Das Spiel der Wellen

von Franz Bujor
22.05.2014 17:24 Uhr

Als Freia auf dem Kirchenvorplatz auftauchte, ahnten wir noch nicht, wie sehr sie unsere Rettung sein würde. Das wurde uns erst bewusst, als wir mit ihr und ihrem Freund Jan am Küchentisch saßen und aus dem Fenster schauten. Draußen braute sich ein enormer Gewittersturm zusammen, der den Himmel spontan verdunkelte. Kurz darauf grollte der erste Donner heran und schon bald zuckten die Blitze über den Himmel als gäbe es kein Morgen mehr. Der Regen prasselte auf die Erde herab wie bei einer Sintflut und der Wind peitschte die Tropfen gegen unsere Fensterscheibe. Doch wir saßen sicher auf der anderen Seite und konnten uns das Spektakel genussvoll ansehen, während wir warm und trocken unseren Gemüseauflauf mit frischem Kürbis aßen. Von hier aus, machte dass Gewitter die Stimmung nur noch gemütlicher.

Freia und Jan erzählten uns, dass sie normalerweise in Berlin lebten und beide dort studierten. Freia studierte Medizin, war von dem was sie lernte aber nicht wirklich überzeugt. Wir sprachen viel über verschiedene Heilungsansätze und darüber, was wir über die moderne Medizin herausgefunden haben. Heiko bat sie darum, sich vorzustellen, er sei ihre kleine Tochter Marie, die sie fragt, wie eine Krankheit entstand. Sie sollte es so erklären, wie sie es von ihren Lehrern gelernt hatte, jedoch in Worten, die auch ein kleines Kind verstehen konnte. Sie überlegte einen Moment und begann dann mit einer Klärung, die sie jedoch selbst nicht wirklich befriedigte. Natürlich konnte sie das erklären, was ihre Professoren ihr beigebracht hatten, doch jetzt, wo sie die Frasen selbst hinterfragte, kamen sie ihr auf einmal auch nicht mehr schlüssig vor. „Aus irgendeinem Grund ist das Immunsystem manchmal ein bisschen schwach und dann können die bösen Bakterien, die sich überall auf unserer Haut und in der Welt befinden, in uns eindringen und uns krankmachen. Normalerweise werden diese Bakterien von den Zellen des Immunsystems besiegt. Doch warum ist das Immunsystem manchmal schwach und manchmal nicht? Warum bekommen nicht alle eine Grippe? Warum werden manche Menschen krank und andere nicht, auch wenn sie sich genau gleich verhalten? Und vor allem: Glauben wir wirklich, dass die ganze Welt voller böser Bakterien ist, die nur dafür da sind, um uns krank zu machen? Glauben wir, dass das Grundsystem der Natur Krankheit ist und dass wir diese nur mit Hilfe von chemischen Medikamenten verhindern können? Wie haben dann aber die Menschen überlebt, die vor der Erfindung der Schulmedizin geboren wurden? Wir konnten Menschen und Tiere Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen überleben, ohne dass es überhaupt Ärzte gab? Warum werden Tiere so viel seltener krank als Menschen, obwohl sie aus dreckigen Pfützen trinken und sich niemals die Hände waschen? Wer kam überhaupt auf die Theorie, dass es Bakterien sind, die uns krank machen? Und wieso wird sie nicht hinterfragt, obwohl es bis heute niemandem gelungen ist, sie zu beweisen? Wieso gibt es heute eine Milliardenschwere Medikamentenindustrie, wo Heilung früher etwas war, das man kostenlos erhielt und an dem niemand verdiente?

Auch das Gespräch mit Jan war äußerst interessant. Er war Ingenieur und arbeitete neben dem Studium für eine Firma, die in der Entwicklungshilfe tätig war. Das Konzept war folgendes: In einem Land, in dem es noch Menschen ohne eine Infrastruktur, also ohne Strom, fließend Wasser oder ähnliches gab, wurden Projekte zu dessen Förderung gestartet. Dabei gab es große deutsche Unternehmen, die das Projekt über Mikrokredite finanzierten, sofern dieses einen finanziellen Mehrwert für die Betroffenen einbrachte. Jan erklärte es uns an einem Beispiel: In Peru gibt es einige Bergvölker, die komplett ohne Strom leben und daher ihr Licht mit Hilfe von Petroleum erzeugen. Das Petroleum ist verhältnismäßig teuer. Wenn jetzt ein Stromnetz gebaut werden würde, könnten die Einheimischen also etwas Geld einsparen, da sie kein Petroleum mehr brauchten. Um das Stromnetz zu bauen bekamen die Peruaner einen Mikrokredit von einem kleinen deutschen Unternehmen wie beispielsweise der GEZ. Das Geld ging jedoch nicht an die Menschen, sondern an die Firma, die davon ein Solarkraftwerk und das entsprechende Versorgungsnetz baute. In den folgenden Jahren brauchten die Einheimischen dann kein Geld mehr für Petroleum, zahlten den gleichen Betrag jedoch an die GEZ um den Kredit abzuzahlen. Meist war es so kalkuliert, dass dies innerhalb von fünf Jahren erledigt war. Danach hatten die Menschen dann wirklich eine Ersparnis. Zumindest für weitere fünf Jahre, denn länger hielt eine Solaranlage in der Regel nicht. Dann musste sie mit Hilfe eines weiteren Kredites erneuert werden.

Auf den ersten Blick war dies eine wirklich gute Sache, doch auch Jan war nur halbwegs von diesem Projekt überzeugt. Denn es führte nicht nur dazu, dass die Menschen kein Petroleum mehr brauchten, es brachte auch alle Laster der Zivilisation mit sich. Plötzlich gab es Fernseher, die den Alltag der Menschen dominierten, die ihr bisheriges Sozialgefüge zerstörten und durch die sie träge und aggressiv wurden. Es war natürlich eine Modernisierung, doch es war damit nicht zwangsläufig eine Verbesserung. Und es führte die Menschen in eine Abhängigkeit. Wer den Komfort einmal gekostet hatte, wollte ihn nur ungern wieder hergeben, egal wie wenig gut er ihm auch tat. Dadurch wurden die Menschen, die bis dahin vollkommen autark gelebt hatten, kontrollierbar. Die gleichen Gesellschaftsmechanismen beginnen zu greifen, die auch uns in unseren goldenen Käfigen des Gesellschaftskomfort gefangen halten. War dies wirklich die Art von Hilfe, die er für die Welt beitragen wollte.

Gleichzeitig verband die beiden noch eine andere Sehnsucht. Sie träumten davon, die Welt zu bereisen und frei ihre Träume leben zu können. Doch es gab zu viele Ängste und Sorgen, die sie festhielten. Werden wir ohne unsere Freunde zu hause zurechtkommen? Wie wird sich Marie in ein Leben als Nomaden oder Aussiedler einfügen? Wird es ihr gefallen, oder wird sie ihre Freunde so sehr vermissen, dass sie nicht glücklich werden kann? Doch wenn sie ihretwegen nicht gingen, würde sie dann nicht spüren, dass sie unterbewusst der Grund dafür war, dass ihre Eltern nicht glücklich waren? Auf der anderen Seite brauchten beide, oder vor allem Jan aber auch eine finanzielle Sicherheit, eine Basis, bei der er sicher war, dass es ihnen an nichts fehlen würde. Und was wurde aus dem Sport, der ihm am Herzen lag? Er liebte es zu Surfen, Einrad zu fahren, zu Kiten und Beachvolleyball zu spielen. In Berlin konnte er all das tun, doch wie war es an anderen Orten? Freia hingegen war von Berlin nicht ganz so überzeugt. Es gab dort jede Menge Angebote für Dinge, die man in seiner Freizeit unternehmen konnte, doch es war so viel, dass sie sich nicht entscheiden konnte, was sie eigentlich wollte. Und gleichzeitig stellte sie sich die Frage, ob es nicht noch mehr gab. Ging es wirklich nur darum, sein Leben an Stränden, in Sporthallen oder auf Spielplätzen zu verbringen? War dies nicht vielleicht nur eine Ablenkung von dem, was wirklich wichtig war im Leben? Oder vielleicht sogar eine Ablenkung von all den Problemen, die es zwar gab, die man sich jedoch nicht anschauen wollte?

„Es gibt viele Menschen, die große Träume haben, doch nur die wenigsten trauen sich, diese auch umzusetzen“, sagte Freia nicht ohne Schwermut. Vielleicht waren ihre zwei Monate in Spanien ja eine Art Probezeit, in der sie einmal ausprobieren konnten, was es bedeutete, auszuwandern. Vielleicht war dies ja bereits der erste Schritt zur Verwirklichung ihrer Träume.

Am Abend klingelte unerwartet unser Telefon. Es war der Pfarrer, dem ich vor zwei Tagen einen Zettel mit der Bitte und anzurufen vor die Tür gelegt hatte. Erst jetzt war er nach Hause gekommen und bot uns nun einen Schlafplatz an, den wir natürlich dankend ablehnten. Es war wirklich lieb von ihm, doch es war auch gut, das wir nicht auf ihn gewartet hatten.

Von Samila aus wanderten wir heute zunächst entlang der Küste. Es war nicht der eigentliche Jakobsweg, aber ein Wanderweg, den Jan, Freia und Marie bereits oft mit dem Rad erprobt hatten und den sie uns sehr ans Herz legten. Er war hügelig, und daher anstrengend, dafür aber auch wunderschön. An einer Steilküste machten wir eine Pause und sahen den Wellen zu, die zum Teil meterhoch über die Steinklippen hinausschossen. Jan hatte uns erklärt, dass Wellen immer in sogenannten Sets kommen. Das heißt, es gibt immer eine Weile fast keine Wellen und dann kommen vier oder fünf große direkt hintereinander. Diese musste man als Surfer dann erwischen. Heute konnten wir dieses Schauspiel nun noch einmal genauer beobachten.

In der nächsten Bucht sahen wir einen einzelnen Surfer, der versuchte, die großen Wellen zu erhaschen. Wir sahen ihm rund zehn Minuten zu, ohne dass er dabei auch nur ein einziges Mal auf seinem Brett stand. Auch als wir weitergingen konnten wir ihn noch immer beobachten, spannend wurde es jedoch noch immer nicht. Allmählich wurde uns bewusst, dass in allen Filmen übers Surfen ein wichtiger Teil verschwiegen wurde. Die Zeit, in der man sich in einer Welle befindet ist deutlich kürzer als die, in der man im Wasser auf den richtigen Moment wartet.

Unsere Schlafplatzsuche war wieder einmal nur mit mäßigem Erfolg bestückt. Die Unterhaltungen mit den Menschen kosteten viel Zeit, führten aber letztlich zu nichts. Freia hatte es am Vortag recht gut beschrieben: „Es ist nicht so, dass die Menschen einem nicht helfen wollen, es fehlt ihnen nur an Ideen. Es ist egal worum es dabei geht, sobald ein Problem auftaucht, steht jeder da und schaut bedrömmelt in die Luft, ohne auf die Idee zu kommen, dass man vielleicht eine Lösung finden könnte.“

Wir fanden immerhin heraus, dass der Pfarrer von San Juan de la Arena in seiner Gemeinde als Schreckschraube bekannt war, von der man sich keine Hilfe erwarten konnte. In Soto hingegen gab es überhaupt keinen Pfarrer. Hier schaffte ich es immerhin, ein Angebot für einen Schlafplatz in einem fünf Sterne Hotel für 50% vom Normalpreis zu bekommen. Es half uns zwar nicht weiter, aber ich war trotzdem irgendwie stolz darauf. Da sich der Himmel bereits wieder zuzog nutzen wir die letzten trockenen Minuten, um unser Zelt aufzubauen. Wir fragten einige Anwohner, ob sie etwas dagegen hatten. „Nein, das könnt ihr ruhig machen! Der Platz gehört zwar nicht uns, aber es hat bestimmt niemand etwas dagegen!“ war die Antwort.

Bislang hat uns der Regen noch verschont, doch es sieht schon wieder sehr nach Gewitter aus. Mal sehen, was die Nacht so bringt.

Spruch des Tages: Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht. (Oliver Hassencamp)

Höhenmeter: 600 m

Tagesetappe 18,6 km

Gesamtstrecke: 2832,57 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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