Spaniens Tour de France

von Franz Bujor
30.05.2014 21:57 Uhr

Santiago liegt nun nur noch rund 170km von uns entfernt und rückt jeden Tag näher. An sich ändert sich dadurch nicht viel, denn es ist im Grunde genommen nur eine Stadt wie jede andere mit einer verhältnismäßig großen Kathedrale in der sich wahrscheinlich die Knochen des heiligen Jakobus befinden. Ob es wirklich seine Knochen sind oder vielleicht doch die, eines Straßenhundes, der vor 700 Jahren von einer Kutsche überfahren wurde, weiß letztlich niemand. Auch ist das, was der gute Jakobus in seinem Leben geleistet hat, eher fragwürdig, gilt er doch als Hunnenschlächter, der meist als Ritter zu Pferd dargestellt wird, wie er gerade dabei ist, am Boden liegende ungläubige zu zerstückeln. Santiago als solches ist damit kein bisschen bedeutsamer als Vezéley oder Santo Toribio und es ist mit Sicherheit auch kein bisschen weniger Touristisch. Und doch ist das Gefühl diesmal ein anderes. Bei allen anderen Pilgern kann man es sogar noch deutlicher sehen, als bei uns selbst. Für sie bedeutet Santiago sowohl das langersehnte Ziel als auch das gefürchtete Ende ihrer Reise. Die gemeinsamen Runden der Wanderer, die sich am Abend in den Herbergen treffen, sind deutlich von zwei gegensätzlichen Stimmungen geprägt. Zum einen wird ausgiebig gefeiert, dass man wieder eine Etappe geschafft hat und zum anderen kommt immer mehr Wehmut und Trauer auf, dass die Zeit des Reisens nun bald wieder vorbei ist. Bei uns ist es etwas anders. Santiago ist nicht das Ende unserer Reise, sondern nur das erste große Zwischenziel.

Es ist das Ende des ersten Kapitels. Nach Santiago werden wir keine Jakobspilger mehr sein, sondern Weltreisende auf dem Weg nach Fatima und Rom. Es mag nicht viel verändern, doch das Gefühl ist schon ein anderes. Mit dem nahenden Zwischenziel kommt auch eine Phase des Resümierens in uns auf. Am ersten Januar hatte Santiago so unendlich weit weg gewirkt. Was würde sich alles verändert haben, wenn wir erst dort sind? Was würden wir in der Zeit alles lernen? Wir hatten viele Hoffnungen und Erwartungen. Vieles ist vollkommen anders verlaufen, einiges hat sich erfüllt und vieles, von dem was wir erlebt haben, hätten wir uns vor der Reise niemals erträumen lassen. So fit wie wir es uns erhofft hatten, sind wir noch nicht. Der Prozess dauert offenbar deutlich länger. Heiko hat noch immer seine Ohrengeräusche und ich bin noch immer kurzsichtig. Auch in Sachen Strukturiertheit und Aufmerksamkeit hat sich erst wenig verändert. Es wird besser, aber so langsam, dass man es kaum merkt. Und es ist kein konstanter Prozess. Alles kommt eher in Schüben und Wellen. Mal klappt etwas gut und wenn man meint, man habe es jetzt verstanden, tappt man in die gleichen Fallen wie zuvor. Heilung braucht Zeit, da ist ein Weg von 3000km überhaupt nichts.

Auf der anderen Seite hätten wir uns nie erträumen lassen, wie gut es sich ohne Geld leben lässt und dass wir selbst so kurz vor Santiago noch immer so leicht Schlafplätze und Nahrung finden.

Ok, der Schlafplatz von gestern war jetzt nicht der Hit und auch unser selbstgekochtes Essen aus Reis, Formschinken, Tunfisch, Sardinen, Salami, Schmelzkäse, Olivenöl, Knoblauch und scharfen Gewürzen war etwas gewöhnungsbedürftig, aber so war eben jeder Tag unterschiedlich. Heute bekamen wir dafür wieder ein luxuriöses Hotel mit Badewanne, eigener Küche und einem wirklich schönen Doppelzimmer.

Die Betten gestern mussten wir, um darin schlafen zu können, erst einmal mit einem alten Saustrick zusammenbinden. Sonst wären sie so wackelig gewesen, dass wir Angst hatten, die Pilger unter uns mit samt dem Bett zu erschlagen, sobald wir uns auch nur ein einziges Mal umdrehten.

Einer der beiden Pilger unter uns war ein Japaner, der eher schweigsam war, aber eine unglaublich sympathische und ruhige Ausstrahlung hatte. Die meiste Zeit saß er nur da und spielte in seinem iPad, doch irgendwie hatte er dennoch etwas beeindruckendes an sich.

Der zweite Pilger kam aus der Schweiz und war Journalist. Als wir ihm von unseren Projekten und der Schwierigkeit einen passenden Verlag zu finden erzählten schaute er uns nur ungläubig an. „Das klingt doch spannend!“ sagte er, „Da muss es doch einfach sein, jemanden zu finden, der die Sachen veröffentlicht!“ Als wir ihm jedoch sagten, dass es dabei auch um einige Fakten über einflussreiche Unternehmen und über gesellschaftliche Hintergründe geht, lenkte er sofort ein. „Ok, das ist klar, wenn ihr damit jemandem ans Bein pinkelt, dann wird es natürlich schwierig. Das ist ganz normal in der Brange. Gegen die Geldgeber darf niemand etwas schreiben!“

Wir konnten es nicht fassen! Wie konnte das ‚in der Brange normal sein’? Es kann doch nicht angehen, dass alle Medien gekauft sind und sich einfach niemand deswegen einen Kopf macht!

Als wir am Morgen aufwachten war die Herberge bereits komplett leer. Der Schweizer und der Japaner hatten es beide geschafft, unser Zimmer zu verlassen, ohne uns zu wecken und durch die geschlossene Tür hatten wir die anderen nicht gehört. Es war nun kurz vor 9:00 Uhr und wir waren die letzten Gäste. Heiko hatte am Morgen einmal auf die Uhr geschaut, als er zum Pinkeln musste. Es war kurz vor 6:00 Uhr gewesen und die ersten Pilger waren bereits am Aufbrechen. Alles was jetzt noch von ihnen zeugte, war der Saustall den sie hinterlassen hatten. Überall lag Müll, die Spüle war voller Essensreste und der gesamte Küchenboden war vollgekrümelt. Dass die Herbergsbetreiber keinen guten Bezug zu ihren Gästen hatten, war daher kein Wunder. Es war ein gepflegtes Leck-Mich-Am-Arsch-Gefühl von beiden Seiten. Die Betreiber machten sich nicht die Mühe, die Herberge wohnlich zu gestalten und die Besucher störte es nicht sie dreckig zu hinterlassen. Es war wie in den Jugendheimen, die wir auf unserer Obdachlosentour besucht hatten. Die Betreiber hatten sich darüber beschwert, dass die Jugendlichen alles zerstörten oder besprayten und die Jugendlichen hatten sich beklagt, dass sie sich nie zuhause fühlen konnten. Warum sollten sie etwas schützen, dass sie nicht mochten? Auch hier war es so. Je gepflegter eine Herberge war, desto mehr legten die Gäste Wert darauf, sie auch so wieder zu hinterlassen.

Als wir aufbrechen wollten wartete gleich eine Überraschung auf uns. Heikos Wagen hatte einen Platten, und das trotz der neuen Mäntel. Sie machten einen Reifen also offenbar doch nicht unsterblich. Immerhin konnten wir ihn an der Herberge bequem tauschen und flicken.

Das Wetter war heute wieder milder gestimmt und schenkte uns einige Sonnenstrahlen. Wir wanderten durch die Berge bis nach Vilanova de Lourenzá. Im Rathaus wollte man uns hier nicht weiterhelfen. Pilger waren auch hier offiziell nichts anderes als Geldmelkmaschinen. Doch im Hotel Casa Gloria hatten wir mehr Glück. Das Haus ist sowohl ein Hotel als auch eine Konditorei, die wirklich köstlich aussehendes Süßgebäck herstellt. Leider natürlich mit Zucker, also konnten wir es nicht probieren.

Vilanova de Lourenzá ist heute der Austragungsort eines Radrennens, für das die ganze Stadt umgebaut wurde. Die Polizei beschlagnahmte den gesamten Kirchenvorplatz, unzählige Begleitfahrzeuge parkten alles zu und sämtliche Hauptstraßen wurden abgesperrt. Ein Mann schrie über ein Megaphon das gesamte Dorf zusammen überall wuselten Menschen im Radlerdress. Nur die Einheimischen kümmerten sich nicht um das Spektakel. Es war nicht zu glauben, aber es gab tatsächlich so gut wie keinen Zuschauer.

Spruch des Tages: Der Weg ist das Ziel

Höhenmeter: 220 m

Tagesetappe 11 km

Gesamtstrecke: 2998,07 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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