Tag 1242: Spießer der Extraklasse

/, England, Tagesberichte/Tag 1242: Spießer der Extraklasse

Tag 1242: Spießer der Extraklasse

Tag 1242: Spießer der Extraklasse

29.05.2017

Es tut mir sehr leid, aber ich glaube ich habe einen Fehler gemacht!“ raunte mir die Pfarrerin zu, kurz bevor sie mit der Messe begann. „Ich dachte, es ist vielleicht eine gute Idee, die Kirchenverwalter über eure Anwesenheit zu informieren, aber nun machen sie alles nur unnötig kompliziert!“

Unser ursprünglicher Plan war es gewesen, den Nachmittag und die Nacht in der Kirche zu verbringen und die Zeit von 18:30 bis um 19:45, in der der Abendgottesdienst stattfand, zu nutzen, um im Pfarrhaus zu duschen. Doch es kam anders. Die Kirchenverwalter waren der Überzeugung, dass es nicht rechtens war, dass man ihre Kirche einfach zum Schlafen nutzte. Wegschicken konnten sie uns nun aber auch nicht mehr, da die Pastorin ja bereits zugesagt hatte. Also liefen sie wie aufgescheuchte Hühner umher, um uns eine Alternative zu suchen, doch bislang waren ihre Vorschläge noch nicht allzu brauchbar gewesen. Später erzählte uns der ältere der beiden Herren, warum sie so ein Problem mit unserer Anwesenheit als Schlafgäste hatten. Dieses Dorf, oder besser die gesamte Gegend befand sich gerade in einer äußerst abstrakten Lage. Auf der einen Seite gab es hier noch immer die alten Adelsfamilien, die ihre Traditionen hochhalten und die alten Werte wahren wollten. Auf der anderen Seite gab es die jungen, neureichen oder überhaupt nicht reichen, bei denen man es versäumt hatte, ihnen überhaupt noch irgendwelche Werte zu vermitteln. Es gab keine Institutionen mehr, die dazu in der Lage gewesen wären und weder der Ethik- noch der Religionsunterricht wurden hier ernst genommen.

Es entstand also eine orientierungslose, ziellose Partygesellschaft, der nichts mehr heilig war und von der man fürchtete, dass sie alles zugrunde richten würde. Dies wiederum veranlasste die alten, reichen, Traditionswahrer dazu, so kleinkariert auf allem alten zu beharren, das dadurch ebenfalls alle Werte verloren gingen. Die Pastorin versuchte seit ihrem Amtsbeginn, den Gottesdienst etwas anders zu gestalten, um ihn wieder lebendiger zu machen und so wieder ein größeres Publikum anzuziehen. Doch wenn sie auch nur einen Satz anders formulierte, als man es ihr vorgab, stieg ihr die Gemeinde bereits auf den Kopf. Den Kirchenverwalter hingegen hatte es Jahre gekostet, nur eine kleine Gummirampe in den Eingang zu legen, die es Rollstuhlfahrern ermöglichte, ins Innere er Kirche zu gelangen. Noch heute waren viele Gemeindemitglieder dagegen wollten sie am liebsten wieder entfernen lassen. Der Grund dafür war, dass die Rampe nun die schöne Türschwelle verdecke, die die Kirchenbesucher seit so vielen Jahren inspiriert habe. Noch schlimmer ist es mit dem kleinen Toilettenhäuschen, das nicht einmal an die Kirche angebaut werden sollte, sondern abseits am Ende des Kirchengeländes steht. Sieben Jahre lang dauerte der Prozess, um es genehmigen zu lassen und noch immer waren die Leute unzufrieden damit.

Kurz vor Ende der Messe kam der Verwalter mit guten Nachrichten zu uns zurück. Man hatte eine kleine Kneipe irgendwo in der Nähe gefunden, die Gästezimmer vermietete und in der wir nun untergebracht wurden. Wie sich herausstellte war das „irgendwo in der Nähe“ eine wirklich ekelhafte Kleinstadt, die weit schäbiger und unangenehmer war, als jede Stadt, die wir im Balkan durchquert hatten Selbst Sarajevo war ein angenehmer und entspannter Ort gewesen, wenn man ihn mit diesem hier verglich. Hier herrschte zum ersten Mal wirklich Krieg. Kein offensichtlicher natürlich, aber ein unterschwellig brodelnder. Ich kann es kaum beschreiben, weil es ein zusammenschluss aus so vielen einzelnen Eindrücken war. Hinterhöfe voller Müll, Pisse und zertretenen Scheiben, Jugendliche mit 12 Jahren, die besoffen und grölend durch die Straßen rannten, dazu der Verkehrs- und Fluglärm. Selbst in unserer Bar wurden wir bereits von einem Besoffenen angelallt, noch ehe wir auch nur unseren Zimmerschlüssel hatten. Unser Zimmer selbst hatte den wahrscheinlich niedrigsten Standard auf der Reise und war bei weitem schäbiger, als die Hotels in der Ukraine oder in Bulgarien. Direkt vor unserem Fenster brummte eine Klimaanlage und der Verkehr hallte von unseren Wänden zurück. Man muss allerdings positiv vermerken, dass wir eine Badewanne hatten, und nachdem wir sie einmal von Käfern, Hundertfüßlern und Spinnen befreit hatten, konnten wir darin sogar ein entspanntes, heißes Bad nehmen.

Zum Essen gab es dann wieder einmal Fastfood und (man hätte es zuvor sagen können) bekamen wir dies von einem Türken und einem Chinesen geschenkt. Alle anderen waren so unfreundlich und griesgrämig, dass man nicht einmal fragen mochte. Am meisten wurmte uns dabei, dass wir am Nachmittag von einem sehr freundlichen Minimarktbetreiber mehr frisches Gemüse bekommen hatten, als wir tragen konnten. Doch dies lag nun gemeinsam mit unserem Kocher in der Kirche.

Am nächsten Morgen wurden wir vom zweiten Kirchenverwalter wieder abgeholt und zur Kirche zurück gebracht. Sofort waren wir wieder in einer anderen Welt. Eine Welt, die aus gestriegelten Rasenflächen, Cricketfeldern, Polo-Plätzen und Villen bestand, deren Gärten die Kleinstadt vom Vorabend an Größe teilweise übertrafen.

20km weiter war es noch immer genauso spießig wie zuvor. Obwohl der Verwalter vom Vortag hier in der Kirche anrief und obwohl es hier neben der Kirche selbst noch reichlich weitere Gebäude gab, wollte man uns keinen Platz anbieten. Nicht einmal die Methodisten, mit denen wir bislang immer gute Erfahrungen gemacht hatten, hatten einen Platz für uns übrig. Begründung in beiden Fällen: Man wisse nicht, ob die Versicherung einverstanden wäre. Ein dritter Pfarrer hingegen hatte sich darauf spezialisiert, sich wie eine Maus in einem Loch zu verkriechen und sich vor jeder Form der Verantwortung zu drücken. Er würde uns ja helfen wollen, aber seine Frau fühle sich nicht wohl damit, Fremde in ihrem Haus zu haben und den Kirchenverwalter wolle er lieber nicht fragen, da er neu sei und nicht wisse, wie dieser zu ihm stand. Nicht einmal fragen! Wie wollte so jemand seiner Gemeinde glaubwürdig vermitteln, dass man durch Gott geleitet wird und ihm vertrauen soll, wenn er selbst so viel Angst vor seiner Frau und seinen Mitarbeitern hatte, dass er sich nicht einmal Pieps zu machen traute? Letztlich war es dann eine alte Dame von der Ortsgemeinde, die uns den Gemeindesaal zur Verfügung stellte. Sie selbst, wie auch der Mann, der uns den Kontakt vermittelt hatte, war zu tiefst beschämt und entsetzt über die Reaktion ihrer Kirchen. So etwas dürfe nicht vorkommen! Da waren sie sich einig und es war klar, dass sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen würden.

Spruch des Tages: Nur weil „Hotel“ dran steht, muss es noch keine Verbesserung sein.

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 22.746,27 km

Wetter: bewölkt

Etappenziel: Hotelzimmer, in der Nähe von Lower Peover, England

Möchtest du mehr von uns lesen?

Mehr für dich:
Tag 144: Wie entsteht eine Krankheit?

Bewertungen:

 
51
2019-04-08T12:08:48+00:00 Allgemein, England, Tagesberichte|

About the Author:

Leave A Comment

Translate »