Nikolausfeier

von Franz Bujor
03.06.2014 20:20 Uhr

Der Tag begann mit einem ausgezeichneten Frühstück. Es gab verschiedenes Obst, frisches Brot, leckeren Käse und wirklich gute Wurst. Dazu einen Pfefferminztee und als absolute Krönung so viel frischgepressten Orangensaft wie man wollte. Und frisch gepresst heißt hier wirklich frisch gepresst. Es kommen die Orangen oben in die Pressmaschine hinein und unten kommt der Saft heraus. Da ist keine Plastikflasche und kein Tetrapack dazwischen. Wir hätten uns hineinlegen können. Ok, man muss zugeben, dass es für die Verdauung nicht unbedingt das Beste ist, so viel von dem Saft zu trinken, doch das war es wert.

Nach dem wir das Hotel verlassen hatten kehrten wir zur Poststation zurück. Zwei von drei Paketen waren angekommen. Lediglich unsere Keen-Schuhe hatten es nicht geschafft. Irgendetwas musste beim übertragen der Adresse schiefgelaufen sein, denn das Paket war anscheinend zurückgekommen. Nun müssen wir noch einmal einen neuen Termin und einen neuen Ort ausmachen und bis dahin in unseren dicken Wanderschuhen laufen. Das trifft sich bei dem Wetter leider nicht so gut. Wir haben nun nur noch die Wahl, zwischen unseren dicken Meindl-Schuhen und den ebenso dicken Hanwag. Vielleicht haben wir ja Glück und es regnet die nächsten Tage, denn dafür sind die Schuhe perfekt. Außer bei HanWag, Meindl und Keen möchten wir uns auch noch bei SKS für unsere neuen Trinkflaschen bedanken. Diese haben nun eine Isolierschicht, die verhindert, dass unser Wasser nach wenigen Minuten die Temperatur von frischem Urin annimmt. Auch bei Pilgerwagen bedanken wir uns noch einmal herzlich für die neuen Ersatzteile und die Portion Studentenfutter, die uns auf dem weiteren Weg gut gestärkt hat. Und natürlich bedanken wir uns ganz herzlich bei Heikos Eltern für die vielen leckeren Beigaben, die unser Essen in den kommenden Tagen gründlich aufwerten werden. Endlich gibt es mal wieder gute Wurstwaren aus der Heimat. Damit können die hiesigen „Spezialitäten“ nicht mithalten.

Schwer beladen machten wir uns auf den Weg aus der Stadt. Der Jakobsweg führte wieder im Wechsel links und rechts an der Nationalstraße entlang und da diese wie immer komplett unbefahren war, entschieden wir uns für den leichtesten Weg. Auch von hier aus war die Landschaft schön zu sehen und besonders viel Abwechslung bot sich eh nicht. Dafür durften wir jedoch einen Wiedehopf sehen. Das ist ein kleiner, äußerst cooler und noch seltenerer Vogel mit schwarzweiß gefleckten Flügeln und einer Haube auf dem Kopf. Er ging kopfnickend über eine Wiese und suchte nach Insekten. Als er uns schließlich bemerkte, flog er auf und landete in einer nahegelegenen Hecke.

Kurze Zeit später kamen wir an einer Bushaltestelle vorbei, die gerade von zwei Pilgern als Picknickplatz benutzt wurde. Sie waren beide in lange, weiße Roben gekleidet, die an eine Mischung aus Arztkittel und Mönchsgewand erinnerten. Wie sich herausstellte waren sie aus Deutschland und hatten ihr Gewand nur aus rein „praktischen“ Gründen angelegt. „Es hat sonst keine Bewandtnis!“ versicherte mir der jüngere von beiden eifrig, „Wir sind keine Sekte oder sowas!“ Es war klar ersichtlich, dass ihm sein Auftreten absolut peinlich war und das konnte man auch verstehen. Die Robe war aus einem dünnen, weißen Stoff, durch den man hindurchsehen konnte, wie durch ein Transparentpapier. Vorne hatten sie ihre Umhänge großzügig mit Wein bekleckert und hinten waren lauter Spuren vom Drauftreten und Draufsetzen zu sehen. Die blau-weiß gestreifte Unterhose des jüngeren Pilgers zeichnete dich deutlich durch den Stoff ab. Sie hatten vor ihrer Reise geglaubt, dass Spanien eher einer Wüste gleichen würde, in der man es in normaler Kleidung nicht aushielt. Als sie dann hier angekommen waren, mussten sie feststellen, dass es in einer Tour regnete und dabei vor allem auch noch saukalt war. Alternativkleidung hatten sie nicht dabei, also war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als in ihrer nassen und damit komplett durchsichtigen Robe weiterzulaufen. Inzwischen hatten sie vom Jakobsweg tüchtig die Schnauze voll und wären am liebsten nicht mehr als drei Kilometer am Tag gewandert. Um die Stimmung etwas aufzuhellen, hatten sie bereits jetzt um kurz nach 12:00 Uhr ihre Weinflasche ausgepackt, doch das half leider nur wenig. Bislang hatten sie immer wieder den Bus genommen, doch von nun an würden sie bis nach Santiago laufen müssen, zumindest wenn sie eine Credenzial erhalten wollten. Die heilige Pilgerbescheinigung bekommt man nämlich nur, wenn man nachweislich die letzten 100km bis nach Santiago zu Fuß, oder die letzten 200km per Rad oder Pferd zurückgelegt hat. Von hier aus waren es nun noch 112km bis nach Santiago.

Auf dem weiteren Weg wurden wir drei Mal von großen Milchtransportern mit der Aufschrift „President“ überholt. Dies war eine der größten und bekanntesten Firmen, die in Frankreich guten Käse herstellten. Ganz offensichtlich kam die Milch für diesen französischen Traditionskäse also zu großen Teilen aus Spanien. Soviel zu regionaler Qualität.

An einer Bar trafen wir die Pilgergruppe wieder, die wir bereits in der Herberge in Gontán getroffen hatten. Sie begrüßten uns mit Applaus und einer Laola-Welle und feierten uns wie Helden, als wir eintrafen. Ganz offensichtlich glaubten sie, dass wir eine wirklich harte Strecke hinter uns hatten und nun komplett erschöpft diese Bar erreichten. Sie konnten ja nicht ahnen, dass wir bis um 10:00 Uhr im Parador gefrühstückt und anschließend noch unsere neuen Güter verstaut hatten, so dass wir erst um 11:30Uhr aufgebrochen waren. Wie sich herausstellte, waren sie keine Spanier sondern Portugiesen und sie waren die ersten, die unsere Schilder am Wagen nicht nur lasen, sondern auch ernst nahmen. Auf Heikos Wagen stand der Satz „Danke für ein Lächeln, eine kleine Spende, eine interessante Unterhaltung, etwas zum Essen oder Trinken, einen Schlafplatz, eine Umarmung oder was immer sonst noch hilfreich ist.“ Viele hatten uns nach dem Lesen dieses Textes etwas gespendet. Einige hatten sich daraufhin mit uns unterhalten oder hatten uns etwas zum Essen geschenkt. Doch zum ersten Mal wurden wir daraufhin umarmt. Und zwar von der ganzen Gruppe. Ich wusste zunächst gar nicht, wie mir geschah, aber es war ein schönes Gefühl. Vor allem, weil es von vielen nicht nur eine lustige Idee, sondern wirklich eine herzliche und ernstgemeinte Umarmung war. Am Ende bekamen wir dann noch ein paar Nüsse, einen Bocadillo und einen weiteren, frischgepressten Orangensaft geschenkt. Eine der Frauen bat Heiko außerdem darum, eine Glaskugelshow für ihre Freundin aufzuführen, weil diese heute Geburtstag hatte. Leider gab es keine Wiese und auf Asphaltboden zu spielen war noch zu gefährlich. Doch die Begegnung steigerte unsere Hoffnung, dass wir in Portugal wieder mehr und intensiveren Kontakt zu den Menschen haben würden, als es hier in Nordspanien der Fall gewesen war.

Im weiteren Verlauf der Reise sahen wir noch einige Pilger an uns vorüberziehen. Es war immer mehr wie bei einem Wettrennen, bei dem jeder versuchte der schnellste, erste oder der mit der größten Distanzüberbrückung zu sein.

„Es ist hier schon wieder genauso, wie im Arbeitsleben!“ meinte Heiko, als gerade wieder zwei Pilger an uns vorübergesprintet waren, „Aus irgendeinem Grund glauben wir, dass wir nur etwas wert sind, oder nur erfolgreich sein können, wenn wir uns stressen. Ich meine es gibt nicht umsonst mehr Burnout-Kandidaten als alles andere in unserer Gesellschaft. Ich glaube, dass das echt so ein Lemming Effekt ist. Je mehr Menschen glauben, dass permanenter Stress und permanente Höchstleistung zum Erfolg führt, desto mehr erzeugen wir einen Stresszyklus, dem sich fast niemand mehr entziehen kann. Hier ist es nichts anderes. Einer läuft besonders weit, weil er vielleicht extrem durchtrainiert oder extrem bescheuert ist. Dann bekommt es jemand anderes mit und schon glaubt er, dass er ebenfalls so viel leisten muss. Und immer mehr Menschen beginnen über ihre Grenzen hinauszugehen und machen sich das Wandern damit zur Qual, anstatt ihrem eigenen Rhythmus zu folgen und es zu genießen. Du merkst es ja auch an uns, wie leicht wir uns verleiten lassen, unsere Schritte zu beschleunigen, wenn jemand vor uns geht. Bei der Allianz damals war es nichts anderes. Irgendjemand wird vorne hingestellt uns dafür gelobt, dass er 120.000 im Jahr geschrieben hat. Warum er das geschafft hat, fragt kein Mensch. Vielleicht hat er sich damit fast zu Tode gerackert und hat deswegen jetzt ein Magengeschwür. Oder er hatte einfach Glück oder gute Connection oder sein Bester Kumpel kannte jemanden aus der Großindustrie, der ihm noch einen Gefallen schuldig war. Das alles spielt keine Rolle. Die 120.000 sind nun die neue Benchmark, die jeder erreichen sollte, um erfolgreich zu sein. Und im nächsten Jahr schafft dann vielleicht wirklich einer 140.000, weil er bis zum Herzinfarkt gearbeitet oder mit der Chefin eines Milliardenunternehmens geschlafen hat. Und schon gibt es wieder ein höheres Ziel, dem alle hinterherrennen müssen. Das ist der Fluch unserer ständig wachsenden Marktwirtschaft, von der jeder glaubt, es müsse immer alles größer und besser werden. Am Ende gibt es dann keinen gesunden Menschen mehr und Stress wird so sehr zur Normalität, dass man ihn sich sogar im Urlaub sucht.“

Als Wir nach Baamonde kamen, hing ein großes Banner über dem Ortseingangsschild. Zunächst dachten wir, dass es so etwas aussagte wie: „Wir wollen keinen Jakobsweg! Weg mit den Pilgern!“ Doch als wir uns von den Einheimischen den galizischen Satz übersetzen ließen, erfuhren wir, dass er genau das Gegenteil aussagte. Irgendwelche Politiker hatten beschlossen, den Jakobsweg zu verlegen, so dass er nicht mehr durch dieses Dorf führte. Warum man das wollte, konnte und niemand erklären. Es hieß nur, dass es politische Gründe seien und dass die ganze Geschichte mit einem Haufen Geld zu tun hatte. Für Baamonde jedoch bedeutete eine Verlegung des Weges das aus. Der Ort besaß nur eine einzige Einnahmequelle und das waren die Pilger. Die städtische Herberge hatte sage und schreibe 100 Betten. Das waren zu Höchstzeiten 600€ am Tag, die die Herberge einbrachte und zusätzlich waren es 100 Menschen, die sich auf fünf Bars verteilt die Bäuche vollschaufeln mussten. Ansonsten gab es einen Blumenladen und einen kleinen Souvenirladen, sowie eine Autowaschstraße für die LKWs, die von der Autobahn abfuhren. Ohne den Jakobsweg konnte jeder Mensch in diesem Ort, außer dem Waschstraßenbesitzer einpacken und dicht machen.

Wir selbst entschieden uns gegen einen Platz in einem 50Personenschlafraum. Die anderen 50 Betten waren in kleinen Zimmern zu je 6 oder 8 Betten aufgeteilt, in denen man Nächtigen durfte, wenn man zusätzlich zu den 6€ noch eine kleine freiwillige Spende zurücklies. Was immer wir auch an Schlafmöglichkeiten finden konnten, erholsamer als dies war es auf jeden Fall. Und wenn es ein Zeltplatz auf dem Seitenstreifen der Autobahn gewesen wäre. Doch soweit kam es nicht. Neben der Waschstraße gab es noch ein kleines gemütliches Hostel namens Ruta Esmeralda, das direkt über der Autowerkstatt lag. Der Besitzer lud uns ein, hier zu übernachten, wenn wir in unserem Blog ein wenig auf die Situation hier aufmerksam machten. Wer immer sich also durch unser Reisetagebuch zum Pilgern animiert fühlt und sich dabei für den Camino del Norte entscheidet, sollte auf jeden Fall, den Weg durch Baamonde nehmen, egal, was die Wanderführer der Zukunft auch sagen werden.

Das interessante an dieser drohenden Wegverlegung ist auch, dass sie einen lang gehegten Verdacht von uns bestätigte. Allzu oft hatten wir bereits das Gefühl, dass der Weg von seiner ursprünglichen Führung umgeleitet wurde, um an Supermärkten, Bars oder Einkaufszentren vorbeizuführen.

Spruch des Tages: Danke an all unsere Helfer im Hintergrund, die unsere Reise überhaupt möglich machen!

 

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe 22,8 km

Gesamtstrecke: 3063,87 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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