe und aus Sorge machen, dass es nicht böse gemeint ist, sondern auf eigenen Ängsten und Lebensthemen basiert. Doch ich kann mich nicht länger einsperren lassen. Ich kann nicht zulassen, dass ich selbst krank werde, um es ihnen Recht zu machen. Ich kann und ich will mir das, was mir wichtig ist und für das ich stehe nicht kaputtmachen lassen. Ich kann es nicht hinnehmen, dass permanent ein Keil zwischen mich und Heiko, zwischen mich und meinen Träumen und zwischen mich und meiner Lebensaufgabe geschoben wird.

Ich habe lange überlegt, ob ich das Thema hier überhaupt anschneide. Aber dies ist die Geschichte von Heikos und meiner Reise und unserem Leben. Unsere Familiensysteme sind ein Teil von uns und damit untrennbar mit uns verbunden. Ich kann so etwas wichtiges nicht komplett außen vorlassen und heute einen fröhlichen Bericht schreiben, als wäre nichts gewesen. Gleichzeitig merke ich auch, dass ich jetzt noch nicht zu viel darüber schreiben will. Vielleicht aus Anstand, vielleicht aus Feigheit. Vielleicht beides. Ich weiß es nicht.

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Bis nach Zarza de Granadilla waren es insgesamt 21. Kilometer und das meiste davon führte uns leicht bergauf. Immer tiefer wanderten wir dabei in einen Talkessel, der von Bergen vollkommen umgeben war. Morgen oder spätestens Übermorgen wird es dann wirklich anstrengend werden. Dann müssen wir die Berge wohl oder übel überqueren.

Zarza de Granadilla ist ein eigenartiger Ort, der uns sofort mit einer sonderbaren Stimmung empfing. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag, aber Heiko sprach mich sofort darauf an, dass er ein eigenartiges Gefühl hier hatte. „Ich glaube nicht, dass es hier einfach wird“, sagte er.

Wie sich herausstellte, hatte er leider Recht. Die Gästehäuser und Pensionen behaupteten allesamt voll zu sein. Ob das stimmte oder nicht, kann ich nicht sagen. Die einzige Option blieb daher seit langem mal wieder der Pfarrer. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, was die größere Herausforderung war, ihn zu finden, oder ihn zu überreden, dass er uns hilft.

Um zu seinem Haus zu gelangen musste ich 9 verschiedene Leute fragen, die mich immer etwas weiter auf die richtige Fährte brachten. Anschließend hatte ich ein neues Problem: Er lebte in dem einzigen Haus, an dem es keine Klingel gab. Ein Pfarrer, bei dem man nicht klingeln kann, war schon einmal kein besonders gutes Zeichen. Nach wiederholtem Rufen und klopfen kam er schließlich zur Tür. Er war ein kleiner und überaus ängstlicher Mann, der sich zunächst einfach nicht durchringen konnte, uns zu helfen. Was, wenn wir in Wirklichkeit mit der Kirche gar nichts am Hut hatten? Was, wenn wir vielleicht sogar Kriminelle waren, die ihn ausrauben wollten? Erst als ich ihm vorschlug, unsere Personalausweise für den Notfall zu kopieren, damit er einen Beweis für die Polizei hatte, falls wir wirklich etwas anstellen sollten, taute er ein bisschen auf. Dann musste ich ihn nur noch davon überzeugen, dass es im Sinne des Christentums war, Hilfsbedürftige zu unterstützen, egal ob sie nun beweisen konnten, das sie von einem Kloster entsandt wurden, oder ob sie einfach wie Mönche lebten. Lustiger Weise wuselte während unseres ganzen Gesprächs eine Frau in seinem Haus herum, die von ihrem Verhalten her definitiv nicht nur seine Haushälterin war, sondern gerne auch noch mal etwas anderes für ihn hielt. Trotzdem war es schließlich die Aussage, dass wir katholisch waren und aus Bayern stammten (zumindest Teilweise), die ihn überzeugte. Vor allem, als ich ihm dann noch bestätigte, dass der letzte Papst aus der gleichen Region stammte. Stimmt das eigentlich? Ich bin mir da gar nicht sicher.

Der einzige Haken an unserer neuen Unterkunft war, dass wir keinen Schlüssel bekamen. So konnten nur entweder Heiko oder ich das Haus verlassen, wenn wir uns nicht vollständig aussperren wollten. Bei der Nahrungsbeschaffung waren die Menschen hier genauso ambivalent wie wir es uns vorgestellt hatten. Einige verfluchten uns, weil wir sie um eine Zwiebel baten, andere schenkten uns einen Kartoffelsalat inklusive Tupperdose. Mal ehrlich! Könnt ihr euch vorstellen, dass einem eine Zwiebel verweigert wird? In Deutschland würde so etwas nicht passieren, da bin ich mir sicher. Vollkommen egal, ob jemand arm oder reich ist. Selbst wenn es sich bei dem Bittsteller um einen Milliardär handelt, der nur zu schusselig war, beim Einkaufen an die Zwiebel zu denken, man würde ihm aushelfen. Und wenn es nur deswegen war, weil man ja wusste, dass einem selbst jederzeit das gleiche passieren konnte.

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Spruch des Tages: Vertraue auf deine eigene Kraft

Höhenmeter: 110 m

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 4209,97 km

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Sandra 2. August 2014 at 22:53 - Reply

    Hallo!

    Nach den Berichten der letzten Tage möchte ich auch mal einen Kommentar abgeben. Meine Gefühle beim Lesen eures Reisetagebuchs schwanken zwischen Bewunderung, Mitleid und Entsetzen.

    Hier auch meine Begründung: ich bewundere euren Mut, dieses Abenteuer auf euch zu nehmen! Mitleid habe ich mit dir, Tobias. Du durchlebst ja offensichtlich gerade ein großes Gefühlschaos und ich bin gespannt, wie du damit umgehst. Natürlich muss ein Mensch allein Entscheidungen treffen und Schlüsse aus dem ziehen, was er erlebt. Aber manchmal sind Gespräche mit anderen – schließlich sind wir soziale Wesen – hilfreich. Da frage ich mich, ob die intensiven Gespräche, die ihr seit Monaten ausschließlich zu zweit führt, in der Weise voran bringen, wie es sein könnte oder sollte.

    Ich frage mich das deshalb, weil mir gerade beim Bericht über die Katze aufgefallen ist, wie sehr ihr euch gemeinsam in eine Situation hineinsteigert. Ihr seid der festen Überzeugung, dass grausame Menschen dieses Tier an den Straßenrand geworfen haben. Beim gemütlichen Lesen auf meinem Schreibtischstuhl habe ich gedacht: vielleicht ist das arme Tier in einem kleinen spanischen Örtchen auf einem Hofgrundstück o.ä. auf einen Fahrzeuganhänger geklettert, eingeschlummert, während der Fahrt auf der Schnellstraße wach geworden und tragisch vom Hänger gefallen. Eine mögliche Variante! Ihr kommt zu einer anderen Variante und schreibt sie quasi als gesetzt fest….

    Entsetzt war ich über den Tag, als Essen und Unterkunft von Heiko verschmäht wurden. Mal ganz abgesehen davon, dass mich eure „Arbeitsteilung“ als Außenstehende wirklich wundert (Tobias‘ unzählige zusätzliche Kilometer und Gespräche, während Heiko meditiert – so wirkt es jedenfalls beim Lesen), finde ich es allen „Schenkenden“ von Essen und Unterkünften gegenüber sehr fragwürdig, die erbetenen Gaben abzulehnen. Hochachtung vor Tobias, der es auf sich nimmt, sich im Namen beider zu entschuldigen.

    Tobias, ich wünsche dir ganz viel innere Stärke und die Weisheit, Erkenntnisse zu gewinnen und gute Entscheidungen zu treffen!

    • info@naturspirit.de 4. August 2014 at 16:41 - Reply

      Hallo Sandra,

      danke für dein Komentar!

      Zunächst zu der Katze: Vielleicht hast du Recht und deine Variante stimmt wirklich, dann ist es doch trotzdem noch so, das täglich unerwünschte Katzen und Hundebabys auf diese Weise dem Tod preisgegeben werden. Auch muss ich zugeben, dass deine Variante zwar sehr romantisch klingt und ein bisschen was von Aristo-Cats hat, dass sie aber doch eher unwahrscheinlich ist. Klar kann das vorkommen, aber es dann leider eine seltene Ausnahme.

      Zu unserer Rollenverteilung: Wir haben unsere Aufgaben so verteilt, dass jeder entweder das übernimmt, was er am besten kann, oder wo er am meisten lernt. Heiko ist dafür zuständig, die Übersicht zu behalten und uns immer auf der richtigen Spur zu halten, so dass wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren. Ich bin im Moment noch viel zu verplant und verzettel mich zu oft, um das übernehmen zu können. Dafür sorge ich für die Grundbedürfnisse, wie Essen und Schlafplätze. Heiko war viele Jahre lang Versicherungsfachwirt und hat dabei gelernt, wie man Dinge gut verkauft. Ich hatte von diesem Bereich keine Ahnung und war oft zuschüchtern, um mich nach außen hin zu präsentieren. Durch das Fragen kann ich nun genau das lernen und ich bin ziemlich stolz darauf, was ich für Fortschritte mache. Dass es mir einmal gelingen würde, nur durch eine Frage kostenlos in einem 5-Sterne-Hotel mit Sauna nächtigen zu dürfen, hätte ich mir am Anfang nicht erträumen lassen. Heiko coached mich dabei und sorgt so dafür, dass ich weiter lernen kann. Das hat im Sommer den Vorteil, dass er mehr Pausen hat. Im Winter muss er dafür oft in der kälte sitzen und frieren, während ich mich in warmen Hotels und Rathäusern rumtreiben kann. Wenn ein Kontakt hergestellt ist, und wir beispielsweise von einer Familie eingeladen wurden, dann ist es Heiko, der aufspürt, welche Heilungen gerade nötig sind und angesprochen werden müssen. Das ist auch nicht immer eine angenehme Aufgabe, aber nur dadurch können wir etwas beitragen. Bei Hoteleinladungen fällt das natürlich weg, aber dafür macht der dann die Fotodokumentation, die der Grund für die Einladung ist. Heiko ist außerdem der Meister der Küche, der aus jedem Scheiß etwas leckeres zaubert. Für mich ist das immer nichts. Ich bin eher der Typ für Salatdressings und Snacks zwischendurch. Heiko ist der Fotograf, ich bin der Schreiber. Ich kann dir nich alle unsere Aufgaben erklären, aber sie sind so verteilt, dass jeder den größtmöglichen Part beitragen kann und gleichzeitig den größten Lernerfolg erzielt. Es gibt eben einen Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichberechtigung. Unsere Aufgaben sind alles andere als gleich Verteilt, denn dann müssten auch wir komplett gleich sein und es würden keine Synergieeffekte eintreten. Es ist eine Gleichberechtigung, das heißt jeder trägt seinen Teil bei und am Ende entsteht ein gemeinsames großes ganzes.

      Zum Mitleid: Ja ich habe gerade eine Phase in der ich mich wirklich oft wie eine Pussi verhalte und daher oft Mitleitserweckend wirke. Das find ich selbst auch nicht unbedingt cool, aber so ist es gerade und es wird auch wieder vorbeigehen. Gefühlschaos ist menschlich und gehört vor allem in Entwicklungsprozessen dazu.

      Wegen dem Ablehnen: Gerade, wenn man um Dinge bittet, ist es wichtig auch „Nein“ sagen zu können, wenn man etwas nicht braucht. Sonst verliert man seine Selbstachtung und man wird abhängig. Wir haben jeder Zeit die Möglichkeit zu allem Ja oder Nein zu sagen und die nutzen wir auch.

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