Tag 1221: Tierkommunikation

von Heiko Gärtner
12.08.2017 08:07 Uhr

06.05.2017

Man kann sagen, England ist wirklich eines der freundlichsten und offensten Länder, das wir überhaupt bereist haben. Nirgendwo ist man uns so offenherzig, interessiert und mit so wenig Angst und Skepsis begegnet. Und das fast durchgängig mit nur einer einzigen Ausnahme: Den Menschen.

Gestern beispielsweise hatten wir eine innige Begegnung mit einem Reh. Es stand knapp fünf Meter vom Weg entfernt und ließ uns bis auf seine Höhe an sich herankommen, ohne aufzuschrecken, wegzulaufen oder auch nur verängstigt zu gucken. Es stand da und schaute uns an.

Ein verspieltes Reh im Rapsfeld – ein gern genommener Gesprächspartner!

Ein verspieltes Reh im Rapsfeld – ein gern genommener Gesprächspartner!

„Hallo!“ grüßte Heiko und winkte ihm zu. Das Reh nickte leicht mit dem Kopf und wirkte, als würde es den Gruß erwidern. Es ließ zu, dass wir die Kameras herausholten und es fotografierten, wobei es sogar einige Male direkt in die Kamera blickte. Langsam wurden nun auch wir zutraulicher und begannen mit dem kleinen Kerl zu spielen. Heiko wackelte mit dem Kopf und das Reh stieg sofort darauf ein und machte mit. Wir bauten die Kommunikation weiter aus und es wurde ähnlich wie ein Grimassen-Gespräch mit einem kleinen Kind. Das Reh machte eine Bewegung, auf die wir reagierten und umgekehrt. Es war die längste, tiefste und dabei auch lustigste Begegnung, die ich je mit einem Reh hatte. Und ich muss sagen, ich habe tatsächlich schon Gespräch mit Menschen geführt, die weit aus weniger informativ waren.

Aber die Begegnung mit dem Reh war nicht die einzige dieser Art. Immer wieder trafen wir auf Rebhühner und Fasane, die ebenfalls immer zutraulicher wurden und immer dichter an uns heran kamen, ohne sich vor uns zu fürchten. Auch die Begegnung mit dem kleinen Kaninchen, das Heiko vor einigen Tagen fast gefangen hätte, ging in diese Richtung. Kaninchen, das habe ich inzwischen nachgeschlagen vermitteln übrigens die Botschaft, sich seinen Ängsten zu stellen und ihnen ins Gesicht zu schauen, anstatt sie zu verdrängen und vor ihnen davonzulaufen, wie vor einer Herde wild gewordener Stiere. Heiko hatte also Recht gehabt, es war tatsächlich eine wichtige Erinnerung, die das Kaninchen für mich hatte.

Heute hatten wir dann noch zwei weitere Tierbegegnungen, die mehr als nur ein bisschen ungewöhnlich waren. Die Wanderung führte uns erneut durch ein neues und absolut faszinierendes Gebiet. Von unserer Farm aus, ging es einige kleine Dorfsträßchen hinauf, an einem Schloss und einem Wildpark vorbei. Tatsächlich war der Wildpark Teil des Schlosses, was noch einmal einiges über dessen Größe aussagt. Gestern hatten wir ja bereits geglaubt, Villen gesehen zu haben, doch diese hier stellte erneut alles in den Schatten. Im Grunde war es Hogwards, nur dass hier lediglich eine einzige Familie lebte. Wahrscheinlich nicht einmal das, denn zumindest aus der Entfernung wirkte es ebenfalls wieder wie eine Wochenendresidenz.

Von hier aus gelangten wir auf eine Freifläche auf einer Hügelkuppe, die sich über rund 10km Länge und 3km Breite erstreckte. Anhand der Karte hätte ich vermutet, dass wir hier durch einsame und unwegsame Wildnis gehen, doch tatsächlich war es eine Art Naherholungsgebiet, in dem wir mehr Wanderer, Nordic-Walker, Biker, Reiter und Spazierende Familien gesehen haben, als irgendwo sonst in diesem Land. Es gab sogar einen Bereich, der als Golfplatz genutzt wurde. Am höchsten Punkt trafen wir auf zwei ältere Damen, die sich einen Platz am Gipfelbaum suchten um sich auszuruhen. Wir waren nicht ganz sicher, ob wir sie dafür für verrückt erklären oder bewundern sollten, denn hier oben wehte ein so kalter Wind, dass wir nicht einmal langsamer gehen wollten, von Anhalten ganz zu Schweigen.

Wir kamen allerdings trotzdem nicht ganz umhin eine kurze Pause zu machen, denn eine der Damen sprach uns an, um einige Informationen zu erhalten. Sie begann das Gespräch mit reinen Interessensfragen, doch es wurde schnell deutlich, dass sie nicht aus Neugierde oder Freundlichkeit, sondern aus Argwohn fragte. Die einzige Information, die sie wirklich interessierte war, ob wir zelteten und ob wir vor hatten es hier zu tun. Wäre dies der Fall gewesen, hätte sie uns gleich hochkantig vom Platz verwiesen, da das kampieren hier verboten war.

Erst jetzt machte mich Heiko auf das Emblem auf ihrer Jacke aufmerksam. Sie war nicht einfach eine Besucherin, sondern ein Guide, dessen Aufgabe wirklich darin bestand, Touristen wie die zweite Dame auf einer überdimensionierten Schafsweide herumzuführen und ihnen ungemütliche Picknickplätze zu zeigen. Das war offenbar der Vorteil, wenn man in so einer Reichengegend lebte. Man konnte einfach alles verkaufen und die Menschen zahlten dafür. Die Frau war nicht die einzige. Es gab allein zwei Nordic-Walking-Touren an diesem Morgen, sowie einige Hundetrainings, Golfkurse, und dergleichen mehr. Diese Wiese war wunderschön, aber durch den Wind für jede Art von Sport vollkommen ungeeignet. Trotzdem trafen wir gut ein Dutzend Besucher, die in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs waren und tatsächlich zu glauben schienen, dass es Hochsommer war.

Eine interessante Sache erfuhren wir jedoch von der Frau: Das Konzept, dass man in den Kirchen Schlafen konnte, war an einigen Orten bereits kommerzialisiert wurden und die Kirche kam offenbar immer mehr auf den Geschmack. Da niemand mehr in die Kirche ging, konnte man sie nun als Übernachtungsraum mieten. Für die gleiche, rustikale Weise, wie wir gerade unterwegs waren, musste man also nicht selten einen Haufen Geld bezahlen. Fünfzig Euro für eine Nacht waren für einen Platz in der Kirche keine Seltenheit. Die Aussage der Frau: „Aber so teuer ist das auch wieder nicht, immerhin bekommt man ja eine ganze Kirche dafür!“ Später erst stellten wir fest, was sie damit meinte. Wenn man in einer kleinen Kapelle eine Hochzeit mit Chor und Kirchenglocken buchen wollte, dann zahlte man dafür nicht weniger als 830€.

Gerade, als wir das Gespräch beendet hatten hüpfte ein Fuchs an uns vorbei. Er sprang fröhlich über die Wiese, vollkommen unbeeindruckt durch die vielen Menschen und es schien, als wollte er wirklich nur seine gute Laune kund tun.

Nachdem wir den Hügelpark verlassen hatten, folgten wir einem schmalen Fußweg, der uns über mehrere Weiden führte, auf denen Kühe in unterschiedlichem Alter standen. Kaum hatten wir ihr Areal betreten, kamen die Kühe auch schon auf uns zu um uns zu bestaunen und zu beschnuppern. Auch sie spielten mit uns, liefen hinter uns her, oder vor uns weg, kamen näher, beschnupperten unsere Wagen und schleckten sogar ein bisschen daran.

Die einzigen, die tatsächlich einen weniger guten Eindruck hinterließen waren die Menschen. Am Ende bekamen wir dennoch wieder einen Platz in der Kirche, aber nur, weil der Kirchenverwalter wieder einmal zufällig genau die eine Ausnahme im Ort war. Wie unsere Gastgeber von Gestern war er ein solider, bodenständiger Mann mit einem Hang zum Messitum und einem freundlichen und entspannten Gemüt.

Alle anderen Verantwortlichen aus diesem und den umliegenden Dörfern stellten sich wieder einmal als engstirnig und spießig heraus, dass es schon fast eklig war. Eine Begründung für eine Ablehnung lautete Beispielsweise: „Das geht nicht, denn die Kirche wird jeden Nachmittag abgeschlossen. Wir können da keine Ausnahme für euch machen, aber wir können euch auch nicht einschließen, denn das wäre zu gefährlich, falls ein Feuer ausbricht.

Der Verwalter von hier war da schon etwas anders drauf: „Ihr wollt in der Kirche kochen? Damit würdet ihr gegen alle nur erdenklichen Regeln und Gesetze verstoßen! Das heißt aber nicht, dass ich etwas dagegen habe! Macht was ihr wollt. Es ist schwer, diese Kirche abzufackeln, aber es ist nicht unmöglich und ich wäre euch dankbar, wenn ihr es nicht versuchen würdet.“

Spruch des Tages: Gut, dass nicht alle Wesen so komplex sind, wie wir Menschen.

Höhenmeter: 230 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 22.387,27 km

Wetter: Sonnig, bewölkt und windig

Etappenziel: Kirche, Teddington, England

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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