Tag 750: Die Chaos-Oma – Teil 2

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Tag 750: Die Chaos-Oma – Teil 2

Tag 750: Die Chaos-Oma – Teil 2

Fortsetzung von Tag 749:

Er holte die Ohropax aus der Tasche und steckte sie sich in die Ohren. Wenn die Frau ihn ignorierte, dann musste er eben einen Weg finden, sie ebenfalls zu ignorieren. Doch die Frau ließ sich auf das Spiel ein. Sie merkte, das Heiko nun nicht mehr so viel hören konnte und passte ihre Lautstärke daher an die neue Situation an. Sie wurde einfach noch lauter.

Genau in diesem Moment öffnete sich die Kirchentür ein zweites Mal. Wieder kam eine Frau herein, dieses Mal jedoch eine etwas jüngere.

‚Gott sei Dank!’ dachte Heiko, ‚Endlich mal jemand, der hier für Ruhe sorgen kann!’

Doch er irrte sich. Die Frau hatte nicht das geringste Problem mit der alten und kümmerte sich genauso wenig um sie, wie sich die Oma zuvor um Heiko gekümmert hatte. Sie hatte auch keine Zeit dazu denn sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, dass sie mit ihrem Handy führte.

‚Ist diesen Menschen denn gar nichts mehr heilig?’ fragte sich Heiko und war langsam entsetzt davon, wie es in dieser Kirche zuging. Die junge Frau setzte sich auf eine der Bänke und telefonierte ungestört weiter, während die alte noch immer ihre Gebete trällerte. Das Ömchen hatte nun jedoch zumindest die Arme wieder eingeklappt, was die Situation für Heiko zumindest ein bisschen angenehmer machte. Nun küsste sie die Bank vor der sie saß, bekreuzigte sich drei Mal und ging wieder vor zum Altar. Dort setzte sie ihren heiligen Rundgang fort und machte sich als erstes über die Bibel her, die auf dem Rednerpult lag. Sie beugte sich vor, küsste eine Seite, bekreuzigte sich und blätterte dann weiter. Anschließend wiederholte sie den Vorgang noch einmal mit der nächsten Seite, dann mit der übernächsten, dann mit…

„Aua!“

Sie hielt inne. Beim Umblättern der Seiten war sie etwas zu hektisch gewesen und hatte ihren Kussmund bereits zu schnell wieder nach unten bewegt. Dadurch hatte sie sich mit der Bibelseite selbst in den Mund geschnitten. Strafend schaute sie das heilige Buch an, dass so unverschämt zu ihr gewesen war. „Böse Bibel! Pfui! Schämen solltest du dich!“

Nach dieser unerfreulichen Auseinandersetzung mit der heiligen Schrift, schaute sie sich nach einer Alternative um, die ihr besser gesonnen war. Das einzige andere Buch, das es hier in der Kirche gab, war ein bemerkenswert unheiliges Gästebuch. Sicher war es in seinem ganzen Leben noch nie abgeknutscht worden, doch nachdem die Bibel so unfreundlich gewesen war, musste es eben einmal dafür herhalten.

Dann wandte sie sich wieder den Bildern und Statuen zu. Bislang hatte sie ja nur die auf der rechten Seite des Altars geknutscht, die auf der linken fehlten also noch. Ihre Mission begann gleich mit einer ganz besonderen Herausforderung. Neben dem Altar stand eine bronzene Heiligenstatue, etwas oberhalb von einer Jesusfigur. Sie stand so hoch, dass sie für die alte Frau absolut unknutschbar war. Doch das wollte sie so nicht akzeptieren. Da sie die Figur nicht direkt küssen konnte, schleckte sie ihre linke Hand von oben bis unten ab und klatschte sie der Bronzestaue auf den Bauch. Zuvor hatte die Statue in einem makellosen Glanz gestrahlt, nun zeichnete sich deutlich sichtbar ihr klebriger, speichelbefleckter Handabdruck auf ihre ab.

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Die junge Frau hatte ihr Telefonat derweil beendet und war nun selbst zum Beten übergegangen. Plötzlich jedoch klingelte ein Telefon. Es war so laut, dass es im ganzen Kirchenschiff wiederhallte. Zunächst glaubte Heiko es sei das Telefon des Pfarrers und das Klingeln käme aus der Sakristei. Doch dann sah er, wie die jüngere Frau ihre Handtasche öffnete. Die Lautstärke des Klingelns verdoppelte sich noch einmal, als das Handy an die frische Luft kam, doch ehe die Frau auf die Annehmen-Taste drücken konnte verstummte es wieder.

Bis hierhin hielt Heiko die Situation einfach nur für unverschämt, doch was dann folgte, ließ seinen glauben an eine intelligente Menschheit noch einmal in seinen Grundfesten erschüttern. Die Frau wusste, dass sich der Anrufer gleich noch einmal melden würde, doch anstatt sich auf das kommende Gespräch vorzubereiten und vielleicht schon einmal vorsorglich die Kirche zu verlassen, steckte sie das Handy wieder in die Tasche zurück und verschloss diese fein säuberlich. Dann fiel ihr auf, dass sie die Heiligenfiguren noch nicht gesegnet hatte. Sich sprang von der Bank auf, ging zurück zur Tür und knutschte jede einzelne Staue ab, genau wie die Alte es zuvor getan hatte. Heiko traute seinen Augen nicht. Bei der Alten hatte er es einfach ihrer schrulligen Verschrobenheit zugeschoben. Sie war eben nicht mehr ganz bei der Sache und hatte sich auf ihre alten Tage einige verrückte Eigenarten zugelegt. Aber dass nach der Vorlage von dieser Verrückten tatsächlich jemand auftauchen würde, der sie noch toppen konnte, damit hatte er nicht gerechnet.

Anders als die Oma, die sich für ihre lautstarke Segnung Zeit genommen hatte, musste sich die jüngere Frau damit beeilen. Sie wusste ja, dass gleich ihr Handy wieder klingeln würde und so knutschte sie die Heiligen im Schnelldurchlauf.

Dann klingelte das Telefon erneut. Sie hatte ihre Mission nicht ganz erfüllen können und eilte so schnell sie konnte zu ihrer Tasche zurück, die noch auf der Kirchenbank lag. Dieses Mal schaffte sie es den Hörer abzunehmen, bevor der Anrufer wieder auflegte.

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„Ciao! Ciao! Ich bin in der Kirche!“ plapperte sie in den Hörer und machte sich währenddessen daran, die restlichen Statuen zu küssen. Es gab schließlich kein Gebot gegen das gleichzeitige Segnen von Heiligenfiguren und das Telefonieren am Handy.

Heiko wusste nicht mehr, ob er einen Wutanfall oder einen Lachflash kriegen sollte. Immer wenn er sich über irgendetwas aufregte, dann wurde die Situation im nächsten Moment so absurd, dass sie einfach nur noch lächerlich war. Und jedes Mal wenn er die Situation als abstrakte Liveshow annehmen wollte, passierte wieder irgendetwas, das ihn aufregte. Langsam war er sich einer Sache jedoch sicher: Noch krasser ging es nicht mehr!

Ein altes Sprichwort lautet: „Sag niemals nie!“ Und so war es auch in diesem Fall. Egal wie sehr man davon überzeugt ist, das Ende des Möglichen erreicht zu haben, es gibt immer noch eine Steigerung. In diesem Fall öffnete sich die Kirchentür erneut und zwei weitere Frauen kamen herein. Sie waren in ein Gespräch vertieft und führten dieses auch auf ihrem Weg in der Kirche fort. Dass sie gerade einen Ort der Stille betreten hatten schienen sie nicht bemerkt zu haben, was man ihnen bei dem Radau, den die beiden ersten Frauen veranstalteten wohl auch nicht übel nehmen konnte. Die beiden neuen unterhielten sich nicht wie zwei Frauen, die gerade in eine Kirche gingen, sondern eher wie zwei Teenager, die eine Disco betreten hatten. Sie plapperten auf dem ganzen Weg bis zum Altar und machten sich dann ebenfalls daran, alles zu küssen, was irgendwie heilig aussah.

Nun wurde es Heiko zu viel. Die Wut über das unverschämte betragen der Menschen hier überstieg die Fähigkeit, es lustig zu finden nun bei weitem. Die Alte strolchte noch immer um ihn herum und grölte ihre Gebete als wären es Sauflieder. Ihm wurde klar, dass er nur zwei Möglichkeiten hatte. Entweder er sprang ihr an die Gurgel, oder er verließ die Kirche und suchte sich einen anderen Platz.

Er entschied sich für die zweite Variante. Draußen hatten die Bauarbeiter ihre Arbeit beendet und der Kirchenvorplatz war nun halbwegs ruhig geworden. Hier setzte er sich auf eine Treppe und schaffte es nun wirklich, sich auf sein Buch zu konzentrieren. Doch die Situation ließ ihn noch nicht los. Wenn es wirklich alles nur Zufall war und die ganzen Frauen rein willkürlich in der Kirche aufgetaucht waren, dann war es einfach unfassbar, was er gerade erlebt hatte. Doch was war, wenn es stimmte und wir unsere Welt wirklich in jeder Sekunde selbst erschufen? Dann wäre die Situation gerade das Werk seines eigenen Unterbewusstseins gewesen, das Werk seines eigenen göttlichen Selbst. In diesem Fall musste er sagen, dass die ganze Szene perfekt zu ihm gepasst hatte. Er selbst war ein Coyote und wenn er für einen Schüler eine Situation hätte kreieren sollen, damit dieser innere Gelassenheit lernt, dann hätte er sie genau so aufgebaut. Er wäre sicher auf viele Details nicht gekommen, doch das Grundkonzept wäre das gleiche gewesen. Er musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass er sich die Situation gerade selbst als Lernmöglichkeit erschaffen hatte. Ein bisschen stolz war er schon darauf.

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In der Zwischenzeit hatte ich tatsächlich einen Schlafplatz auftreiben können. Sämtliche Pfarrer und auch der Bürgermeister hatten sich zwar als Sackgassen erwiesen, doch ies hatte sich vollkommen unverhofft eine ganz andere Option ergeben. Auf meinem Weg zur Kirche hatte ich einen Mann getroffen, der sich als Vince vorstellte und der mir bei der Suche nach möglichen Ansprechpartnern half. Als sich nichts ergab bot er mir an, dass wir in seinem Atelier schlafen könnten. Er hatte einen kleinen Modeladen und schneiderte viele seiner Kleider selbst. Heute brauchte er das Atelier nicht und wenn wir damit zurecht kamen, dass es dort keinen Wasseranschluss gab, dann konnten wir dort bleiben.

Das Atelier befand sich im untersten Geschoss eines recht sonderbaren Hauses. Es war direkt an die Klippe gebaut worden, so dass sich die Eingangstür im sechsten Stock befand und man von dort aus ewig weit nach unten gehen musste, wenn man zu den Wohnungen wollte. Zunächst ließen wir unsere Wagen oben im Treppenhaus stehen doch später am Nachmittag mussten wir sie noch einmal umparken. Ein Nachbar hatte sich bei Vince beschwert, weil die Wagen im Treppenhaus nichts zu suchen hatten. Sie versperrten weder den Weg noch verursachten sie andere Probleme, doch aus irgendeinem Grund regte sich jemand darüber auf. Dass rings um das Haus ein Lärm herrschte wie auf einer Großbaustelle, störte hingegen niemanden.

Spruch des Tages: Lächle und sei froh, denn es könnte schlimmer kommen! Ich lächelte und war froh und es kam schlimmer…

Höhenmeter: 130 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 13.316,27 km

Wetter: kalt und wolkig, später Schnee!

Etappenziel: Franziskaner-Kloster, 87016 Morano Calabro, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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2019-07-08T13:12:12+00:00 Italien, Sizilien, Tagesberichte|

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