Tag 1207: Arundel

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Tag 1207: Arundel

Tag 1207: Arundel

20.04.2016

Zunächst möchten wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Jocely Bolton für die Spende bedanken!

Als ich mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte, spürte ich, dass meine Brust nass und leicht klebrig war. Sofort hatte ich Qunentins Worte im Ohr: „Sorg dafür, dass die Narben stets trocken bleiben, damit sie gut verheilen können.“

Leicht beunruhigt stand ich auf und ging ins Bad, wo es so kalt war, dass ich gleich erst einmal zu Zittern begann. Mein Unterhemd klebte leicht an den Wunden, aber als ich es ausgezogen hatte um mir alles noch einmal genauer anzusehen wirkte es bei weitem nicht so schlimm, wie ich es mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte.Die unteren Linien waren in bester Ordnung, nur im oberen Bereich, also in dem, der mit den Kordeln zu meiner Mutter verbunden war, trat etwas klare Flüssigkeit aus. Nichts, das nicht mit einigen Tupfern von Quentins Wunderlotion behoben werden konnte.

Da war Heikos Leiden schon um einiges heftiger, denn er erwachte mit derart starken Nackenschmerzen, dass er kaum noch seinen Kopf drehen konnte. Auch bei ihm hatte es mit einem Heilungsprozess zu tun, doch worum es genau ging, konnten wir noch nicht ausmachen.

Bevor wir aufbrachen sprachen wir noch gemeinsam mit dem Pfarrer ein Dankesgebet, er dafür, dass wir seine Gäste waren und wir dafür, dass wir so gut aufgenommen wurden. Dann gab es noch ein Abschiedsfoto und wir brachen auf, um unseren Weg nach Arundel zu finden.

Gestern hatten wir bereits eine kleine Runde durch den Ort gedreht und waren dabei auch am Strand gelandet. Die Straßen dorthin waren ruhig und man konnte angenehm an ihnen entlang wandern. Heute jedoch waren die gleichen Straßen fast unpassierbar, so stark hatte der Verkehr hier zugenommen. Es gab wirklich Stoßzeiten, in denen man sich in diesem Land vor Autos nicht retten konnte, egal wohin man auch trat. Zum Glück zeigte uns unsere neue Wanderkarten-Errungenschaft einen Fußweg durch einen Park an, mit dem wir uns relativ gut durch den Ort bis nach Littlehampton schlängeln konnten. Dort machten wir in einer Einkaufsmeile Halt, in der es wieder die gleichen Fastfood-Ketten gab, wie zuvor in Rustington, Goring und Worthing. Man kann über England sagen was man will, aber ihre Fastfood-Kultur haben sie perfektioniert. Nirgendwo sonst in Europa, trifft das Wort „Industrienahrung“ den Nagel so sehr auf den Kopf wie hier. Und das sagen wir, nachdem wir aus dem Dosen-Futter-Paradies Frankreich kommen.

In diesem Fall gab es neben Dominos Pizza, Kentucky fried Chicken, McDonnalds, Starbucks und dem örtlichen Fish`n`Chips-Vertreter jedoch auch einen kleinen Laden, der Milchshakes und Smoothies verkaufte. Auch dies war noch immer Industrienahrung, denn ein Smoothie bestand aus einer fertig abgepackten Plastiktüte mit gefrorenem Obst, die in einen Mixer geworfen wurde. Aber es war immerhin schon einmal Obst. Die beiden Ladeninhaber waren freundliche Menschen, wenngleich mir ein Rätsel war, wie Sie auf diese Geschäftsidee gekommen waren. Wann immer ein Kunde den Laden betrat bedeutete dies, dass man für rund zwei Minuten einen Mixer betätigen musste, der in etwa so laut schrie wie ein Presslufthammer. Vorne im Laden saß in ihrem Kinderstuhl die kleine zweijährige Tochter der Smoothie-Verkäufer und presste sich jedes Mal die Hände auf die Ohren, wenn die Geräte ihre Arbeit aufnahmen. Ich war kurz davor, es ihr gleich zu tun. Das Ergebnis allerdings, das musste man ihnen lassen, war definitiv nicht von schlechten Eltern!

Nach einem kurzen Spaziergang auf der Hafenpromenade überquerten wir eine Brücke und mussten von da an wieder einmal einer Hauptstraße folgen, die nach Angaben der Einheimischen „nicht allzu befahren“ sein sollte. Unsere Ansicht darüber war jedoch etwas anders, denn obwohl hier tatsächlich nicht ganz so viele Autos unterwegs waren, wie auf der Bundesstraße, folgten die Stoßstangen doch dicht aufeinander. Für uns war klar, dass wir so schnell wie möglich wieder abgehen wollten, auch wenn dass bedeutete, dass wir einen holprigen Pfad am Flussufer entlang nehmen mussten. Doch zunächst wollte man uns nicht abbiegen lassen, denn dazu hätten wir mitten durch einen Gefängniskomplex gemusst. Nicht das dies nicht möglich gewesen wäre, denn der Sicherheitsstandart schien erstaunlich gering zu sein, aber die Wächter hätten es wohl nicht allzu gerne gesehen. Auch das Schild mit den Aufklährungshinweisen darüber, wie viele Jahre man selbst hier einsitzen musste, wenn man einem Gefangenen zur Flucht verhalf oder ihm auch nur ein Handy zusteckte hielten uns davon ab. Wer so strenge Regeln hatte war sicher auch nicht gut darauf zu sprechen, wenn jemand in ihr Gefängnis ein- und wieder ausbrach, mit der Begründung, er wolle nur kurz zum Fluss, weil die Straße zu laut sei.

Das Gefängnis selbst hingegen war kaum ernst zu nehmen. Es hatte einige Mauern, die man mit ein klein wenig Fitness problemlos überwinden konnte und auf deren Spitze nicht einmal richtiger Stacheldraht angebracht war. Die meisten Gefangenen liefen aber ohnehin frei herum, kümmerten sich um die Beete, reinigten die Straßen und befüllten den Farmladen, der zum gefängniseigenen Bauernhof gehörte.

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Direkt hinter dem Gefängnis begann eine Reihe mit Wohnhäusern, die ebenfalls direkt an der Hauptstraße lag. Anders als die Gefangenen hatten die Anwohner jedoch keine dicke Steinmauer, die sie vom Straßenlärm abschirmte, womit ihre Wohnqualität noch einmal bedeutend schlechter sein musste, als die der Inhaftierten.

Noch ein paar Meter weiter kam dann ein Campingplatz mit einer großen Fläche für Dauercamper und einem eigenen Bungalow-Park. Gab es einen Weg, um das Konzept eines Camping-Mobils, das eigentlich unter dem Motto „Leb, wo immer du willst!“ stehen sollte, noch weiter zu parodieren, als sein mobiles Heim fest an einer Hauptstraße neben einem Gefängnis zu plazieren?

Vom Campingplatz aus gelangten wir jedoch zurück an den Fluss, wo uns nun eine knapp zweistündige Holperfahrt über Stock und Stein erwartete, bis wir Arundel erreichten. Ganz ohne Schwitzen kam ich dabei nicht aus, aber das war in Ordnung und die Strecke war trotz ihrer Anstrengung bei weitem angenehmer als der Weg entlang der Hauptstraße.

Von Aruntel wurde uns in den letzten Tagen bereits sehr viel vorgeschwärmt. Es war Sitz des Katholischen Bischofs und verfügte über ein beeindruckendes Schloss und eine beeindruckende Kathedrale. Außerdem gab es einige nette Anekdoten, wie beispielsweise, dass die heutige Kirche der evangelischen „Church of England“ noch immer eine Katholische Kapelle besaß. Der „Earl of Arundel“, der diese Stadt und das dazugehörige Umland einst regiert hatte, war katholisch gewesen und viele seiner Familienmitglieder waren in dieser Kapelle beigesetzt. Nachdem die Kirche dann evangelisch wurde, sorgte er dafür, dass seine Grabkapelle auch weiterhin katholisch blieb, wodurch ungewollt eine oekumenische Kirche entstand, lange bevor irgendjemand auch nur über solche Dinge nachdachte. Genau in dieser Kirche wurden wir nun erwartet, da unser Pfarrer aus Rellington unsere Ankunft bereits angekündigt hatte.

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Von weitem hatte die Stadt wirklich beeindruckend und schön ausgesehen, doch als wir sie schließlich erreichten, waren wir zunächst wieder vom Verkehrsaufkommen und dem damit verbundenen Lärm entsetzt. Es schien, als dürfte es keine Ruhe mehr auf dieser Welt geben. Und selbst, wenn einmal für einen Moment das Autoaufkommen nachließ, wurde es nicht leise, denn dann kam sofort ein Rasenmäher, eine Bohrmaschine oder ein anderes nerviges Gerät. Die alten Gebäude und auch die Souvenir- und Einkaufsmeile waren hübsch anzusehen und das Schloss im Hintergrund gab eine beeindruckende Kulisse ab. Doch man konnte es leider nicht richtig genießen, weil es keinen beruhigten Bereich und keine Fußgängerzonen gab. Selbst in den Kirchen hörte man noch, wie draußen die Autos vorbeischossen.

Unsere Kontaktperson im Sekretariat der englischen Kirche hieß Fiona und sie machte uns gleich zur Begrüßung erst einmal einen Teller Suppe. Dann setzte sie alles daran, uns einen Schlafplatz zu organisieren, denn hier in der Kirche war es dieses Mal nicht so einfach möglich. Dazu war das Dorf bei weitem zu touristisch und zu überlaufen. Im Minutentakt strömten Besucher durch die Tore herein um sich umzuschauen. Für arbeitende Pilger war da wenig Platz.

Wir nutzten die Zeit, die Fiona für die Organisation brauchte, um eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen. Hinter der Kirche gab es einen Park mit einigen Türmen darin, der an seinem hinteren Ende steil zu einem See hin abfiel. Ein schmaler Pfad führte herab und Heiko stolperte gleich zwei Mal hintereinander über spitze Steine, ehe er sich an den Weg gewöhnte. Gerade wollte ich seinen zweiten Stolperer noch kommentieren, als ich auch schon selbst an einem dritten Stein hängen blieb und ebenfalls fast nach vorne überkippte. Um mich abzufangen spannte ich ruckartig alle Bauchmuskeln an und bereute es sofort wieder. Ein stechender Schmerz zuckte durch meine Bauchdecke, denn darauf waren die vielen kleinen Wunden nicht eingestellt gewesen. Außer einem kurzen Schmerzhaften Moment passierte aber nichts weiter.

Der Abstieg wurde recht abenteuerlich, da es fast senkrecht hinunter ging und der Boden auch noch locker und rutschig war. Die meisten außer uns selbst, die diesen Hang hinab oder hinauf stiegen waren kleine Kinder, die hier spielten. In diesem Moment spürte ich noch einmal deutlich, wie die Matrix bei mir funktionierte. An und für sich hätte der Abstieg Spaß machen können und wenn ich mich hätte entspannen können, wäre ich mit spielerischer Leichtigkeit unten angekommen. Doch der kurze Schreckmoment oberhalb des Hanges reichte aus, um mich so sehr in Angst zu versetzten, dass ich mich den Rest des Berges hinunter tastete, wie ein neunzigjähriger Mann. Ich musste kein einziges Mal mehr stolpern, allein die Angst davor, dass etwas passieren könnte reichte aus, um mich komplett verspannen und verkrampfen zu lassen.

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Unten am See erwartete uns dann eine wahre Menschentraube, die hier ihre Osterferien verbrachte.

Paare ruderten als romantisches Erlebnis über den See, Kinder spielten an den Klippen oder am Ufer, Familien gingen spazieren. Die Straße hinter dem Park war bis zum Ende zugeparkt. So ganz verstehen konnten wir den Trubel nicht. Klar, der Park und auch das Schloss und die Kathedrale waren schön, aber auch wieder nicht so spektakulär, dass man deswegen so ein Aufhebens machen musste. Nichts war wirklich etwas besonderes, das man nicht auch an vielen anderen Orten in ähnlicher Form sehen konnte. Und dies wahrscheinlich in deutlich ruhigerer und angenehmerer Atmosphäre, als es hier möglich war. Was man allerdings sagen musste war, dass alles perfekt gepflegt wurde. In der Kirche gab es kein Staubkorn, das nicht da lag, wo es liegen sollte. So gut gepflegte Gebäude hatten wir bislang nur in Monaco gesehen.

Nach unserer Rückkehr eröffnete uns Fiona, dass sie Erfolg gehabt hatte. Alle Familien, die normalerweise Gäste aufnahmen waren im Urlaub oder anderweitig beschäftigt, aber sie hatte uns einen Platz in einem Clarissen-Kloster organisieren können. Es lag auf der anderen Seite des Tals auf einem Hügel und man musste knapp eine Viertelstunde an der Hauptstraße entlang wandern, aber dann fanden wir dort einen angenehmen, ruhigen und entspannten Platz.

 

 

Spruch des Tages: Nicht alles, was Touristen anzieht ist auch wirklich schön

 

Höhenmeter: 55 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 22.163,27 km

Wetter: heiter bis wolkig und windig

Etappenziel: Kirche, Bury RH20 1PB, England

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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