Tag 802: Moderne Sklaverei – Teil 1

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Tag 802: Moderne Sklaverei – Teil 1

Tag 802: Moderne Sklaverei – Teil 1

21.02.2016
Von Monte Sant Angelo stiegen wir über eine steile Serpentinenstraße bis zum Meer hinunter. Knapp 900 Höhenmeter wanderten wir nach unten, bis wir das Meer erreichten. Heute war es wieder sonnig, klar und warm, so als wäre der Spuk von Gestern nichts weiter als ein Traum gewesen. Einer der Mönche hatte am Mittagstisch gemeint, dass uns Erzengel Michael vielleicht ganz bewusst auf diese Weise hatte empfangen wollen. Es sähe ihm jedenfalls ähnlich, seine Gäste auf ihre Widerstandsfähigkeit zu prüfen. Vielleicht war da wirklich etwas drann, denn wir hatten ja bereits bei Darrel und auch später in verschiedenen Meditationen mit dem Erzengel gearbeitet. Jedenfalls hatten wir ihn dazu eingeladen, ob er wirklich da war, weiß ich nicht so genau. Irgendetwas scheint es aber damit aufsich zu haben und eine heftige Reaktion der Natur und des Wetters sind oft Zeichen dafür, dass eine Verbindung mit der Geisteswelt besteht.

Trotzdem freuten wir uns über den Sonnenschein und die angenehme Wärme auf der Haut. An der Küste wanderten wir dann sogar ein gutes Stück am Meer entlang, ohne dass es hier unangenem oder hässlich wurde. Im Hintergrund gab es zwar einige alte Industriegebäude und der Ausblick aufs Meer wurde von einem gigantischen Steg und einer Ölplattform dominiert, aber ansonsten gab es einsame und ruhige Buchten unterhalb einer natürlichen Steilküste.
Manfredonia hieß unser heutiges Etappenziel, eine Hafenstadt mit rund 56.000 Einwohnern. Normalerweise war das ein Garant dafür, dass es unangenehm und laut wurde, doch im Moment hatten wir damit anscheindend Glück. Gleich am Ortseingang trafen wir auf ein paar Pfadfinder, die uns einen Raum in ihren Räumlichkeiten anboten.

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22.02.2016
Entgegen unserer Befürchtungen war Manfredonia bei weitem die hässlichste und unangenehmste Stadt, die wir je bereist haben. Knapp 60.000 Einwohner, Hafengebiete, Großindustrie und Tourismus sprachen versprachen eigentlich einen Platz, den man um jeden Preis meiden sollte. Doch es war wirklich so, wie es der junge Arzt, den wir zwei Tage zuvor getroffen haben, beschrieben hatte: „Die Stadt war keine Blüte, aber sie war in Ordnung!“ Man konnte sich durch kleine Straßen schlängeln und sogar eine ganze Weile am Meer entlangwandern, ohne eine Krise zu bekommen. Besser hätte es also kaum laufen können.
Wenn man von dem kleinen Gebirge mit den ganzen Heiligtümern darin absieht, liegt Manfredonia weitgehend alleine im Niemandsland. Rund 6km wanderten wir durch die Stadt, bevor wir raus auf die Felder kamen. Hier gab es dann nur noch Landwirtschaft, soweit das Auge reichte. Bald schon kam uns die Stadt so unwirklich vor, als hätten wir sie in einem anderen Leben bereist. Wir waren in einem Land der Unendlichkeit in dem man sich so etwas wie Städte und Dörfer nicht mehr vorstellen konnte. Es wirkte fast, als wäre die Zivilisation hier schon vor langer Zeit untergegangen. Die Straßen waren brüchig und verwachsen, so wie es in Italien auf Nebenstraßen üblich ist. Alle vier oder fünf Kilometer lag irgendwo auf einem kleinen Hügel mitten in den Feldern ein verlassener Gutshof. Früher mussten diese Höfe einmal Sitz reicher Bauern und Großgrundbesitzer gewesen sein. Es gab riesige Lagerhäuser, mehrere Silos, Ställe, Schäunen und ganze Wohnkomplexe, zu denen meist sogar eine eigene Kirche gehörte. Doch heute war alles verfallen und verlassen. Die Dächer waren zum großen Teil eingestürzt, die Fenster fehlten oder waren zugemauert. Was war wohl mit den Bauern geschehen? Die Felder waren ja noch da und sie wurden auch noch immer bewirtschaftet. Lebten heute alle in den Städten und fuhren die weite Strecke jedes Mal hier her um sich um die Landwirtschaft zu kümmern?

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Wir stellten uns vor, wie dieses Land wohl früher einmal ausgesehen hatte. Dieses Land hatte ja nicht schon immer aus einer endlosen und nahezu toten Landwirtschaftswüste bestanden. Früher hatte es hier Wälder, Wiesen und unzählige Tierarten gegeben. Heute gab es endlose Freiflächen auf denen nur noch eine einzige Pflanzenart wuchs. Darüber flogen Spatzen, die vor lauter Pestiziden so high waren, dass sie grölten anstatt zu singen. Man merkte es nicht, weil auch unsere Felder noch immer grün waren und wirgendwie nach Natur aussahen, aber wenn man es wirklich einmal genau betrachtete, dann hatten wir mit der Landwirtschaft weit mehr zerstört als mit Städten und Schwerindustrie. Letztere machten hauptsächlich uns selbst das Leben schwer und sorgten dafür, dass wir unseren Planeten mit Gift und Lärm überschütteten. Doch durch die Landwirtschaft hatten wir ganze Gebiete ausgelöscht und durch geordnete, tote Plantagen ersetzt. Vom Gift, das hier verwendet wurde einmal ganz zu schweigen.

Bereits nach wenigen Kilometern sahen wir die ersten Sklavenarbeiter. Es waren hauptsächlich Rumänen und Bulgaren, die auf dem Feld das Gemüse ernteten. Sie liefen hinter einem Traktor her und warfen die Blumenkohlköpfe achtlos in ein dafür vorgesehenes Stahlgitterbehältnis. Dass der Kohl bei dieser Behandlung nicht lange hielt, bevor er braune Stellen bekam, war kein Wunder. Aber anders konnten es die Akkortarbeiter nicht machen und warum hätten sie auch mit Liebe dabei sein sollen, wenn sie selbst wie Dreck behandelt wurden? Für den Landwirt war es außerdem egal, denn die Kohlköpfe hielten bis sie beim Zwischenhändler waren. Erst dann wurden sie braun, aber dann war das Verlustgeschäft nicht mehr sein Problem. Er konnte also sowohl seine Arbeiter als auch seine Kunden verarschen, um das bestmögliche Geschäft zu machen.
Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Das hat nichts mehr mit moderner Sklaverei zu tun, das ist schon Sklaverei im ganz herkömmlichen Sinne!

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Höhenmeter: 10 m
Tagesetappe: 10 km
Gesamtstrecke: 14.298,27 km
Wetter: sonnig, leichter Wind
Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 72023 Mesagne, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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