Tag 324: Der Sprung ins Vertrauen

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Tag 324: Der Sprung ins Vertrauen

Tag 324: Der Sprung ins Vertrauen

Für unsere Frühstückspause suchten wir uns einen windgeschützten Platz vor einem Supermarkt.

„Wir können ja unser Hütchen aufstellen, dann verdienen wir mit dem Essen vielleicht noch ein bisschen Geld,“meinte Heiko.

Doch gerade als wir es uns neben den Einkaufswagen gemütlich machen wollten, setzte sich ein Mann mit einem Piratenkopftuch direkt neben uns auf den Boden und stellte ein Schild mit einem Bettelspruch neben sich auf.

„Sieht aus, als wären wir nicht die einzigen mit dieser Idee,“ kommentierte ich.

Wie sich herausstellte war der Mann ebenfalls aus Deutschland und sogar ebenfalls aus Hannover. Über unsere Anwesenheit war er zunächst gar nicht erfreut und vor allem nicht über unsere Idee, ihm seine Monopolstellung vor diesem Supermarkt streitig zu machen.

„Könnt ihr euch nicht einen anderen Platz suchen? Geht doch rüber zu diesem Fischgeschäft!“ Sagte er feindselig und blickte uns missgünstig an.

„Keine Sorge,“ antwortete ich, „wir müssen ja keinen Hut aufstellen. Wir können ja auch einfach nur in Ruhe frühstücken.“

Auch das freute ihn zunächst nicht besonders, aber er konnte uns ja schlecht polizeilich vertreiben lassen.

Es dauerte nur einige Minuten, dann siegte die Neugier über die Missgunst und er eröffnete das Gespräch. Wir erfuhren, dass er vor fünf Jahren aus Deutschland ausgewandert war. Weitere fünf Jahre zuvor war er von seiner Frau verlassen worden und musste seither für die beiden Kinder und seine Ex aufkommen. Er hatte zunächst alles daran gesetzt trotz der Enormen Kosten irgendwie durchzukommen, doch eines Tages hatte es ihm dann gereicht. Er packte seinen Hund und einen großen Rucksack und verließ das Land, um sein Glück in der Ferne zu suchen. Eigentlich wollte er nur für einige Monate unterwegs sein, doch daraus wurden schließlich fünf Jahre. Er hatte zunächst in Nordfrankreich gelebt, war durch Spanien gereist und hatte sich vor zwei Jahren nun hier eingerichtet. Leben konnte er in einem Wohnwagen auf dem Grundstück eines Einheimischen! dem er immer wieder bei Arbeiten in Häuf und Hof half. Die Miete Betrug 50€ im Monat und so konnte er sich mit Betteln und kleinen Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Kontakt nach Deutschland hatte er kaum noch. Er schrieb seinen Töchtern zu deren Geburtstagen und das wars. Auch hier hatte er nicht mehr als ein paar Smalltalk-Bekanntschaften, was unter anderem daran lag, dass er sich noch immer mit dem Französischen schwer tat. Seine besten Freunde waren wie er selbst sagte, sein Hund und sein Fernseher. Es lag viel Einsamkeit und viel Traurigkeit in seinen Worten. Von dem Wunsch nach Abenteuer und Welterkundung, mit dem er gestartet war, war nicht mehr viel übrig geblieben.

Seine Situation erinnerte uns an die Ängste, von denen uns Paulina am Vorabend erzählt hatte. Sie war nun gerade an dem Punkt angelangt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und das neue vorzubereiten. Doch um ihre Pläne umzusetzen benötigte sie Geld, das sie zurücklegen konnte. Klar wollte auch sie als Heilerin im Urvertrauen ohne Geld um die Welt wandern, doch um diese Reise vorzubereiten, brauchte sie einen Grundstock, der ihr den Wechsel von einem ins andere ermöglichte. Der Schritt des Loslassens führte dazu, dass alle Ängste in ihr aufkamen, die sie bislang aufgrund der Gesellschaftlichen gefühlten Sicherheit nicht gespürt hatte. Was war, wenn sie nun auf ihre Talente vertrauen müsste, und dabei versagte? Was war, wenn sie doch Geld brauchen würde und nicht genug hatte?

Sie befand sich nun im gleichen Prozess, den auch wir im letzten Jahr durchgemacht hatten. Mit dem Beschluss, ein Leben ohne Geld zu führen, rutschten wir als aller erstes noch einmal viel tiefer in die Geldspirale hinein, als wir es je zuvor gewesen waren. Gleichzeitig mussten wir alles alte loslassen und etwas neues aufbauen. Wie Paulina nahmen auch wir uns ein Jahr dafür Zeit. Zunächst ganz gemütlich, doch je näher der Termin rückte, desto mehr gerieten wir in Panik. Die Hochphase der Vorbereitung begann dabei im letzten Jahr ungefähr um diese Zeit. Ursprünglich hatten wir geglaubt, dass der November und der Dezember die Monate werden, in denen wir uns vor der großen Reise besinnen und in der wir alle alten Bekannten noch einmal besuchen, um uns von ihnen zu verabschieden. Doch die Realität sah anders aus. Wir arbeiteten teilweise bis 5:00 Uhr in der Nacht an unserem Blog um dann um 8:00 Uhr wieder aufzustehen und die Sponsoren anzurufen. Noch immer hatten wir nicht all unser Material zusammen, die Autos waren noch nicht verkauft, Heikos Wohnung noch nicht renoviert und es stand noch viel Papierkram an, der bewältigt werden wollte. Nicht einmal unsere Pilgerwagen hatten wir schon. schlimmer noch, der Pilgerwagen,verneig uns auserkoren hatten, erwies sich als untauglich, weil man mit ihm nicht genug Gepäck transportieren konnte. Wir mussten uns also noch einmal eine neue Lösung suchen und darauf hoffen, dass der Produzent sie innerhalb weniger Tage für uns fertigstellen konnte. Und mitten in diesem Trubel stand noch ein Interviewtermin in Magdeburg für unser Buch an. Wir schrieben auf dem Weg im Auto, vor dem Interview im Hotel danach wieder bis spät in die Nacht hinein. Dann kam Weihnachten und wir hatten die Wagen noch immer nicht. Die Zeit, die ich in Hannover bei meiner Familie und meinen Freunden verbringen wollte, schrumpfte auf ein absolutes Minimum zusammen. So etwas wie Testläufe mit dem Material und dem Wagen fielen aus. Die Reise selbst würde schon zeigen, ob alles funktionierte.

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Am 29.12.2013 saß ich im Zug nach Neumarkt. Es blieben nun noch drei Tage bis zum Start. Heiko hatte die Weihnachtsfeiertage damit verbracht, gemeinsam mit seinem Schwager die Pilgerwagen reisetauglich zu machen. Nun ging es ans einpacken. Noch immer fehlten uns die letzten Ausrüstungsgegenstände. Wo blieb die Hülle für die kleine Kamera, die wir bereits vor einem Monat bestellt hatten? Laut Post-Informationen sollte es bei einem Pizzaboten um die Ecke abgegeben worden sein. Warum auch immer. Wir statteten dem Imbiss einen Besuch ab und nahmen dabei gleich noch eine Pizza mit. Dann kam die doppelte Enttäuschung. Das Paket enthielt zwei Bücher, die zwar gut waren, aber zu schwer zum mitnehmen. Und die Pizza war so übertrieben scharf, dass wir sie nicht essen konnten. Also wieder nach Hause, bzw. zu Heikos Eltern, denn die Wohnung war ja bereits vermietet. Schnell noch alle wichtigen Daten auf die neuen Laptops übertragen, zusätzliche Festplatten bespielen, den ersten Blogeintrag schreiben, und den Computer von Heikos Eltern so einrichten, dass sie etwas damit anfangen konnten. Kurz vor 23:00 Uhr. Ein bisschen Silvesterstimmung wollten wir doch noch, also ab ins Auto, rein nach Neumarkt und zurück in Heikos Wohnung, wo wir uns mit Peter, dem neuen Mieter, trafen. Auch er hatte keine Silvesterpläne und so verbrachten wir den Jahreswechsel gemeinsam. Wir feierten mit einem Abendessen-to-go vom Asiaten unseres Vertrauens und führen dann auf einen Felsen oberhalb der Stadt, um uns dort das Feuerwerk anzuschauen. Um 1:00 Uhr ging es dann nach Postbauer-Heng zurück und wir machten uns wieder an die letzten Vorbereitungen. Schlaf gab es so gut wie keinen. Dann kam der Termin mit dem Fernsehen und wir stellten uns wie zwei Zombies vor die Kamera. Los ging es mit dem neuen Leben als Nomaden. Das Frühstück, das wir uns mit auf den Weg genommen haben bestand aus schlechten Eiern und schimmeliger Wurst. So viel zum Thema Aufmerksamkeit und so viel zu einem entspannten Start. Ja, die Vorbereitungszeit hat uns wahrlich nicht gut getan. Wir waren verkrampft, verbissen, gestresst und sahen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. In nur zwei Monaten war es uns gelungen, alles an körperlicher Fitness und an Gesundheit und Ausgeglichenheit wieder zu zerstören, das wir das ganze Jahr über aufgebaut hatten.

Auch wenn Paulina noch ein ganzes Jahr vor sich hat, geht es ihr bereits jetzt so, wie uns in den letzten Tagen. Alles kommt ihr so groß vor, dass sie nicht mehr das Vertrauen aufbauen kann, dass das Leben sie führt. Wenn das Universum wollte, das sie scheiterte, warum hatte es sie dann überhaupt auf den Weg geführt. Doch das Vertrauen aufzubauen fällt nicht leicht, wenn man dafür so weit aus dem Fenster springen muss, dass einem jeder alte Sicherheitshalt verloren geht. Paulina steht nun vor der Entscheidung, ob sie weiter in der Arbeit bleiben oder ihren Job kündigen und von der Straßenkunst und vom Arbeitslosengeld leben soll. So absurd es auch klingen mag, die zweite Variante ist die einzige Chance, um genug Geld aufzubringen, so dass sie alles verwirklichen kann, was sie sich für ihre Wandlung und ihr Nomadenleben vorgenommen hat. Denn ob man es glaubt oder nicht, es gibt einen guten Grund dafür, dass nur so wenige Menschen aussteigen. Über eine reguläre Arbeit ist es nur schwer möglich, genügend Geld auf die Seite zu legen, um sich eine Existenz außerhalb der Gesellschaft aufbauen zu können. Man hat zwar regelmäßige Einnahmen, doch passend dazu, muss man auch die entsprechenden Ausgaben bewältigen. In den meisten fällen ist der Lebensstil so gut an das eigene Gehalt angepasst, dass man am Ende doch wieder nichts übrig behält. Wie man es auch kalkuliert, in Paulinas Fall verdient sie mit ihren eigenen Herzensprojekten, den Seifenblasen und dem selbstgemachten Schmuck in Kombination mit dem Arbeitslosengeld mehr, als sie unterm Strich durch ihre Arbeit als Designerin übrig hat. Doch sobald sie versucht, den Gedanken zuzulassen, ein Jahr lang von Sozialhilfe zu Leben, kommen tausend Gedankenstimmen in ihren Kopf, die ihr Sagen, dass dies nicht möglich ist. Man kann doch nicht einfach auf Kosten des Staates leben! Was sollen die Menschen von einem dann denken? Und außerdem ist es doch unfair, die Steuergelder anderer Menschen für den eigenen Lebenstraum zu verwenden, oder? Auf der anderen Seite muss man dazu natürlich sagen, dass jeder Deutsche und damit auch Paulina mit allen Steuern zusammengenommen rund 70 Cent pro verdienten Euro an den Staat abdrücken muss. Ihr glaubt, dass ist übertrieben? Dann rechnet auch einmal die Mehrwertsteuer mit ein, die ihr für jeden gekauften Artikel zahlt. Spätestens dann bleibt vom Verdienten Geld kaum noch etwas übrig. Wer also nach vier Jahren Arbeit ein einziges Jahr auf Staatskosten lebt, hat damit nicht einmal seine eigenen eingezahlten Steuern aufgebraucht.

Doch das sind nicht die einzigen Ängste, die Paulina plagen. Was ist, wenn sie durch diese Entscheidung alle Freunde verliert, weil diese ihren neuen Lebensweg nicht akzeptieren können? Was ist, wenn es ihr so geht, wie unserem Picknicknachbarn, der sich nur noch mit seinem Fernseher und seinem Hund unterhalten kann, weil sonst niemand mehr da ist. Auch diese Angst konnten wir gut nachvollziehen. Im Laufe unseres Vorbereitungsjahres wurden auch unsere Kontakte nach außen immer rarer. Allein schon deshalb, weil wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt waren, um den Kontakt nach außen aufrecht zu halten. Am Ende stießen wir gemeinsam mit unserem Mieter zum neuen Jahr an, den wir kurz zuvor kennengelernt hatten. Doch wir waren zu zweit und wir konnten uns stets gegenseitig wieder aufbauen und motivieren, wenn wir einen Tiefpunkt hatten. Paulina hingegen muss ihre Vorbereitung weitgehend alleine stemmen. Keine leichte Aufgabe. Um so wichtiger ist es, wirklich ins Urvertrauen zu kommen. Da sind wir wieder beim alten Thema: Hingabe und Vertrauen!

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Wie als Zeichen, dass das Leben nicht immer den direkten Weg für einen vorsieht, machten wir nach dem Treffen mit dem Bettler erst einmal einen ungewollten Umweg von 3 Kilometern, der uns am Ende wieder an der Stelle ausspuckte, an dem wir gefrühstückt hatten.

Spruch des Tages: Manchmal muss man einfach einen Sprung in den Glauben machen! (Satz eines menschenähnlichen Roboters aus Star-Track)

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 6 km

Gesamtstrecke: 6124,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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