Wellnesshotel mit Sauna

von Franz Bujor
02.06.2014 21:17 Uhr

Gontán war ein kleiner Ort, in dem nahezu niemand lebte und in dem man am Sonntag auch nahezu nichts zu essen finden konnte. Es gab drei Bars, von denen uns eine etwas spendierte und einige Privatpersonen steuerten noch etwas Wurst und Obst bei. Die Kekse, die wir bekamen verschenkten wir an Rose und Monika, was angesichts der dürren ausbeute nicht leicht für uns war. Das Essen, das wir von den Privatpersonen bekommen hatten war einwandfrei und für spanische Verhältnisse sogar gut. Vor allem das Obst war der Knaller! So saftige, und geschmacksintensive Früchte findet man in Deutschland selten. Nur die lokale Spezialität, die wir in der bar bekommen hatten war nahezu ungenießbar. Es war ein flaches Gebäck, dass an einen Kuchen erinnerte, doch statt einer Schicht mit Erdbeeren oder Äpfeln enthielt es Fleisch, Wurst und Paprika. Das hätte sogar ganz gut schmecken können, hätte man nicht sorgfältig darauf geachtet, nur Knorpel, Fettränder und Sehnen zu verarbeiten. Wir haben unser bestes gegeben, doch das meiste war so unkaubar, dass wir es wieder ausspucken mussten. Es zu verschenken war schon fast etwas dreist gewesen, doch gab es wirklich Menschen, die dafür Geldausgaben? Oder hatte der Schlachter vielleicht eine Wette abgeschlossen und behauptet, dass er es schaffen konnte, diese Fleischabfälle noch vor Sonnenuntergang an den Mann zu bringen. Und genau in diesem Moment war ich durch die Tür gestiefelt und hatte mich als Opfer angeboten.

Die einzige Touristenattraktion, die es in Gontán gab, waren die Pilger. Die alte Frau, mit der wir uns am Abend unterhielten sah das genauso. Für die Pilger hingegen, waren wir das Tageshighlight, denn wir waren ein Phänomen, dass sie einfach nicht begreifen konnten. Nicht nur, dass wir direkt vor ihrer Nase auf einem Spielplatz zelteten, wir setzten uns auch noch in die Sonne, packten unsere Laptops aus und begannen zu arbeiten. Später stellte sich Heiko auf eine Wiese um mit der Kristallkugel zu trainieren, was sie dazu verleitete, skeptische und gleichzeitig interessierte Blicke in seine Richtung zu werfen, in der Hoffnung, er würde es nicht merken. Am Abend setzten wir der Sache dann noch die Krone auf, als wir begannen, barfuß bzw. mit Badeschlappen, auf dem Geländer vor der Herberge zu balancieren, während sich alle anderen einige waren, dass sie ihre Füße heute nur noch zum hochlegen gebrauchen konnten. Und als wäre das noch immer nicht genug setzten wir uns dann noch an die Herbergswand, aßen unser restliches Picknick und schauten dabei einen Film auf dem Laptop an.

Als Strafe für dieses absolut unpilgerliche Verhalten schlossen sie dann die Tür ab, so dass wir das Klo in der Nacht nicht mehr benutzen konnten. Warum sie das taten wurde uns nicht klar, aber man musste ja auch nicht alles verstehen. Am wenigsten verstanden wir den jungen Mann, der sich beim Rauchen selbst aussperrte und dann verzweifelt vor der Tür stand. Er hätte da auch noch bestimmt eine Stunde oder länger gestanden, wenn wir ihn nicht auf die Idee gebracht hätten, drei Meter weiter links ans Fenster zu klopfen, anstatt an die Tür, hinter der sich niemand befand. Er war überglücklich und erleichtert, bedankte sich drei Mal, ging nach innen und schloss die Tür hinter sich, so dass wir wieder ausgesperrt waren.

Es war übrigens der gleiche Mann gewesen, den ich eine gute Stunde zuvor gefragt hatte, ob es in der Herberge Internet gab. Er hatte daraufhin geantwortet, dass er es nicht wusste, dass es aber weiter unten ein Bushäuschen gäbe, in dem man sich mit Sicherheit ins w-LAN-Netz einwählen konnte. Denn dort hatte er gerade zwei Männer mit Computern gesehen, die gearbeitet hatten. Es dauerte ewig, bis ihm aufging, dass es sich bei den beiden Männern um uns gehandelt hatte.

Vor dem Einschlafen kamen wir nun wirklich einmal dazu, das Wut-Ritual zu machen, dass wir schon so lange vor uns herschoben. Es war einfach, in die Gefühle zu kommen und an alles zu denken, was einen irgendwie aufregte. Doch die Sache mit dem Loslassen und die Negativität ins gedankliche Wandlungsfeuer zu geben, war bedeutend schwieriger. Ich kann nicht sagen, ob es wirklich erfolgreich war. Wutfrei und hundert prozentig im inneren Frieden fühle ich mich jedenfalls noch nicht. Vielleicht braucht das ja seine Zeit.

In der Nacht jedenfalls kamen bei mir auch einige recht wilde Träume auf. Ich erinnere mich nur noch an Einzelheiten und nicht mehr an die größeren Zusammenhänge, aber es kam mehrfach die gleiche Gefühlskette darin vor. Zunächst war ich am Strand und fuhr einen Expeditionsbus, den ich dann so weit in die Wellen steuerte, dass er einsank. Gemeinsam mit den Teilnehmern schafften wir es in letzter Sekunde, den Bus wieder auf sicheren Boden zu schieben. Später saß ich dann in einem Segelboot und irgendwie löste ich dabei ausversehen ein großes Segel, das sich ausrollte und das Schiff fast zum Kentern gebracht hätte. Wieder gelang es mir mit Hilfe und in letzter Sekunde, das drohende Unglück zu verhindern. Es war eine Ereignis- Gefühlskette, die ich auch aus meinem Alltag gut kannte. Durch Unachtsamkeit löste ich ausversehen irgendein Problem aus. Dann kam sofort ein Gefühl von Angst und Schuld, sowie Stress in mir auf. So schnell es ging musste ich das Problem wieder lösen und damit das Unglück abwenden. Es gelang mit stets und danach kam ein Gefühl der Erleichterung auf, aber gleichzeitig auch ein Ärger über mich selbst, dass ich das Problem überhaupt hatte entstehen lassen. Vielleicht war dies auch eine der Hauptpunkte, die mich im Moment ärgerten und die ich im Ritual nur so schwer hatte loslassen können.

Als wir am Morgen aus dem Zelt krochen waren die Pilger bereits alle ausgeflogen. Jetzt stand die Tür sperrangelweit offen. Was das sollte, leuchtete uns noch weniger ein. Wäre es nicht höflich gewesen, die Tür beim Gehen zu schließen, dafür aber in der Nacht offen zu lassen, wenn man wusste, dass draußen jemand zeltete, der sich über eine Toilette freuen würde?

Der Weg führte uns 19km an der Schnellstraße entlang. Das heißt der eigentliche Jakobsweg verlief mal links und mal rechts davon, wobei er jeden Berg mitnahm, den er finden konnte. Da die Schnellstraße jedoch wieder einmal absolut unbefahren war, entschieden wir uns für den direkten weg. Tatsächlich sahen wir den kompletten Tag über auf der Nationalstraße weniger Autos, als am Morgen in Gontán. Das Dorf hatte keine dreihundert Einwohner und doch war dort in der Früh ein Autolärm verursacht worden, wie bei einem Formel-1-Rennen.

Einige Kilometer hinter dem Ort winkte uns eine ältere Dame aus einem Fenster zu. Kurz darauf trat sie auf die Straße und fragte uns, ob wir nicht auf einen Tee hereinkommen wollten. Wir sagten zu und fanden uns kurz darauf in einer kleinen gemütlichen Küche wieder. Die Frau hieß Rosa und ging mit nur bis zur Hüfte. Selbst als wir saßen waren wir noch immer größer als sie. Genauso war auch ihre Küche eingerichtet. Alles wirkte, als wäre es gerade aus dem Märchen von Schneewittchen und den 7 Zwergen entsprungen. Tatsächlich lebten hier 4 Zwerge, bzw. 4 Schwestern. Es waren Nonnen vom Schwesternorden „Sacrificia Familia“, dem gleichen oder einem ähnlichen Orden, den wir damals in Clairvaux bereits kennengelernt hatten. Und auch die Frauen hier waren genauso liebenswürdig wie die von Clairvaux. Rosa war 78 und lebte seit 30 Jahren hier in diesem Haus. Früher war es einmal ein Pfarrhaus gewesen, doch der Pfarrer hatte es bereits vor langer Zeit verlassen. Die Nonnen hatten es komplett renoviert und runderneuert, so dass es nun ein wirklich schönes Quartier war. In der Küche stand ein großer Tisch aus Marmor, dessen Mitte gleichzeitig der Herd war. Es war jedoch nicht irgendein Herd, sondern einer, der mit Holz befeuert wurde. Auf ihm röstete Rosa etwas Brot für uns, dass wir dann mit Butter bestrichen aßen. Dazu gab es Walnüsse aus dem eigenen Garten. Es war ein so einfaches und gleichzeitig so leckeres Essen, dass es uns schwer viel, damit wieder aufzuhören.

Rosa erzählte uns, dass sie seit einige Jahren herbe Probleme mit Osteoporose hatte und zum ersten Mal seit langem konnten wir wieder einmal mit unserem Naturmedizinwissen aushelfen. Wir zeigten ihr einige Heilpflanzen und beschrieben, wie sie sich ein Pulver aus Eierschalen herstellen konnte, dass die Knochen- und Knorpelsubstanz wieder aufbaut, die sie im Laufe der Jahre verloren hatte. Sie freute sich wie ein Honigkuchenpferd. Zum Abschied zeigte sie uns noch ihren Kräutergarten und ließ uns nicht gehen, ohne dass wir einen Salat für den Weg mitnahmen. Leider mochte dieser die Sonne nicht besonders und war am Abend etwas schlapp.

Über den weiteren Weg bis nach Vilalba gibt es nicht viel zu berichten. Nur, dass die Sonne erbarmungslos von oben auf unsere Köpfe knallte und uns das Wasser aus jeder Pore trieb. Und dass wir an einem Schild vorbeikamen, auf dem stand, dass die Schnellstraße in diesem Abschnitt 23.845.000 € gekostet hatte. Eine Straße, die wie gesagt nicht befahren wurde. Direkt daneben verlief wie üblich die Autobahn, auf der auch nicht mehr Verkehr war. Warum man all diese leeren Straßen baute wollte noch immer nicht in unsere Köpfe.

In Vilalba suchten wir als erstes das Postamt auf, an dem unsere Pakete ankommen sollten. Leider hatte es bereits geschlossen, so dass wir nun morgen noch einmal hinmüssen. Für die Schlafplatzsuche ließen wir uns die Adresse des Pfarrers geben. Rosa und ihre Mitschwester Esperanza hatten gesagt, dass es ein netter Mann sei und dass wir ihm sagen sollten, er bekäme es mit den Nonnen zu tun, wenn er uns keinen Schlafplatz anbot. Doch wir kamen nicht bis zu seinem Haus. Auf dem Weg dorthin kam uns das Parador-Hotel in die Quere. Es befand sich in einer alten Burg mit Turm und sah einfach zu verlockend aus, um an ihm vorüber zu gehen.

Der Chef war leider nicht im Haus und da das Parador eine Hotelkette mit Sitz in Madrid ist, musste sie Rezeptionsleitung erst einmal ganz oben nachfragen, ob sie uns einlassen durfte. Es dauerte gut zwei Stunden, in denen wir immer wieder vertröstet wurden und in denen wir auf einen Rückruf von oberster Stelle warteten. Schließlich rief eine Frau aus München an, der wir unser Projekt erklären sollten. Nachdem sie überzeugt war, dauerte es noch einmal weitere 20 Minuten, bis das Telefon erneut klingelte. Dann kam die Entscheidung: Wir durften bleiben! Wir bekamen eine Luxus-Sweet mit Frühstück und durften sogar den Saunabereich nutzen. Dafür hatte sich die Wartezeit dann doch gelohnt. Wir parkten unsere Wagen in der Tiefgarage und bezogen unser Zimmer. So edel, bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht abgestiegen! Heiko nur in seiner Allianz-Zeit.

Bei unserem Spaziergang durch die Stadt fragten wir einen Polizisten nach den Sehenswürdigkeiten. Daraufhin führte er uns zurück zu unserem Hotel und meinte: „Das ist das schönste, was diese Stadt zu bieten hat!“ Nach einer kurzen Prüfung der Gesamtsituation beschlossen wir, dass er damit Recht hatte. Wir brachen den Rundgang ab und gingen stattdessen in die Sauna. Wer hätte gedacht, dass wir das Schwitzen von heute Mittag doch noch steigern konnten?

Wie wir so am Schwitzen und Entspannen waren, kam uns die ganze Situation dann doch etwas surreal, ja gerade mystisch vor. Vor wenigen Tagen hatten wir noch davon geträumt, endlich mal wieder in eine Sauna gehen zu können und nun saßen wir drin. 120km vor Santiago, im teuersten Hotel der Stadt. Wenn da keine höheren Mächte am Werk waren, wo dann?

Spruch des Tages: Nichts ist unmöglich!

 

Höhenmeter: 480 m

Tagesetappe 19 km

Gesamtstrecke: 3041,07 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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