Ein Hauch von Weltuntergang

von Franz Bujor
06.06.2014 19:06 Uhr

In der Herberge lernten wir einen jungen Deutschen kennen, der mit dem Fahrrad um die Welt fuhr. Er wollte ebenfalls so wenig Geld wie möglich verbrauchen, wusste aber noch nicht wirklich, wie er das anstellen sollte. Man spürte, dass er sich recht einsam fühlte und er nutzte jede Gelegenheit, um uns zu suchen und ein neues Gespräch mit uns zu beginnen. Wir wollten eigentlich arbeiten, weswegen uns seine Kontaktaufnahme nicht ganz so recht war. Um es direkt zu sagen: Wir waren nach kurzer Zeit ziemlich genervt. Nicht, dass er ein unsympathischer Mensch war, aber er wusste einfach nicht, wann er störte und wann nicht. Schließlich verließen wir die Herberge, um in einer nahegelegenen Bar unsere Berichte ins Internet zu stellen und keine zwei Minuten später hatte er uns wieder ausfindig gemacht und setzte sich zu uns. Dabei erzählte er uns einiges über die Internetreisebörsen, mit denen man online Gastgeber finden konnte. In dem Moment interessierte es uns nicht wirklich, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass schon einige spannende Informationen darunter waren. Die bekannteste Reise-Gastgeber-Börse ist Couchsurfing. Die Ursprungsidee der Seite ist absolut genial. Wenn man sich anmeldet, kann man auf der Plattform andere Reisende oder Menschen finden, die gerne Reisende aufnehmen. Man selbst kann natürlich auch Übernachtungsplätze anbieten. Auf diese Weise kann man leicht und locker, ohne großen finanziellen Aufwand um die Welt reisen, lernt Land und Leute kennen und bekommt als Gastgeber als Ausgleich spannende Geschichten und einen Hauch von Weltreiseflair. Im Prinzip ist es nichts anderes, als das was wir machen, nur eben organisiert. Doch wie immer, wenn man etwas organisiert, dann kommt nach einiger Zeit irgendjemand auf die Idee, das ganze auch wirtschaftlich nutzbar zu machen. So ist Couchsurfing im Laufe der Jahre von einer tollen Idee immer mehr zu einem tollen Marketingkonzept geworden. Heute wird die Seite von so kleinen Unternehmen wie Google verwaltet und hat außerdem einige namenhafte Hotelsuchmaschinen mit an Bord. Wie uns der Fahrradreisende aus seinen Erfahrungen berichtete, ist dabei auch die Grundidee immer weiter verloren gegangen. „Im Prinzip ist Couchsurfing heute nicht viel mehr als eine Fickbörse,“ sagte er verachtend. „Um Reiseerfahrungen oder um gegenseitigen Austausch geht es kaum noch. Keiner geht mehr nach den Erfahrungen oder den Geschichten, sondern nur noch nach aussehen und nach der Wahrscheinlichkeit, mit der der Besuch mehr als nur einen Platz auf der Couch einbringt. Oder aber man muss den Gastgeber bekochen. Früher war es auch so, dass man meist ein kleines Geschenk mitgebracht hat, oder dass man gemeinsam mit dem Gastgeber etwas kochte. Doch heute wird es fast immer vorausgesetzt!“

Die anderen Börsen, von denen er uns erzählte hießen Warmshower und BeWelcome. Beide funktionieren wohl noch etwas besser, als Couchsurfing, wobei Warmshower sich ausschließlich an Fahrradfahrer richtet. Wenn es gut läuft, dann braucht er etwa eine Stunde, um über eine der Seiten einen Schlafplatz zu organisieren. Meist mit einer Vorlaufzeit von 2-5 Tagen. Kurzfristiger sagt kaum jemand zu. Die Idee dieser Seiten klang nicht schlecht, doch insgesamt scheint es trotzdem komplizierte zu sein, als einfach irgendwo hinzugehen und vor Ort nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen.

Die Herberge hatte 4 verschiedene Schlafräume in denen jeweils Platz für mindestens 20 Personen war. Heute waren davon gerade einmal 1,5 Räume belegt und doch hatten wir schon das Gefühl, uns auf einem Rummelplatz zu befinden. Gemütlich war es nirgendwo. Die Räume waren eben alte Klosterräume mit dicken Mauern und hohen Wänden. Alles war irgendwie urig, aber auch schweinekalt. Dennoch war es um einiges heimeliger als im Freien, denn er regnete wieder wie aus Eimern.

Die Schlafräume waren uns etwas zu voll und entschieden wir uns, auf die Küche auszuweichen, in der es einen riesigen Haufen mit Notfallmatratzen gab. Man musste nur kreativ sein und da die Pilger allesamt um 22:00Uhr in ihren Betten lagen, waren wir wieder komplett für uns. Wir konnten uns sogar noch einen Film anschauen. SAW III, denn erstens passte die Atmosphäre wieder wie die Faust aufs Auge und zweitens musste man die Reihe ja irgendwann einmal zu ende schauen. Keine Ahnung, wie sie es schaffen wollen, noch 3 weitere Teile mit der gleichen Thematik zu füllen, aber es bleibt spannend.

Am Morgen waren wir mal wieder die letzten und einzigen Pilger. Es war neun Uhr und der Hospitaliero war bereits am Putzen. Aus den Schlafräumen wären wir bereits längst herausgeworfen worden, doch in der Küche störten wir niemanden.

Der Wetterbericht hatte für heute rund 2mm Niederschlag angekündigt, was so gut wie gar nichts war. Die Realität sah hingegen etwas anders aus. Bereits am Vormittag begann es zu schütten. Es war ein heftiger Schauer, dann kam die Sonne als wäre nichts gewesen. Doch auch sie blieb nicht lange und schon kurz darauf gerieten wir in den heftigsten Regen unserer ganzen Reise. Am Anfang ärgerte er uns ein wenig, doch irgendwann wurde er so stark, dass er richtig Spaß machte. Das Wasser stand gut 6 Zentimeter auf der Straße und der Regen warf richtige Blasen. Der Himmel war schwarz und die Wolken zogen an ihm vorüber als wären sie auf Speed. Jedes Mal wenn wir glaubten, jetzt könne es nicht mehr schlimmer werden, dann setzte der Himmel noch eine ordentliche Portion obendrauf.

In Boimorto versuchten wir das erste Mal einen Schlafplatz zu bekommen. Wir erreichten die Stadt, als der Regen seinen Höhepunkt erreicht hatte. Eine Frau von einer Institution mit dem vielsagenden Namen „Gesundheitszentrum“ rief einen Mann an und kurz darauf hatten wir einen kostenlosen Platz in der Pilgerherberge.

Doch wollten wir wirklich wieder in einer Massenunterkunft schlafen? Der Regen hatte bereits wieder aufgehört und vielleicht würde sich noch etwas Besseres finden lassen. Nach einigem hin und her warfen wir eine Münze, die uns dazu riet, weiterzuwandern.

Dass meine Füße mir diese Entscheidung so sehr übelnehmen würden, bemerkte ich erst am Abend.

Der weitere Weg führte uns durch eine Reihe von Genmaisfeldern, die deutlich mit Schildern von Monsanto ausgezeichnet wurden. Zunächst hatten wir gedacht, dass wahrscheinlich nur ein Markenname und eine Tochterfirma des Großkonzerns angegeben sein würden, doch es stand wirklich klar und deutlich ‚Monsanto’ auf den Schildern. Wenn auch nur sehr klein und ganz unten in der Ecke.

Als wir Arzúa erreichten fielen wir aus allen Wolken. Unser Wanderführer hatte bereits angekündigt, dass es hier zu einem kleinen ‚Kulturschock’ kommen konnte, doch dass es so schlimm wurde, hatten wir nicht erwartet. Wenn wir bislang geglaubt hatten, dass der Jakobsweg zu einem Pilgerfasching verkommen war, so war dies nichts im Vergleich zu dem Karneval, den wir jetzt zu Gesicht bekamen. In Arzúa stieß der Camino del Norte nämlich auf den Camino Francés, den Hauptpilgerweg. Als wir auf die Hauptstraße in der Stadt trafen, konnten wir mit einem Blick mehr als fünfzig Pilger sehen, die im Abstand von wenigen Metern hintereinander herwanderten. Bislang hatten wir uns darüber pikiert, dass es Pilgerherbergen mit bis zu 100 Betten in einem Raum gegeben hatte, doch in dieser Stadt gab es mit Sicherheit 20 von solchen Herbergen. Jeder einzelne Mensch, den wir auf der Straße trafen, war ein Pilger! Es gab sogar extra Souvenirläden für Pilger und einige Der Herbergen hatten große Schilder vor der Tür auf denen unverblümt ‚Albergue Turistico’ stand. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Heiko kannte den Circus ja bereits von seiner ersten Tour, aber für mich war es absolut unfassbar. In einem kleinen Hotel fragten wir nach einem kostenlosen Zimmer im Austausch gegen Werbung auf unserer Homepage. Bislang hatte das gut funktioniert, aber hier lachte mich der Mann nur aus. Was sollte er mit Werbung, er war eh ausgebucht, sobald die Saison begann. Auch sonst hatten wir hier keinen Erfolg. Die wenigen Herbergen oder Hotels, die noch Zimmer frei hatten, hatten keinerlei Interesse an nicht zahlenden Gästen. Die Frau in der Herberge von vor ein paar Tagen hatte also Recht gehabt: Was immer das Pilgern früher auch einmal gewesen sein mag, egal was für eine Kraft und eine Heilwirkung es gehabt haben mochte, jetzt war es nichts weiter als Massentourismus. Überall auf der Welt mochten die Jakobswege noch immer heilige Wege sein, doch hier war der Weg tot. Der Massenfasching hatte Santiago gemeuchelt, so wie der Heilige Namensgeber einst die Hunnen. Man kam hier her, weil man sich eine Credencial kaufen wollte, ein heiliges Papier, das einem alle Sünden erließ. Ein Papier, an das viele der Pilger vielleicht sogar noch immer glaubten, das aber zu einem wertlosen Fetzen verkommen war, der wahrscheinlich öfter gedruckt wurde, als die New-York-Times. Hilfe brauchte man von den Menschen hier nicht mehr zu erwarten. Selbst wenn sie es wollten, wie könnten sie? Jeder Mensch, der in diese Stadt kam, war nicht länger ein Mensch, sondern eine Nummer. Eine Nummer, die man gegen eine Gebühr von 10€ irgendwo einsortierte und am nächsten Morgen so schnell wie möglich wieder abschob. Wie mochte es wohl für Pilger mit Eseln oder Pferden sein, die tausende von Kilometern hier her gekommen waren und nun vor diesem Fasching standen? Wo sollten sie hin?

Nach kurzer Zeit sahen wir die Hoffnungslosigkeit der Lage ein und suchten uns eine Wiese für unser Zelt. Hier hatten wir immerhin Ruhe vor dem Pilgertrubel. Und unser Zelt war wärmer als die meisten Herbergen. Langsam trocknen sogar unsere durchnässten Kleider wieder. Bis nach Santiago sind es jetzt noch rund 40km. Ich bin gespannt was sie uns bringen werden. Doch noch mehr freue ich mich darauf, dass der Rummel wieder vorbei ist. Nach Fatima wandert von hier aus kein Mensch.

Spruch des Tages: Tourismus tötet alles

 

Höhenmeter: 280 m

Tagesetappe 22,2 km

Gesamtstrecke: 3131,07 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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