Tag 653: Innere Sicherheit – Teil 1

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Tag 653: Innere Sicherheit – Teil 1

Tag 653: Innere Sicherheit – Teil 1

Als wir unser Zelt in der Früh verließen, war Paulina noch da. Sie war bereits sehr früh aufgestanden, aber nicht um umzukehren, sondern um zu trainieren. Die Begegnungen der letzten Tage und Nächte hatten sie motiviert um in Form zu kommen. Wenn sie schon ständig belästig wurde, dann wollte sie wenigstens gewappnet sein. Ich kann heute nicht mehr sagen warum, aber wir fassten diese Entschlossenheit und die Tatsache, dass sie noch immer hier war als Zeichen dafür auf, dass sie sich nun entschieden hatte. Dieses Mal glaubten wir wirklich, dass sie nun bei uns war, vollkommen und mit allen Konsequenzen. Ein Irrtum, der uns nur allzu bald bewusst werden sollte.

Zunächst aber gab es andere Dinge, über die wir uns Gedanken machten. Heiko beispielsweise war vollkommen Begeistert von einer schillernden Libelle, die ihn in der Früh bei der Morgentoilette besuchte. Beide, sowohl Heiko als auch die Libelle waren außerdem begeistert von dem, was Heiko bei seinem Toilettengang zustande gebracht hatte. Die Verdauung schien in letzter Zeit wieder ausgesprochen gut zu funktionieren. Ok, das ist vielleicht nicht ganz so spektakulär wie die Ereignisse der letzten Nacht, aber alles braucht auf einem Medizingang irgendwie seinen Platz. Auch, wenn es nur Kacke ist.

Nach der detaillierten Beschreibung von Heikos Stuhlgang packten wir unsere Sachen zusammen und brachen auf.

„Ich glaube“, meinte Paulina, „ich verstehe jetzt, warum ihr euch in Italien mit einer Wasserspritzpistole gegen die nervigen Hunde bewaffnet habt. Ich habe das Gefühl, dass ich auch irgendetwas zur Verteidigung haben möchte. Die ganze Nacht habe ich darüber nachgedacht, was wohl ideal wäre. Zwillen finde ich ziemlich gut. Die sehen nicht aus, als wären es richtige Waffen, aber man kann ordentlich Schmerzen damit verursachen und sich die Angreifer auf Distanz halten. Obwohl ich zugeben muss, dass ich sogar auch über Schusswaffen nachgedacht habe. Klar ist das Drastisch, aber irgendwie würde ich mich damit schon deutlich sicherer fühlen!“

„Mhh,“ sagte Heiko, „ich glaube, du denkst da in eine Richtung, die nicht unbedingt zielführend ist. Du versuchst dir gerade schon wieder Sicherheit im Außen zu erschaffen, in dem du glaubst, sicher zu sein, wenn du stärker oder besser bewaffnet bist, als deine Feinde. Aber das ist ein Irrtum. Eine Waffe kann dich nicht beschützen. Du kannst damit jemanden angreifen und töten. Aber willst du das wirklich? Außerdem funktioniert es nur, wenn du im richtigen Moment richtig reagierst und sie parat hast. Wenn du in deinem Zelt liegst und schläfst, während sich jemand an dich heranschleicht, dann hilft es dir gar nichts. Egal, wie gut du auch bewaffnet bist, es gibt immer Situationen und Szenarien, in denen du trotzdem unterlegen bist. Und wenn es nur ist, dass du eingesperrt wirst, weil du ein Menschenleben auf dem Gewissen hast. Waffen, Kampftechniken, Festungen und all das Zeug kann dir keine echte Sicherheit geben. Sicherheit ist eine Geisteshaltung. Klar ist es nicht verkehrt, sich verteidigen zu können und zu wissen, wie man sich vor einem Angreifer schützt oder wie man mit ihm umgeht. Dagegen will ich nichts sagen. Aber solange du durch deine geistige Einstellung Gewalttäter anziehst, wird dein Leben ein Kampf sein und irgendwann gibt es immer einen Punkt, an dem man nicht aufmerksam genug ist. Sicher bist du ab dem Moment, in dem du Sicherheit im Herzen trägst, wenn du nach außen ausstrahlst, dass du weder ein Feind, noch ein Opfer bist. Warum sonst glaubst du, dass die ganzen asiatischen Kampfkunst-Formen immer die Friedensstifterprinzipien als erste Regels verankert haben. Der beste Krieger ist der, der einen Kampf beendet, bevor er beginnt. Wer auf Konfrontation aus ist, der wird auch welche bekommen. Die Frage ist, ob du das wirklich willst, oder ob dir ein Leben in Frieden und Leichtigkeit nicht lieber ist, als eines im permanenten Krieg und in ständiger Angst vor einer lauernden Gefahr?“

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„Da ist was dran!“ meinte Paulina nachdenklich, „Du meinst also, wenn ich es schaffe, mein Opfersein auf der einen Seite und das Gefühl, dass mein Leben ein Kampf ist, den ich gewinnen muss, auf der anderen Seite loszulassen, dann vermeide ich dadurch die meisten Begegnungen, die mir schaden können, so dass ich keine Waffe mehr brauche?“

„Genau!“ sagte Heiko, „Natürlich gehören auch noch eine gute Portion Wachsamkeit, eine gewisse Menschenkenntnis und die Fähigkeit dazu, Risiken richtig einzuschätzen, aber im Grunde ist es das, was ich meinte.“

Die Frage nach der Sicherheit bezog sich jedoch auch noch auf einen anderen Punkt, der uns in diesem Moment noch gar nicht so bewusst war. Eines der Konfliktthemen, das immer wieder auftrat war, dass Paulina glaubte, deshalb nicht richtig in unserer Gruppe ankommen zu können, weil wir ihr keinerlei Garantien geben konnten. Sie hatte ihr komplettes vorheriges Leben aufgegeben um eine Nomadin zu werden und wir hatten die Flamme in ihr angestoßen, die zu diesem Wandel geführt hatte. Aus diesem Grund wünschte sie sich eine Art Garantieschein, dass wir auf jeden Fall als Gruppe bestehen bleiben würden und dass wir ihr auf dem Weg durch ihr neues Leben immer beistehen würden. Wieder also suchte sie die Sicherheit im außen. Wenn wir sie unterstützten, ihr garantierten, dass wir ihr immer zur Seite standen und aus der Patsche halfen, dann, konnte sie es vielleicht wagen, ein paar Schritte zu gehen. Es war ein bisschen, als wollte sie mit uns den Ehevertrag schließen, den sie mit sich selbst nicht hatte schließen können. Wie aber konnten wir ihr zusichern, dass wir unter allen Umständen zu ihr stehen werden, wenn sie es selbst nicht konnte? Oft warf sie uns vor, dass sie es nicht in Ordnung fand, dass wir immer wieder meinten, wir könnten unter den gegebenen Umständen nicht mehr als Gruppe zusammenbleiben, um dann wieder zu sagen, dass wir sie definitiv bei uns haben wollten. Doch wie kamen diese Umschwünge überhaupt? Sie waren eine direkte Reaktion auf ihr inneres. Wenn sie eine Phase hatte, in der sie wirklich bei uns war, dann gab es nichts, was wir uns vorstellen konnte, warum sie kein Teil unserer Herde sein sollte. Gewannen jedoch ihre Zweifel, ihr Ego, ihre Trotzphase und ihre unbewusste Zerstörungswut wieder die Oberhand, mussten wir aus Selbstschutz sagen, dass es so nicht weitergehen konnte. Wie in jeder Beziehung, in jeder Ehe, in jeder Freundschaft und in jeder Form der Partnerschaft, kann es keine Sicherheit auf ein ewiges Zusammensein geben, die nicht aus dem eigenen Herzen kommt. Dies ist wohl auch der Grund, warum viele Freundschaften deutlich länger halten als Beziehungen. Man verpflichtet einen Freund nicht dazu, ein Freund zu bleiben bis in alle Ewigkeit und man erwartet es von ihm auch nicht. Man verbringt Zeit miteinander, weil man es gerne tut und man macht es so lange, wie es für alle Beteiligten angenehm ist. In einer Beziehung jedoch glauben wir, unseren Partner an uns binden zu müssen und im Falle der Ehe sogar mit einem rechtsgültigen Vertrag festzulegen, dass wir zueinander gehören. Wir wollen diese Sicherheit, dass wir uns auf den anderen verlassen können, suchen sie jedoch nur im Außen, also im Partner. Was aber kann ungesunder für eine Beziehung sein, als diese Erwartungshaltung, während man gleichzeitig keinerlei Sicherheit im Herzen trägt?

Unser erster Eindruck von Montenegro war eher ernüchternd. Wie oft hatte man uns zuvor erzählt, dass die Menschen hier zu den freundlichsten auf dem ganzen Balkan gehörten? Wir konnten diese Ansicht nicht bestätigen. Im Gegenteil. In Serbien hatten wir stets das Gefühl gehabt, als Reisende willkommen zu sein. Hier jedoch kam es uns so vor, als müssten wir uns so weit wie möglich von jedem Menschen fern halten. Hauptsächlich begegneten uns Männer und fast alle waren aufdringlich und penetrant. Sie wirkten großkotzig, und irgendwie schleimig. Lag es an uns oder an der Mentalität in diesem Land? Wir konnten uns beides vorstellen und jetzt im Nachhinein betrachtet, war es sicher auch ein bisschen von beidem. Die Mentalität der Einheimischen ist schon sehr stark auf Prestige ausgerichtet und viele haben einen deutlichen Hang zu aufgeblähtem Macho-Gehabe. Doch mindestens ebenso viele Menschen entpuppten sich später als gutherzige, freundlich und hilfsbereite Zeitgenossen, an denen im Grunde nichts auszusetzen war. Viel mehr schien es so zu sein, wie Heiko in der Früh zum Thema Waffen und innerem Frieden bereits erklärt hatte. Unsere Gruppenausstrahlung aufgrund der Themen mit Paulina war die, dass wir von der Unfreundlichkeit der Menschen überzeugt waren und somit bekamen wir auch genau das, war wir brauchten um unsere Themen vor Augen geführt zu bekommen.

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Der Weg führte uns über kleine Straßen durch die Berge, wobei Paulina auch heute fast immer mithalten konnte. Als wir schließlich den Ort erreichten, den wir uns als Tagesziel ausgesucht hatten, gingen Paulina und ich auf Beutefang. Das Ergebnis war eher mau. Anders als in Serbien und Bosnien hatten die Menschen in dieser Region aus irgendeinem Grund keine Gemüsegärten mehr. Sie besaßen zwar riesige Landflächen, bauten aber nichts darauf an. Dementsprechend leer waren auch ihre Speisekammern und so war es schwierig für uns, ausreichend zusammenzutragen.

Vor einem Haus traf ich auf einen dicken Mann, der besonders aufgeblasen und schleimig wirkte. Ich fragte ihn, ob er der Eigentümer des Hauses war, was er verneinte. Damit war er für mich nicht weiter interessant, so dass es mir leicht fiel, das oberflächliche Gespräch, dass er mir auf´s Auge drücken wollte, im Keim zu ersticken. Als ich jedoch zurück kam, sah ich den Mann noch einmal. Dieses Mal war er in ein Gespräch mit Paulina und zwei älteren Herrschaften aus dem Ort verwickelt. Er hielt Paulinas Fragezettel mit unserer Bitte auf Serbisch in der Hand und redete wild auf die Umstehenden ein.

„Was machst du denn hier?“ fragte ich Paulina, als ich zu der Gruppe stieß.

„Ich hatte gehofft, der Mann könne vielleicht für mich übersetzen“, sagte sie und schaute dabei verzweifelt auf ihren Zettel, der in den wild gestikulierenden Händen des Schleimbolzens hin und her flatterte.

„Das bringt nichts!“ meinte ich nur knapp, „der klaut dir bloß Zeit!“

Dann schnappte ich ihm den Zettel aus der Hand, verabschiedete mich und ging mit Paulina davon. Den Mann hielt das natürlich nicht davon ab, einfach weiter zu plappern.

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„Ist das nicht total unhöflich, was wir hier machen?“ fragte Paulina unsicher.

„Unhöflich ist es, einen Menschen so zuzuschwallen!“ entgegnete ich grinsend.

„Oh,“ sagte sie leicht erschreckt, „du meinst, er war wieder eine Art Trainingspartner um zu lernen, meine Grenzen zu setzen und direkt zu sein?“

„Das meine ich!“ antwortete ich

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Wahre Sicherheit kommt von innen

Höhenmeter: 680 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 11.639,27 km

Wetter: erst neblig, dann sonnig

Etappenziel: Zeltplatz am Hang, 46300 Kokkinolithari, Griechenland

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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