Die Welt spiegelt unsere Gedanken

Heiko Gärtner
10.06.2016 19:53 Uhr

Fortsetzung von Tag 882:

Nachdem ich meine Beleidigte-Leberwurst-Phase überwunden hatte, freute ich mich über dieses kleine Geplänkel sogar. Denn es zeigte, dass die Geister und die Mächte der Natur nun mit mir sprachen. Ich war ihnen nicht mehr egal und sie traten mit mir in eine Interaktion. Ich weiß, dass mag sich für die meisten von euch komisch anhören und viele werden vielleicht denken: "Spinnt der? Es war doch nur ein schlecht gespanntes Zelt im Regen!" Aber es war mehr. Ich kann es nicht beschreiben. Es ist einfach ein Gefühl, dass es hierbei nicht nur um ein zufälliges Ereignis ging. Unser Zelt ist symmetrisch und der Boden war nahezu grade. Heikos Isomatte ist außerdem größer als meine und reicht daher ein kleines Stück über die Mittellinie unseres Zeltes hinaus. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ihn erwischt war also deutlich größer als bei mir und trotzdem hat seine Matte keinen Tropfen abbekommen. Das Regenwasser war für mich gedacht und es wollte mich ganz gezielt ärgern. Nicht böse, sondern nur um sich bemerkbar zu machen.

Als ich am Morgen noch einmal darüber nachdachte und mit Heiko die Nacht Revue passieren ließ, kamen wir darauf, dass die Anti-Haltung, die ich in meinem unüberlegten Kommentar zum Ausdruck gebracht hatte, nicht nur scherzhaft war. In der letzten Zeit waren viele Themen aufgekommen, die mich beschäftigten. Themen mit meiner Familie, mit den Menschen um uns herum, mit der Wettermanipulation und mit dem oftmals verstörenden Verhalten der Menschheit im Allgemeinen. Obwohl ich verstand, dass all dies einen Sinn hatte und dass nichts schlecht oder böse war, hatte ich doch wieder damit begonnen, vieles sehr schwarzzusehen. Wieder einmal war ich vom wertfreien, aufmerksamen Beobachter zum Verurteiler geworden und das war weder hilfreich noch sonst irgendwie förderlich. Das "Böse auszusperren" war tatsächlich eine Tendenz, zu der ich wieder einmal übergegangen war. Auch dafür war ich dem Regen dankbar, denn er hatte mir sehr anschaulich gezeigt, dass einen die Dinge, die man verurteilt und verbannen will, früher oder später am Arsch haben.

Den gesamten Vormittag über war es noch immer bewölkt, aber es blieb nun weitgehend trocken. Wieder wanderten wir durch weite, saftig grüne Wälder. Nur der viele Verkehr störte die Idylle ein wenig. Erst am Mittag wurde es wieder ruhiger.

Zweimal trafen wir den Jungen vom Hotel wieder, der mit seinem Auto unterwegs war und uns auf seine Art noch einmal zeigte, dass die meisten Fahrer wirklich nur auf der Straße waren, um ihr Lieblingsgefährt Gassi zu führen. Unseren Zielort ließen wir heute mit einigen Essenstüten hinter uns und machten uns gleich auf die Suche nach einem Platz zum Zelten. Wir hätten nur nicht gedacht, dass das in diesem Gebiet so schwierig ist. Denn zum einen gab es keine geraden Plätze und zum anderen war schon wieder alles voll von diesen kleinen Zirpeviechern, die einem in den Ohren dröhnten. Die einzigen Plätze, die einigermaßen eben und einigermaßen frei von Grillen waren, lagen direkt neben der Straße. So wanderten wir und wanderten und wanderten und konnten nirgendwo einen Platz für unser Lager finden. Schließlich kamen wir auch noch in einen Canyon, der nicht gerade dazu beitrug, dass die Sache leichter wurde. Hätten wir nicht hinter einer Talsperre eine Jugendherberge mit zwei freundlichen, alten Damen darin gefunden, die uns aufnahmen, obwohl wir nahezu kein Wort miteinander sprechen konnten, dann würden wir jetzt wohl noch immer durch die Gegend wandern. Es war schon paradox. So viele Male hatten wir versucht einen Hotelplatz zu finden und mussten am Ende zelten. Doch noch nie hatten wir vergeblich versucht einen Zeltplatz zu finden und mussten dann am Ende in einem Hotel übernachten. Die beiden Damen waren wirklich unsere Rettung und auch wenn unser Zimmer eher einfach gehalten war, hätten wir uns kein besseres erträumen können. Sogar ein Abendessen bekamen wir zubereitet. Es bestand aus selbstgemachten Pommes mit einem Überguss aus Schafskäse und einer Quarkcreme dazu.

Obwohl wir nur etwa 10 gemeinsam Worte zur Verfügung hatten, entstand doch so eine Art Gespräch zwischen uns. Dabei bekamen wir mit, dass wir uns geirrt hatten, was die Terrorismusangst anbelangte. Obwohl dieser Bereich von Bulgarien fast ausschließlich muslimisch war, hatten die Menschen hier trotzdem Angst vor islamistischen Terroristen. Eines musste man den Panikmachern der Elite lassen. Ihr Marketingkonzept funktionierte hervorragend, selbst an Stellen, an denen es überhaupt keinen Sinn machte.

Spruch des Tages: Wer hätte gedacht, dass es leichter ist ein Hotel zu finden, als einen Zeltplatz!

Höhenmeter: 330 m Tagesetappe: 22 km Gesamtstrecke: 15.531,27 km Wetter: erst heftiges Gewitter, dann schwül warm Etappenziel: Zeltplatz neben den Bahngleisen, kurz vor 7863 Medovina, Bulgarien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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