Level 3

von Franz Bujor
24.04.2014 19:55 Uhr

Bevor ich von den Ereignissen des heutigen Tages erzähle, muss ich noch einmal kurz auf gestern Abend eingehen. Im Nachhinein haben wir den Abend noch einmal Revue passieren lassen und sind dabei ordentlich über die Ambivalenz der christlichen Kirche gestolpert.

Bei allem was passiert ist, darf man nicht vergessen, dass gestern Ostermontag war und damit einer der heiligsten Tage der Christen. In Spanien wird die ganze Woche „Semana Santa“ genannt, was „heilige Woche“ bedeutet. Doch was eigentlich feiern wir an diesem Tag?

Vor zirka 1980 Jahren wurde Jesus umgebracht. Vollkommen egal, ob er nun der Sohn Gottes war oder nicht, war er auf jeden Fall ein Heiler, der etwas Positives in die Welt bringen wollte. Er hat versucht den Menschen zu zeigen, was sie alles erreichen können, wenn sie lernen, bedingungslos zu lieben, wenn sie ihre Ängste überwinden, an sich selbst und an die Schöpfung glauben und wenn sie sich gegenseitig unterstützen. Doch anstatt das ihm die Menschen dafür dankten oder ihn mit offenen Armen empfingen, hassten sie ihn und machten ihm das Leben so schwer wie es nur ging. Am ende ließen sie ihn sogar hinrichten. Warum das alles? Nur aus der Angst, dass ihnen ihr Besitz und ihre Macht genommen werden könnte. Aus reiner Habgier also. Wie unglaublich stark muss Jesus die Menschen dennoch geliebt haben, wenn er wieder auf die Erde zurückgekommen ist? Er hätte ja auch ohne weiteres sagen können: „Wisst ihr was Leute, ihr könnt mich mal getrost am Arsch lecken! Wenn ihr keine Hilfe von mir wollt, dann eben nicht. Ich mache mir jetzt einfach eine schöne Zeit im Paradies und genieße den Rest der Ewigkeit mit ein paar süßen Engeln!“

Das was wir heute feiern ist jene Wiederauferstehung. Ist das nicht mehr als nur scheinheilig? Erst bringen wir den Kerl um und dann jubeln wir, weil er noch einmal wiedergekommen ist und tun so, als hätten wir ihn schon immer geliebt.

Vergesst einmal die Frage, ob sich die Dinge wirklich so ereignet haben oder nicht. Wichtig ist ja nur, dass jeder gläubige Christ die Geschichte so annimmt, wie sie in der Bibel steht.

Vor diesem Hintergrund ist es gleich noch einmal deutlich frappierender, wie uns der Pfarrer in der Kirche von San Sebastian begegnet ist. Er hatte gerade zur Minuten seinen Ostergottesdienst beendet. Einen Gottesdienst, in dem er seiner Gemeinde gepredigt hatte, wie wichtig Nächstenliebe ist, wie groß die Güte Gottes ist und wie sehr wir das Göttliche in uns selbst suchen musste. Eine Minute später sieht er zwei Schäfchen auf einer Glaubensreise, die ihn um nichts anderes Bitten als eine kleine Geste der Nächstenliebe in Form eines einfachen, kahlen Raumes für ein paar Schlafsäcke. Und was macht er? Er setzt sie ohne mit der Wimper zu zucken vor die Tür und ärgert sich noch darüber, dass er ihretwegen zwei Minuten länger im Regen stehen muss, bis er sein heiliges Gotteshaus abschließen kann. Kann dies wirklich der Sinn eines Glaubensvertreters sein? Wundert es jemanden, dass kaum mehr jemand einen Gottesdienst besucht, wenn der Prediger nicht einmal selbst an das glaubt, was er erzählt?

Dass die christliche Kirche im Laufe ihrer Geschichte mehr Unheil angerichtete hat als fast jede andere Gruppierung ist kein Geheimnis. Wie oft wurden die guten Absichten korrumpiert und für die gleiche Habgier und Machtgeilheit missbraucht, die Jesus damals das Leben gekostet hat? Ob er wohl auferstanden wäre, wenn er gewusst hätte, was später einmal alles in seinem Namen verbrochen werden würde? Das soll nicht heißen, dass die Kirche nicht auch viel Gutes getan hat und dass wir nicht immer wieder christliche Menschen getroffen haben, die das Prinzip der bedingungslosen Liebe tief verinnerlicht hatten und daher wirklich Hilfreich für ihre Mitmenschen waren. Auch heute haben wir wieder einen sehr netten, hilfsbereiten und Weltoffenen Pfarrer getroffen, der uns ohne eine einzige Sekunde zu zögern, den Saal angeboten hat, in dem wir jetzt sitzen. Doch es war schon sehr auffällig, dass es fast immer die Pfarrer in kleinen, ärmeren Ortschaften waren, die uns halfen. Genauso wurden wir auch nur von Mönchen und Nonnen aufgenommen, die selbst in ärmeren Verhältnissen lebten. Reiche Klöster hatten uns bislang immer abgewiesen.

Das gleiche Prinzip begegnete uns dann auch noch einmal in der Jugendherberge. Auch diese war eigentlich dafür da, Menschen zu helfen. Doch ihrer Existenzgrundlage war inzwischen eine reine Touristenabzocke geworden. Für die 16,70€ die man hätte bezahlen müssen, bekam man ein Bett in einem Zimmer mit 19 anderen Personen. Alle Betten waren mit einer nackten Gummimatratze und einem nackten Gummikopfkissen ausgestattet. Selbst in den Obdachlosenunterkünften, hatte man sich die Mühe gemacht, wenigstens einen Einmalbettbezug darüber zuziehen, damit die Gäste nicht auf dem unangenehmen Gummi liegen mussten. Hier gab es hingegen nicht einmal ein Deckbett, sondern lediglich eine dünne, kratzige Wolldecke, die in der dich bereits die Körperausdünstungen der letzten hundert Besucher befanden. Die Toilette befand sich außerhalb der Räume und die Tür zum Schlafzimmer ließ sich nur mit einem sechsstelligen Code öffnen. Wenn man also Nachts aufs Klo musste, durfte man im Halbschlaf nicht vergessen, den Zettel mit der Nummer mitzunehmen. Sonst musste man seine Nacht entweder im Gang verbringen oder die Zimmergenossen wecken. Das Badezimmer lag deutlich unter dem Standard eines Klohäuschens an einer Autobahnraststädte und die Küche war nicht einmal mit Messern ausgestattet. Für uns war all dies kein Problem, denn wir waren dankbar, dass wir einen Schlafplatz hatten, an dem wir nicht nass wurden. Doch für unsere Mitbewohner war es mehr als nur endtäuschend. Doch das was am härtesten war, war die Angst, die die Herbergsmittarbeiter haben mussten, weil sie uns aufgenommen hatte. Als wir heute um kurz vor 7:00 das Hostel verließen, hörten wir den Nachtwächter laut aufatmen. Beide hatten sich in den Augen der Herbergsleiter eines Verbrechens Schuldig gemacht, weil sie zwei komplett durchnässte und verzweifelte Pilger, nicht im Regen stehen gelassen hatten. Hätte uns heute Morgen jemand von der Leitung oder auch nur eine Ablöse erwischt, hätten die beiden vielleicht sogar ihren Job verloren. Und das auch keinem anderen Grund als der Habsucht. Ist das nicht traurig?

Unser Tag begann eher etwas schläfrig, denn nach dem langen Bericht von Gestern war es bereits drei Uhr gewesen bis wir im Bett lagen. Um 6:20 klingelte der Wecker. Nachdem wir die Herberge verlassen hatten, kehrten wir noch einmal in die Stadt zurück, die wir gestern nur im vorbeirauschen gesehen hatten und nahmen sie noch einmal genauer unter die Lupe. In einem kleinen Café fragte ich nach etwas zu essen. Der Besitzer wies mich unfreundlich ab und hielt mir dann einen ausschweifenden Vortrag darüber, dass sie von dem Verkauf der Nahrung leben müssten. Als ich fragte, ob es etwas altes vom Vortag gab, verneinte er energisch. Als ich wieder auf der Straße stand kam er jedoch noch einmal hinter uns her und reichte uns eine Tüte mit Süßgebäck. „Er habe doch noch etwas von gestern Abend gefunden, meinte er und wünschte uns eine gute Reise. Offensichtlich war sein schlechtes Gewissen im Nachhinein doch stärker gewesen, als sein Wunsch nach Profit.

Der gestrige Abend und auch diese Begegnung machten uns jedoch eines noch einmal ganz klar: Wir brauchten eine neue Strategie, wenn wir hier durchkommen wollten.

„Ich habe die Menschen die letzten Male aufmerksam beobachtet, wenn du mit ihnen gesprochen hast“, erklärte Heiko, „dabei ist mir aufgefallen, wie sie reagieren, wenn du etwas sagst. In Frankreich haben sich die Menschen meist darüber gefreut, wenn du Santiago als Reiseziel erwähnt hast. Hier zeigt ihr Gesichtsausdruck hingegen eher Abscheu. Ich denke wir sollten komplett darauf verzichten, Santiago zu erwähnen. Auch wenn du ihnen von dem Regenwaldschutzprojekt erzählst, dass wir aufbauen, lässt es sie absolut kalt. Ich glaube die Menschen hier halten nicht besonders viel von Natur, jedenfalls die meisten.“

Im Laufe des Tages kam es uns immer mehr so vor, als hätten wir mit unserem Erreichen von Spanien den dritten Level des Lebens ohne Geld erreicht. In Deutschland war es ein Kinderspiel gewesen, in Frankreich eine größere Herausforderung und hier erforderte es noch einmal völlig neue Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Spanier, zumindest in dieser Region waren weit weniger offen und freundlich als alle Menschen, denen wir in Frankreich begegnet waren. Auch dort hatte es schwierige Ecken gegeben, doch die Grundtendenz war immer positiv gewesen. Bereits nach einem halben Tag in Frankreich waren wir das erste Mal zu einem Mittagessen eingeladen worden. Hier waren wir nun schon drei Tage unterwegs und hatten noch nicht einmal eine längere Unterhaltung geführt. Und das obwohl wir zu Beginn kein Wort Französisch sprechen konnten und hier die Landessprache zumindest im Grundlagenbereich beherrschten. Unsere Endtäuschung über die Einheimischen wurde immer stärker. Bislang hatten wir gedacht, dass es an der Sprachbarriere lag, wenn kein Kontakt zu anderen Menschen zustande kam. Jetzt wurde uns jedoch bewusst, dass es nichts damit zutun hatte. Es lag nur an der Offenheit der Menschen selbst, ob eine Kommunikation zu Stande kam. Hier jedoch machten die meisten ein Gesicht, dass man sich nicht einmal traute Hallo zu sagen. Doch mit der Zeit wurden wir besser. Um sich in einem neuen Bereich zurecht zu finden, war es wichtig, die Menschen zu verstehen. Man musste herausfinden, was sie brauchten, was ihnen wichtig war, was sie verabscheuten und wovor sie Angst hatten. Nicht bei jedem einzelnen, sondern in der Grundtendenz. Als wir schließlich dazu übergegangen waren zu erzählen, dass wir als Bettelmönche um die Welt reisten um das Wissen über Naturmedizin zusammenzutragen und dass wir dafür komplett ohne Geld lebten, veränderte sich die Reaktion der Menschen drastisch. In allen Läden, in denen ich mit dieser Vorstellung nach Essen fragte, bekam ich auch etwas. Mit nur einer einzigen Ausnahme und das war eine Pizzeria, in der nur Angestellte arbeiteten, ohne dass ein Chef anwesend war. Mit der Zeit lernten wir weitere Tricks. Wenn man in kleineren Ortschaften bei der Polizei fragte, bekam man Gutscheine, mit denen man in einer Bar oder in einem Café umsonst essen durfte. Außerdem bekam man sogar noch etwas Geld, für den Fall, dass man mit einem Bus in die nächste Stadt fahren wollte.

Essen war damit also kein Problem mehr. Schlafplätze waren jedoch noch immer deutlich schwieriger. Durch die Berge gab es hier nicht einmal die Möglichkeit zu Zelten, außer man verließ die Städte so frühzeitig, dass man es bis auf die nächste Hochebene schaffte. In Zarautz probierten wir dann alle möglichen Varianten durch, die wir bisher aus Frankreich und Deutschland kannten. Wir fragten in Altenheimen, im Rathaus, in der Jugendherberge und in den Kirchen. Privatpersonen die so aussahen, als könnte es Erfolg haben, sie anzusprechen trafen wir jedoch keine. Das Rathaus hatte geschlossen, die Pfarrer waren erst am Abend zu erreichen und die Jugendherberge lehnte uns entschieden ab. Auch im Altenheim war kein Platz für uns. Schließlich traf ich ein paar Nonnen, die uns zwar nicht aufnahmen, aber mir erklärten, dass es eine kostenlose Unterkunft 5 Kilometer außerhalb gab. Das war immerhin ein Notfallplan. Schließlich trafen wir dann aber doch noch auf einen Pfarrer, der uns einen Gemeindesaal zur Verfügung stellte. Es war also möglich, sich hier zurechtzufinden und mit der Zeit würde es sicher immer besser klappen.

Spruch des Tages: Nicht überall wo christlich draufsteht ist auch christlich drinn.

Tagesetappe 28 km

Gesamtstrecke: 2258,47 km

 

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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