Tag 85: ‚Pilger ärgern’ für Anfänger

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Tag 85: ‚Pilger ärgern’ für Anfänger

Tag 85: ‚Pilger ärgern’ für Anfänger

Kurz nachdem wir das gemeinsame Schokoladentrinken mit unserer Gastgeberin beendet hatten, erzählte sie uns, dass sie für zwei Stunden weg müsse, um ihren Mann abzuholen. Wir könnten aber einfach im Wohnzimmer sitzen bleiben und an unseren Berichten arbeiten. Falls wir das Telefon benutzen wollten wäre auch dass kein Problem und wenn wir Hunger hätten stünde in der Küche etwas für uns bereit. Es war einfach nicht fassbar, wie unterschiedlich die Menschen sind. An einem Tag bittet man vierzig Leute um einen Platz in der Garage und wird behandelt wie ein aussätziger Massenmörder mit einer hoch ansteckenden, tödlichen Krankheit und am nächsten Tag wird man eingeladen wie ein Ehrengast und bekommt sofort das ganze Haus anvertraut.

„Für den Fall dass ein Einbrecher kommt, lasse ich euch unseren Wachhund als Schutz da!“ scherzte sie zum Abschied. Der „Wachhund“ war ein kleines, niedliches Wesen das permanent um uns herumwuselte und nicht mal ganz die Größe der Katze hatte.

Dass sie uns das Telefon angeboten hatte war wieder einmal eine der besonderen Fügungen, die genau dann kamen, wenn wir sie brauchten. Denn genau an diesem Tag hatten wir eine Nachricht von einem Radiosender aus Halle bekommen. Sie fragten, ob wir zufällig ein Festnetztelefon in greifbarer Nähe hätten und ihnen für ein Interview zur Verfügung stünden. Beides war nun der Fall und so gaben wir unser zweites Weltreiseinterview in dieser Woche. Wenn wir den Bericht bekommen, stellen wir ihn natürlich ebenfalls ein.

Der Abend entwickelte sich zu einer regelrechten Party. Unsere Gastgeberin wurde gerade zur stellvertretenden Bürgermeisterin gewählt und zu diesem Anlass kamen der Bürgermeister und seine Frau zu besuch. Wir aßen alle gemeinsam und es gab selten Situationen in denen wir so viel Spaß hatten, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Alles was wir sagen konnten waren einzelne Worte, die lediglich durch Gesten und Pantomime in einen Zusammenhang gebracht wurden und trotzdem herrschte eine ausgelassene, lockere und fröhliche Stimmung. Sogar der Hund und die Katze waren begeistert und der kleine Wirbelwind nutzte die eine oder andere Gelegenheit um vom Schoß aus einige Leckereien vom Teller zu schlecken. Verköstigt wurden wir mit Avocado, gebratener Ente, Bratkartoffeln, Salat aus dem eigenen Garten und einem selbstgebackenen Apfelkuchen von der Frau des Bürgermeisters. Allerdings mussten wir beim Essen eine unserer Grundprinzipien brechen, da wir genötigt wurden Alkohol zu trinken. Als Apparativ gab es einen Apfel-Cidre mit 2%, der hier einfach nicht als alkoholisches Getränk angesehen werden wollte.

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Heute führte uns der Jakobsweg wieder einmal ordentlich an der Nase herum. Nach rund zehn Kilometern Wanderung durch Bachläufe, über Geröllhalden mit kindskopfgroßen Steinen, durch Schlammwüsten und durch anderes unwegsames Gelände kamen wir am Ende wieder auf eine große Hauptstraße. Der Wegweiser nach hinten zeigte an, dass wir auf gerader Strecke gerade einmal vier Kilometer zurückgelegt hatten. Ob man hier wohl einen Grundkurs mit dem Thema „Pilger ärgern für Anfänger“ besuchen musste, bevor man dazu befugt war, die Muschelwegweiser aufzustellen? Als wir so durch den Schlamm stapften, stellten wir einige Regeln auf, die ein solcher Kurs seinen Schülern beibringen würde:

Regel Nr. 1: Wenn du die Wahl zwischen einem Fluss und einem Weg hast, entscheide dich grundsätzlich für den Fluss.

Regel Nr. 2: Vermeide jeden ausgebauten Wanderweg und jede Straße, es sei denn, es handelt sich bei dieser Straße um eine Hauptverkehrsroute mit einer Frequentierung von mindestens 30 Fahrzeugen pro Minute.

Regel Nr. 3: Leite den Weg über jeden Hügel, über jeden Berg und jede Anhöhe die du finden kannst. Nimm dafür notfalls auch einen Umweg in kauf.

Regel Nr. 4: Wähle niemals die direkte Verbindung, zwischen zwei Punkten, wenn es auch einen Umweg gibt.

Regel Nr. 5: Bringe so viele Muschelwegweiser wie möglich an Wegstrecken an, die absolut eindeutig sind. Vermeide sie hingegen an Kreuzungen oder schwierigen Wegstellen.

Wenn es wirklich einen solchen Kurs gab, dann hat der Mensch, der diesen Streckenabschnitt geplant hat auf jeden Fall mit Bravour bestanden.

„Verdammt noch mal!“ rief Heiko als er gerade wieder mit einem Fuß in ein Wasserloch getreten war. „Ich weiß, wir haben gesagt, dass wir auf unserer Reise wieder in den Fluss kommen wollen, aber so war das eigentlich nicht gemeint!“

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In Saint Astier machten wir dann eine längere Mittagspause auf dem Marktplatz. Es war noch immer nicht besonders gemütlich, aber zumindest schon mal trocken und etwas wärmer. An einem Käsestand fragte ich nach etwas Nahrung, doch der Mann wimmelte mich mit der Begründung ab, dass ich ihn bereits in Périgueux gefragt hatte und er mir schon dort nichts hatte geben wollen. Offensichtlich war er also noch immer der gleichen Meinung. Der Olivenverkäufer war hingegen großzügiger aufgelegt.

Wir setzten uns auf eine Bank und aßen etwas von den Vorräten die wir noch von gestern hatten. Ein junger Mann und eine junge Frau kamen auf uns zu und leisteten uns Gesellschaft. Wir boten ihnen an mitzuessen, aber außer zwei Radieschen wollten sie nichts. Dafür schenkten sie uns noch einen Salat und zwei Äpfel, sowie etwas Kleingeld. Wieder waren es Leute, die selbst eigentlich fast nichts hatten.

Die Gegend, die wir im Moment durchwandern ist berühmt für ihre vielen prähistorischen Funde. Es gibt eine Vielzahl an Höhlen mit Wandmalereien und viele steinzeitliche Ausgrabungen. Die einzigen Höhlen, die auf unserem Weg lagen, waren jedoch anderen Ursprungs. Sie wurden in den Kalksteinfelsen gegraben um Kalk für die Felder zu gewinnen. Heute dienen Sie dem Militär als Waffenlager und sind mit dicken Betonwänden und Stacheldraht versiegelt.

Wie Maulwürfe haben sich die Menschen in die Felsen gegraben um einen Rohstoff zu gewinnen, der die Übersäuerung auf den riesigen Monokulturfeldern neutralisiert. Es war beeindruckend zu sehen, dass hier im außen nichts anderes passiert, als auch in unserem Inneren. Durch die vielen Giftstoffe in unserer Nahrung übersäuert unser Körper. Um das auszugleichen, entzieht er die Kalkbestandeile aus unseren Knochen, Zähnen und Gelenken. So kann der Körper länger am leben gehalten werden, doch gleichzeitig schwächt er ständig seine Grundstruktur. Wir bekommen Gelenksprobleme, Rheuma, Karies, Bandscheibenvorfälle und ähnliche Verschleißerscheinungen. Der Erde geht es hier nicht anders. Je mehr Gifte wir auf den Feldern verteilen, desto mehr müssen wir ihre Grundstrukturen aushöhlen, um den Schaden wieder auszugleichen. Das gute alte Gesetz: Wie im Innen, so im Außen.

Wir beschlossen für den Rest des Tages den Jakobsweg Jakobsweg sein zu lassen und uns unseren eigenen Weg zu suchen. Mit dieser Taktik kamen wir bedeutend besser voran. Doch nach einigen Kilometern stießen wir wieder auf die ersten Muschelwegweiser. „Wie kommt der denn hier her?“ fragte ich erstaunt, „Ich hätte gedacht, der verläuft ganz wo anders?“

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„Also entweder,“ setzte Heiko zu einer Vermutung an, „er ist sogar noch verwirrender als wir bislang glaubten oder aber es gibt hier mehr als nur einen Weg. Dieser Verdacht begleitet mich schon seit ein paar Tagen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass wir immer wieder auf den Weg stoßen, egal mit was für einer Ignoranz wir ihm auch begegnen. Vielleicht haben sie hier einfach überall Schilder angebracht!“

In  Neuvic machten wir uns dann wieder auf die Schlafplatzsuche. Eigentlich hatten wir gehofft, heute etwas früher anzukommen um wieder einmal etwas Zeit für uns zu haben, doch daraus wurde nichts. Keine Ahnung, wo die vergangenen Stunden hin sind, aber plötzlich war es bereits wieder 18:00. Die Touristeninformation und das Rathaus brachten uns auch hier nicht weiter. Doch wie bereits zuvor hatten wir im Altenheim Glück. Nicht das man uns dort aufgenommen hätte, aber eine Mitarbeiterin beschloss nach kurzer erfolgloser Gruppendiskussion, uns einen Schlafplatz in ihrem Wohnzimmer anzubieten. Später erfuhren wir, dass sie bereits eine Gastschülerin aus der Schweiz bei sich aufgenommen hatte, die für ein Jahr bei ihr und ihren beiden Kindern lebte.

Spruch des Tages: Nichts was man jemals hingebungsvoll leistet, ist vergebens getan. (Stefan Zweig)

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 1774,97 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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