Dauerregen

von Franz Bujor
29.05.2014 20:42 Uhr

Der verregnete Nachmittag war die Beste Grundlage für eine Arbeitssession im Hotel, um unser Exposee voranzutreiben und um liegengebliebene e-Mails wieder aufzuarbeiten. Darunter war auch eine Mail von Falke, einem bekannten, Hersteller von wirklich guten Wandersocken, den wir vor unserer Reise um ein Sponsoring gebeten haben. Damals war es in der Firma gerade sehr stressig zugegangen und man hatte unsere Anfrage erst einmal auf Eis gelegt. Jetzt aber war sie bearbeitet worden und zwei große Kartons mit insgesamt knapp 60 Wandersocken für alle Lebens- und Wetterlagen befanden sich auf dem Weg zu Heikos Eltern. Dort warteten sie dann auf ihren Einsatz. Die Sockenfrage wäre für die nächsten Jahre dann also erst einmal geklärt!

Plötzlich klingelte unser Hoteltelefon und riss uns aus unserer Arbeitskonzentration. Wer mochte das sein? Ich hob den Hörer ab, doch es erklang nur tiefe Stille. Vielleicht verwählt! Doch keine zwei Minuten später klopfte es an der Tür. Es war André, der uns zum Abendessen einladen wollte. Sowohl er als auch René und Gertrude, die Dame aus Belgien, wohnten alle in unserem Hotel. Als wir René am frühen Nachmittag auf dem Platz getroffen hatten, hatten wir uns erst über den lustigen Zufall gefreut, doch am Abend wurde uns klar, dass es sich bei dieser Begegnung um mehr als einen bloßen Zufall handeln musste. Ribadeo besaß weit mehr als zehn verschiedene Hotels, die vornehmlich von Pilgern gebucht wurden, sowie eine Pilgerherberge. Wie konnte es also sein, dass wir alle das gleiche Hotel bewohnten? Noch dazu, wo wir unsere Wahl ohne jede Überlegung getroffen hatten und darauf angewiesen waren, dass uns der Hotelchef einlud.

Wir wählten eine kleines Restaurant, dass ein Tagesmenü mit verschiedenen Auswahlmöglichkeiten anbot. Außer René wählten wir alle eine Suppe als Vorspeise. Er wählte eine Tortilla Española, was bewies, dass er noch nicht allzu oft in typisch spanischen Restaurants gegessen hatte. Als Hauptgericht gab es Schnitzel und Hühnchen zur Auswahl, wobei sich die Männer einheitlich für das Schnitzel entschieden. Wir wurden fast ein bisschen rührselig in Anbetracht des heimatlich anmutenden Essens.

Die gesellige Runde blieb auch nach dem Essen noch lange zusammen. Als es dunkel und kalt wurde wechselten wir von der Terrasse in den Innenraum des Restaurants und setzten unseren Kreis dort fort. Die Gespräche waren zum Teil lustig und voller Anekdoten, zum Teil ernsthaft und tiefsinnig. Vor allem André und René hatten viele Fragen mit auf den Weg genommen und waren froh, nun einmal ausgiebig darüber sprechen zu können. Auch Gertrude war mit der Motivation auf den Jakobsweg aufgebrochen, sich für einen neuen Lebensabschnitt zu orientieren. Sie hatte lange Zeit für eine Organisation gearbeitet, die freiwillige Jugendliche in Hilfsprojekte vermittelte. Doch ihr war klar geworden, dass sie mit ihrer Arbeit nicht die Hilfe leisten konnte, die sie eigentlich wollte. Viele der Jugendlichen konnten sich die Veränderungen, die es benötigte nicht einmal mehr vorstellen. Und diejenigen, die es konnten, wurden dann in Projekte vermittelt, in denen sie arbeiten und etwas beitragen konnten, ohne dafür aber eine Gegenleistung zu bekommen. Auch ihre Wohnung und ihre Verpflegung mussten sie selbst bezahlen. Das ist nicht ungewöhnlich für soziale Projekte und für die Projekte selbst ist es eine großartige Überlebensstruktur. Doch tut man damit langfristig wirklich etwas Gutes?

Als wir uns auf den Heimweg zum Hotel machten, war es bereits nach Mitternacht.

Am nächsten Morgen trafen wir André und René bei Frühstück wieder. Gertrude war bereits aufgebrochen. Da wir nicht allzu weit wandern wollten, schien es, als sei nun wirklich die Zeit für den Abschied gekommen, was vor allem René besonders schwer viel.

Der Tag begann so, wie der letzte geendet hatte: Mit einer ordentlichen Portion Regen.

Auf dem Weg durch die Stadt kamen wir an einem Villenviertel vorbei, das gegen Besucher und Eindringlinge hermetisch abgeriegelt war. Um das viertel zu betreten musste man durch ein Haupttor, dass die Straße versperrte. Ein Tor, das mit Kameraüberwachung und Tastenfeld für einen Code ausgestattet war.

Mit Ribadeo verließen wir auch die Küste, denn von nun an führte der Weg ins Landesinnere. Dis Santiago waren es nun nicht einmal mehr 200 Kilometer. Die Landschaft war geprägt von ausgedehnten Eukalyptuswäldern, die im Dauerregen wirklich wie ein tropischer Dschungel aussahen. Heiko fühlte sich immer mehr an seinen ersten Jakobsweg zurückerinnert. Die letzten 500 Kilometer vor Santiago hatte er damals all seine Ausrüstung abgegeben und war mit nichts als einem Messer und einem Funkenschläger weitergepilgert. Eine Wasserflasche hatte er unterwegs gefunden und Unterstände musste er sich aus dem Bauen, was der Weg ihm zur Verfügung stellte. Auch damals hatte es mit dem Eintritt nach Galizien zu Regnen begonnen und bis zu seinem Einzug nach Santiago nicht mehr aufgehört. Dieses Mal würde es wohl ähnlich sein, zumindest, wenn man dem Wetterbericht glaubte, der auf dem Fernseher im Restaurant von gestern Abend zu sehen war.

Das Wetter lud weit mehr zum Einkehren als zum Wandern ein und so waren wir recht erfreut, als wir bereits nach 6 Kilometern an der ersten Herberge vorrüberkamen. Doch die Freude wehrte nicht lange. Der Herbergsleiter stellte sich als unfreundlicher alter Griesgram heraus, der sich nicht einmal die Mühe machte, uns überhaupt zuzuhören. Dafür trafen wir vor der Herberge wieder auf André. Er hatte sich nach dem Frühstück noch einmal ein wenig schlafengelegt und war erst eine gute halbe Stunde nach uns aufgebrochen. Da er um einiges schneller unterwegs war, als wir, trennten wir uns kurz darauf wieder. Nicht zum letzten Mal, wie sich herausstellen sollte.

Der Weg führte uns weiter durch den Regenwald und schließlich in ein dünnbesiedeltes Weideland, dass eher an Nordirland als an Spanien erinnerte. Nach einigen Kilometern kamen wir an einer Hühnerfarm vorbei, die versteckt in einem kleinen Wäldchen lag. Der bestialische Gestank verriet bereits von weitem, dass hier hauptsächlich mit Fischmehl gefüttert wurde. Laut Lebensmittelrichtlinien war das zwar verboten, aber hier störte sich offenbar niemand daran.

Nach rund 19km kamen wir zur nächsten Herberge. Sie war klein, nicht besonders gemütlich und sie hatte nur ein Bad für 14 Personen. Aber sie hatte eine Küche und war umsonst. Um sich anzumelden musste man in die nahegelegene Bar. Dort trafen wir dann unseren alten Pilgerklan wieder. Zunächst nur André und Gertrude, denn René hatte sich mal wieder verlaufen. Er kam rund eine halbe Stunde später. Alle drei hatten jedoch beschlossen, dass sie noch bis zur nächsten Herberge weiterwandern wollten, in der Hoffnung, dass diese etwas wohnlicher war, als die hiesige. Wir mussten uns also erneut verabschieden, wer weiß, für wie lange dieses Mal.

Spruch des Tages: Jeden Tag musst du lernen, wieder loszulassen.

 

Höhenmeter: 530 m

Tagesetappe 19 km

Gesamtstrecke: 2987,07 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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