Tag 1137: Elende Nervensägen

von Heiko Gärtner
06.03.2017 01:57 Uhr

07.02.2017

Ok, ich weiß ja, dass ich für alles was ich erlebe selbst verantwortlich bin und dass ich derjenige bin, der es erschafft und in sein Leben zieht. Aber heute war wieder einmal ein Tag, an dem ich trotzdem so ziemlich alles und jeden verfluchen wollte. Ich weiß, es war absolut lehrreich und richtig so wie es war, aber verdammt nochmal war ich genervt! Es begann mit einem komplett verregneten, trüben, grauen, kalten Tag, der gleich in der Früh schon nichts gutes verheißen wollte. Aber das allein machte meiner Stimmung noch nicht viel aus. Wir waren es ja gewohnt, dass das Wetter zurzeit nur dazu einlädt, sich im Bett umzudrehen und einfach weiter zu schlafen. Also raus aus den Federn, Regenjacke bzw. Regenmantel an, dick einpacken und losmarschieren. Nach 18km erreichten wir einen Ort auf dem Gipfel eines Hügels, der eigentlich unser Ziel werden sollte. Kurz vor dem Zentrum stand jedoch ein Wegweise mit der Aufschrift „Kirche, Schule und Rathaus links“ das wirkte etwas seltsam, weil all diese Gebäude ja normalerweise im Ort liegen und nicht irgendwo separiert auf einem anderen Hügel daneben, aber wenn es da stand, würde es wohl schon stimmen. Tatsächlich erreichten wir nach rund zwei Kilometern eine winzige Kirche mit einer winzigen Schule und einem winzigen Rathaus im Nirgendwo. Außer der Schule hatte leider alles geschlossen, doch die Lehrerin beschrieb mir den Weg zum Privathaus des Bürgermeisters, so dass ich dennoch mein Glück versuchen konnte.

Ja, es war durchaus abzusehen, dass sich die trockene Phase nicht lange halten würde und ja, es war definitiv nicht schlau, der Trockenheit zu vertrauen und den Weg ohne Regenmantel zurückzulegen. Dies wurde mir spätestens zehn Minuten später klar, als ich auf halbem Wege vollkommen ungeschützt von einem heftigen Regenguss überrascht wurde, der mich innerhalb von zwei Minuten bis auf die Knochen durchweichte. Wie ein begossener Pudel stand ich dann vor dem Haus des Bürgermeisters und klingelte. Meine Brille erinnerte nun eher an ein Badezimmerfenster und das Wasser lief noch immer von meinem Schädel in meine Augen und tropfte von meinen Schultern auf den Boden. Der kalte Wind hatte außerdem ganze Arbeit bei der Senkung meiner Körpertemperatur geleistet und so stand ich nun schlotternd und tropfend vor dem Bürgermeister um nach einem Unterschlupf vor dem Unwetter zu fragen. Der Bürgermeister hörte mir eine Weile schweigend zu und gab dann eine klare und eindeutige Antwort: „Nö!“ „Wie bitte?“ ich glaubte mich verhört zu haben, denn ich konnte es einfach nicht fassen, dass jemand so herzlos war, einen bei diesem Wetter wieder hinaus in den Regen zu schicken, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, ob er nicht doch irgendwie helfen konnte. Aber nein, ich hatte mich nicht verhört. Er hätte leider keinen Raum, den er uns geben könnte, das tue ihm sehr leid. An dieser Stelle hätte ich das Gespräch eigentlich beenden können, denn es war eindeutig, dass er log und Einwände vorbrachte, die nur dazu dienten, ihn nicht als Arschloch dastehen zu lassen, obwohl er sich bewusst dazu entschied eines zu sein. Doch ich konnte es natürlich nicht lassen und begann zu diskutieren. Ich erwähnte, dass wir den Saal ja bereits gesehen hätten und dass uns dieser vollkommen ausreiche, da es nur darum ginge, irgendwie diesem Regen zu entfliehen. Da seine Lüge entlarvt wurde, erfand er eine neue und begann das Spiel von vorne. Klar, den Saal gäbe es natürlich, aber er alleine dürfe hier nichts entscheiden, schließlich sei er ja nur der Bürgermeister und der habe ja bekanntlich in einem Ort nichts zu sagen. Wir könnten allerdings bis um 14:00 draußen in der Kälte warten. Dann gäbe es eine Versammlung der Ortsräte und dort könne er unser Anliegen ja vorbringen. Er glaube zwar nicht, dass die anderen Einverstanden wären, aber er könne es ja versuchen. „Genau!“ dachte ich, „ein netter Versuch um dich aus der Schlinge zu ziehen. Du weißt, dass wir auf keinen Fall so lange warten werden, weshalb du fein raus bist. Und wenn wir es doch tun, dann kannst du am Ende behaupten, dass die anderen die bösen sind, weil sie uns abgelehnt hätten.“

Wieder war klar, dass dieser Mann nur nach Ausflüchten suchte um nicht helfen zu müssen und dass er egal was ich nun sagte immer welche finden würde. Doch ich wollte es nicht wahr haben und versuchte weiterhin seine Meinung irgendwie zu ändern. Ich konnte nicht glauben, dass jemand wirklich so herzlos war, bei diesem Wetter eine so einfache Bitte zu verweigern, obwohl es kein Risiko gab und so gut wie keinen Aufwand bedeutete. Am Ende steigerte ich mich so sehr in die Situation hinein, dass ich regelrecht verzweifelte. Ich schaffte es gerade noch drei Meter von seinem Hof zu gehen, bevor ich in Tränen ausbrach. Es waren Tränen der Wut, der Verzweiflung und der Trauer um die Herzlosigkeit der Menschheit. So intensiv wie in diesem Moment hatte ich sie noch nie gespürt. Es war nicht diese Situation, die mich traurig machte, das war mir sofort klar. Es war ein tieferer Schmerz, für alles, was wir uns selbst und der Natur antaten. Uns war einfach alles und jeder egal. Es war nicht unsere Bösartigkeit, die für all das Leid verantwortlich war, dass es auf der Welt gab, sondern unsere Gleichgültigkeit. Es interessierte uns nicht, ob für unsere Nahrung und Kleidung Kinder gequält, getötet und vergewaltigt wurden. Es interessierte uns nicht, dass wir täglich Dutzende von Spezies zum Aussterben brachten, dass bereits 75% aller Fischarten stark gefährdet waren. Es interessierte uns ja nicht einmal, wie es den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung ging. Ich heulte fast den kompletten Weg bis zurück zur Kirche über, nur unterbrochen durch gelegentliche Wutattacken, bei denen ich wild auf der Straße herumsprang und laut irgendwelche Verwünschungen in die Luft schrie. Wirklich verstehen konnte ich mich dabei nicht, aber irgendwie tat es auch mal gut, das alles einfach rauszulassen. Der Regen hatte nun wieder aufgehört und es schien tatsächlich so, als sei er nur dazu da gewesen, um mich ideal auf die Situation vorzubereiten. Über eine Querstraße gelangten wir nun zurück in ein Tal und anschließend auf den anderen Berggipfel, auf dem sich die größere Ortschaft befand. Als wir nun das Zentrum erreichten, staunte Heiko nicht schlecht. Zu seiner vollkommenen Überraschung kannte er diesen Ort. Gut sechs Jahre zuvor war er bereits einmal hier gewesen, auf seinem ersten Weg als Steinzeitpilger nach Santiago. Damals hatte er hier eine unverhofft lange Pause einlegen müssen und war dadurch einem anderen Pilger begegnet, der für die kommenden Wochen sein engster Begleiter wurde. Anders als heute hatte er damals keine Unterkünfte gesucht, da er ja immer unter dem Tarp im Freien geschlafen hatte. Dennoch brauchte er hin und wieder Strom, um die Reise dokumentieren zu können und so hatte er bei seiner Ankunft hier im Ort Handy und Kamera in der Touristeninforation an die Steckdose gehängt. Unglücklicher Weise hatte man dabei vergessen ihm zu sagen, dass die Information über Mittag geschlossen hatte und als er zurück kam um beides wieder einzusammeln stand er vor verschlossenen Türen. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als zu warten und während er das tat lief ihm ein junger Mann aus Bamberg über die Füße, der die Strecke von seiner Heimat bis hier her mit dem klapprigen Dreigangfahrrad seiner Oma zurückgelegt hatte.

Ohne es zu merken hatten wir uns nun also wieder einen Ort ausgesucht, der auf dem Hauptweg nach Santiago lag. Dementsprechend gab es hier auch wieder einmal eine Pilgerherberge, die direkt von der Stadt geleitet wurde. Die Verantwortliche für die Herberge war unserem Besuch gegenüber tendenziell nicht abgeneigt, bestand aber darauf, erst noch einmal mit dem Bürgermeister sprechen zu müssen, bevor sie fest zusagte. Offenbar war es hier wieder andersherum als im kleinen Nachbarort. Dort konnte der Bürgermeister nichts entscheiden ohne die anderen, hier konnte niemand etwas entscheiden ohne den Bürgermeister. Ganz so negativ war die Wartezeit aber nicht, denn wir konnten sie nutzen, um ein recht angeregtes Gespräch über Quantenphysik mit einem Pizzabäcker zu führen, an dessen Ende wir jeder eine Pizza in der Hand hielten. Der Bürgermeister sagte zu, wir bezogen unser Herbergszimmer und setzten uns dann mit der Pizza in den Aufenthaltsraum. Hier hätten die Ereignisse des Tages eigentlich enden sollen, doch stattdessen begann es jetzt erst richtig nervig zu werden. Was uns die Herbergsleiterin zuvor nicht gesagt hatte war, dass heute zwei Elektriker im Haus waren, die die Feuermelder überprüften. Im Klartext bedeutete dies, dass in jedem Raum fast permanent irgendetwas laut Piepte oder Pfiff und dass ständig irgendjemand in unser Zimmer geplatzt kam, um irgendetwas an irgendwelchen Leitungen herumzufuhrwerken. Selbst unter der Dusche war man vor plötzlichen Störungen nicht sicher. Die Tür ließ sich nicht abschließen und ehe man sich versah stand plötzlich die gesamte Herbergsbelegschaft vor einem und diskutierte über den Verlauf eines Kabels, während man selbst splitterfasernackt neben dem Waschbecken stand und versuchte irgendwie an sein Handtuch zu kommen. Eine richtig entspannte Atmosphäre wollte dabei irgendwie nicht aufkommen. All das war aber sogar noch irgendwie in Ordnung, bis zu dem Punkt, an dem der Alarm dann tatsächlich getestet wurde. Rund zehn Minuten lang war jeder Winkel der Herberge von einem schrillen, durchdringenden Kreischen erfüllt, dass einem in den Ohren wehtat und das sogar eine Gänsehaut auf dem Rücken erzeugte. Als die Lärmtortur endlich wieder abgeklungen war, hatten wir kaum Zeit zum Durchatmen, als auch schon die nächste Unterbrechung auftauchte. Diesmal war sie menschlicher Natur. Ein weiterer Pilger war angereist und obwohl es in der Herberge rund ein Dutzend verschiedene Schlafsäle und Zimmer gab, wurde er mit in unseren Raum gelegt. So hatten wir uns das nicht vorgestellt, denn es war weder für ihn noch für uns eine angenehme Situation. Wir brauchten unsere Zeit für uns, damit wir uns konzentrieren konnten und hatten außerdem geplant, bis relativ spät in die Nacht hinein zu arbeiten. Er hingegen war auf Ablenkung und Gespräche aus, die ihm die Langeweile vertrieben und wollte früh ins Bett, damit er morgen wieder zeitig auf der Piste sein konnte. Kurz: Er störte uns bis zum Abend und dann störten wir ihn. Und das ohne jeden Grund, da es genug Platz für Privatsphäre gab. Wir beschlossen noch einmal das Büro der Herbergsleitung aufzusuchen und um ein anderes Zimmer oder auch einfach nur einen Saal für unsere Matratzen zu bitten. Doch die Frau ließ sich auf nichts ein. Es sei ohnehin schon mehr als nur kulant, dass wir hier schlafen dürften, ohne etwas zu bezahlen, da hätten wir kein Recht, auch noch Anforderungen zu stellen. Es sei eine Pilgerherberge und da sei es nun einmal üblich, alle in einem Raum zusammenzupferchen und auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Falls wir also noch einmal wissen wollten, ob der Jakobsweg vielleicht doch irgendwelche Vorteile bot, die wir bislang nicht erkannt hatten, wurde die Frage noch einmal mit einem klaren „Nein!“ beantwortet. Ein Pilger zählt einfach nichts, weder als zahlender Gast, noch als Langzeitreisender mit einem sozialen Projekt. Soviel also zum entspannten Arbeiten am Nachmittag. Wieder war ich genervt bis zum Platzen. Heiko und ich waren uns einig, dass unser ohnehin schon grenzwertige Schlafplatz nun auch noch seinen letzten Vorteil verloren hatte. Im Kern mochte der Pilger wohl ein netter Kerl sein, aber er war auch ein Mensch, der bereits Unruhe in einen Raum brachte, wenn er ihn nur betrat. Man spürte von der ersten Sekunde an, dass er nichts mit sich anzufangen wusste und um Aufmerksamkeit buhlte. Es war ein bisschen, als hätte er ein rotes Blinklicht auf dem Kopf, das ununterbrochen mit einer Quieke-Stimme „Ich bin hier! Ich bin hier! Ich bin hier! Hallo! Beachte mich! Ich bin hier!“ rief.

Ob es da nicht besser war, einfach im Zelt zu schlafen? Noch einmal wurde uns bewusst, dass wir in den vergangenen drei Jahren zu wahren Eigenbrödlern geworden waren. Am Anfang war es für uns noch normal gewesen, unsere Herbergszimmer mit anderen zu teilen. Wir hatten es nicht gerne getan, aber wir hatten es akzeptiert. Nun zogen wir die Grenzen deutlich klarer. Wenn ein Platz nicht gut ist, wird er nicht genommen. Da gibt es keine Frage mehr. Noch einmal drehte ich eine Runde durch die Ortschaft und suchte nach einer Alternative. Vor zwei Wochen hatte das beim Dilemma mit unserer Obdachlosenunterkunft ja schließlich auch funktioniert. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später hatten wir eine Einladung vom Pfarrer, der uns ein Gästezimmer bei sich zu hause anbot. Besonders zeit-effektiv war das natürlich auch nicht, aber er war immerhin ein Mensch bei dem man sich willkommen fühle, mit dem man sich gerne unterhielt und bei dem man auch in Ruhe für sich sein konnte. Es war schon spannend, noch einmal zu erleben, wie unterschiedlich das Maß an Wertschätzung und Respekt war, das Menschen untereinander aufbringen konnten. Spannend war aber auch, dass all diese Zeitdiebe, angefangen beim Bürgermeister bis hin zu unserem Pilgerfreund wieder einmal genau dann auftauchten, wenn ich das Gefühl hatte, ohnehin nicht hinterher zu kommen.

Spruch des Tages: Arrg!

Höhenmeter: 60 m Tagesetappe: 13 km Gesamtstrecke: 20.798,27 km Wetter: Bewölkt und trübe Etappenziel: Nonnengemeinschaft, 40250 Le Leuy, Frankreich

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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