Die Stadt am Ende des Jakobsweges

von Franz Bujor
11.06.2014 23:40 Uhr

Heute war der große Tag! Oder auch nicht. Es war beides, sowohl ein Tag wie jeder andere, als auch etwas Besonderes.

Um 9:00 Uhr machten wir uns auf, um unser Hotel in Richtung Santiago zu verlassen. Den Rhythmus vom Vortag behielten wir bei. Wir schliefen aus, packten gemütlich zusammen und machten an der ersten Bar, die uns in den Weg kam, eine lange Pause. Leider gab es hier nur Kuchen und so mussten wir in Ermangelung einer Alternative eine kleine Pause von unserer Zuckerdiät machen. Hier trafen wir auch drei Männer aus Deutschland, die uns auf einen Pfefferminztee einluden. Einer von ihnen arbeitete seit mehr als 30 Jahren in einer Firma, die die Wirkung und Verbreitung von Umweltgiften erforschte. Irgendwie kamen wir auf das Thema Plastikverpackungen. Der Mann meinte, dass sie mit zu den besten Verpackungsmaterialien der Welt zählten und definitiv die beste Verwendung von Erdöl überhaupt wären. Denn normalerweise würde das Öl vor allem verbrannt. Wenn man es als Verpackungsmaterial oder für andere Werkstoffe benutzte, dann hatte es zumindest noch einen anderen Verwendungszweck, bevor man es verbrannte.

Heiko machte ihn auf die Gefahr aufmerksam, die in Form der Weichmacher in dem Wundermittel steckte. Es dauerte einen Moment, bis er sich auf die Diskussion einließ, doch dann gab er uns sogar noch mehr Informationen als wir bisher hatten eruieren können. Seit 30 Jahren gab es nicht mehr den geringsten Zweifel daran, dass die Weichmacher in hohem Maße Gesundheitsschädlich waren. Vor allem, wenn diese Phosphorverbindungen enthielten. Das Phosphor führt im Körper zur Produktion von Phosphorsäure, die den Organismus langsam vergiftet. Die Unfruchtbarkeit ist nur eine Folge davon. Wird die Phosphorsäure abgebaut bildet sie Salze, die sich in der Niere und der Blase als Nieren-, bzw. Blasensteine und in den Blutgefäßen als kristalline Ablagerungen ansammeln. Diese wiederum führen dann zur Arterienverkalkung und sind ein der Hauptursachen für Herzkrankheiten und Herzinfarkte, an denen immerhin 35% der Menschen auf diesem Planeten sterben. Obwohl man andere Wege kennt, gibt es trotzdem noch immer nahezu keinen Weichmacher ohne Phosphor. Da drängt sich doch die Frage auf, warum das ganze? Warum wollen wir uns mit aller Macht vergiften, obwohl es nicht nötig ist?

„Die Frage lautet,“ sagte der Pilger, „’wer will uns kontrollieren?’ Wenn ihr die Antwort darauf kennt, dann wisst ihr auch, warum alles so ist, wie es gerade ist!“

Da war etwas dran! Er meinte auch, dass das Problem hauptsächlich darin bestehe, dass niemand diese Probleme und auch diese Frage ernst nahm.

Wir wanderten weiter und es dauerte nicht lange, bis wir die nächste Pilgerbekanntschaft kennenlernten. Bei 300 Pilgern die zeitgleich mit uns selbst in die Pilgerhauptstadt einmarschierten war dies auch kein Wunder. Diesmal war es eine junge Frau, die sich seit sechs Wochen auf dem Weg befand. Vor ihrer Reise hatte sie lange mit ihrem Freund darüber gesprochen, wie ihre weitere Familienplanung aussehen sollte. Noch immer waren die meisten Fragen ungeklärt. Wollten sie Kinder oder nicht? Wollten sie heiraten? Oder wollten sie überhaupt weiterhin zusammenbleiben? Vor dieser Beziehung war sie 10 Jahre lang mit einem anderen Mann zusammen gewesen, mit dem sie gemeinsam ein Haus gebaut hatte. Irgendwie hatten sie sich dann jedoch auseinandergelebt und auch mit dem neuen Freund gab es viele Dinge, die nicht ganz zu passen schienen.

Heiko erzählte, dass er in Deutschland viele Paartherapien geleitet hatte. „Eine Sache, die immer sehr gut funktioniert hat und die sehr zum jung und lebendig halten der Beziehung beitrug, war die Wunschkiste. Ihr macht zwei Schachteln, eine in rot und eine in blau. Jede Woche darf jeder zwei Wünsche in die Box des anderen werfen. Nach einem Monat wird dann gemischt und jeder Woche werden jeweils zwei Wünsche aus jeder Box gezogen, die dann innerhalb von drei Tagen umgesetzt werden müssen. Pro Monat hat dabei jeder nur ein Veto-Recht. Worum sich die Wünsche dabei drehen ist vollkommen egal. Sie können sich um Alltagsdinge handeln, um besondere Erlebnisse, um sexuelle Wünsche oder was auch immer einem Freude bereitet. Wichtig ist, dass man dabei ehrlich ist und sich nicht zurücknimmt, weil man vielleicht glaubt, der andere könnte es komisch finden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Verständnis untereinander dadurch entsteht und wie sehr man sich dabei kennenlernt.“

Die junge Pilgerin war begeistert von der Idee und freute sich bereits jetzt schon darauf, sie zu hause auszuprobieren.

Als wir an einer weiteren kleinen Bar vorbeikamen, gönnten wir uns ein zweites Frühstück, das diesmal genau in unseren Speiseplan passte. Es bestand aus zwei Käsebrötchen, die wir mit Wildkräutern garnierten. Eine leckere Methode, um sich langsam an Wildnahrung anzunähern.

Kurze Zeit später kamen wir an einer jungen Frau vorbei, die Faul auf einer Mauer lag und ihren Kopf auf ihren Rucksack gelehnt hatte.

„Habt ihr zufällig drei Mädels mit Regencapes gesehen?“ fragte sie.

Wir verneinten.

„Verdammt! Ich fürchte, ich habe sie verloren. Sie meinten, ich sei ein wenig zu sportlich für sie und solle schon mal etwas vorwandern. Aber ich fürchte, sie hatten damit etwas mehr Recht als gedacht und jetzt liege ich hier schon ewig herum und sie kommen einfach nicht.“

Sie stellte sich uns als Sandra vor und wir verstanden uns auf anhieb. Sie war einfach ein Mensch, mit dem man blödeln und lachen konnte. Sie war außerdem die erste, die unsere Witze über Santiago lustig fand. Gestern hatten wir einige Pilger versucht mit dummen Sprüchen über das heilige Ziel aufzuheitern, doch sie waren überhaupt nicht gut angekommen. Sandra hingegen konnte darüber lachen. Sie hatte die letzten Jahre in London für die Deutsche Bank gearbeitete und war dabei sogar in der ‚City of London’ gewesen. Dies ist ein separater Teil von London, der nicht zu Großbritannien gehört, sondern ein eigener Staat ist, ähnlich dem Vatikan. Nur dass hier anstatt der christlichen Kirche die größten Banken der Welt ihren Hauptsitz haben. Von hier aus wird faktisch das ganze Finanzsystem gesteuert und gemanagt. Sandra konnte uns jedoch nicht viel darüber erzählen. Vor einiger Zeit hatte sie dann gekündigt um wieder nach Köln zurückzuziehen und dort für eine andere Bank zu arbeiten. Dass das Bankgeschäft nicht wirklich ihr Ding war, wusste sie selbst und sie versuchte auch nicht, es vor sich selbst zu verheimlichen. Doch sie hatte sich einmal dazu entschieden, also blieb sie auch dabei, wohlweißlich, dass sie in den nächsten Jahren wahrscheinlich nie wieder so viel freie Zeit haben würde wie jetzt.

Gemeinsam mit ihr erreichten wir Monte do Gozo, den höchsten Punkt vor der Stadt, von dem aus man bereits nach Santiago sehen konnte. Neben einer schier gigantischen Pilgerherberge gab es hier auch ein eigenartiges Pilgerdenkmal sowie eine kleine Kapelle mit einem Kiosk davor. Hier konnte man sich seinen Pilgerpass ein letztes Mal stempeln, bevor man nach Santiago kam. Ein Service, der bereits so oft genutzt wurde, dass der Stempel sämtliche Form verloren hatte und nicht mehr als einen undefinierbaren Kleks im Heft hinterließ. Dafür bekamen wir jedoch zwei Flaschen mit frischgepresstem Orangen- und Pfirsichsaft, die so ziemlich die größte Köstlichkeit an diesem Tag waren.

In der Stadt begannen wir uns bei den Hotels durchzufragen, ob wir irgendwo einen Schlafplatz bekommen konnten. Doch von allen Städten dieser Erde war es in Santiago wahrscheinlich am schwierigsten. Es gab hunderte von Möglichkeiten, was aber im Umkehrschluss bedeutete, dass es auch hunderte von Alternativen gab, zu denen man abgeschoben werden konnte. Hier nicht, aber versucht es mal dort. Nein, dort nicht aber ihr könntet da Glück haben. Werbung braucht hier niemand, denn es kommen mehr Pilger in die Stadt, die einen Schlafplatz brauchen, als Santiago verkraften kann. Und wie wollte man sich unter all diesen Menschen noch irgendwie hervorheben, so dass man begründen konnte, warum gerade wir einen kostenlosen Platz verdient hatten. Die meisten hörten uns nicht einmal mehr zu.

Der Außenbezirk von Santiago war genauso hässlich wie der jeder anderen spanischen Stadt, die wir kennengelernt hatten. Kurz vorm Zentrum kamen wir noch am roten Kreuz vorbei, wo wir ebenfalls unser Glück versuchten. Als Hilfsorganisation mussten doch zumindest diese eine Idee haben. Leider hatten wir uns auch diesmal getäuscht. Helfen war offensichtlich nicht so ganz ihr Ding. Nach dem, was wir über die Machenschaften mit den Altkleidern und den Blutspenden herausgefunden haben, hätte uns das eigentlich nicht überraschen sollen.

Um weiter ins Zentrum zu gelangen mussten wir zunächst an einer vielbefahrenen Hauptstraße entlangwandern. In einem Moment der Unachtsamkeit wurde mein Hut von einem Windstoß erfasst und mitten auf die Fahrbahn geweht. Ehe ich mich versah kam auch schon ein Bus auf ihn zugefahren und drohte ihn zu zermalmen. Der Verkehr war so dicht, dass wir absolut machtlos waren. Es gab keine Möglichkeit auch nur in die Nähe des geliebten Strohhutes zu gelangen, der uns so treue Dienste geleistet hatte. Im Geiste sah ich bereits, wie er von einem vorbeirasenden LKW überrollt und zermalmt wurde. Doch jedes Auto, das an ihm vorbeikam, verfehlte ihn um Haaresbreite. Schließlich gab sich eine Lücke im Verkehr auf, die groß genug war, dass ich über die Straße auf den Hut zu rennen konnte. Ich packte ihn, hob ihn auf und erreichte sicher wieder den Grünstreifen am Rand. Es war knapp gewesen, doch der Hut war gerettet.

Mit unserem Einzug in die Innenstadt begann es wieder zu regnen. Für Heiko waren die letzten Meter bis zur Kathedrale wie ein großes Revival. Vor vier Jahren hatte er diesen Teil der Strecke rennend zurückgelegt. Es war bereits kurz vor acht gewesen und um acht Uhr schloss die Kathedrale ihre Pforten. Er war nass, durchgefroren und hungrig, doch der blanke Wille anzukommen hatte ihn unermüdlich weitergetrieben. Als er die Kathedrale schließlich erreicht hatte, war es genau zwei Minuten zu spät. Der Security-Mann war noch immer da, kannte aber kein Erbarmen. Heiko musste vor der Tür bleiben. Damals war er so frustriert über diesen Empfang in der Stadt ab Ende seines Weges gewesen, dass er sich dann auch noch mit seiner damaligen Freundin verstritt, die ihn das letzte Stück begleitet hatte. Am Boden zerstört hatte er sich dann an eine Straßenecke gesetzt und laut zu weinen und zu fluchen begonnen. Schließlich war es ein Obdachloser gewesen, der den Tag für ihn gerettet hatte. Der Spanier hatte Heiko angesprochen, warum er so deprimiert am Boden saß, wo er doch in der Stadt der Pilger angekommen war. Dann waren sie gemeinsam durch die Straßen gezogen, hatten etwas zum Essen aufgetrieben und schließlich hatte der Mann Heiko einen Platz gezeigt, an dem er schlafen konnte. Jetzt kamen wir an all diesen Orten wieder vorbei. „Hier habe ich damals gesessen!“ „Der Mann von dieser Dönerbude hat mich damals versorgt!“ „Hier habe ich geschlafen!“

Diesmal waren wir vollkommen anders unterwegs, doch das Gefühl war kein bisschen feierlicher. Es war eine große, hektische Stadt bei schlechtem Wetter, die nicht das geringste von geistiger Einkehr oder von einem echten Pilgerziel vermittelte. Wäre dies nun wirklich das ende unserer Reise, wären wir wahrscheinlich bitter endtäuscht. Kurz vor der Kathedrale trafen wir auch diesmal auf eine Gruppe Obdachloser, die uns ansprach und freudig begrüßte. Sie waren dreckig, rochen sehr stark, hatten kaum noch einen Zahn im Mund und trugen spürbar Unmengen an Aggressionen in sich. Und doch waren sie die herzlichsten Menschen, denen wir in Santiago begegneten. Als wir ihnen zum Abschied die Hand reichten, waren sie selbst überrascht über nie Nähe und die Offenheit mit denen wir ihnen begegneten. Die Touristen um uns herum starrten uns mit einer Mischung aus Sensationslust, Unglauben und Ekel an, aber wir nahmen sie kaum wahr. Einer der Männer begleitete uns sogar zur Kathedrale und zeigte uns einige Stellen, bei denen wir nachfragen konnten. Er war ein lustiger Zeitgenosse und es machte Spaß mit ihm zu sprechen.

Doch auch vom Priesterseminar wurden wir nur immer weitergeleitet. Versucht es dort im Kloster, versucht es hier bei den Nonnen, fragt dort bei den Herbergen oder hier in der Pilgerinformation.

Es war fast nicht zu glauben, doch die meiste Hilfe bekamen wir wieder einmal vom Parador Hotel, dem größten und nobelsten der Stadt. Umsonst übernachten durften wir hier zwar leider nicht, doch man bot uns immerhin ein Doppelzimmer für 55€ an. Wenn man bedenkt dass eine läppische Pilgerherberge bereits 15€ pro Person kostet und dass man für ein Zimmer im Parador normalerweise 250€ die Nacht hinblättert, ist das ein gigantisches Entgegenkommen. Wir spielten auch lange mit dem Gedanken es anzunehmen, doch im Endeffekt kam dann wieder alles anders.

Die größte Hilfe, die das Parador für uns darstellte war jedoch, dass wir unsere Wagen in ihrer Tiefgarage unterstellen durften, so dass wir uns frei in der Stadt bewegen konnten. So konnte Heiko in Ruhe Bilder machen, während ich weiter nach einem Schlafplatz suchte.

Im Franziskanerkloster stieß ich zum ersten Mal auf eine positive Antwort. Ab 18:00 konnten wir hier ein Zimmer bekommen. Das war doch mal ein Wort! Interessanter Weise bestand auch das Kloster zu 60% aus einem 4-Sternehotel. 20% machte die alte Kirche aus und der Rest wurde noch immer als Kloster verwendet.

Die Zeit bis zu unserem Einlass ins Zimmer verbrachten wir mit einer Besichtigung der Kathedrale und einem Stadtrundgang. Dabei trafen wir Pia wieder, die sich uns anschloss. Sie machte ein Siegerfoto von uns vor der Kathedrale. Dann fiel mir auf, dass ich den Hut in der Touristeninformation hatte liegen lassen. Den gleichen Hut, den ich zuvor vor dem Zermalmtwerden gerettet hatte. Ich musste ihn retten, daran bestand kein Zweifel. Die anderen beiden wollte ich dann in der Kathedrale wiederfinden. Leider gab es zwei Dinge, die wir dabei unterschätzt hatten. Zum einen war die Kathedrale deutlich größer als gedacht und bot bei weitem mehr Schlupfwinkel in denen man sich verstecken konnte. Zum anderen gab es einige Sicherheitsbeauftragte, deren Hauptaufgabe darin bestand, Pilger aus der Kirche zu werfen, die einen Rucksack bei sich trugen. Ich musste also nicht nur meine beiden Herdenmitglieder wiederfinden sondern gleichzeitig auf versuchen, vor dem Wachmann zu entkommen. Es war ein Katz und Maus Spiel, das bis auf zwei Ausnahmen gut funktionierte. Doch wenn ich erwischt wurde konnte ich mich relativ gut wieder rausreden und ehe sich der Mann versah, war ich schon wieder in einem dunklen Winkel der Kirche verschwunden. Dabei gelangte ich auch in die Krypta, in der sich ein silberner Sarg mit den Gebeinen des heiligen Jakobs befand. Einige Pilger knieten davor und beteten ihn an. Wussten sie wohl, dass die größte Heldentat ihres Idol in der Ermordung unzähliger andersgläubiger lag?

Da Pia und Heiko mich genauso wenig finden konnten wie ich die beiden, verließ ich die Kathedrale schließlich alleine und kehrte auf den Kirchenvorplatz zurück. Es schüttete in Strömen und allein auf dem kurzen Weg von der Kirchentür bis zum Überdach auf der gegenüberliegenden Seite war ich komplett nass. Von Erhabenheit und Hochgefühl spürte ich nicht das Geringste. Ich war genervt und gestresst und wollte einfach nur noch einen ruhigen Platz zum entspannen. Heiko und Pia kamen eine ganze Weile später. Wir versuchten noch etwas zum Essen aufzutreiben, denn die Pilgerspeisung im Parador, war erst um 19:00 Uhr. Das 5-Sterne-Hotel war früher einmal die alte Pilgerherberge gewesen. Als es zu einem Hotel umgebaut wurde, mussten sie versichern, dass Pilger auch weiterhin hier ein kostenloses Essen bekommen konnten. Es war ein Insidertipp, denn fast niemand wusste davon.

Unser Beutezug in der Innenstadt von Santiago fiel leider genauso erbärmlich aus wie zuvor die Schlafplatzsuche. Wir bekamen ein stück Brot, das war alles. Bei ca. 30 verschiedenen Bars und kleinen Lädchen.

Als es Zeit wurde, unsere Wagen abzuholen und unser Quartier zu beziehen verabschiedete sich Pia. Wir wollten uns später zum Abendessen wiedertreffen und sie wollte auch die beiden Mädels vom Vortag wieder mitbringen.

Doch jetzt begann der unsympathische Teil des Tages. Die Franziskaner hatten uns kein Zimmer in ihrem Kloster sondern ein Bett in einer Obdachlosenunterkunft zur Verfügung gestellt. Nicht dass wir die Obdachlosen nicht mochten, doch mit unserer ganzen Ausrüstung war es einfach zu gefährlich, dort zu übernachten. Es gab keinerlei Möglichkeit etwas einzuschließen und den Menschen ging es hier wirklich schlecht. Außerdem waren sie bereits am Nachmittag betrunken und high gewesen und das hatte sich zur Nacht hin wahrscheinlich nicht zum Positiven verändert.

Wir brauchten also eine neue Lösung. Doch welche. Im Franziskanerhotel wollte man uns nicht wirklich weiterhelfen und sonst gab es fast nichts mehr, das wir nicht bereits probiert hatten. Plötzlich tauchten Rose und Monika wieder auf. Sie mussten es ja auch tun, denn wir hatten sie heute noch nicht gesehen. Als sie von unserem Problem hörten, boten sie uns an, dass wir bei ihnen in der Pension übernachten konnten. Sie hatten ein Viererzimmer, waren aber nur zu zweit. Doch auch diese Idee stellte sich letztlich als nicht Umsetzbar heraus, denn die beiden konnten ihr Pensionsleiterin nicht finden und ungefragt konnten wir nicht einfach einziehen. Die letzte Hoffnung bestand in der Pilgerinformation. Dies war das Büro, in dem man seine Credenzial, also seine Pilgerurkunde bekommen konnte. Die Schlange reichte bis auf die Straße hinaus und wenn man sich wirklich anstellte, dann musste man gut 1,5 Stunden warten. Wir wollten jedoch keine Urkunde sondern lediglich eine Hilfe in Sachen Übernachtungsmöglichkeit.

Ich ging also an der Schlange vorbei und hielt Ausschau nach irgendjemandem, der mir weiterhelfen konnte. Bevor ich jemanden fand, wurde ich zuerst entdeckt. Der Mann, der dafür verantwortlich war, „Weiter!“ zu sagen, wenn der nächste Pilger an der Reihe war, sprach mich an, ob er etwas für mich tun könnte. Ich erklärte ihm unsere Lage und schon stand ich am ersten Schalter. Leider konnte mir der man dort nichts sagen, was ich nicht schon wusste und leider kam ich nicht auf die Idee, ihn bei dieser Gelegenheit gleich auch noch nach einer Urkunde zu fragen und so nutzte mir die ganze vordrängelei überhaupt nichts.

Um Heiko hatte sich draußen derweil eine Pilgertraube gebildet, die aus lauter Menschen bestand, die uns um unsere Lage bemitleideten. Helfen wollte uns jedoch niemand. Schließlich beschlossen wir, Santiago wieder zu verlassen und unser Glück außerhalb der Stadt zu versuchen. Dabei trafen wir Pia wieder, die uns ein Stück begleitete. Nach wenigen Metern wurden wir von einem argentinischen Pilgerpärchen aufgehalten, die uns über die Naturmedizin befragten. Am Ende gaben sie uns 10€ und wünschten uns viel Glück bei der weiteren Reise. Dies brachte uns auf eine Idee. Wenn wir weitere 45€ auftreiben konnten, dann konnten wir vielleicht doch im Parador übernachten. Also gingen wir in den nächsten Park und stellten dort unseren Hut auf. Wo er heute bereits zwei Mal gerettet wurde, musste er uns ja eigentlich Glück bringen. Heiko führte das vor, was er bereits mit der Kristallkugel gelernt hatte, Pia machte dazu Yoga und ich quatschte die Menschen an, die vorrüberkamen. Doch die Sache war hoffnungslos. Viele Menschen blieben stehen und beobachteten interessiert das Schauspiel, dass die beiden boten. Doch niemand warf Geld in den Hut. Durch das Fragen konnte ich immerhin 5€ auftreiben, doch dann war auch bei mir Ende. Was uns am meisten fertig machte war dabei jedoch, dass man durch blödsinniges anquatschen tatsächlich mehr verdienen konnte, als wenn man den Menschen für ihr Geld etwas bot. Gleichzeitig spürten sowohl Pia als auch Heiko, dass der Hut etwas in ihnen veränderte. Plötzlich spielten sie nicht mehr für sich, sondern für andere. Heiko machte keine Tricks mehr, bei denen er sich nicht sicher war, dass er sie beherrschte und beide verloren einen großen Teil ihrer Präsenz und ihrer Konzentration. Es war ein großer Unterschied, ob man etwas machte, weil man es machen wollte oder weil man damit Geld verdienen musste.

Heiko fiel ein, dass er in den letzten Tagen mehrfach gefragt wurde, ob wir den gar nichts tun würden. Damit war immer gemeint gewesen, ob wir denn nichts Arbeiteten, wofür wir Geld bekamen, doch die Frage hatte wörtlich: „Tut ihr denn gar nichts?“ gelautet.

„Ist es nicht komisch, dass man so etwas fragt? Ich meine, wie sind jetzt 3000 Kilometer gewandert, während sich der Durchschnittsmensch nur 800m am Tag bewegt. Für mich ist es sogar schon die zweite Reise von dieser Länge. Allein damit haben wir schon mehr getan als viele andere. Und es fragt ja auch niemand einen Arbeitenden, ob er schon etwas getan hat, wenn er den ganzen Tag im Büro, in der Werkstatt oder am Fließband sitzt. Müsste die Frage dann nicht lauten: „Hast du heute schon etwas positives getan?“ Denn man darf nicht vergessen, dass fast alles, was wir in unserer Gesellschaft machen, schädlich für uns und die Erde ist. Wie entsteht diese Doppelmoral, dass man im Glauben der Menschen nur dann etwas leistet, wenn man sich selbst und die Erde kaputt macht, um dafür Geld zu erhalten, dass nicht einmal einen realen Wert hat?“

Wir verließen den Park und machten uns auf den Weg aus der Stadt. Je weiter wie uns vom Zentrum entfernten, desto angenehmer wurde es. Pilger gab es hier keine mehr. Nur noch Menschen, die ihrem Alltagsgeschäft nachgingen. Es war nun eine Stadt wie jede andere, nicht mehr und nicht weniger. Hier bei einem Hotel zu fragen, war wieder das gleiche wie 60km zuvor. Einige lehnten uns ab, doch schließlich sagte eine ältere Dame mit einem kleinen Hostel Namens Hostal Charo II zu. Gemeinsam mit Pia fragten wir in der Umgebung noch einmal nach etwas zu essen und diesmal hatten wir mehr Glück. Auch Pia wollte einmal versuchen, ob sie nicht etwas auftreiben konnte und sie hatte sogar eine Erfolgsquote von 100%. Am Ende hatten wir Obst, Pizza, ein asiatisches Reisgericht und jede Menge Tunfischgebäck. Wir setzten uns in einen kleinen Park neben der Bibliothek. Dabei stießen wir auf zwei junge Spanier, die Pia bereits aus ihrer Zeit in Rumänien kannte. Sie hatte es sich gewünscht, die beiden hier zu treffen, doch wirklich geglaubt hatte sie daran nicht. Es waren zwei Menschen in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern uns Unmengen an Pilgern. Und doch liefen sie sich über den Weg. Etwas Magisches hatte dieser Ort, daran ließ sich nicht zweifeln.

Satt und müde kehrten wir schließlich in unser Hotel zurück. Es war ein anstrengender Tag. Das Ende unserer ersten Etappe. Der Anfang vom Rest unseres weiteren Lebens. Ein Tag wie jeder andere, etwas mehr und auch etwas weniger. 159 Tage lang war uns der Jakobsweg ein treuer Begleiter, der uns viel Glück gebracht und viel geholfen hat. Jetzt ist es Zeit für etwas Neues. Vielen Dank für alles!

Spruch des Tages: Das Ende des Pilgerweges ist erreicht, aber die Wanderung geht weiter.

Höhenmeter: 170 m

Tagesetappe 19 km

Gesamtstrecke: 3184,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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