Kläffende Hunde

von Franz Bujor
05.06.2014 19:54 Uhr

Zum Abendessen wurden wir von unserem Gastwirt in das zum Hotel gehörende Restaurant eingeladen. Vor dem Essen trafen wir zwei Fahrradfahrer wieder, die uns bereits am Nachmittag überholt hatten. Sie waren in der Nähe von Dortmund gestartet und hatten die Strecke mit dem Rad in etwa 6 Wochen zurückgelegt. Mit dem Rad ist man also doch etwas schneller unterwegs, als zu fuß. Dafür ist man natürlich auch schneller an schönen Dingen vorbeigefahren. Ok, auch an hässlichen...

Da auf der Terrasse nicht serviert wurde mussten wir für unser Abendmenü ins Innere des Restaurants. Dort lief gerade Fußball auf zwei verschiedenen Fernsehern, die auf volle Lautstärke aufgedreht waren und die den Ton zeitversetzt übertrugen. Man hörte also alles erst von links und zwei Sekunden später von rechts. Dazu rauschte ein Kühlschrank im Hintergrund und die Küchengeräte spielten ein Orchester der Störgeräusche durch die offene Küchentür. Eine junge Bedienung mit einer Brille, die so dick war wie die Panzerglasscheiben eines U-Boots, las uns die Auswahl für das Menü vor. Sie hielt den Zettel etwa 15cm vor ihre Nase und ratterte den Text dann in einer Geschwindigkeit herunter, als wolle sie einen Schnellsprechwettbewerb gewinnen. Ich bat sie um eine langsame Wiederholung und sie schaffte es daraufhin ihren eigenen Rekord noch einmal zu toppen. „Suppe“ war das einzige, was wir verstanden hatten und so bestellten wir diese. Für das Hauptgericht baten wir sie, uns einfach das gleiche zu bringen, dass auch der Mann am Nebentisch aß. „Geht nicht!“ sagte sie, „das ist aus!“

Also baten wir sie erneut um eine Wiederholung der Speisekarte und versuchten diesmal einzelne Wortfetzten aufzuschnappen, mit denen wir etwas anfangen konnten. „Lasagne“ war darunter.

„Als Hauptgericht nehmen wir zwei Mal Lasagne!“ sagte ich.

„Geht nicht!“ antwortete die junge Dame ungerührt. „Davon haben wir nur eine!“ Klar, dachte ich, darauf hätten wir auch früher kommen können, denn das Gericht von unserem Tischnachbarn gab es schließlich auch nur einmal.

Schließlich entschieden wir uns für eine Lasagne und irgendein Gericht mit Champignonsauce.

Für Heiko wurde der Lärm jedoch immer mehr zur Qual. Seine Ohren rebellierten und sein Kopf begann immer stärker zu dröhnen. Wir fragten die junge Kellnerin, ob wir auch im Freien essen konnten. Sie überlegte einen Moment und beschloss dann, das nichts dagegen sprach. Also packten wir unser Geschirr und das Besteck und wanderten damit zurück auf die Terrasse. Sowohl wir als auch die Bedienung hatten die Rechnung jedoch ohne den Chef gemacht. Auf der Terrasse wurde nichts serviert. Dort konnte man einen Kaffee oder ein Bier trinken, aber ein Abendessen gab es dort nicht. Entweder wir aßen drinnen oder gar nicht. Das war mal eine Ansage!

Für Heiko war die Sache damit klar. Er verzichtete auf das Abendessen und versorgte sich später mit unseren eigenen Vorräten. Ich aß die Suppe und die Lasagne mit Pommes Frites und machte mich dann so schnell wie möglich auf den Weg zum Ausgang. Hier gab mir der Chef noch einen Bocadillo für Heiko mit, der ja kein Abendessen bekommen hatte. Es war spannend, wie strikt auf der einen Seite an den Regeln hier festgehalten wurde, wie groß auf der anderen Seite aber auch die Akzeptanz für Andersartigkeit war.

Auf unserem Hotelzimmer recherchierten wir dann noch eine ganze Weile weiter für unser neues Buch. Das Thema war Übersäuerung und wie sehr unser Körper unter der unnatürlichen Nahrung litt, die wir täglich zu uns nahmen. Pro Jahr nimmt jeder Deutsche im Schnitt 1,5kg reines Gift über die Nahrung auf, dass für den Körper so schädlich ist wie Arsen und dass auch genauso schlecht abgebaut werden kann. Wir fanden heraus, dass nahezu alle Krankheiten auf eine Übersäuerung des Körpers zurückgeführt werden konnten. Wieder einmal wurde uns bewusst, dass wir unseren Ernährungsplan doch ernster nehmen sollten. Und gleichzeitig kam auch wieder die Hoffnungslosigkeit auf, bei dem Gedanken, wie man sich in unserer Gesellschaft überhaupt gesund ernähren konnte. Nicht einmal das Wasser war frei von künstlich hinzugefügten Giftstoffen. Wie sollten wir es schaffen, unseren Körper zu entgiften, wenn wir ihm mit jedem Schluck den wir trinken und jedem Bissen den wir essen neue Gifte zumuten? Es ist so, als würde man sein Haus putzen, während man schlammige Stiefel trägt.

Heute morgen unterhielten wir uns vor dem Aufbruch noch eine Weile mit den beiden Fahrradpilgern aus Dortmund. Einer von ihnen war ein wahrer Fahrradmechaniker, der alles über die Technik und die richtigen Materialien wusste. Mit nur einem Blick auf unsere Wagen konnte er uns genau sagen, wo sich Schwachstellen befanden und was perfekt funktionierte. Er konnte uns außerdem einige Tipps geben, wie wir sie noch stabiler und langlebiger machen konnten. So ein Mann wäre als Telefonjoker perfekt, für den Fall das wir wieder einmal eine Panne haben. Leider haben wir keine Telefonnummer von ihm.

Überall auf dem Weg entlang der Straßen konnte man heute wieder die verdorrten Pflanzen sehen, die ihren Tod durch das Herbizid Round-Up gefunden hatten. Es war großzügig versprüht worden, um sie die Arbeit des Mähens und Unkrautjätens zu sparen. Das Gift wurde direkt in den Straßengraben gesprüht, wo das Wasser hinunter bis ins Tal floss. Vorbei an Vorgärten und spielenden Kindern. Wie gefährlich war diese Taktik für die Menschen, die hier lebten? Von der riesigen Insektenpopulation, die durch die Giftattacke gestorben war ganz zu schweigen.

Als wir eine Picknickpause machten, wurden wir wieder einmal von einem Wachhund malträtiert, der es schaffte, die komplette halbe Stunde nahezu ohne Pause durchzubellen. Heiko hatte bereits Mordfantasien und überlegte sich, wie er den kläffenden Köter am raffiniertesten für immer zum Schweigen bringen konnte. Noch mehr beeindruckte ihn jedoch der Hundebesitzer, der sich das Bellen seines Haustieres ebenfalls mit anhörte, es jedoch komplett ignorierte. Lediglich zwei Mal gab er seinem Hund einen lustlosen Befehl zu schweigen, der jedoch von dem Tier ebenfalls ignoriert wurde. Ein weiteres Mal schimpfte der Mann auf den Vierbeiner ein, als dieser gerade einen ruhigen Moment hatte. Was er damit erreichen wollte, war uns absolut unklar.

Kurz nach der Pause entdeckten wir einen toten Hund im Straßengraben. Er war nach seinem Tod offensichtlich einfach hier hergeworfen worden. Sein Lederhalsband trug er noch immer.

Kurz vor Miraz, unserem Zielort für heute Abend kamen wir an einer Legebatterie vorbei. Sie stank dermaßen nach Fischmehl und Ammoniak, dass wir uns die Halstücher vor die Nase halten mussten, um überhaupt noch atmen zu können. Nachdem wir uns in Spanien nun fast ausschließlich von Eiern ernährt hatten, machten dieser Anblick und vor allem dieser Gestank überhaupt kein gutes Gefühl.

In Miraz holten wir uns an der Pilgerherberge unseren Pilgerstempel. Die letzten 100km mussten wir ja beweisen, dass wir auch wirklich unterwegs waren und dass wir jeden Tag ein Stück weiterwanderten. Hier trafen wir auch Rose und Monika wieder, die sich langsam von uns verfolgt fühlten. Seit nunmehr 5 Tagen kamen wir täglich fast Zeitgleich an unserem Zielort an. In der Herberge selbst konnten und wollten wir nicht übernachten, da sie erstens 8€ kostete und zweitens wieder aus einem Gruppenschlafraum mit unendlich vielen Betten bestand. Die Frau an der Rezeption teilte uns jedoch mit, dass es in der Bar eine freundliche Dame gab, die einen Schlüssel zur Kirch hatte. Ab und an konnten Pilger auch dort übernachten.

Die Frau in der Bar sagte sofort zu, wollte jedoch erst noch dem Pfarrer bescheid geben. Wir sollten so lange warten. Die Wartezeit verbrachten wir damit, unseren Proviant zu verringern, Dehnungs- und Heilungsübungen zu machen und schließlich am Tagesbericht und an den Bildern zu arbeiten.

Beim Essen bekamen wir besuch von einem kleinen niedlichen Hund, der so Mitleidserregend gucken konnte, dass wir es einfach nicht aushielten, ihm nichts abzugeben. Seine Taktik um an Lebensmittel zu kommen war noch bei weitem besser als meine eigene.

Später fragte mich Heiko, ob ich die Botschaften der drei Hunde verstanden hätte. Ich schüttelte den Kopf. „Alle drei haben wichtige Lebensbereiche von dir gespiegelt. Der erste, der sich innerlich gefangen und nicht wertvoll gefühlt hat und daher versucht hat, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen um geliebt zu werden. Der zweite, der den Kampf gegen das Leben verloren hat, weil er glaubte, stets hart und stark sein zu müssen, anstatt weich und durchlässig. Und der dritte, der sich selbst angenommen hat und seine Schwächen nicht verheimlicht, sondern zu seinem Vorteil genutzt hat.“

Wir sprachen noch lange über dieses Thema. Besser gesagt, Heiko sprach und ich versuchte zu verstehen was er meinte. Es gelang mir zum Teil und zu einem anderen Teil spürte ich, wie ich innerlich schon wieder abblockte und das Gefühl hatte, nichts von dem hören zu wollen. Wahrscheinlich brauche ich noch ein paar Tage, bis ich seine Hinweise wirklich annehmen kann. Eine Stimme in mir sagte, dass hier wieder ein wichtiger Schlüssel zur Heilung und zur Entwicklung begraben lag, doch mein Ego fühlte sich vor allem angegriffen und hatte keine Lust darauf, dass seine harte Schutzschicht durchbrochen wurde.

Spruch des Tages: Du bist was du isst.

 

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe 16,5 km

Gesamtstrecke: 3080,37 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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