Tag 155: Durststrecke

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Tag 155: Durststrecke

Tag 155: Durststrecke

An, neben, unter und über Kirchen haben wir auf unserer Reise ja bereits oft geschlafen. Auch schon in der Sakristei, von der aus man durch die offene Tür zu Jesus auf dem Altar schauen konnte. Doch mitten in der Kirche zu schlafen, also wirklich genau da, wo die Gottesdienste abgehalten wurden, das war gestern Abend eine Premiere. Wir schlugen unsere Matten oben auf der Empore über dem Eingangsportal auf und die ganze Nacht über konnten wir hinunter zu den brennenden Kerzen am Altar schauen. Um dem heiligen Ort gerecht zu werden, schauten wir uns vor dem Einschlafen den Horrorfilm SAW an. Überall sonst auf der Welt hätten wir danach wahrscheinlich Alpträume gekommen, aber wo konnte man sich sicherer Fühlen, als in einem alten, dunklen, steinernen Gotteshaus voller Heiligenfiguren inmitten eines großen Friedhofs? Lediglich der Heilige Jakobus machte uns etwas Sorgen. Er war wieder einmal als Schlächter zu Pferd abgebildet, der hoch über zwei abgeschlagenen Köpfen thronte.

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Als der Film in den Kinos lief hatte ich mir geschworen, ihn nie anzuschauen, weil ich das, was ich darüber gehört hatte ziemlich abstoßend fand. Doch jetzt hat er mich tatsächlich so fasziniert, dass wir uns den zweiten Teil im Anschluss gleich auch noch anschauten. Die Filme haben eine sehr verquere Story, die man erst in der letzten Sekunde wirklich versteht. Dabei geht es um einen Psychopathen, der Menschen vor grausame Ultimaten stellt. Entweder, sie müssen große seelische oder körperliche Schmerzen überwinden, oder sie werden Sterben. Das krasse dabei ist, dass in diesen Filmen das Grundsystem von Krankheit und Gewalt gezeigt wird, so wie es in der Natur auch vorkommt. Nur natürlich deutlich überspitzt und auf eine sehr eindringliche Art und Weise dargestellt. Jeder Mensch, der in die Fänge des Psychopaten gerät, hat sein Leben aus irgendeinem Grund zuvor selbst ruiniert oder er hat aufgehört dafür dankbar zu sein. Anstatt aber etwas zu verändern, hat er es hingenommen und seine eigene Lage somit immer weiter verschlechtert. Im wirklichen Leben würde man an dieser Stelle krank werden, wodurch einem der eigene Körper zeigt, dass es zu einer Lebenswegänderung kommen muss. Im Film wurde, dieser Part durch den Mörder ersetzt.

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Trotz des Films und trotz des ungewöhnlichen Schlafplatzes schliefen wir beide friedlich und seelenruhig bis zum nächsten Morgen durch. Um 7:15Uhr klopften Rose und Monika an unsere Tür um uns zum Lospilgern zu animieren, doch wir hörten nichts davon. Erst am Abend erfuhren wir von diesem gescheiterten Weckversuch.

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Unser Wanderführer hatte die Etappe von Baamonde nach Sobrado dos Monxes vorgeschlagen und mit dem Satz: „Lang aber machbar“ beschrieben. Die ersten 16km dieser Etappe hatten wir bereits am Vortag zurückgelegt, doch der Rest killte uns heute immer noch. Zunächst einmal war die Karte wieder so unpräzise, dass wir 2km in die falsche Richtung liefen, bevor und eine alte Bäuerin über unseren Irrtum aufklärte. Auf dem Rückweg gerieten wir dann in eine Kuhherde, die über die Straße getrieben wurde. Die Kühe waren sehr lieb, aber auch sehr ängstlich und die beiden zweibeinigen Wagenzieher, die ihnen entgegen kamen, waren ihnen nicht geheuer.

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Als wir zurück an der Kirche waren, in der wir übernachtet hatten, mussten wir nun einen Weg nach rechts nehmen, der so versteckt hinter den Büschen lag, dass man ihn kaum sehen konnte. Vor allem nicht, wenn man nach einer Hauptstraße suchte, denn so war es in unserer Karte eingezeichnet. Was nun folgte war eine Mammutetappe von gut und gerne 29 Kilometern auf und ab durch pralle Sonne und über anstrengende Hügelketten. Die Landschaft war schön und einsam, was aber auch bedeutete, dass wir auf dem ganzen Weg durch keine Ortschaft kamen, die mehr als 30 Einwohner hatte. Es gab insgesamt drei Bars von denen eine geschlossen hatte und eine uns nichts geben wollte. Wir hatten zwar noch immer reichlich Wurst von Heikos Mutter, doch es war eben Wurst und ohne Brot und andere Zutaten gab sie alleine noch kein wirkliches Picknick ab.

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Obwohl wir nur durch die Natur wanderten, dröhnten Heikos Ohren heute wieder stärker als üblich. Der permanente Wind blies uns von vorne ins Gesicht und war dadurch lauter als viele Straßen.

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Ansonsten gibt es über den Weg nicht viel zu erzählen. Lediglich eine Entdeckung brachte uns aus der Fassung. Es handelte sich dabei um Kuhscheiße. Ok, das klingt jetzt noch nicht so spannend, vor allem in einer Region, in der die Straßen voll davon sind, doch an einer Stelle fiel uns dabei etwas besonderes auf. Unter den Kuhfladen war der Teer der Straße verätzt worden. Überall bildeten sich Risse im Asphalt, die genau an den Kanten der Scheißhaufen verliefen. Mit dem Fuß konnte man den Straßenbelag an diesen Stellen einfach abbröckeln. Was mussten die Kühe hier zu fressen bekommen, wenn ihre Scheiße sogar die Straße zerstören konnte?

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Als wir Sobrado dos Monxes erreichten, staunten wir zum zweiten Mal an diesem Tag. Der kleine Ort wurde von einem monumentalen Kloster mit einer beeindruckenden Kathedrale beherrscht. Das alte Bauwerk musste Milliarden gekostet haben. Und der Bau hatte wahrscheinlich auch viele Menschenleben auf dem Gewissen. Doch wie so viele faszinierende Monumente in Spanien hatte man auch dieses dem Verfall preisgegeben. Die Fenster waren zum Teil eingeschlagen und alles in allem sah der Gebäudekomplex absolut tot aus.

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Ganz so tot war er dann aber doch nicht. Das Kloster war sogar noch immer von Mönchen bewohnt und ein großer Teil des Komplexes war nun die Pilgerherberge. Am Empfang stand ein alter Mann, den wir um einen kostenlosen Schlafplatz baten.

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„Ja, ja, das geht schon!“ sagte er und bat uns um unsere Pilgerausweise.

„Wie viele seit ihr denn?“

„Zwei!“ sagte ich und bekam daraufhin ein Büchlein in dass wir uns eintragen mussten.

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„Das macht dann 6€ pro Person!“ sagte der Mann als wir fertig waren.

Verwirrt schaute ich ihn an und sagte: „Oh, wir haben doch kein Geld, das hatte ich doch gerade erklärt.“

„Aha, ihr habt kein Geld,…“ antwortete er interessiert, „Wie viele seit ihr denn?“

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„Zwei!“ wiederholte ich.

„Zwei?“ sagte der Mann, „na das ist kein Problem! Wo sind denn eure Rucksäcke?“

„Wir haben keine, nur so kleine Wagen, die noch auf dem Platz draußen stehen. Sollen wir sie holen?“

„Was? Kleine Wagen? Seit ihr mit dem Rad?“

„Nein, es sind Wanderanhänger!“

„Aha, gut, gut! Und wo sind eure Rucksäcke?“

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Langsam ging uns auf, dass der freundliche, alte Mann offensichtlich ein bisschen Dement war. Wir holten unsere Wagen, zeigten sie ihm und wurden dann von einem Kollegen in die Herberge geführt. Der Alte hatte in der Zwischenzeit bereits wieder vergessen, dass wie ohne Geld reisten, doch er hatte ebenso vergessen, dass wir noch nicht bezahlt hatten.

Von der Herberge aus, die im Innenhof des alten Klosters lag, konnte man auch die Kathedrale und die anderen Gebäude besichtigen. Alles war leer und voller grüner Moose. Von einigen Fenstersimsen rankten sogar Pflanzen herunter und mitten in der Kathedrale wuchsen kleine Bäume aus den Mauern. Es war ein zugleich trauriger und faszinierender Anblick, dieses prunkvolle Bauwerk so verfallen zu sehen. Es hätte sich auch um eine gerade neu entdeckte, versunkene Stadt handeln können, die tausende von Jahren unter Urwald verborgen gelegen hatte.

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Spruch des Tages: Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. (Albert Einstein)

 

 

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe 28,5 km

Gesamtstrecke: 3108,87 km

 

Bewertungen:

 
2016-03-02T00:47:09+00:00 Spanien, Tagesberichte|

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