Tag 1025: Opferbewusstsein ablegen

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Tag 1025: Opferbewusstsein ablegen

Tag 1025: Opferbewusstsein ablegen

07.10.2016

Auch hier bekamen wir ein gutes und großzügiges Frühstück und dabei die Gelegenheit, noch einmal tiefer ins Gespräch mit der Chefin des Gasthauses zu kommen. Anschließend ging es weiter die Donau hinauf. Das der Radweg in Deutschland nun soviel besser war als in Österreich konnte man allerdings nicht behaupten. Auf den ersten 10km bis Obernzell gab es überhaupt keinen Radweg mehr, und man musste auf der Straße laufen. Bis hier hin war dies jedoch noch in Ordnung, da nur wenig Verkehr herrschte. Hinter Obernzell jedoch führte der Weg wie kurz nach Linz direkt an einer vielbefahrenen Bundesstraße entlang. Teilweise war das Tal so schmal, dass es tatsächlich keine andere Lösung gab, aber an vielen Orten hätte man den Radweg mit wenig Aufwand deutlich schöner legen können. Es war durchaus ein wenig erschreckend zu sehen, dass wir tatsächlich hier in Deutschland gleich zu beginn einen der unangenehmsten Wegabschnitte unserer ganzen Reise hatten. Andorra, die Ukraine und der bergige Teil von Polen waren definitiv am heftigsten gewesen, dicht gefolgt von einigen Passagen in Italien. Doch gleich dahinter kamen Österreich und Deutschland mit je einer Passage des Donauradweges, der als berümtester und beliebtester Europaradweg überhaupt gilt. Und als wollte uns das Leben zeigen, dass wir uns auf unser Heimatland weißgott nicht so viel einbilden sollten, kamen gleich am Anfang fast alle Punkte auf uns zu, von denen wir immer wieder behauptet hatten, dass sie in Deutschland niemals vorkommen würden. Wir sahen Jogger, Radfahrer und Skater, die sich ganz bewusst den lautesten Abschnitt der Bundestraße ausgesucht hatten, um hier hin uns her zu fahren und Sport zu treiben. Wir trafen einen Mann, der uns allen ernstes fragte, ob wir mit dem Fahrrad unterwegs waren. Und wir kamen an zwei Straßenarbeitern vorbei, die einen breiten, ebenen Grünstreifen mit zwei überlauten Freischneidern malträtierten, obwohl ihre Arbeit mit einem Doppelmessermähwerk innerhalb von Minuten erledigt gewesen wäre. Wir mussten also zugeben, dass wir uns geirrt haben, als wir glaubten, manche Nationen seien komich oder verrückt. Es waren anscheinend doch eher die Menschen an sich.

Das soll natürlich nicht heißen, dass wir generell von Deutschland enttäuscht waren. Die überwiegenden Erfahrungen auf den ersten paar Kilometern waren absolut positiv. In Obernzell schauten wir uns zunächst die Kirche an, in der ein älterer Herr, der wahrscheinlich der Pfarer wa, gerade eine Führung für Grundschulkinder gab. Er erzählte so begeistert und mit so einer überzeugung, dass es richtig spaß machte, ihm zuzuhören und das auch die Kinder vollkommen bei ihm waren. Mit dem Chaos-Kommunionsunterricht in Italien war dies nicht vergleichbar. Anschließend fragten wir bei einer Bäckerei nach etwas Brot und durften uns hier sogar selbst aussuchen, was wir an Backwaren haben wollten. Unter anderem bekamen wir dabei sogar je ein Linzer Törtchen, das wir in Linz vergeblich gesucht hatten.
Aus der Ortschaft heraus wanderten wir entlang einer Uferpromenade, die leider wie gesagt direkt hinter Obernzell endete und dann auf den Fahrradweg an der Bundesstraße führte. Zuvor jedoch wurden wir von einer Frau angesprochen, die gerade mit ihrem Hund gassi ging. „Habt ihr noch einen Moment Zeit?“ fragte sie, „Wenn ja, würde ich kurz meinen Mann holen, der arbeitet bei der Passauer Neuen Presse und wird sicher einen Bericht über euch machen wollen!“

Eigentlich hatten wir uns am nächsten Tag in Passau mit einem Journalisten dieser Zeitung verabredet, aber so war es natürlich viel entspannter. Wir setzten uns an den Hafen, picknickten unser frisches Gebäck und erzählten von unserer Reise. Erst im Nachhinein fiel Heiko ein, woher er unseren Reporter kannte. Vor vielen Jahren hatte er in Passau einmal einen Vortrag über Island gehalten und war dabei von dem selben Mann interviewt worden. Wie klein die Welt doch ist.
Kurz vor Passau bogen wir von der Bundesstraße ab in einen Vorort namens Lindau. Hier gab es eine Kirche, die von den Einheimischen nicht Grundlos als „das Silo“ bezeichnet wurde. Der moderne Bau sah tatsächlich aus, als würde man hier eher Getreide lagern als Gottesdienste abhalten. Der Pfarrer war ein unkomplizierter Mann, der uns ohne Umschweife einen Raum zur Verfügung stellte, der normalerweise als Meditationsraum genutzt wird.
Am Abend testeten wir noch einmal meine Herzensverstöße seit dem letzten Test vor drei Tagen aus. Es waren wieder 1,1 Millionen, genau wie beim letzten mal. Bewusste Handlungen konnten es also nicht oder nicht ausschließlich sein, denn soviel konnte nicht einmal ich bewusst gegen mich handeln. Der Test ergab, dass gerade einmal vier Prozent aktiv, also bewusst geschahen. Der ganze Rest lief auf der unbewussten Ebene ab. 4% reichten natürlich auch immer noch, denn dies waren immerhin 44.000 Hrzensverstöße, also noch immer weit mehr, als ich mir selbst erklären konnte. Die übrigen bedeuteten jedoch, dass mein ganzer Organismus im Moment aus dem Gleichgewicht geraten war und vollkommen an dem vorbeilief, wie er eigentlich laufen sollte. Mein Herzschlag meine Atmung, meine Muskeln, meine Sinne, alles läuft irgendwie neben der Spur. Die Frage ist nur warum und wodurch? Herausfinden konnten wir durch die Muskeltests bislang, dass eines der Probleme darin besteht, dass alles rund 10% zu langsam läuft. Bei meiner Reaktionszeit habe ich das ja schon bemerkt, aber offenbar bezieht es sich auch auf alles andere. Die Ursache dafür liegt nachdem was meine Muskeln sagen in den Gefühlen, die unverdauterweise in mir brodeln. 90% machen die Wut und der Hass aus, 4% sind Neid, 1% Missgunst und 5% kommen von einem unterdrückten Tötungswunsch. Hier hat sich die nie ausgelebte Wut also so sehr verhärtet, dass sie sogar in Mordgedanken übergeht. Dies kam ja bereits vor einigen Tagen schon durch und hat mich da schon sehr erschreckt. Offensichtlich habe ich meine Gefühle nicht grundlos so sehr unterdrückt, dass ich sie nicht mehr spüren kann. Sie sind teilweise so heftig, dass sie mir selbst regelrecht Angst machen. Und doch bestätigen sie nur, was wir bereits vor ein paar Tagen herausgefunden haben.

Die ersten 23 Monate meines Lebens lebte ich nach Aussagen meines muskulären Gedächtnisstes in vollkommenem, blanken Hass. Ich wusste, in was für eine Situation ich hineingeboren wurde und ich konnte sie nicht ausstehen. Ich wollte dieses Leben, in das ich mich inkarniert hatte einfach nicht haben. Knapp zwei Jahre dauerte meine Trotzphase gegen meine eigene, von mir selbst erschaffene Lebensgeschichte. Dann begann ich, mir eine andere Strategie zu überlegen. Ich begriff, dass ich das Leben, das ich nun hatte nicht mehr umtauschen konnte und dass ich irgendeine Methode brauchte, um mich damit abzufinden. Die Strategie die ich dann wählte, war es, meine Gefühle, besonders meinen Hass, meine Wut und meine Ablehnung zu unterdrücken und mich einfach an alles anupassen, was mir begegnete. Und genau hierin liegt der Kernschlüssel für meine Lebensaufgabe, bzw. für meine zentrale Lernaufgabe begraben. Die Wut und den Hass, die sich in mir angestaut haben nach außen zu bringen, Dampf abzulassen und den Druck abzugeben, hilft in meinem Fall nicht weiter. Dies würde nur zu noch mehr Wut und Hass und letzlich wahrscheinlich sogar zu Mord und Todschlag führen. Meine Lernaufgabe besteht viel mehr darin, die Wut und den Hass loszulassen, zu erkennen, dass alles eins ist, dass alles ich bin und das alles von mir erschaffen wurde. Dass meine Wut also nicht real ist, sondern genauso aus Liebe besteht wie alles andere auch. Der Glaubenssatz, der sich mir gleich in der ersten Sekunde meiner Existenz ins Gehirn gebrannt hat, lautete: „Ich bin ein armes Opferlamm, das gezwungen wird, diesen Lebensweg zu gehen, den es gar nicht gehen will. Alle anderen sind Schuld, alle anderen sind Blöd, alle anderen sind unfähig, verrückt, gemein, und hinterhältig und ich bin der einzige auf der Welt, der normal ist. Durch diese Einstellung habe ich diesen immensen Hass aufgebaut, der sich gege alles richtet, das mir am Anfang meines Lebens begegnet ist. Dazu gehören natüurlich meine Eltern, aber auch meine Schwester, meine Familie im allgemeinen, meine Freunde, Mitschüler, Lehrer und sogar alle Haustiere, Pflanzen, Orte und Gegenstände, die in dieser Zeit eine Rolle in meinem Leben gespielt haben. Tatsächlich erinnere ich mich an viele Gedanken, die ich als Jugendlicher und auch noch als Student hatte, und die genau in diese Richtung gingen. Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass die Welt dabei war, zugrunde zu gehen und dass ich der einzige war, der dies verhindern konnte. Man konnte ja deutlich sehen, dass es die anderen nicht schafften, sondt gäb es sicher nicht so viel Leid und Zerstörung auf unserem Planeten. Also mussten ja zwangsläufig alle unfähig sein und ich war der einzig normale, der das Ruder noch herumreißen konnte.

Damals kamen mir diese Gedankengänge sogar edelmütig vor, weil ich ja der Überzeugung war, schon bald die Welt retten zu können. Heute ekelt es mich ehrlich gesagt an, wenn ich daran denke, wie arrogant und herablassend ich dabei war, ohne es auch nur zu merken. Ich war ein bisschen wie die Politiker bei das Leben des Brian, die an ihrem Tisch sitzen und darüber reden, was alles geändert werden müsste, die aber nie auch nur einen Finger krümmen. Nur das ich nicht einmal eine Diskussion eröffnete, sondern alles mit mir selbst in meinem Kopf austrug, ohne dabei zu merken, dass ich selbst überhaupt nichts änderte, ja nicht einmal eine Idee davon hatte, was überhaupt hilfreich sein könnte. Als ich erkannte, dass dieser Ansatz gelinde gesagt Schwachsinn war, konnte ich zumindest schon einmal aufhören, alles um micht herum zu hassen. Doch der Hass von früher blieb. Da ich ihn unterdrückte, um als Freund, Sohn, Schüler und Bruder funktionieren zu können, unterdrückte ich alle Gefühle, so dass am Ende nichts mehr übrig blieb. Ich war nun unfähig Freundschaft, Liebe, Zuneigung und dergleichen mehr zu empfinden sondern beschränkte mich auf Sympathie und Antipathie um herauszufinden mit wem ich mich umgeben wollte und mit wem nicht. Der Hass gegenüber allem und jedem aber blieb, da ich noch immer davon überzeugt war, dass alle anderen Schuld an meiner eigenen unzufriedenheit waren. Bei unseren Wildnisseminaren haben wir den Teilnehmern immer wieder erklärt, dass man in der Natur verschiedene Schwellensystem durchläuft, die damit zusammenhängen, dass man sich selbst plötzlich näher kommt. Die dritte Schwelle ist dabei die sogenannte „Alle anderen sind Doof“-Schwelle. Jeder Mensch, der sich seinen Gefühlen, Ängsten und Lebensthemen stellt, durchläuft also eine Phase, in der sein Verstand leugnet, dass er selbst für alles in seinem Leben verantwortlich ist und in dem er die Verantwortung allen anderen in die Schuhe schiebt. Bei den Teilnehmern habe ich diese Schwelle immer wieder beobachten können und auch bei mir selbst ist es mir eingie Male aufgefallen. Mir war jedoch nie bewusst, dass ich bereits seit meiner frühsten Kindheit in dieser Schwelle verharre und sie als Dauerschleife laufen lassen. Es ist das perfektionierte Opferbewusstsein und genau dieses wird mir jetzt im Moment vollkommen Bewusst. Nicht in der Form, dass ich nun daraus ausbrechen könnte, sondern viel mehr insofern, dass ich das Gefühl habe, komplett von außen gesteuert zu werden und überhaupt nichts mehr entscheiden zu können. Es sind nun nicht mehr nur andere Leute, denen ich die Schuld in die Schuhe schiebe, sondern auch mein eigenes Unterbewusstsein, meine antrainierten Überzeugungen und so weiter.

Alles ist eins. Es macht keinen unterschied, ob ich die Verantwortung ins Außen abgebe und in einen Teil von mir selbst, den ich nicht beeinflussen kann. Fakt ist, dass ich mich schon immer als Opfer der Situation fühle und das mir dieses Gefühl präsenter ist als je zuvor. Aus diesem Grund kann es auch nicht hilfreich sein, meiner Wut freien Lauf zu lassen und wild um mich zu schlagen. Dies würde mich selbst nur in dem Glauben bestätigen, dass die anderen Falsch sind und es verdient haben, verprügelt zu werden, während ich selbst der einzig normale bin. Wieder einmal leuchtet mir ein, warum die Sanktionen wichtig für den Wutabbau sind, denn letztlich bin ich es ja selbst, gegen den sich mein Hass richtet und nur wenn ich ihn spüre und ihn bewusst wahrnehme, kann ich ihn auch loslassen. Die einzige Möglichkeit, den Hass in mir abzubauen und wieder in eine friedliche, harmonische Baseline zu kommen, ist es, zu erkennen, dass alles genau so richtig ist, wie es ist. Es gibt nichts, auf das ich wütend sein muss, weil mir andere mein Leben kaputt machen. Mein Leben mit all seinen Wendungen ist vollkommen, genau so wie es ist. Es ist eine göttliche Geschichte, die genau so verläuft, wie sie verlaufen soll. Und wenn ich ehrlich bin, verläuft sie sogar sehr gut. Ich bin nur oft zu blind, um das zu sehen. Nun geht es darum, dieses Einssein nicht nur zu denken, sondern zu spüren, zu fühlen und als vollkommene Wahrheit zu wissen.

Als Sanktion für die Herzensverstöße waren heute 4,5 Stunden Arbeiten an der Reihe, wobei ich die ganze Zeit über auf einem kleinen, hölzernen Meditationsbänkchen knien durfte. Am Anfang wirkte das harmlos, aber man glaubt gar nicht wie anstrengend es ist, viereinhalb stunden lang auf den Knien zu stehen. Vor allem wenn der Untergrund hart wie ein Brett ist. Jetzt, da ich diesen Artikel zuende schreibe, habe ich gerade einmal etwas mehr als die Hälfte. Es wird also noch eine lange Nacht.

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Herdenkodex

Spruch des Tages: „Schimpflich ist es, nicht zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und mitten im Wirbel der Dinge verblüfft zu fragen: Wie bin ich bloß hierher gekommen?“ (Seneca)

Höhenmeter: 0 m
Tagesetappe: 3 km
Gesamtstrecke: 18.793,27 km
Wetter: grau und regnerisch
Etappenziel: Haus von Heikos Eltern, 92353 Postbauer-Heng, Deutschland

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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