Tag 1026: Passau

von Heiko Gärtner
01.11.2016 17:55 Uhr

08.10.2016

Von unserer Pfarrgemeinde aus führte eine Nebenstraße oben über den Berg bis kurz vor Passau. Dies war natürlich weitaus anstrengender, als unten an der Donau entlang zu wandern, aber es war auch bedeutend schöner und ruhiger. Von hier aus hatte man ein schönes Bergpanorama mit einigen Schornsteinen und Fabrikgebäuden im Vordergrund. Die Donau war für uns Menschen eben alles zur gleichen Zeit, angefangen vom Naherholungsgebiet und Touristenmagnet bis zur Transportstraße für Schwerindustrie. Rund 2km vor der Brücke, die uns über die Donau hinweg in die Innenstadt führte, mussten wir dann aber doch wieder an die Hauptstraße zurück. Ich weiß nicht, ob uns Deutschen die Ironie so sehr im Blut liegt, dass wir sie sogar auf öffentlichen Schildern zum Ausdruck bringen, oder ob es wirklich ernst gemeint war, aber direkt neben der Bundesstraße standen immer wieder Schilder mit dem Hinweis: "Naturschutzgebiet! Bitte ruhig verhalten!" Wie kommt man auf so eine Idee? "Liebe Wanderer und Radfahrer, verhalten Sie sich bitte ruhig, denn die Tiere können sonst ja den Straßenlärm gar nicht richtig genießen."

Hinter einer seichten Biegung tauchte dann die Skyline von Passau auf. Bei ihrem Anblick konnten wir gleich noch weniger verstehen, warum man diesen Platz mit einer solchen Hauptstraße verschandelt hatte. Gerade aus dieser Perspektive wirkte die Stadt absolut epochal, oder wie unser Mistelbacher Pfarrer sagen würde: "Gigantisch, ja der Wahnsinn!" Wenn man früher hier mit dem Schiff ankam, zu Zeiten, als es noch keine echte Straße neben der Donau gegeben hatte, musste dies ein echtes Erlebnis gewesen sein. Deutschland begrüßte einen hier definitiv von einer seiner beeindruckendsten Seiten. Rechts der Donau thronte ein altes Herrenhaus auf dem Berg, von dem eine alte Burgmauer bis hinunter ans Ufer reichte.

Auf der gegenüberliegenden Seite Floss der Inn in die Donau und genau im Dreieck, das sich aus den beiden Flüssen ergab, lag die Altstadt von Passau, die von ihrem mächtigen Dom überragt wurde. Dass diese Stadt bei jedem noch so kleinen Hochwasser überflutet wurde, wunderte nicht im Geringsten. Es war einfach kein sinnvoller Ort, um hier eine Stadt hinzubauen. Das musste auch den ersten Siedlern bewusst gewesen sein. Doch es war ein schöner und ein imposanter Platz um eine Stadt zu bauen und jeder mit einem einigermaßen großen Ego und Geltungsbewusstsein konnte ihm einfach nicht wiederstehen. Klar bekam man hier alle paar Jahre nasse Füße, aber den Rest der Zeit hatte man definitiv den coolsten Platz im Land. Jedenfalls hatte man es, bis jemand kam, um eine Bundeststraße zu bauen.

Nachdem wir die Donau überquert hatten, gerieten wir sofort in den Touristentrubel. Am Ufer lagen sechs Passagierschiffe an, von denen eines eine Reisegruppe beherbergte, die wir bereits einige Tage zuvor an einem anderen Schiffsanleger getroffen hatten. Während wir den Rathausplatz überquerten gerieten wir gleich in vier verschiedene Stadtführungen, dabei auch in eine, die von einem mittelalterlichen Nachtwächter gehalten wurde. Zur Begrüßung fuhr er seine Kunden zunächst einmal an, da sie sich hier auf dem Rathausplatz unangemeldeter Weise versammelt hätten, was der Herzog generell nicht gerne sah.

Wir selbst versuchten uns so gut wie möglich durch die Menschenmassen zu schlängeln und ins Innere der Stadt zu gelangen. Nachdem ich den Nachtwächter gesehen hatte, bekam ich in meinem Mönchsgewand ein wenig Angst, dass man mich hier auch für einen Stadtfüher halten könnte. So viele Touristen auf einen Haufen und dazu so viel Theater waren wir nicht mehr gewöhnt. Allein bis zum Domplatz waren es gute Zehntausend Menschen, die uns entgegenströmten. Die Zahl der Touristen überstieg die der Einwohner zweifellos um Längen.

Auf einem Platz unterhalb des Doms kamen wir ins Gespräch mit einer Bäckerin, die wir nach etwas Gebäck und nach dem Pfarrer ihres Vertrauens fragten. Sie selbst wohnte nicht in Passau und war darüber auch sehr froh. Die Touristen machten hier vor nichts halt. wenn sie vergaß, das Tor zum Innenhof zu verschließen, dann liefen sie sogar dort hinein und machten Fotos von ihren Müllcontainern. "Wahrscheinlich kämen sie sogar in meine Wohnung, wenn ich hier eine hätte", frotzelte sie, "und dann würden sie sich am Ende noch beschweren, warum ich keine Führungen anbiete."

Auf dem Domplatz selbst sei die Chance am größten, einen Pfarrer oder vielleicht sogar den Bischof zu treffen, um nach einem Schlafplatz zu fragen. Doch obwohl es hier mindestens vier verschiedene kirchliche Einrichtungen gab, vom Bischofssitz bis zum Priesterseminar, hatten wir zunächst kein Glück, weil einfach niemand die Tür öffnete. Wir beschlossen daher, die Suche erst einmal aufzugeben, stellten unsere Wagen bei einer fliegenden Souvenierverkäuferin ab und schauten uns den Dom von innen an. Er war mit einem Wort majestätisch. Wenn die ersten Siedler hier diesen Platz als Egobefriedigung ausgewählt hatten, dann hatten die Dom-Erbauer diese Idee mit ihrem Werk perfektioniert. Mit einer Kirche hatte es nicht mehr viel zu tun, sondern viel mehr mit einem Palast. Doch als solcher war es absolut beeindruckend. Ebenso beeindruckend war die Menschenmenge, die durch den Dom strömte. Wenn man einen flüchtigen Blick auf das Treiben warf, meinte man, man sei in einem Hauptbahnhof. Einzig die Gleise fehlten und damit auch ein triftiger Grund, warum alle so wild und hektisch hin und er liefen.

Bei unserem zweiten, weniger gezielten Versuch, einen Pfarrer zu finden hatten wir mehr Glück. Dieses Mal öffnete uns ein älterer Herr, der uns zunächst einmal erlaubte, unsere Wagen bei sich im Innenhof unterzustellen. Ob wir hier auch schlafen konnten wusste er noch nicht, da er der pensionierte Pfarrer war und keine Entscheidungsgewalt mehr hatte. Aber ein Stellplatz für die Wagen war schon einmal eine riesige Erleichterung. Denn auch wenn wir unseren Pressetermin bereits am Vortag abhaken konnten, warteten doch noch zwei weitere Termine auf uns. Der erste war ein Besuch beim Optiker, oder besser gesagt bei Fielmann.

Hier hatte ich einige Tage zuvor mit dem Fillialleiter gesprochen, der so sehr von meiner außergewöhnlichen Anfrage überrascht war, dass er zunächst einmal lachen musste. Eine Sponsoringanfrage für zwei Brillengläser, weil jemand bei dem verrückten Versuch, die Welt zu umwandern, seine eigenen in Moldawien kaputt gemacht hatte, war ihm bislang noch nicht untergekommen. Er war so amüsiert, dass er beschloss, mich wirklich mit meiner Bitte zu unterstützen. Dafür machten wir aus, dass wir in der Fielmannfilliale vorbeikommen, wenn wir in Passau sind, dass ich meine Brille dort abgebe und sie dann mit den fertigen Gläsern in einer anderen Fielmannfilliale irgendwo auf unserem Weg abholen kann.

Eher zufällig als geplant stolperten wir bei unserer Stadtrunde am Schaufenster von Fielmann vorbei. Im Inneren herrschte ein reges Treiben, das dem im Dom durchaus das Wasser reichen konnte. An der Kasse stand eine Frau mit Kinderwagen, in dem ein schreiendes Baby lag und fast jeder Platz für Kundenberatungen war belegt. Der Fillialleiter hatte bereits angekündigt, dass er selbst am Wochenende nicht im Haus sei und hatte mir deshalb den Namen einer Kollegin gegeben, die über unseren Deal bescheid wusste. Sie war recht im Stress und bat uns, einen Moment Platz zu nehmen, bis sie Zeit für uns hatte. Dann kam sie, um meine Brillenstärke auszumessen. Normalerweise war dies eine einfache und schnelle Prozedur, doch in meinem Fall war die Brille so verkratzt, dass das Gerät anzeigte, dass es möglicherweise nicht richtig funktionierte.

Um sicher zu gehen sollte ich daher einen Sehrtest machen. Das Problem dabei war nur, dass der Warteraum für die Seetests bis zu Decke gefüllt war und es mindestens noch eine halbe Stunde dauern würde, bis ich an die Reihe kam. Da aber hatten wir schon wieder den nächsten Termin, den wir nicht verpassen durften. Also brachen wir den Sehtestversuch ab, gingen wieder zurück in den Ausstellungsraum und baten darum, die Gläser nach der wahrscheinlich richtigen Sehstärke anfertigen zu lassen.

Meine Brille wurde nun ein zweites Mal ausgemessen. Die Ergebnisse stimmten mit meinen Erinnerungen an den letzten Sehtest überein und um ganz sicher zu gehen bekam ich im Anschluss noch eine stylische Testbrille, mit den entsprechenden Stärken. Es passte wie angegossen und so blieb nur noch, meine Augen zu vermessen, alle Daten zu notieren und den Papierkram zu erledigen. Um genau 10 Minuten vor 12:00 verließen wir die Filliale der Optikerkette und genau fünf Minuten später standen wir wieder beim Pfarrer vor der Tür, um unsere Wagen abzuholen.

Dieser hatte nun auch die gute Nachricht für uns, dass wir auch in der Nacht hier bleiben konnten. Wir verabredeten, dass wir eine halbe Stunde später zurückkehren würden und brachen auf zu unserem Treffen am Domeingang. Es war nun auf die Minute genau 12:00 Uhr und nur wenige Sekunden später tauchte auch schon ein junger Mann mit einer riesigen Kameratasche auf, mit dem ich am Vortag telefoniert hatte. Er arbeitete für den Regionalsender in Passau und wollte ein Interview mit uns machen, um einen kurzen Beitrag über unsere Reise zu senden. Gemeinsam wanderten wir zum unteren Platz hinunter, in der Hoffnung, dass es dort etwas ruhiger war, da vor dem Dom gerade Markttag war. Die Hoffnung wurde nicht erfüllt, allein schon aufgrund eines plätschernden Brunnens und einer vorbeiführenden Hauptstraße. Doch für ein Interview und einige Laufaufnahmen reichte es vollkommen aus.

Alles in allem hatten wir uns zeitlich jedoch ein wenig verschätzt, denn es dauerte ganze eineinhalb Stunden, bis wir wieder beim Pfarer vor der Tür standen. Ein weiteres Mal verstauten wir unsere Wagen und machten dann noch einmal eine entspantere, terminfreie Stadtrunde, um uns die Kirchen und alles andere Sehenswerte anzuschauen. Das Passau eine schöne Stadt ist, steht außer jeder Frage. Doch ein Leben scheint auch hier schon fast wieder unmöglich zu sein. Auf uns machte die Stadt den Eindruck, als sei sie ein bisschen zu schön, um angenehm zu sein. Sie war ein Ausflugsziel, ein bisschen wie ein Museumsdorf, in das die Menschen aus aller Welt kamen, um sich hier umzuschauen.

Es war, wie die Bäckerin gesagt hatte. Wenn man hier zuhause war, musste man sich wie ein Affe in einem Zookäfig fühlen, der von allen begafft wurde. So schön die Innenstadt auch war, wir waren heilfroh, als wir ein wenig aus dem Zentrum herauskamen und an der Uferpromenade entlang schlendern konnten. Hier gab es das erste Mal Ruhe und Entspannung.

Spruch des Tages: Hier wird die Schönheit der Stadt fast schon wieder zum Problem.

Höhenmeter: 30 m Tagesetappe: 4 km und rund 50km mit dem Tandem Gesamtstrecke: 18.797,27 km Wetter: grau und regnerisch Etappenziel: Haus von Heikos Eltern, 92353 Postbauer-Heng, Deutschland

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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