3000 Kilometer!

von Franz Bujor
31.05.2014 21:13 Uhr

Heute gab es gleich drei unterschiedliche Jubiläums zu feiern. Es ist unser 150. Tag, wir haben die 3000km-Marke geknackt und wir sind nun seit genau 5 Monaten unterwegs. Ok, das erste und das letzte Jubiläum mögen möglicherweise das gleiche sein aber warum sollte man nur zwei Dinge feiern, wenn man auch drei feiern kann? Zur Feier des Tages wanderten wir heute nur 8 Kilometer und ließen uns dann wieder einmal in ein Hotel einladen. Man kann sich durchaus an diesen Lebensstil gewöhnen. Leider war das Essen diesmal nicht inklusive und da es keine Küche gab, mussten wir wieder auf die altgeschätzten Bocadillos zurückgreifen. Doch bevor ich darauf zurück komme, muss ich noch kurz auf gestern Nachmittag eingehen.

Unser Rundgang durch die Ortschaft war schnell erledigt und es gab außer dem Radrennen nichts zu sehen, dass ich nicht auch bei meiner Schlafplatzsuche schon gesehen hätte. Also beschlossen wir der Pilgerherberge einen Besuch abzustatten und zu schauen, ob wir nicht ein paar alte Bekannte wiedertreffen würden. Alte Bekannte trafen wir zwar nicht, dafür lernten wir aber ein paar neue kennen. Es handelte sich dabei um ein Geschwisterpaar, dass den Jakobsweg von Santander gemeinsam zurücklegte. Die beiden Schwestern hatten beschlossen, ihre Familien für ein paar Wochen sich selbst zu überlassen und sich etwas Zeit für sich selbst zu nehmen. Beide waren ebenso wie wir vor unserer Reise im pädagogischen Bereich tätig, eine als Sonderschullehrerin und die andere als Sozialpädagogin. Es war spannend, sich mit ihnen über alte Geschichten auszutauschen und zu sehen, dass sie viele ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Auch sie empfanden es so, dass es immer schwieriger wurde mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, weil sie sich mehr und mehr von einem natürlichen Leben entfremdeten. Später fiel uns auf, dass uns das Erzählen von unseren Schulklassen- und Jugendgruppen-Storys noch immer mitnahm. Viele andere Geschichten konnten wir einfach als Anekdoten erzählen, ohne dass es uns belastete. Diese jedoch ließen sofort viele alte Gefühle wieder aufkochen.

Das erste, das uns aufgefallen war, als wir die beiden Frauen kennengelernt hatten war, dass die ältere von beiden auch mit einem Pilgerwagen unterwegs war. Sie hatte eine kleinere Variante mit kleineren Rädern und ohne Aluminiumaufbau, doch ansonsten war es das gleiche Konzept wie bei unseren. Sie hatte ihren Wagen einige Zeit nach uns gekauft und hatte durch den Pilgerwagendealer unseres Vertrauens sogar schon von uns gehört. Auch unser Reisetagebuch hatte sie immer wieder verfolgt und so brauchten wir gar nicht allzu viel über uns erzählen. Schön zu sehen war auch, dass der Händler bei dem neuen Model bereits einige Kinderkrankheiten von denen wir ihm berichtet haben, ausgebessert hatte. So war die Bremse bei diesem Model deutlich fester und konnte sich nicht mehr bewegen. In Zukunft sollten Pilger und Expeditionsreisende, die mit dem Pilgerwagen unterwegs sind dann also auch keine Probleme mit verbogenen Deichseln, brechenden Achsen und herausfallenden Bremsbelegen mehr haben.

Da die beiden noch etwas von ihrem Mittagessen übrig hatten, luden sie uns auf eine gute Portion Nudeln mit Tomatensauce ein. Wir saßen auf der Wiese vor der Herberge in der Sonne, quatschten und genossen das Essen, als plötzlich zwei neue Pilger ankamen, die ebenfalls zwei Wagen hinter sich herzogen. Es waren keine Pilgerwagen in dem Sinne, sondern eher eine Art Trollis, auf die sie ihre Rucksäcke geschnallt hatten. Sie hatten winzige Räder und mussten von Hand gezogen werden. Bergauf und abseits der Straße musste das die Hölle sein. Als unsere beiden Gastgeberinnen die Neuankömmlinge erblickten, schauten sie sich vielsagend an und begannen zu kichern. Auch wir mussten bei dem Anblick schmunzeln, denn die beiden gaben wirklich ein uriges Bild ab. Die Frau war um die 50, klein und schüchtern, trug einen eigenartigen Schlapphut und hatte außer ihrem Handkarren noch einen riesigen Rucksack auf. Der Mann war etwas größer und älter. Er trug einen grauen Bart ansonsten aber fast nichts. An Gepäck hatte er nur seinen Trolli dabei, der etwas kleiner ausfiel als der seiner Frau.

„Wir haben die beiden schon einige Male gesehen und vor allem schon viel über sie gehört!“ sagte die jüngere der beiden Schwestern. „Wenn sie in der Herberge ankommen, legt er sich sofort schlafen. Sie geht dann los um einzukaufen, kommt zurück, kocht und bringt ihm das Essen ans Bett. Es ist jeden Tag die gleiche Prozedur. Aber es ist noch nicht alles. Nach dem Essen bekommt er eine Massage von ihr, damit er sich wohl fühlt. Dann schläft er weiter, sie räumt auf und wenn alles erledigt ist, dann geht auch sie schlafen.“

„Da das ist doch mal ein vernünftiges Beziehungssystem!“ scherzte Heiko mit ironischer Stimme. „Also wenn ich die Frau wäre, hatte ich ihn wahrscheinlich gleich am ersten Tag in den Wind geschossen! Obwohl es ja wirklich Menschen gibt, die darauf stehen, wenn sie als Sklaven behandelt werden. Es ist ein Fetisch, der sogar weiter verbreitet ist, als man denkt.“

Kurze Zeit später sahen wir die Frau wirklich, wie sie mit ihrem Trolli an uns vorbei in Richtung Stadt dackelte. Die Tasche war nun leer und bot damit genügend Platz für Einkäufe. Kurz bevor wir uns verabschiedeten um zum Hotel zurückzukehren, kam die Frau wieder. Der Wagen war nun voller Lebensmittel. Schüchtern blickte sie uns an und grüßte mit kaum wahrnehmbarer Stimme, bevor sie im Inneren der Herberge verschwand.

Obwohl der Weg mit seinen 8km heute zu den kürzesten auf unserer gesamten Reise gehörte, strengte er uns ordentlich an. Das Wetter war schwülwarm und schweißtreibend und die Straße führte fast die ganze Zeit bergauf. Dafür waren die Menschen, denen wir begegneten unerwartet freundlich. Wir waren damit fast ein wenig überfordert. Man grüßte und winkte uns, viele lächelten und einige Male hatten wir sogar richtige kleine Gespräche, bei denen sich die Menschen wirklich für uns interessierten. Wir konnten es kaum glauben, aber die Grundstimmung der Menschen in Galizien schien deutlich besser zu sein, als in den anderen Regierungsbezirken, durch die wir bisher gereist sind. Damit wird die Ausrede, dass die schlechte Stimmung der Menschen durch die jahrelange Wirtschaftskriese begründbar ist endgültig unglaubwürdig. Denn Galizien ist die ärmste Region in ganz Spanien. Wenn die Menschen hier ihre Lebensfreude behalten konnten, warum konnten sie es dann woanders nicht? Liegt es vielleicht doch weniger an den materiellen Gütern und dem Geld und mehr an der inneren Einstellung zum Leben an sich?

Am Ortseingang von Mondoñedo trafen wir eine weise alte Frau, die uns viel darüber erzählen konnte. Sie freute sich über die Wanderer, die hier vorüberkamen. „Freiheit ist eine wichtige Sache im Leben!“ sagte sie. Sie hatte viele Pilger vorbeiziehen sehen und war überzeugt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen musste. Sie selbst hatte ihr Leben in Galicien verbracht, sie hatte den Bürgerkrieg miterlebt, hatte ihr Leben lang auf dem Feld gearbeitet, mehrere Kinder großgezogen und wusste, was Armut bedeutet. Es hatte viele schwere Zeiten gegeben, aber sie hatte stets das Beste daraus gemacht. „Es ist wichtig, glücklich und dankbar zu sein, mit dem was man hat. Wenn man Gesund ist, ist das Grund genug um glücklich zu sein und glücklich zu sein, ist der beste Weg, um sich seine Gesundheit zu erhalten.“ Die Frau war lustig, fröhlich und wirkte deutlich jünger als 78, obwohl ihre Haut vom Wetter gegerbt war. „Wenn ihr nach eurer Weltreise wieder hierher kommt,“ sagte sie, „dann müsst ihr mich besuchen und von euren Erlebnissen berichten!“ Zum Abschied ließ sie es sich nicht nehmen, uns zwanzig Euro mit auf den Weg zu geben. „Damit ihr uns hier in guter Erinnerung behaltet!“ sagte sie und fügte dann hinzu: „Möget ihr eine schöne und fröhliche Reise haben, auf der ihr alles findet, was ihr sucht! Und grüßt eure Eltern von mir. Ich weiß als Mutter, dass sich Eltern immer um ihre Kinder sorgen, aber es ist eine wichtige Reise die ihr macht und sie wird euch ein glückliches Leben bringen! Gott sei mit euch und beschütze euch! Gute Reise!“

Sie ging noch ein paar Meter mit uns mit, bis zu ihrem eigenen Haus. Dann verabschiedete sie sich endgültig. Es war die kraftvollste Begegnung mit einem Menschen, die wir seit langem hatten und wir konnten nicht aufhören zu schmunzeln und uns darüber zu freuen, bis wir das Stadtzentrum erreicht hatten. Hier fragten wir im Hotel Montero nach einem Schlafplatz. Die Frau am Empfang war zunächst etwas zögerlich, sagte dann aber zu und überreichte uns den Schlüssel.

Auf dem Zimmer beschlossen wir, nur noch kurz einige Neuerungen an der Homepage vorzunehmen, bevor wir in die Stadt gehen und etwas zu Essen besorgen wollten. Wie sich herausstellte war dies die dümmste Idee seit langem. Wir verbrachten 3 Stunden damit, irgendwo im Internet herumzuwurschteln, ohne dass wir merkten, wie die Zeit verrann. Am Ende waren wir frustriert und genervt und nahezu keinen Schritt weiter. Es war nicht zu fassen, wie viel Zeit dieses Netz fressen konnte, ohne dass man dadurch produktiv wurde. Schließlich verbannten wir unsere Computer zurück in ihre Hüllen und suchten in der Stadt nach einem Stimmungsaufheller. Mondeñedo galt als kulturelles Highlight der Region, da es früher einmal die Hauptstadt von Galizien war. Doch diese Zeit ist lange her und heute ist die Stadt nahezu ausgestorben.

In der alten Kathedrale entdeckten wir eine große Jesusstatue, die uns ins Grübeln brachte. Der junge Heiler und Religionsbegründer stand nach seiner Kreuzigung mit durchbohrten Händen und Füßen auf einem Podest und segnete die Menschen unter ihm. Zum ersten Mal achteten wir bei diesem Anblick genauer auf seine Wunden. War es ein Zufall, dass es ausgerechnet die Handflächen waren, die man ihm durchbohrt hatte? Die Handflächen waren die Körperstellen in denen sich die Energie für die energetische Heilung bündelte. Seine Füße, wurden ebenfalls durchbohrt und in vielen Abbildungen sieht man ihn mit einem Schnitt in der Brust und einem Dornenkranz auf dem Kopf. Die Füße sind energetisch betrachtet die Verbindung zur Erde, der Kopf stellt die Verbindung zur kosmischen Kraft dar und das Herz ist das Zentrum und die Verbindung zum eigenen Selbst. Diese Punkte findet man nicht nur im christlichen Glauben, sondern auch im Reiki, beim Healing Touch von Stalking Wolf und bei vielen anderen Heilungstraditionen. Es mag also kein Zufall sein, dass Jesus nicht gehängt oder gesteinigt wurde.

Im Café vor der Kathedrale trafen wir auf Rose und Monika, zwei Pilgerinnen, die in Irun gestartet waren. Sie reisten insgesamt sechs Wochen und waren auch ganz gemütlich unterwegs. Rose erzählte uns von einer Gemeinschaft namens 13 Stämme, die eine Pilgerherberge bei San Sebastian betreiben. Damals haben wir diese leider nicht gefunden, sonst hätte sich ein Besuch dort sicher gelohnt. Die Gemeinschaft vertritt die Ansicht, dass alles, was über die Medien an Menschen herangetragen wird schädlich und daher zu vermeiden ist. Sie leben mit mehreren Familien in einem Klansystem, schotten sich so gut wie möglich von der Außenwelt ab und erziehen ihre Kinder in eigenen Privatschulen. Von dem was Rose erzählte scheint es eine ziemlich eigene Gruppe zu sein, die Gäste jedoch mit offenem Herzen empfängt. Es wäre sicher spannend gewesen, sie näher kennenzulernen.

Spruch des Tages: Schon wieder liegen weitere 1000km hinter uns.

 

 

Höhenmeter: 460 m

Tagesetappe 8 km

Gesamtstrecke: 3006,07 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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